Reise nach Jerusalem mit dem neuen Cardo PACKTALK EDGE

Kommunikation auf heiligem Boden

Weltweit betrachtet dominiert Cardo den Markt für Motorrad-Kommunikationssysteme. Im deutschsprachigen Raum allerdings fehlt es dem israelisch/US-amerikanischen Unternehmen bis dato an Durchsetzungsvermögen. Das neu präsentierte Premiummodell Packtalk Edge soll nun allerdings revolutionär genug sein, um die DACH-Region ordentlich aufmischen zu können. Kamerakind Schaaf folgt der Einladung nach Israel, um mit eigenen Ohren zu überprüfen, ob das Edge das Zeug zum Klassenprimus hat.

Presse-Events gehören ja bekanntlich zum Alltag des Motorradjournalisten. Weniger alltäglich ist allerdings eine Präsentationsveranstaltung, die vollständig einem Kommunikationssystem gewidmet ist. Wenn dann auch noch das kleine Land Israel als Schauplatz für das Event gewählt wird, dann kann man schon durchaus von einem exotischen Happening sprechen. All dieser außergewöhnlich hohe Aufwand passiert aber aus zwei guten Gründen. Erstens hat Cardo im israelischen Ra'anna, in der Nähe von Tel Aviv, eines ihrer beiden Hauptquartiere und zweitens liegt den internationalen Kommunikationsexperten das neue Packtalk Edge ganz besonders am Herzen. Schließlich löst es nach rund 7 Jahren Regierungszeit endlich das bisherige Flaggschiff, das altbewährte Packtalk Bold, von der absoluten Spitze der Cardo-Produktlinie ab. Das Edge legt laut Aussage von Cardo die Messlatte für Kommunikationssysteme der Oberklasse ein deutliches Stück nach oben.

Cardo Hauptquartier in Israel
Das israelische Cardo Hauptquartier in Ra'anna befindet sich in diesem Gebäude.

Ein Test mit Grenzen

Das neue System verfügt über ein paar Highlight-Features, die zum Erfolg in der Premiumklasse führen sollen. Ob sich dieser später tatsächlich einstellen wird, lässt sich nach meinen zweitägigen Erfahrungen im nahen Osten allerdings nur schwer abschätzen. Schließlich wurden den versammelten Journalisten und mir keine finalen Produkte zur Verfügung gestellt. Bei den getesteten Einheiten handelte es sich um Vorserien-Modelle, die noch nicht per Handy-App gesteuert werden konnten. Ein vollständiger Test war daher nicht möglich. Nichtsdestotrotz konnte ein sehr guter Eindruck über die meisten der als Highlight-Features angepriesenen Eigenschaften gewonnen werden.

Cardo Packtalk Edge auf HJC Klapphelm
Das am Helm montierte Packtalk Edge. Bei 36°C Lufttemperatur. Im März.

Packtalk Edge Design

Das neue und wesentlich schlankere Design wird sich jedenfalls nicht mehr ändern. Und das ist durchaus gut so. Vor der Veranstaltung gab es für mich ein paar Bilder des Systems zu sehen und ich hatte zunächst den Eindruck, dass die Optik etwas bieder und altbacken ausgefallen ist. Dieses Ersturteil musste ich aber schnell wieder revidieren. In der Realität wirkt das Design ansprechend minimalistisch. Die Antenne ist nun integriert und muss nicht mehr ausgeklappt werden, ohne Einbußen in der Kommunikationsreichweite verglichen zum Packtalk Bold. Persönlich halte ich den Weg des schlichteren Looks letztendlich auch für den richtigen. Denn ein solcher passt wohl besser zu einer möglichst breiten Palette an Helmen, während eine extrovertierte, technoide Cyber-Optik an vielen Kopfbedeckungen schnell deplatziert wirken könnte.

Die praktische Magnethalterung des Packtalk Edge

Sehr angetan waren die anwesenden Test-Gäste von dem neuen Befestigungssystem namens Air Mount. Die Halterung für das Edge wird wie bei allen anderen Systemen ganz klassisch am Helm angebracht, entweder mehr oder weniger endgültig per Klebepad oder per schnell entfernbarer Helmklammer. Der lässige Kniff jedoch ist der Magnet, der sich in der Halterung befindet. Damit lässt sich das Edge ohne Fummelei und ohne notwendiger Zielsicherheit extrem einfach in der Helmhalterung anbringen. Der Mechanismus funktioniert großartig und die schlanke Kommunikations-Einheit bleibt felsenfest mit der Halterung verbunden. Und irgendwie macht es sogar ein wenig süchtig, das Edge mit Schwung quasi automatisch in seiner Halterung einrasten zu lassen.

Edge mit DMC 2.0

So wie bei den anderen Geräten der Packtalk-Serie können Verbindungen über herkömmliches Bluetooth oder über Mesh hergestellt werden. Cardo bezeichnet ihre Technologie als DMC - Dynamic Mesh Communication - und verbaut im Edge nun die zweite Generation davon. Und ist gleichzeitig davon überzeugt, dass Mesh die Kommunikationszukunft gehört. Im Vergleich zu einer Bluetooth-Verbindung bietet es mehr Reichweite, bessere Übertragungsqualität und automatische Reconnects, wenn jemand aus der Gruppe mal die Verbindung zu den anderen vorübergehend verloren haben sollte. Außerdem erlaubt es das Hören von Musik und das Stattfinden von Telefongesprächen, und zwar auch während man sich in einer aktiven Gruppe mit anderen Motorradfahrern befindet. Ein potentieller Telefonierer wird einfach automatisch für die Dauer des Gesprächs innerhalb der Kommunikationsgruppe stummgeschalten. Laufende Musik wird sauber herunter geregelt, sobald jemand etwas zu sagen hat. Und all diese Eigenschaften, die DMC hochwertiger als herkömmliches Bluetooth machen, sollen in der zweiten Generation noch besser sein.

Packtalk Edge Pairing & Soundqualität

Ob dies tatsächlich der Fall ist, ist ohne direkten Vergleich mit älteren Packtalk-Geräten nicht verifizierbar. DMC 2.0 soll den Pairing-Prozess vereinfachen und beschleunigen, sowie das Klangerlebnis der Kommunikation steigern. Das Koppeln der Einheiten, um miteinander sprechen zu können, hat vor Ort in Israel tatsächlich auf Anhieb funktioniert. Vollkommen automatisch. Die Klangqualität der Übertragung, also die Stimmen der anderen Teilnehmer, waren, sofern der Mund-Mikrofon-Abstand gestimmt hat, tatsächlich sehr gut. Rausch- und verzerrungsfrei.

Yamaha Tenere 700 Gruppe in Israel
Ein Bild auf Meeresniveau. Es sind aber nicht alle Motorräder zu sehen, insgesamt wurde mit 13 Teilnehmern gleichzeitig kommuniziert.

DMC 1.0 vs DMC 2.0

Ein Vergleich mit Geräten der ersten DMC-Generation wird aber schwer. Die 2.0er Variante funktioniert nämlich sowieso nur zwischen Packtalk Edge Geräten. Sobald sich ein älteres Packtalk Gerät im Mesh befindet, geht der Übertragungsstandard für alle Teilnehmer auf 1.0 zurück. Das ist einerseits schade, aber andererseits vielleicht auch eher egal. Für mich persönlich war DMC 1.0 bereits absolut zufriedenstellend, was die Qualität der Übertragung betrifft. Vor allem auch, weil Cardo eine wirklich beeindruckende Windgeräusch-Unterdrückung hinbekommt. Die Mikrofone werden wirklich nur dann aktiv, wenn gesprochen wird. Fahrtwind triggert die Kapseln so gut wie nie. Wenn niemand spricht, ist es also komplett still im Übertragungskanal. Das ist vor allem dann wichtig, wenn man ungestört Musik hören will. Welche im übrigen per 40mm JBL-Lautsprecher an die Ohren gelangt. Deren Qualität ist ansprechend. Aber logischerweise nicht besser, als jene der größeren 45mm Speaker, welche sich exklusiv im Packtalk Black befinden. Wobei man die größeren Lautsprecher auch als Zubehör für andere Cardo Geräte erwerben kann.

Cardo Packtalk Edge Haptik

Die auf dem Edge angebrachten Knöpfe zur Bedienung sind deutlich markanter und per Handschuh leichter zu erspüren, als dies auf dem Bold der Fall ist. Das Wählrad, mit dem unter anderem die Lautstärke geregelt wird, war in seiner Bedienung nicht ganz so brilliant. Ich hatte den Eindruck, dass es teilweise ein wenig verzögert agierte. Ich habe durchaus ein wenig Zeit gebraucht, bis ich den richtigen Dreh zur Lautstärke-Regelung gefunden hatte.

“Natural Voice” Sprachsteuerung

Wem die neuen Bedienknöpfe allerdings noch immer nicht Grobmotoriker-freundlich genug sind, der kann das Edge auch per Sprachbefehl steuern. Ich hab dies per englischer Sprache ausprobiert, es hat bestens funktioniert.

Bluetooth 5.2 & Kopplung mit Fremdherstellern

Selbstverständlich kann sich das Packtalk Edge auch mit nicht-DMC-fähigen Bluetooth-Geräten verbinden lassen. Um die Kompatibilität zu erhöhen, verfügt es über den derzeit modernsten Bluetooth-Standard 5.2. Das heißt, auch die Verbindung zum Bluetooth-fähigen Motorrad soltel mit dem Edge besser klappen. Dies konnte ich auf der zur Verfügung gestellten Yamaha Tenere 700 leider nicht überprüfen. Ebenso wie die Verbindung zu Kommunikationssystemen von anderen Herstellern, was auf einer exklusiven Cardo-Veranstaltung aber auch nicht weiter verwunderlich war. Dies wird sicherlich einer der spannendsten Aspekte des tatsächlichen Tests, den wir später im Jahr durchführen werden. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass klassische Bluetooth-Verbindungen mit den diversen Cardo-Geräten durchaus fehleranfällig und ziemlich mühsam herzustellen waren.

Over-the-Air mit dem Packtalk Edge

Endlich im 21. Jahrhundert angekommen ist das Edge nun auch in Sachen Softwareupdates. Denn diese erfolgen jetzt kabellos, also Over-the-Air. Dieser Schritt war wirklich allerhöchste Zeit. Eine Aktualisierung, die ein Kabel erfordert, wirkt ähnlich historisch wie die Altstadt des besuchten Jerusalems. Auch der USB-C Anschluss inklusive Fast-Charging Funktion ist einfach nur zeitgemäß, nicht außergewöhnlich.

Blick über Jerusalem mit Felsendom
Der abendliche Ausblick über Jerusalem

Packtalk Edge Akkulaufzeit

Durch die Schnellladefunktion soll mit nur 20 Minuten am Strom eine Gesprächsdauer von zwei Stunden ermöglicht werden. Eine volle Akkuladung dauert anderthalb bis zwei Stunden und erlaubt eine Laberzeit von bis zu 13 Stunden. Ich hatte das Edge am ersten Fahrtag ca. 7h im Einsatz, am Ende des Tages wurden mir 50% Restakku verkündet. Davon war ich positiv überrascht, da ich in der Vergangenheit mit der Akkuleistung meines Packtalk Blacks nicht wirklich zufrieden war. Allerdings habe ich in Israel auch die meiste Zeit darauf verzichtet, Musik zu hören. Dies beeinflusst die Akkulaufzeit durchaus stark. Hier wird also auch erst der Dauereinsatz zeigen, wie gut der neue Akku wirklich ist.

Packtalk Edge Preis & Verfügbarkeit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieses erste Kennenlernen mit dem Packtalk Edge ein absolut positives aber nicht wirklich überraschendes Erlebnis war. Ich hatte während der zweiten Hälfte der Saison 2021 ein Packtalk Black im persönlichen Motorrad-Einsatz. Bis auf die etwas schwachen 8 Stunden Akkulaufzeit war ich mit dem Gerät tatsächlich sehr zufrieden. Vor allem während einer zweiwöchigen Italientour, in welcher ich permanent mit drei anderen Packtalks verbunden war. Schon damals war die Übertragungsqualität gut und das Pairing ausgesprochen einfach. So wird also erst die derzeit langsam anlaufende 2022er Saison zeigen können, ob und wie sehr das neue Edge seine Sache noch besser machen kann. Kaufen kann man das neue Cardo-Flaggschiff jedenfalls ab Mitte bis Ende April, die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 389,95€ für das Einzelset bzw. bei 699,95€ für das Partnerpaket. Zu diesem Zeitpunkt kann ich zwar noch nicht sagen, ob es tatsächlich zum eindeutigen Oberklasse-Sieg reichen wird. Es steht für mich allerdings schon jetzt mit Sicherheit fest, dass das Cardo Packtalk Edge eindeutig ein ganz heißer Anwärter für den Titel ist.

Bericht vom 06.04.2022 | 4.727 Aufrufe

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