Mehr Oktan, mehr Power? - Bringt Edelsprit-tanken etwas?

Super 95, 98, 100, E5 & E10 Benzinsorten im Vergleich

Die Debatte ist schon ewig alt: "Hochwertiger, teurerer Benzin schont den Motor und gibt mehr Leistung", meinen die Einen. "Alles nur ein Marketing-Gag", sagen die Anderen. Wir analysieren die Technik hinter dem Sprit und ob gewisse Benzinsorten beim Motorrad tatsächlich einen Vorteil bringen können.

Ist man innerhalb einer Gruppe von Motorradfahrern unterwegs, und sind es noch so dicke Freunde, kommt bei einem Tankstopp irgendwann die Diskussion auf: Tankt man jetzt den normalen Super 95, oder greift man doch lieber zum Edelsprit. Teilweise handelt es sich dabei schon fast um eine Glaubensfrage, die an der Tanksäule heiß debattiert wird, während unterschiedlichste Sorten von Sprudel von ihren Anhängern gepriesen werden. Mit diesem Bericht suchen auch wir die Erleuchtung im Treibstoff-Nirvana, jedoch ohne uns auf fragwürdige Mundpropaganda oder Erfahrungen des zweiten Cousins des Freundes des Nachbarn zu verlassen. Stattdessen vergleichen wir die gängigsten Benzinsorten anhand von Messdaten und der Erklärungen unseres Technik-Gurus Martin Bauer.

Benzinsorten in der Übersicht

Um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, gilt es sich einen Blick über die unterschiedlichen Benzinsorten zu verschaffen.

  • Super 91: Der frühere "Standard-Sprit" Super 91 hat eine Oktanzahl von 91, wird heutzutage aber nur mehr an wenigen Tankstellen angeboten. Doch in weniger entwickelten Teilen der Welt ist Super 91 und selbst Benzin mit 89 Oktan keine Seltenheit.
  • Super 95: Der "Standard-Sprit". Super bzw. Super 95 weist eine Oktanzahl von 95 auf.
  • Super Plus/98: Enthält eine Oktanzahl von 98 und besitzt damit eine höhere Klopffestigkeit.
  • Super 100/102: Benzin mit Oktanzahl 100 oder 102. Diese Premium-Benzinsorten werden je nach Tankstelle und Hersteller mit klingenden Namen versehen (z.B. Aral Ultimate 102, OMV MaxxMotion Super 100plus, etc.) und weisen nicht nur die höchste Oktanzahl und den höchsten Preis pro Liter auf, sondern sind auch mit unterschiedlichsten Additiven und Zusatzstoffen angereichert.
  • E5: Super 95 mit 5% Ethanol Anteil und 95% Benzin aus Erdöl.
  • E10: Super 95 mit 10% Ethanol Anteil und 90% Benzin aus Erdöl.

Oktanzahl & Klopffestigkeit beim Benzin erklärt

Nach dieser Übersicht kommen wir zum ersten Mythos: Je höher die Oktanzahl, desto mehr Leistung kann der Motor produzieren. Ganz nach dem Motto: Viel hilft viel! Doch bevor wir unsere Kawasaki Z900 auf den Prüfstand schieben und mit unterschiedlichen Benzinsorten durchtesten, gilt es die Begrifflichkeiten aufzuklären. Oktan ist zwar als Begriff weitverbreitet, doch die technische Bedeutung dahinter ist vielleicht weniger klar. Martin Bauer erklärt, dass die Oktanzahl nur die Zündwilligkeit des Treibstoffes ab einer gewissen, vordefinierten Temperatur und Kompression angibt.

Bei sportlichen Motorrädern wird, um das Maximum an Leistung aus dem verfügbaren Hubraum herauszuholen, die Kompression, auch Verdichtung genannt, erhöht. Unter hohem Druck und Temperaturen wird hier das Luft-Benzin-Gemisch in den Brennraum des Motors geleitet und ab diesem Punkt wird auch erstmals die Qualität des Sprits interessant. Denn der verwendete Treibstoff muss die Bedingungen in der Brennkammer aushalten, benötigt genug "Klopffestigkeit". Was ist die Klopffestigkeit? Diese hängt eben mit der Oktanzahl zusammen und bestimmt, wie viel der Treibstoff an Druck und Hitze aushält, bevor er sich von selbst entzündet und explodiert. Denn im Motor ist ein genauer Zündzeitpunkt essentiell. Reicht die Klopffestigkeit bzw. die Oktanzahl des Benzins nicht für die Kompression und Hitze im Motor aus, explodiert der Treibstoff nicht erst wie gewünscht durch den Funken an der Zündkerze, sondern schon davor, im schlimmsten Fall während der Verdichtungsphase. Das heißt, der Kolben fährt eigentlich gerade erst nach oben in Richtung 0-Punkt im Zylinder, presst dabei das Luft-Benzin-Gemisch zusammen und plötzlich explodiert das Gasgemisch frühzeitig. Die dabei entstehenden Kräfte gehen entgegen der Bewegungsrichtung des Kolbens und sind dementsprechend sehr schlecht für den Motor. Diese frühzeitigen Zündungen sind als Klopfgeräusch wahrnehmbar und sagen dem Fahrer, dass der Sprit für den Motor nicht hochwertig, klopffest genug ist. Heißt das im Umkehrschluss, dass hochwertigerer Sprit dafür auch das Potenzial des Motors erweitert?

Mehr Oktan = mehr Leistung? - Mythos Leistungszunahme mit hochwertigerem Benzin im Check am Prüfstand

Nein! Warum das nicht so ist, liegt an einem einfachen Grund, wie Martin Bauer erklärt. Von der Oktanzahl abgesehen, sind der Standardbenzin Super 95 und der höherwertige Super 98 in der Zusammensetzung nahezu ident. Das heißt auch, dass der Energiegehalt im Treibstoff auf dem gleichen Niveau liegt und dementsprechend beide Spritsorten pro Liter die gleiche Leistung liefern können. In der Theorie zumindest. Wir wollten es aber genau wissen und haben dafür eine Kawasaki Z900, als durchschnittlich starkes, viel verkauftes Motorrad gut geeignet, hergenommen und sie mit Super 95, Super 98 und OMV MaxxxMotion Super 100plus am Prüfstand getestet. Das Ergebnis: Kein Unterschied feststellbar. Martin Bauer erklärt das damit, dass Motorrad-Hersteller ihre Motoren meist für die ganze Welt oder große Teile davon entwickeln. Vielerorts gibt es auch noch qualitativ minderwertige Treibstoffe, mit denen diese Motoren auch zurechtkommen müssen. Also bewegt sich ein Motor in serienmäßiger Abstimmung fast nie in einem Bereich, wo Kompression und Temperatur unsere qualitativ hochwertigen Treibstoffe ganz unabhängig von der Oktanzahl ans Limit bringen würden. Ist das doch so, dann wird das vom Hersteller angegeben. Ohne sogenannte Klopfsensoren, die durch Messung der feinsten Vibrationen am Motor erkennen können, ob und wann es zum Klopfen kommt, weiß der Motor auch nicht, dass der eingefüllte Sprit eigentlich mehr Kompression vertragen könnte. Es wird die hohe Klopffestigkeit also nicht ausgenutzt. Dennoch kann es sich lohnen, zum teureren Sprit zu greifen.

Benzinsorten im Vergleich
Auch die Spritsorten mit höherer Oktanzahl können der Kawasaki Z900 nicht mehr Leistung entlocken.

Die Zusatzstoffe im Benzin

Wird der Motor getunt, was meistens eine Erhöhung der Verdichtung mit sich bringt, braucht es natürlich einen hochoktanigen Treibstoff. Aber auch abseits der Tuning-Szene, kann hochwertiges Benzin einen Vorteil bringen. Denn bei unseren Treibstoffen handelt es sich nicht nur um bearbeitetes Erdöl, sondern auch noch zahlreiche andere Zusatzstoffe sind enthalten. Früher wurde Blei zugemischt, heutzutage sind es andere chemische Stoffe. Vor allem hochpreisige und hochoktanige Treibstoffe beinhalten noch mehr Zusätze, die gewisse Vorteile mit sich bringen können.

Der Unterschied zwischen E5 und E10 Benzin

Apropos Zusatzstoffe: Ethanol, also Alkohol, und andere Bio-Komponenten werden dem Benzin beigemischt, um den Anteil an fossilen Inhaltsstoffen zu verringern und den Treibstoff dadurch umweltfreundlicher zu machen. E5 und E10 sind mittlerweile weit verbreitet und so stellt sich oft die Frage, was denn da der genaue Unterschied sei. Die unterschiedlichen Anteile von Ethanol (5% bei E5, 10% bei E10) bringen auch unterschiedliche Eigenschaften mit sich. Zum Beispiel sind manche Motoren, vor allem von älteren Fahrzeugen, nicht für E10 geeignet, da Aluminium und gewisse Kunststoffe vom Alkohol angegriffen werden können. Auch die Energiedichte unterscheidet sich, da Ethanol rund 30 % weniger Energiegehalt besitzt, wie Super-Kraftstoff. Durch den höheren Ethanol-Anteil verbraucht man mit E10 auf gleicher Strecke im Vergleich zum E5-Benzin ca. 1 bis 1,5 % mehr Treibstoff. Und auch ein minimaler Leistungsverlust ist durch E10 möglich, doch aufgrund der Geringe des Unterschieds kaum relevant.

Hochoktaniges Benzin zum Einwintern und vor längeren Stehzeiten

Treibstoffe mit hohem Bio-Anteil, wie E10 Benzin, sind durch die Bio-Anteile nicht sonderlich beständig. Das heißt, sie verändern ihre chemische Zusammensetzung mit der Zeit. Das hydrophile Ethanol zieht Wasser an und das kann bei längeren Stehzeiten zu Problemen führen, wie Rost im Tank, verlegten Benzinleitungen, verstopften Vergasern und mehr. Die Zusatzstoffe in hochwertigen Benzinsorten halten das Treibstoffgemisch beständiger und halten den Sprit frisch. Auch Martin Bauer füllt deswegen Super 100 in Motorräder denen längere Standzeiten bevorstehen.

Fazit zum Mythos des Edelsprit

Fassen wir unsere Erkenntnisse also zusammen: Bringt höheroktaniger Sprit mehr Power? Nein, denn eine hohe Oktanzahl bedeutet keine höhere Energiedichte. Ohne Erhöhung der Kompression oder anderweitigem Tuning bleibt die Leistung gleich. Größere Unterschiede zwischen den Benzinsorten gibt es aber bei den beigemischten Zusatzstoffen. Manche Sorten, wie der E10, werden dadurch umweltfreundlicher, andere, vor allem hochpreisige Sorten können aber je nach Produkt Additive zur besseren Schmierung oder verbesserten Langlebigkeit des Sprits beinhalten.

Autor

Bericht vom 08.02.2023 | 49.209 Aufrufe

Empfohlene Berichte

Pfeil links Pfeil rechts