Honda NT1100 - Reise-Motorrad im Test 2022

Was kann die Africa Twin für die Straße?

Hondas neue Reisemaschine im ersten Test. Kann der Tourer auf Landstraße und Autobahn überzeugen? Alle Stärken und Schwächen der NT1100 in diesem Bericht!

Die Honda NT1100 setzt auf einen bekannten Motor

Nach der Premiere in der Africa Twin und Fortführung in der Rebel 1100 kommt der potente 2-Zylinder mit 1084 Kubikzentimetern nun im dritten Honda Modell zum Einsatz. Mit einer maximalen Leistung von 102 PS bei 7.250 U/min und 104 Nm Maximal-Drehmoment bei 6.250 U/min sorgt er für souveränes Fortkommen in allen Lebenslagen. Der durchzugsstarke Twin scheint für die gediegene Landstraßenpartie wie geschaffen. In Kombination mit dem DCT-Getriebe ermöglicht er sorgenfreies Reisen. Beim Test in Barcelonas Umland stand übrigens ausschließlich die Version mit dem Honda-eigenen Doppelkupplungsgetriebe zum Test zur Verfügung.

Der bollernde Klang aus dem Endtopf, der sich durch den verbauten Hubzapfenversatz ergibt, ist sonor und angenehm aber nicht aufdringlich. Im Gegensatz zur Africa Twin ist hier keine Klappe verbaut, wodurch der Sound dezenter bleibt und beim runterschalten auch kein "Sprotzeln" vernehmbar ist.

Der Endtopf wurde überarbeitet und wird im Vergleich zu dem der Africa Twin flacher geführt, da Wasserdurchfahrten bei NT vermutlich weniger Einfluss auf das Design genommen haben. Als positiver Nebeneffekt, können die serienmäßigen Koffer nun auf beiden Seiten beinahe das gleiche Volumen aufnehmen, da für den Auspuff lediglich eine minimale Ausbuchtung erforderlich ist.

Fahrwerk und Rahmen der NT1100 harmonieren perfekt

Die NT1100 setzt auf eine in Zugstufe und Vorspannung einstellbare 43 mm USD-Gabel an der Front und einen Showa-Stoßdämpfer mit Pro-Link-Umlenkung im Heck, der sich mittels praktischem Drehrad in der Vorspannung einstellen lässt, wie wir es schon von der Africa Twin kennen. Es werden jeweils 150 mm Federweg geboten, was für einen klassischen Tourer relativ viel ist.

Dennoch ist der Unterschied zur Africa Twin immens, in Kombination mit der 17-Zoll-Bereifung, schlägt die NT1100 fahrdynamisch ein neues Kapitel auf. Das Fahrwerk spricht sensibel an und ist trotz komfortabler Auslegung auch in flotter gefahrenen Passagen selten überfordert. Einzig auf welligem Belag neigt die NT dazu etwas aufzuschaukeln. Dabei wird es nie gefährlich, aber man merkt schon dass man hier im Fall der DCT Variante 260 Kilogramm (vollgetankt inkl. Koffer) in den Radius nötigt. Das Gefühl fürs Vorderrad ist dabei transparent und der Pilot bleibt über Fahrbahnbeschaffenheit gut informiert.

Viele Stimmen hätten sich das phantastische, semiaktive EERA Fahrwerk von Showa, das in der Africa Twin Adventure Sports erhältlich ist, auch in der NT1100 gewünscht. Auf Nachfrage, warum dieses für die Tourenmaschine nicht erhältlich ist, teilte man mir folgendes mit: Mit der NT1100 verfolgt Honda das Ziel, Käufer anzusprechen, die aktuell eine Klasse darunter unterwegs sind, etwa eine NC750 bewegen. Das Fahrwerk hätte den Preis der Maschine stark in die Höhe getrieben und somit solche preissensitive Kunden verschreckt.

Ich bin der Meinung, dass, wie bei der Africa Twin, Platz und Nachfrage für beide Varianten da ist. So bleibt mir zu hoffen, dass in der nächsten Saison auch für die NT ein elektronisches Fahrwerk erhältlich sein wird, vielleicht in Kombination mit einer Tricolor-Lackierung und goldenen Felgen - Wunschkonzert Ende.

Den Rahmen samt verschraubten Heckrahmen teilen sich Reiseenduro und Tourer übrigens, wenn man von ein paar Kleinigkeiten absieht. Die Schwinge in der NT1100 hingegen ist eine komplette Neuentwicklung.

Mehr Agilität für die NT1100 durch geänderte Radsatz und Geometrie

Die NT wirkt, obwohl sie kein Leichtgewicht ist, sehr agil. Dafür ist zu einem großen Teil der 17 Zoll Radsatz, der mit einem Vorderreifen in der Dimension 120/70 und einem Hinterreifen der Dimension 180/55 klassisch bestückt ist verantwortlich. Als Erstausrüstungsreifen setzt man auf den bewährten Sporttouren-Pneu Roadtec 01 aus dem Hause Metzeler. Im Vergleich zur Africa Twin, wurde der Lenkkopfwinkel um ein Grad steiler und der Nachlauf um 7 mm kürzer. In Summe lässt sich der Tourer dadurch leichtfüßig bewegen und bietet deutlich mehr Grip als die Reiseenduro. Auch schnelle Wechselkurven stellen dank des willigen Einlenkverhaltens der Maschine kein Problem dar.

Bremsen goldrichtig dimensioniert

Selbst die Bremsen teilt sich die NT1100 mit der geländetauglichen Schwester. Die Honda bietet zwei 310 mm-Bremsscheiben vorne mit Radial-Vierkolben-Bremssätteln und eine 256 mm-Scheibe hinten mit einem Einkolbensattel. Dank der kürzeren Federwege und des erhöhten Grips am Vorderrad, kommen einem die Anker am Tourer jedoch noch besser vor. Der Druckpunkt ist klar und die Bremsleistung lässt sich berechenbar progressiv erhöhen. Hier gibt es absolut nichts zu bemängeln, bis auf das Thema ABS, aber dazu später mehr.

Hauptständer, Griffheizung, Kofferset - Honda nimmt das Thema Touring ernst

In Zeiten, wo A4-seitenlange Zubehör- und Aufpreislisten immer mehr um sich greifen, ist es erfrischend zu sehen, dass sich Honda bei der NT alter Tugenden besinnt, glänzten doch schon die Modelle Pan European und Deauville mit reichhaltiger Serienausstattung. Diesen Weg setzt man in der NT1100 fort, so sind Hauptständer, ein 5-fach verstellbarer Windschild, Tempomat, Griffheizung (in fünf Stufen einstellbar), 12 Volt- und USB-Anschluss im Cockpit und last but not least die schicken Seitenkoffer im Serientrimm enthalten. Bravo Honda!

Die Koffer bieten ein Ladevolumen von 33 bzw. 32 Litern (auspuffseitig) und werden in Spanien von der Honda-Tochter Montesa gefertigt. Die Verarbeitungsqualität und Materialanmutung ist tadellos, allerdings sind sie mit einem Gewicht von je 6 Kilogramm nicht gerade leicht. Ein Vollvisierhelm findet darin aufgrund der Bauform nicht Platz. Auch auf die legendäre Baguette-Durchreiche, wie sie manchen von euch vielleicht noch aus der NT700 Deauville bekannt sein dürfte, muss man leider verzichten. Innentaschen sind dafür serienmäßig dabei.

Optional können auch noch ein 50L-Topcase mit integrierter Rückenlehne für den Sozius, eine Komfortsitzbank (Empfehlung des Hauses!), Nebelscheinwerfer, ein Tankrucksack, Komfortfußrasten für den Sozius geordert werden, um die Reisetauglichkeit weiter zu erhöhen. Honda hat die Extras in den Paketen Urban, Touring, Travel zusammengefasst. Für die exakte Auflistung, welches Paket, was umfasst verweise ich auf den Vorstellungsbericht zur Honda NT1100.

Auch die Scheinwerfer die rundum in LED-Technik ausgeführt sind, bieten eine absolut reisetaugliche Performance. Vom Daytime-Running-Light über das Abblendlicht bestehend aus 4 leuchtstarken LED-Einheiten, bis hin zum Fernlicht, das 2 weitere LEDs aktiviert ist gute Ausleuchtung sichergestellt. Die optional erhältlichen Nebelscheinwerfer sind für die passive Sichtbarkeit eine echte Empfehlung.

Klassenbester Wind- und Wetterschutz auf der Honda NT1100

Leider meinten es die Wettergötter nicht wirklich gut mit uns bei der Testfahrt rund um Barcelona. Nach einem halbwegs trockenen Vormittag erwischten uns am Nachmittag starke Regenfälle. Mein Leid soll euch Lesern allerdings zum Vorteil gereichen, schließlich, kann ich aufgrund der feuchten Witterung valide Aussagen zum Wind- und Wetterschutz der NT1100 treffen.

Dieses Kapitel, so vermutete ich schon vor der Testfahrt sollte zur Paradedisziplin des Tourers avancieren. Schon ohne Feintuning am 5-fach verstellbaren Windschild ist der Schutz für den Fahrer großartig. Die ausladende Verkleidung an der Front in Kombination mit den serienmäßigen Windabweisern halten den Piloten am Ober- und Unterkörper zuverlässig trocken, lediglich auf Handguards muss man verzichten, solche sind auch im Zubehör nicht erhältlich. Dies schien mir zunächst ungewöhnlich für eine Reisemotorrad, tatsächlich bieten die seitlich unter dem Windschild angebrachten Windabweiser jedoch, insbesondere bei höherem Tempo, optimalen Schutz.

Der Windschild, ist in zwei Dimensionen variabel, einerseits ändert sich der Winkel und andererseits die Höhe um maximal 16,4 cm. Dieser Verstellbereich erlaubt auch größeren Piloten (ich bin 1,87 Meter) perfekten Schutz, der Wind (und in unserem Fall leider auch der Regen) werden optimal über den Fahrer hinweggeleitet. Lediglich die Belüftungsöffnung meines HJC RPHA 90S Carbon lag bei aufrechter Sitzposition im Fahrtwind, sobald ich mich minimal vorbeugte war ich komplett geschützt. Allein die Ellbogen haben etwas Spritzwasser abbekommen.

Das einzige Manko ist der Modus der Windschild-Verstellung. Zum einen ist die Arretierung nur im Stand und unter beträchtlichem Kraftaufwand möglich, zum anderen bietet der Windschild keinen logischen Punkt an dem man ihn anpackt. Versuche die Position während der Fahrt unter Nutzung des Tempomat zu verändern sind nicht empfehlenswert.

Ergonomie und Sitzposition auf der Honda NT1100

Honda positioniert den Oberkörper des Fahrers 10 Grad weiter nach vorne geneigt als auf der Africa Twin. Der Lenker ist schmäler und der Kniewinkel spitzer als auf der Reiseenduro. Die Sitzhöhe von 820 mm (-30 mm im Vergleich zur Africa Twin, aber +20 mm Polsterung!) ist einsteigerfreundlich, unterstützt wird dies auch durch die merkliche Verjüngung der Sitzbank in Richtung des Tanks, wodurch man auf der NT auch ohne das Schrittbogenmaß eines Models einen sicheren Stand haben sollte. In Summe sitzt man aber auch mit über 1,85 Metern bequem auf dem Tourer.

Langstrecken-Fetischisten sollten auf jeden Fall in Erwägung ziehen, die Komfort-Sitzbank zu ordern. Sie erhöht die Sitzhöhe um ca. 1 cm und setzt bei der Polsterung auf spürbar hochwertigere Materialien, die ein Durchsitzen länger hintanhalten als der Standard-Sattel. Dieser ist übrigens 74 mm dick, während der Soziusplatz 60 mm Stärke aufweist.

Elektronik auf der NT1100 - Zwischen Overkill und Unverständnis

Die Honda NT1100 ist das günstigste Motorrad am Markt mit Apple Carplay und Android Auto Integration. Dieser Form der Konnektivität gehört die Zukunft. Auch hinsichtlich der Fahrmodi gibt sich die Honda mit 3 vorgefertigten, die auf die Anforderungen der Tourenmaschine abgestimmt wurden und zwei frei konfigurierbaren keine Blöße. Eine 3-stufige Wheeliekontrolle ist serienmäßig an Board. Das 6,5 Zoll TFT Display mit Touchfunktion (im Stand) ist perfekt ablesbar und in drei Darstellungsarten, sowie einem Tag- einem Nacht- und einem Automatikmodus, der die Helligkeit regelt absolute Klassen-Benchmark.

Ihr ahnt es schon, jetzt folgt ein großes ABER. Es ist mir schleierhaft, wie man auf der einen Seite bei so vielen Bauteilen auf Gleichteilpolitik mit der Reise-Enduro-Schwester Africa Twin setzt, auf die gesamte IMU, die dort wunderbar funktioniert, aber verzichtet. Der Rattenschwanz, den diese Einsparung nach sich zieht, ist lang. In der 2022er Honda NT1100 arbeiten weder ABS, noch Traktionskontrolle, noch das (optionale) DCT schräglagenabhängig.

Bei allem Verständnis für einen Zielpreis, den ein Modell vorgegeben hat, an der Sicherheit zu sparen ist meines Erachtens der falsche Weg, zumal die Konkurrenz die Features serienmäßig (Tracer 9 GT) btw. optional (BMW F 900 XR) anbietet.

Ordert man das DCT, bekommt man die Version, die in der Africa Twin CRF1000L verbaut war. Selbes gilt für die Traktionskontrolle, die nur in 3 Stufen, statt in 7 Stufen einstellbar ist. Während man bei letzterer noch ein Auge zudrücken kann, zumal die NT nicht für den Geländeeinsatz entwickelt wurde und man daher auch mit weniger Abstufungsmöglichkeiten das Auslangen findet, ist das alte DTC ein echter Rückschritt. Das neue System, wie es in der 2022er Africa Twin verbaut ist erkennt neben der Schräglage nämlich auch ob man gerade bergauf oder bergab fährt und passt das Schaltschema entsprechend an. Ein Feature, dass auch im Tourer durchaus Sinn machen würde. Zumindest die Überarbeitung hinsichtlich eines smootheren Wechsel vom ersten in den zweiten Gang wurde umgesetzt.

Honda NT1100: Gewicht, Verbrauch, Standgeräusch, Reichweite

Offiziell gibt Honda die NT1100 mit 238 Kilogramm vollgetankt an, die DCT Variante ist auch beim Tourer 10 Kilogramm schwerer. Bei dieser Angabe sind beinahe alle serienmäßigen Ausstattungselemente umfasst, die Koffer allerdings nicht. Mit 6 kg pro Seite, kommt man fahrbereit bei der manuellen Variante also auf 250 und mit DCT gar auf 260 Kilogramm Lebendgewicht.

Der Verbrauch hält sich glücklicherweise dennoch in Grenzen. Wie bei Pressevorstellungen üblich, wurde eher zügig gefahren. Mit 5,9 Litern die mir das Display anzeigte, genehmigte sich die NT in der Praxis also knapp einen Liter mehr als offiziell angegeben. Damit schrumpft auch die Reichweite von 400 km auf rund 333 km. Dann will der 20 Liter Tank wieder befüllt werden. Mit ziviler Fahrweise lassen sich sicherlich geringere Verbräuche realisieren. Das Standgeräusch liegt unter 95 dB.

Honda NT1100: Preis, Farben, Verfügbarkeit

Ob Schwarz und Weiß Farben sind, darüber scheiden sich seit jeher die Geister. Ein Begriff der in diesem Zusammenhang manchmal genannt wird, ist der der unbunten Farben. Damit lassen sich auch die Varianten, in denen die NT erhältlich ist relativ gut beschreiben. Den Tourer von Honda gibt es in weiß, grau und schwarz. Eventuell wird ja das MY 2023 farbenfroher. Die aktuelle Auswahl nimmt es mit dem Begriff Understatement etwas zu ernst.

Ab Februar 2022, also rechtzeitig zum Saisonstart, wird die NT1100 bei den heimischen Händlern stehen. Die Preise beginnen in Österreich bei etwas über 15.000 und in Deutschland bei etwas über 13.000 Euro. Angebote in eurer Nähe zur Honda NT1100 findet ihr natürlich am 1000PS Marktplatz.

Fazit: Honda NT1100

Die NT1100 hat das Potenzial zum ganz großen Wurf im Reisesegment zu werden. In vielen Bereichen erledigte Honda seine Hausaufgaben mit Bravour. Die letzte Konsequenz beim Thema Sicherheitsfeatures verhindert eine noch bessere Bewertung des Tourers. Dennoch ist es eines der besten Reisemotorräder, das ich je bewegt habe. Etwas Mut zu zusätzlichen Ausstattungs-Varianten und mehr Farbe könnten die NT 2023 ganz nach vorne bringen.


  • umfangreiche Serienausstattung
  • perfekter Wind- und Wetterschutz
  • toller Motor
  • langstreckentauglich
  • komfortabel
  • Apple Carplay und Android Auto Integration
  • Fahrwerkssetup stimmig
  • keine IMU
  • triste Farbvarianten
  • keine Option für E-Fahrwerk

Fazit: Honda NT1100 DCT

Die NT1100 hatte das Potenzial zum ganz großen Wurf im Reisesegment zu werden. In vielen Bereichen hat Honda seine Hausaufgaben mit Bravour gemacht. Die letzte Konsequenz beim Thema Sicherheitsfeatures verhindert eine noch bessere Bewertung des Tourers. Dennoch ist es eines der besten Reisemotorräder, das ich je bewegt habe. Etwas Mut zu zusätzlichen Ausstattungs-Varianten und mehr Farbe könnten die NT 2023 ganz nach vorne bringen.


  • umfangreiche Serienausstattung
  • perfekter Wind- und Wetterschutz
  • toller Motor
  • langstreckentauglich
  • komfortabel
  • Apple Carplay und Android Auto Integration
  • Fahrwerkssetup stimmig
  • keine IMU
  • triste Farbvarianten
  • keine Option für E-Fahrwerk

Bericht vom 11.11.2021 | 17.244 Aufrufe

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