Aprilia Tuareg 660 oder 660 Rally, was passt für die Schweiz?
Wann sich die Rally lohnt und wann die Standard reicht
Auf dem Papier ist die Sache klar. Die Tuareg 660 Rally ist das schärfere Werkzeug, die teurere Variante, das Steckenpferd von Aprilia. Teurer heisst aber nicht in jeder Situation besser.
Die Discovery Moto Tour von Lennart Andreas ist kein gewöhnlicher Ausritt. Lennart legt seine Touren exklusiv für Aprilia- und Moto-Guzzi-Fahrer auf, und für diesen Tag hatte er zusammen mit Aprilia Switzerland und Moto Guzzi Switzerland etwas Besonderes vorbereitet, eine Adventure-Tour, auf der man die Maschinen direkt testen konnte. Los ging es morgens mit Kaffee und Gipfeli bei OFRAG in Lupfig im Aargau, bevor uns die Route in den Jura führte.
Dort warteten rund 30 Kilometer Schotter. Die Mischung war ideal für einen Vergleich. Ein paar enge, spitze Kehren, in denen man die Maschine wirklich dirigieren muss, dazu lange, schnelle Geraden, auf denen man laufen lassen kann. Dazwischen immer wieder Asphalt als Verbindung, also alles, was ein Schweizer Adventure-Alltag so hergibt.
Weil an diesem Tag eine ganze Testflotte bereitstand, konnte ich umsetzen, worum es mir ging. Beide Tuareg im direkten Wechsel fahren, dieselben Passagen, dieselben Bedingungen. Dazu kam ich mit anderen Fahrern ins Gespräch, die teils auf der Standard, teils auf der Rally sassen. Das machte das Bild am Ende runder, als ich erwartet hatte.
Tuareg 660 und 660 Rally, der Unterschied liegt im Detail
Auf dem Datenblatt sind die beiden fast Zwillinge. Gleicher 660er-Twin, gleiche 80 PS, gleiches Drehmoment, gleicher 18-Liter-Tank. Der grosse Unterschied liegt weniger in der Leistung als in der Art, wie Aprilia die Rally zugespitzt hat.
Die Rally ist mit 199 Kilogramm rund fünf Kilo leichter, sitzt mit 913 Millimetern deutlich höher als die Standard mit 860, trägt grobere Räder, einen SC-Project-Auspuff und ein strafferes Fahrwerk mit linearen Federn. Dazu kommt ein schärferes Mapping. Das klingt erst einmal nach der besseren Maschine, und technisch ist sie das auch.
Der Punkt ist nur, dass diese Zuspitzung einen Zweck verfolgt. Sie ist für harten, häufigen Geländeeinsatz gemacht, näher am Rallye-Racer als an der Feierabendrunde. Und damit entscheidet dieser Zweck, ob sich der Aufpreis für dich lohnt.
In der Schweiz kostet die Standard aktuell 10'695 Franken, die Rally 12'995. Gut zweitausend Franken Aufpreis also, für Teile, die erst dann wirklich aufblühen, wenn das Gelände hart genug wird. Wie sich das im Sattel anfühlt, habe ich auf den 30 Kilometern Schotter Stück für Stück gemerkt.
Gasannahme der Tuareg 660 Rally: Aggressiv ist nicht immer besser
Das Erste, was mir an der Rally auffiel, war die Gasannahme. Das Mapping hängt spürbar direkter am Griff als bei der Standard, fast so, als würde die Maschine schon auf den Gedanken ans Gasgeben reagieren. Auf einer flüssigen, schnellen Schotterpiste macht das richtig Laune.
Sobald es aber ruhiger und technischer wurde, kippte das ins Gegenteil. In langsamen Passagen und auf den Verbindungsstrassen wirkte die Rally für mich zappelig. Man dosiert eine Idee zu viel, und schon schiebt sie energischer an, als einem lieb ist. Auf Asphalt und in den gemütlicheren Gravel-Sektionen empfand ich das eher als Nachteil.
Die Lösung steckt im Menü. Wer im Engine Mapping von Modus 1 auf Modus 3 wechselt, bekommt eine deutlich sanftere und planbarere Gasannahme. Sie kommt weniger ruckartig, und man muss etwas weiter am Gas ziehen, bis die Leistung wirklich anliegt. In der Praxis fährt man dadurch ruhiger, konstanter und in den technischen Stellen schlicht sicherer.
Ehrlich gesagt ärgert mich nur, dass ich das erst jetzt herausgefunden habe. Auf einer längeren, harten Offroad-Tour in Italien hatte mich dieses nervöse Gasverhalten ziemlich gestört, und damals fehlte mir der simple Griff ins Menü, der das Problem löst.
Kupplung und Spitzkehren, hier spielt die Rally ihre Stärke aus
Es gibt einen Moment, in dem die Rally für mich klar vorne lag, und das waren die engen Spitzkehren auf Schotter. Die Kupplung lässt sich auf der Rally feiner dosieren, und der Druckpunkt ist für mich besser ablesbar.
In solchen Kehren zählt jeder Millimeter am Hebel. Ich konnte mit einem Finger arbeiten, die Kupplung sauber schleifen lassen und die Maschine ruhig um den Scheitelpunkt zirkeln, ohne dass es hakelig wurde. Wo ich auf der Standard etwas mehr Gefühl investieren musste, kam ich auf der Rally entspannter und sicherer ums Eck.
Das ist kein gewaltiger Unterschied, im technischen Geläuf aber ein spürbarer. Wer viel in steilen, engen Passagen unterwegs ist, wird die Präzision der Rally zu schätzen wissen.
Das Fahrwerk der Aprilia Tuareg Rally im Offroad-Test
Beim Fahrwerk gibt es im Gelände einen klaren Sieger, und das ist die Rally. Die linearen Federn und die straffere Abstimmung geben im rauen Geläuf mehr Rückmeldung, die Maschine steht satter und lässt sich präziser über grobe Stellen treiben. Im schnellen Schotter spürt man, dass hier jemand mitgedacht hat, der weiss, wie sich eine Rallye-Maschine anfühlen soll.
Der Haken ist die Härte. Die Rally ist ab Werk sehr straff abgestimmt, und für die meisten Touren würde ich das Fahrwerk eine Spur weicher einstellen, sanfter sogar als die Standardvorgabe. Auf den Verbindungsstrassen und über Querfugen wird die Strenge sonst schnell anstrengend.
Und hier kommt die Standard wieder ins Spiel. Auf dem, was Schweizer Schotter normalerweise hergibt, hat sie im Fahrwerk keine Schwächen gezeigt. Sie schluckt, sie federt, sie bleibt komfortabel und kommt über dieselben Passagen ohne jedes Drama.
Nach den fordernden Schotterpassagen kam die Pause zur richtigen Zeit. Lennart legt bei seinen Discovery Tours viel Wert darauf, an den passenden Stellen Rast zu machen, und zum Mittagessen kehrten wir ins Isebähnli in Trimbach ein. Das Lokal ist für seine herzliche Bikeratmosphäre bekannt, und man spürt sofort, dass hier Motorradfahrer willkommen sind. Mit vollem Magen und ein paar Geschichten reicher ging es danach entspannt weiter.
Sitzhöhe und Alltagstauglichkeit der Aprilia Tuareg 660
Hier kam die grösste Überraschung des Tages. Ich war davon ausgegangen, dass sich die Rally rundum hochwertiger und besser anfühlt. Im Alltag war für mich aber die Standard die angenehmere Maschine.
Die Ergonomie der beiden liegt gar nicht so weit auseinander, beide sitzen sich bequem. Der Sitz der Rally ist allerdings eine Spur unkomfortabler, und die höhere Sitzposition von 913 Millimetern gegenüber 860 macht sich bemerkbar. Mit beiden Beinen sicher am Boden fährt man auf der Standard entspannter, gerade an der Ampel oder beim Rangieren im Stand. Wer sehr gross gewachsen ist, dreht das ins Gegenteil und profitiert von der luftigeren Sitzhöhe der Rally.
Spannend war, dass ich mit dieser Einschätzung nicht allein dastand. Schon beim Mittagessen im Isebähnli und später unterwegs kam ich mit anderen Fahrern ins Gespräch, die teils Standard, teils Rally fuhren, und fast durchs Band kam dasselbe heraus. Für ihren Einsatzbereich war die Standard die komfortablere und alltagstauglichere Wahl.
Passende Gebrauchte und neue Motorräder
Weitere MotorräderAuspuff im Vergleich: SC-Project gegen Serienanlage der Aprilia Tuareg 660
Beim Sound hatte ich ehrlich gesagt mehr Unterschied erwartet. Die Rally trägt einen SC-Project-Auspuff mit Titan-Endtopf, das klingt nach Versprechen. In der Lautstärke nehmen sich die beiden aber kaum etwas, der Serienauspuff der Standard ist praktisch gleich laut.
Was die Rally tatsächlich anders macht, ist das Verhalten im Schiebebetrieb. Sobald man den Gashahn schliesst, blubbert und ploppt es aus dem SC-Project recht intensiv, was Charakter hat und Spass macht. In der Kernigkeit und der tiefen Bassnote hält der Serienauspuff aber locker mit. Als Gesamtpaket fand ich die Standardanlage erstaunlich stimmig.
Wer also allein wegen des Klangs zur Rally schielt, sollte beide vorher in Ruhe nebeneinander hören.
Braucht die Schweiz wirklich die Tuareg 660 Rally?
Am Ende des Tages stand für mich ein kleines Dilemma im Raum. Die Rally ist in vielen Punkten die feinere Maschine, mit den hochwertigeren Teilen, dem schärferen Fahrwerk und der Rallye-Genetik von Ceruttis Africa-Eco-Race-Sieger. Nur kommt all das im Schweizer Alltag kaum zur Geltung, und in manchen Momenten macht es das Fahren sogar anstrengender.
Die Offroad-Passagen, die wir hier haben, meistert die Standard-Tuareg 660 ohne Mühe. Sie ist komfortabler, im Stand sicherer und im Mapping entspannter. Selbst wer regelmässig nach Frankreich oder Italien fährt, kommt mit ihr sehr weit. Die Rally beginnt erst dort zu glänzen, wo das Gelände wirklich hart und häufig wird, näher an der Bergziege als am Reisebegleiter. Und eine Bergziege ist im steilen Gelände unschlagbar, auf der langen Strasse aber selten zu Hause.
Vielleicht ist das die ehrlichste Erkenntnis aus diesem Tag. Welche der beiden die bessere ist, entscheidet am Ende dein Gelände, nicht der Prospekt. Für die allermeisten von uns in der Schweiz ist die Standard-Tuareg 660 damit die richtige Wahl, und das ganz ohne das Gefühl, auf etwas zu verzichten. Wer dagegen den Ruf der Düne hört und das Maximum im Gelände sucht, der weiss nach dieser Tour ohnehin, dass die Rally auf ihn wartet.
Fazit: Aprilia Tuareg 660 2026
Die Aprilia Tuareg 660 ist eine extrem leichtgängige Reiseenduro. Das gilt für den linear hochdrehenden Motor, die feine Kupplung und das niedrige Gewicht der Italienerin. Vor allem Offroad kann sie damit punkten. Bei der Bosnia Rally machte sie fast alles mit und konnte selbst im knackigen Gelände überzeugen. Kleine Schwachstellen, wie ein zu schnell absterbender Motor und eine bruchgefährdete Schraube am Schalthebel, können den Spaß auf ihr kaum trüben. Mit ihren mächtigen Federwegen ist das Leichtgewicht interessant für alle Reiseenduro-Piloten, die Offroad-Ambitionen besitzen, aber mehr Elektronik möchten als in der puristischen Yamaha Tenere.
- Lineare, fein dosierbare Leistungsentfaltung
- Fein dosierbare Kupplung
- Gelungene Ergonomie, sitzend wie stehend
- Üppiges, gut funktionierendes Elektronik-Paket
- Gutes Fahrwerk mit langen Federwegen
- Motor hat wenig Schwungmasse, neigt zum schnellen Absterben
- Hinterradbremse beißt für losen Untergrund etwas zu scharf zu
- Wenig robuste Aluguss-Schraube am Schalthebel als Schwachstelle bei Umfallern/Stürzen
Fazit: Aprilia Tuareg 660 Rally 2026
Die Aprilia Tuareg Rally beweist, dass auch ein Adventurebike mit 660 Kubik in der heutigen Zeit richtig viel Spass machen kann. Sie verbindet das beste aus zwei Welten - die Leistung und der Charakter eines echten Rallybikes, mit dem Komfort eines Adventurebikes. Im Gelände zeigt sie enorm viel Feedback und schenkt dadurch schnell Vertrauen. Auf der Strasse punktet sie mit Quickshifter, Tempomat und Reise-Zubehör direkt aus dem Hause Aprilias.
- Überarbeitetes Motormapping mit giftiger Gasannahme
- Sehr stabile Fahrweise im Gelände
- Erstaunlicher Sound für Euro 5+
- Tempomat dabei
- Schmalere Felgen für richtige Enduroreifen
- Einfache Bedienung der Assistenzsysteme
- Ständer kommt an Ferse an im Stehen
- Lineare Federung vermindert Komfort auf Strasse
- Öfters Schalten notwendig für konstante Power
- Spritzschutz überschaubar