Kawasaki ER-6n 2012

Vollkommen stimmiges und hochwertiges Paket - nicht nur für Einsteiger. Die neue Kawasaki ER-6n im Test.
 

Kawasaki ER-6n 2012

Follow Francesca. 72 PS und eine Frau können einen Mann ganz schön unter Druck setzen.

 
“Don’t worry, Francesca will be fast enough for everyone of you.“ Ich machte mir schon Sorgen. Denn was der Pressesprecher von Kawasaki gerade so selbstbewusst erklärt hatte, ließ zwei Möglichkeiten zu, und keine der beiden würde positive Folgen haben. Möglichkeit 1: Francesca wäre wirklich schnell genug für jeden von uns und da ich als zur Bescheidenheit erzogener Realist immer davon ausgehe, dass einer der anderen Journalisten (noch) schneller fährt, als ich selbst, musste demnach auch Francesca schneller sein als ich. Möglichkeit 2: Francesca wäre nicht schneller als ich oder irgendein anderer Journalist, was diese Testfahrt zu einem jämmerlichen Trauerzug verkommen lassen würde – denn Francesca war unser Guide.
Kommt davon, wenn es sich um ein Motorrad handelt, das gezielt für den europäischen Markt entwickelt wurde und das verstärkt Einsteiger, junge Fahrer und – richtisch – Frauen ansprechen soll. Dann führt bei der int. Präsentation plötzlich eine Frau das Rudel der Tasten-Tarzans an. Nunmehr in der 3. Generation, war die ER-6n seit ihrer Einführung für Kawasaki ein echter Kassenschlager. Alleine in den 5 größten Märkten Europas konnten bis dato 60.000 Stück des quirligen Nakedbikes mit dem Reihenzweier an den Mann bzw. an die Frau gebracht werden. Wir befinden uns schließlich im großen Marktsegment des erweiterten Mittelfelds, wo sich neben Honda CBF 600, Suzuki Gladius und Yamaha XJ-6n auch größere Kaliber wie Triumph Street Triple, Ducati Monster 796 oder die hauseigene Z 750 tummeln.

60.000 Stück in den 5 stärksten Ländern.


Und gegen die gilt es , zu bestehen, denn auch die eben genannten tragen den Titel des Topsellers. Da kann man die Cashcow nicht einfach so jahrelang auf der Weide stehen lassen. Man muss sie auch hin und wieder in den Stall holen, sie aufputzen, herrichten und fit machen, damit sie auf der Weide wieder massenhaft bestiegen werden will. Genau das hat Kawasaki nach 3 Jahren wieder getan.
 

Kein Frauen- und Fahrschulmotorrad.


Optisch wurde an Maske, Tank, Heck, Sitz und an den Instrumenten gefeilt, technisch können wir auf einen breiteren Lenker, eine schlankere Taille, ein neues ABS von Bosch, einen neuen Rahmen mit neuer Schwinge und ein verbessertes Ansprechverhalten zurückgreifen, und akustisch sollten wir uns über ein verstärktes Ansauggeräusch freuen, wir  konnten es nur leider irgendwie nicht so ganz aussortieren. Aber egal, der 649 Kubik Reihenzweizylinder, der jetzt 72 PS bei 8.500 U/min. und 64 Nm bei  7.000 U/min. leistet, klingt auch so ganz gut, neues Verbindungsrohr hin oder her.  Ein dicker aufgepolsterter Sitz wirkt auf längeren Strecken als Backenschoner.

Um eines klar zu stellen: Die ER-6n ist kein FuFM, also kein Frauen und Fahrschulmotorrad. Das ist sie zwar auch, denn sie ist nicht nur äußerst hübsch, sondern auch einfach und unkompliziert zu fahren. Doch das bedeutet nicht, dass man nicht auch als fortgeschrittener bis sportlicher Fahrer viel Spaß mit der ER-6n haben kann.  Das 204 Kilo leichte Nakedbike beschleunigte auf der portugiesischen Autobahn problemlos auf 214 km/h Topspeed. Das GPS von Garmin bezeugte toleranzbereinigte 201 km/h. Die ER-6n geht also echt echte 201 km/h – und das bei einem völlig ruhigen, spurtreuen Fahrwerk . 


Keine Drehzahl-Hysterie und Gangwechsel-Stakkato.


Auf dem blau beleuchteten LCD Display werden neben Geschwindigkeit, Kilometerstand, Uhrzeit und zwei Tageskilometerzählern jetzt auch Reichweite, Momentan- und Durchschnittsverbrauch und ein entbehrliches ECO-Logo für sparsame Fahrweise angezeigt. (Das Logo verschwindet, wenn man kein Gas mehr gibt.) Eine schlankere Taille und ein breiterer Lenker haben das Handling weiter verbessert. Der neue Dunlop Roadsmart II lässt in Verbindung mit der Schräglagenfreiheit eine sehr sportliche Fahrweise zu und der Motor schiebt von unten heraus herrlich harmonisch und ohne Leistungsloch aus den Kurven heraus.  Keine Rede von Drehzahl-Hysterie und Gangwechsel-Stakkato.  Der Motor bleibt immer angenehm,  der 3. Gang deckt ein irrsinnig breites Spektrum ab, ist nicht nur einfach Zwischenstation.  Äußerlich wird diese Schärfe durch einen markanteren Schliff sichtbar. Maske, Tank, Schwinge, Heck und Instrumente wurden überarbeitet bzw. neu entwickelt.

Das gefällt auch der Francesca, die in ein hautenges Leder geschlüpft ist, dessen Rücken in schneller Schrift mit einem martialischen Schlachtnamen dekoriert wurde: Pispi oder Piepsi steht da drauf. Sie war also vermutlich schon mal auf der Rennstrecke, die kleine Maus. Ob sie da in der Anfängergruppe hinter leuchtgelben Säcken hinterherkrebst oder den routinierten Hobbyracern um die Ohren saust, konnte ich natürlich nicht feststellen. Tatsache ist, dass sie beim Leistungsgewicht die Spitznase vorn hat.

Von mild zu wild. Die Formensprache der ER-6n wurde schärfer, ernster und erwachsener.
  Drehzahlmesser ideal. LCD-Einheit trotz zahlreicher Informationen leider schlecht ablesbar.

Francesca hatte den Rattenschwanz im Nu abgetrennt.


Ich hab mich beim Abendessen nicht zurückgehalten und war noch nicht „auf Toilette“, wie der Deutsche zu sagen pflegt, also könnten inklusive Panier, Helm und Stiefel ohne Weiteres 80 Kilo auf der ER-6n Platz nehmen, bei ihr sind’s nicht viel über 50. Zu einem direkten Duell sollte es aber sowieso nicht kommen, denn nach einer Minute war Francesca, die uns ja eigentlich den Weg weisen sollte, bereits über alle Häuser.  Sie hatte sich elegant durch Autokolonnen und  Baustellen hindurchgeschlängelt und den Rattenschwanz an Journalisten im Nu abgetrennt.

Keine besondere Leistung, die schlanke ER-6n ist prädestiniert für derartige Manöver. Unglaublich, wie schmal man sich auf diesem Motorrad machen kann; beinahe Supermoto Niveau. Bis zum ersten Fotopoint hatten wir wieder aufgeschlossen und jetzt ließen wir sie nicht mehr entkommen. Sie fuhr fortan richtig zügig, wie das mit der ER-6n so wunderschön geht und einigen wurde es tatsächlich zu schnell. Da findet man sich plötzlich im Bermuda-Dreieck zwischen hartem Ankern, radikalem Einlenken und rücksichtslosem Einschenken wieder, während die Dame da vorne konstant am Seil hängt und ruhige, runde Radien zieht. Da wird's ein paar böse Überraschungen geben auf hiesigen Straßen, wenn der stille Killer angreift.

Ein derart stimmiges Paket mit so feinen Details gibt es zu dem Preis nirgendwo sonst. Die ER-6n wurde optisch und dynamisch wieder ein bisschen schärfer und macht mehr Spaß denn je.

Charakteristikum. Das dezentral montierte Federbein.
Neue Schwinge passend zum Rahmen.

Das Testvideo zur ER-6n

 


Technische Daten Kawasaki ER-6n
Motor Flüssigkeitsgekühler 2-Zylinder-Viertakt-Reihenmotor
Hubraum 648 ccm
Bohrung/Hub 83 x 60 mm
Leistung 53 kW {72.1 PS} / 8,500 U/min
Drehmoment 64 Nm {6.5 kgf.m} / 7,000 U/min
Rahmen Perimeter-Rahmen aus hochfestem Stahl
Fahrwerk vorne 41 mm Teleskopgabel
Fahrwerk hinten rechtseitig montiertes Monofederbein mit einstellbarer Federbasis
Reifen vorne 120/70ZR17M/C (58W)
Reifen hinten 160/60ZR17M/C (69W)
Bremse vorne Doppelscheibenbremse, Ø 300 mm, semischwimmend, Petal-Design, Doppelkolben-Schwimmsättel
Bremse hinten Scheibe, Ø 220 mm, Petal-Design, Einkolben-Schwimmsattel
Länge 2.110 mm
Radstand 1.410 mm
Sitzhöhe 805 mm
Tankinhalt 16 Liter
Gewicht 204 / 206 kg

Interessante Links:

Text: kot
Bilder: Kawasaki


 

Bericht vom 02.11.2011 | 90.915 Aufrufe

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