Arai Tour X5 im Intensivtest: 1700 km Colorado Offroad
Warum bei mir ein Visier auf dem Kopf sitzt
Die Helmfrage spaltet in der Adventure-Szene die Geister wie kaum ein anderes Thema. Ich habe die Colorado Backcountry Discovery Route mit dem Arai Tour X5 gefahren, 1700 Kilometer zwischen Staubpisten, Schotterpässen und langen Highway-Verbindungen. Das hier ist kein Werbetext, sondern das, was nach einer Woche intensivem Enduro-Betrieb übrig geblieben ist.
Warum bei mir ein Visier auf dem Kopf sitzt
Fangen wir bei der Grundsatzentscheidung an, denn ohne die ist der ganze Test wertlos. Ich fahre auf langen Touren am liebsten einen geschlossenen Endurohelm mit Visier. Das ist eine bewusste Wahl gegen die reine Crosshelm-Lösung mit Brille, und sie kostet mich etwas. Im knackigen Offroad-Einsatz wird es unter dem Tour X5 wärmer als unter einem offenen Crosshelm. Wer den ganzen Tag im ersten und zweiten Gang durch technisches Gelände arbeitet, ist mit Brille besser bedient. Das gebe ich sofort zu, und wer etwas anderes behauptet, verkauft dir etwas.
Der Punkt ist nur: So sieht eine BDR nicht aus. Eine Backcountry Discovery Route ist eine Reise, keine Enduro-Trainingsrunde. Die offizielle COBDR misst 745 Meilen, und ein großer Teil davon sind Verbindungsetappen, Highway-Kilometer und schnelle Schotterstraßen. Genau dort dreht sich das Argument um. Sobald dich auf einer solchen Etappe der strömende Regen erwischt oder du einfach stundenlang Strecke machen musst, bist du um ein komplett schließendes Visier unfassbar froh.
Das Testfeld: 37 Grad im Tal, Regen auf 3700 Metern
Damit du meine Urteile einordnen kannst, hier die Bedingungen. Colorado wirft dir im Juli alles gleichzeitig vor die Räder. Wir hatten Tage, an denen im Tal die Hitze steht und du zwei Stunden später oben im Nassen sitzt. Ein O-Ton von unterwegs beschreibt das besser als jede Tabelle: "Wir hatten ja einmal am Pass oben auf 3700 Metern Regen, das war unbarmherzig kalt plötzlich. Und unten aber 37 Grad plus." Dazu kommt der Staub. Feiner, heller Colorado-Staub, der auf den Schotterpisten in jede Fuge kriecht.
Der höchste Punkt der Reise lag bei rund 3900 Metern am California Pass. Wenn ein Helm diese Spreizung mitmacht, hat er etwas geleistet. Wenn nicht, merkst du es sofort, weil dir entweder der Kopf kocht oder das Visier zuläuft.
Belüftung: gut, und zwar ohne Zugluft
Auf dem Papier sind es drei Lufteinlässe und fünf Luftauslässe, dazu eine Kinnbelüftung mit drei Positionen, die du von innen zwischen Visier und Gesicht umschalten kannst. Der auffälligste Teil ist der 3D-Logo-Kanal an der Stirn, und der ist kein Design-Gag. Arai hat den Helm für die ECE 22.06 komplett überarbeitet und die Belüftung dabei erkennbar angefasst.
Mein Urteil dazu ist kurz: "Die Belüftung ist gut. Und es zieht nicht!" Genau dieser zweite Halbsatz ist mir wichtiger als der erste. Viele gut belüftete Helme erkaufen sich den Durchzug mit einem kalten Strahl, der dir nach zwei Stunden im Nacken oder auf der Stirn sitzt oder am schlimmsten - in die Augen strömt. Beim Tour X5 ist das nicht so. Über die ganze Reise hinweg hatte ich ein "angenehmes Gefühl bei Hitze und bei Kälte und Regen", und das ist bei einer Spreizung von deutlich über 30 Grad an einem einzigen Tag genau die Disziplin, auf die es ankommt.
Eine ehrliche Grenze gilt trotzdem, und die gilt für jeden Helm auf diesem Planeten: Lüftungslöcher funktionieren nur, wenn du Fahrtwind hast. Solange du rollst, ist das Ding erstaunlich frisch. Der Trade-off, den ich oben eingeräumt habe, bleibt deshalb bestehen. Im ganz langsamen technischen Gelände ist ein offener Crosshelm mit Brille kühler, egal wie gut die Kanäle im geschlossenen Helm gerechnet sind.
Das Visier ist der eigentliche Grund
Wenn ich den Tour X5 auf ein einziges Bauteil reduzieren müsste, wäre es das VAS-A Max Vision Visier. Auf den nassen Passabfahrten war das mehr wert als jedes andere Ausrüstungsdetail. Du fährst in eine Wolke hinein, die Temperatur fällt in Minuten, und der entscheidende Unterschied ist, ob du in diesem Moment noch etwas siehst.
Damit zum wichtigsten Praxis-Tipp dieses Berichts, und den meine ich ernst: Ich habe natürlich das Pinlock montiert. Unbedingt machen, sehr wichtig für diese Tour. Die Pinlock-Scheibe liegt beim Tour X5 serienmäßig bei, aber sie montiert sich nicht von allein. Wer sie im Karton liegen lässt und dann auf 3700 Metern in den Regen fährt, hat die halbe Stärke dieses Helms verschenkt. Zehn Minuten am Küchentisch vor der Reise, und du siehst auf der kalten Abfahrt, wohin du fährst. Das ist der billigste Sicherheitsgewinn der ganzen Tour.
Dazu kommt die Konstruktion drumherum. Arai hält die Außenschale bewusst rund, damit ein Aufprall abgleitet statt hängen zu bleiben. Das Glancing-Off-Prinzip ist kein Marketingbegriff, sondern der Grund, warum diese Helme aussehen, wie sie aussehen. Der Preis dafür steht auf der Waage: rund 1700 Gramm in Größe M, ein Einzeltest hat 1670 Gramm ohne Zubehör gewogen. Das ist für einen Adventure-Helm kein Leichtgewicht, und ich sage nicht, dass man das nie merkt.
Der Langzeit-Befund: das Innenfutter
Hier kommt der Punkt, der diesen Bericht von einem Pressetest unterscheidet. Dieser Helm war vor Colorado nicht neu. Colorado kam oben drauf, auf eine Historie, die der Helm längst hinter sich hatte.
Und trotzdem: Auch nach einer Woche intensiv Enduro fühlt sich das Innenfutter super hochwertig und flauschig an. Das ist für mich der ehrlichste Qualitätsindikator, den es bei einem Helm gibt. Innenfutter ist das Bauteil, das als erstes aufgibt. Schweiß, Staub, Sonne, tägliches Auf- und Absetzen, nach zwei Saisonen fühlen sich viele Helme innen an wie ein alter Teppich. Beim Tour X5 ist davon nichts zu spüren, und das nach einer Woche, in der jeden Tag Staub und Schweiß dazugekommen sind. Druckstellen hatte ich keine, auch nicht an den langen Tagen. Unnötig zu erwähnen, dass auch nach mehrmaligen Anziehen und Ausziehen keine Innenfutterteile lose herumbaumeln. Alles sitzt wie es sitzen muss - auch nach einem intensiven Einsatz.
Wo der Staub angreift
Bei aller Zufriedenheit gibt es einen Punkt, den ich nicht schönfärbe. Extrem feiner Staub fordert auf Dauer die Visiermechanik. Das ist die Systemschwäche jedes Helms mit beweglichem Visier im Offroad-Einsatz, und der Tour X5 ist davon nicht ausgenommen. Wer neun Tage lang in Staubfahnen fährt, arbeitet gegen genau diesen Verschleiß an.
Meine Gegenmaßnahme war banal und hat funktioniert: putzen, jeden Abend, nicht am nächsten Morgen. Das ist kein Pflege-Fetisch, sondern Selbstschutz. Trockener Staub, der über Nacht in der Mechanik sitzt und am nächsten Tag Feuchtigkeit abbekommt, ist der Anfang vom Ende jeder Visierführung. Wenn du eine mehrtägige Schottertour planst, plane diese fünf Minuten am Abend fest mit ein. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich beim Innenfutter so gelassen bin: Ein Helm, den du pflegst, hält.
Was ich an der Visiermechanik im Blick behalte
Ich habe mir angesehen, was andere Kollegen am Tour X5 bemängeln, und halte das gegen meine eigene Reise. Der häufigste Kritikpunkt betrifft die Visiermechanik, konkret die fehlende Zwischenrastierung und eine Visierunterkante, die bei hochgeklapptem Visier mit montiertem Schirm ins Blickfeld ragt. Meine Einordnung dazu: Auf dieser Reise hat mich das nicht getroffen, weil ich fast durchgehend mit geschlossenem Visier gefahren bin, und genau dafür habe ich den Helm ja ausgesucht. Wenn du dagegen viel mit halb offenem Visier fährst, im Stadtverkehr oder im ganz langsamen Gelände, prüf das im Laden selbst, bevor du bestellst. Für mich hat das eben keine Relevanz! Für euch möglicherweise schon!
Bei der Lautstärke decken sich die Aussagen meiner Kollegen mit meinem Eindruck. Der Tour X5 liegt unter den leisesten Adventure-Helmen. Auf den langen Verbindungsetappen habe ich ihn nie als anstrengend empfunden, und das ist bei einem Helm mit Schirm keine Selbstverständlichkeit.
Der Helm als Werkzeug für die Videoproduktion
Ein Detail, das in klassischen Helmtests untergeht, war für uns entscheidend. Der Tour X5 hat extra flache Flächen an den Seiten, auf denen sich ein Kommunikationssystem sauber und bündig montieren lässt. Für uns als Videoteam ist das kein Nice-to-have. Ohne das Cardo Packtalk Edge an den Helmen wäre unsere Produktion in Colorado schlicht nicht möglich gewesen, weil wir Kamerapositionen und Shots während der Fahrt absprechen. Der eigentliche Gewinn liegt aber woanders: Wenn der Vordermann vor Spurrillen, Weidevieh oder Gegenverkehr warnen kann, bevor du die Gefahr selbst siehst, fährst du auf ruppigen Pisten deutlich entspannter. Ein Helm, an dem die Technik bündig sitzt und nicht wackelt, ist damit Teil des Sicherheitskonzepts.
Kompromiss statt Vollpanzer
Es gibt einen Satz, den ich auf dieser Reise über Schutzausrüstung gesagt habe und der auch für die Helmwahl gilt: "Wenn man sich zu sehr Ritterrüstung-mäßig einpackt, hat man dann auf lange Distanzen einen Sicherheitsnachteil daraus, dass man einfach Schmerzen hat, dass es zwickt, unangenehm ist, drückt." Genau nach diesem Maßstab wähle ich auch den Helm. Nicht das Maximum an Geländetauglichkeit, sondern das Optimum über eine ganze Reise. Der Tour X5 ist ein Reisehelm für Leute, die Gelände fahren, nicht der beste reine Gelände-Helm der Welt. Diese Unterscheidung ist der Kern meines Urteils.
Das gilt für die ganze Ausrüstung. Die Temperaturspreizung zwischen Tal und Pass hat bei mir die iXS Venture-Air 1.0 Kombi abgefangen, zweilagiges Ripstop mit großen einstellbaren Belüftungen, Jacke und Hose. Helm und Kombi müssen dieselbe Spanne abdecken, sonst nützt dir das beste Einzelteil nichts.
Was du vor dem Kauf wissen musst
Drei Dinge, die dich stören könnten. Erstens: Der Tour X5 hat kein integriertes Sonnenvisier, Arai begründet das mit der Stabilität der Helmschale. Wenn du eine ausklappbare Sonnenblende gewohnt bist, wird sie dir fehlen, du brauchst eine Sonnenbrille oder ein getöntes Visier. Zweitens das Gewicht, das im Vergleichsfeld nicht zu den Besten zählt. Drittens der Preis. Mit einer UVP um 879 Euro spielt der Helm klar im Premium-Segment, im Handel gibt es je nach Dekor Bewegung. Mein Urteil dazu nach dieser Reise: "Ein hochpreisiger Helm, der aber einen sehr guten Eindruck macht."
Dafür bekommst du eine Ausstattung, die für Reisebetrieb gedacht ist: Emergency Release System für die Helmabnahme durch Sanitäter, Facial Contour System, komplett austauschbares Innenfutter, Lautsprecheraussparungen und Doppel-D-Ring.
Mein Fazit nach 1700 Kilometern
Der Arai Tour X5 hat auf dieser Reise das getan, wofür ich ihn ausgesucht habe. Er war auf den nassen Passabfahrten der Grund, warum ich noch gesehen habe, wohin ich fahre. Er war auf den langen Etappen leise genug. Er hat die Kommunikationstechnik sauber getragen. Und er fühlt sich nach einer Woche Staub und Schweiß innen immer noch an wie ein hochwertiger Helm. Bezahlt habe ich das mit etwas mehr Wärme im ganz langsamen Gelände und mit einer Visiermechanik, die im Staub Pflege verlangt.
Für wen ist das der richtige Helm? Für alle, die Reisen fahren, auf denen Gelände vorkommt. Wenn dein Tag zu achtzig Prozent aus Singletrail besteht, nimm einen Crosshelm mit Brille. Wenn dein Tag aus Schotterpässen, Wetterwechsel und Verbindungsetappen besteht, wie eine BDR eben aussieht, dann ist der geschlossene Endurohelm die klügere Wahl. Was für mich am Ende bleibt, ist der Satz, den ich mir über kaum ein Ausrüstungsteil zu sagen traue: Endlich mal ein Sicherheitsfeature, das nicht unangenehm ist, sondern auch noch komfortabel ist und gut aussieht.
Wer die Strecke selbst fahren will, auf der dieser Test entstanden ist: Unsere beiden Aprilia Tuareg 660 samt programmierter GPS-Route kamen von Colorado Motorcycle Adventures in Golden bei Denver. Die haben die Adventure-Flotte, die Routenplanung undar die Offroad-Trainings, und als bevorzugter BDR-Partner wissen sie genau, wo der gute Schotter liegt.
Weitere Informationen zum Helm:
Colorado 2026
Fazit: Arai Tour X-5
Ein hochwertiger Helm der sich sicher anfühlt, viel Komfort bietet und den man gerne trägt.- Hochwertige Materialien
- praxistaugliche Konstruktion
- begeistert auf Straße, Autobahn und auf Schotter
- gute Belüftung
- keine flexible Visier-Fixierung für leicht geöffnete Fahrt
- hoher Preis
- Weitere Berichte und NastyNils Background: https://www.1000ps.at/autor/nastynils
- NastyNils Homepage
Bericht vom 01.08.2026 | 3.382 Aufrufe