Die schönste Sackgasse der Pyrenäen
Eine Motorradtour von Barcelona bis tief in die Pyrenäen
Jährlich sind wir zum Saisonstart in Katalonien und dennoch habe ich bisher nur einen kleinen Teil der spanischen Provinz. Das soll sich nun ändern! Von Barcelona aus geht es durch die turbulente Geschichte, über sehenswerte Traumlandschaften, bis hin zu unvollendeten Straßen inmitten der Pyrenäen.
Jahr für Jahr sind wir in Barcelona. Jahr für Jahr verkürzen wir dort den Winter und genießen die herrlichen Strecken rund um Kataloniens Hauptstadt. Und Jahr für Jahr werden frühere Jahreshighlights irgendwann auch ein Stück weit zum Alltag. Genau deshalb wächst diesmal der Wunsch, nicht nur das Bekannte abzuspulen, sondern bewusst aus der Komfortzone auszubrechen. Eigentlich soll diese Tour sogar noch größer werden. Der ursprüngliche Plan lautet drei Länder, fünf Pässe, ein Tag. Frankreich und Andorra sollen mit hinein, dazu ein bisschen Pyrenäenluft und ein paar Pässe, die im März bei dem guten Wetter schon offen sein sollten. Doch dann kommt die Ernüchterung: Das Mietauto darf laut Bedingungen nicht ins Ausland. Frankreich und Andorra fallen also weg, noch bevor der Tag überhaupt richtig beginnt.
Doch genau an diesem Punkt kippt die Geschichte nicht ins Negative, sondern wird sogar besser. Statt an einem gescheiterten Masterplan festzuhalten, geht es einfach wieder nach Norden, diesmal mit Fokus auf Katalonien selbst. Wir starten bei Sonnenaufgang in der gerade aufwachenden Metropole Barcelona. Am Weg sollen uns bekannte, als auch unbekannte Highlights den Weg ins Hochgebirge versüßen. Katalonien hat sehr viel zu bieten, wie ich in den nächsten zwei Tagen erfahren werde!
Garraf zwischen Karstlandschaft, Geschichte und Mittelmeerblick
Der Garraf ist für uns längst vertrautes Terrain. In den letzten Wochen sind wir gefühlt jeden zweiten Tag hier oben unterwegs, und trotzdem verliert der südwestlich an Barcelona grenzende Nationalpark nichts von seinem Reiz. Gerade am Anfang der Tour ist es der perfekte Auftakt. Nach dem geschäftigen Barcelona öffnet sich die Landschaft, die Straßen ziehen sich durch die Hügel und der bekannte Rhythmus der ersten Kurven macht den Kopf frei für den Tag. Es ist ein vertrauter Einstieg, aber diesmal fühlt er sich anders an. Vielleicht gerade deshalb, weil hinter dem Garraf heute nicht einfach wieder irgendeine schöne Runde wartet, sondern eine Reise, die von Anfang an offen, improvisiert und neuartig wirkt.
Dabei ist der Garraf nicht nur wegen seiner Straßen so besonders, sondern auch wegen seiner Landschaft. Das Gebiet ist geprägt von einer trockenen, hellen Karstlandschaft mit schroffen Felsen, karger Vegetation und jenem typischen Kalksteincharakter, der dem Ganzen etwas Raues und gleichzeitig Mediterranes verleiht. Zwischen den Hügeln, Felswänden, Karsthöhlen und Ausblicken Richtung Meer entsteht ein ganz eigener Kontrast aus Küstennähe und wilder, beinahe spröder Gebirgsstimmung. Gerade das macht diesen Auftakt so stark. Der Garraf wirkt wie ein natürlicher Übergang zwischen Stadt und Reise. Im 16. Jahrhundert versteckten sich hier Piraten, heutzutage ist der Park für Wanderer und Motorradfahrer vor allem deshalb so reizvoll, weil sie in kurzer Distanz von der Metropole eine völlig andere Welt eröffnet. Auch ein paar legale Schotterstraßen und Wege warten hier darauf, den abenteuerlichen Biker zu erfreuen.
Montserrat, das spirituelle Zentrum Kataloniens am Drachenrücken
Die erste große Jausenpause führt zum Montserrat, und schon die Landschaft dort ist ein Ereignis für sich. Dieses markante Massiv sieht man fast von ganz Zentralkatalonien aus. Für uns ist es seit jeher der "Drachenrücken", weil die gezackten Formationen von der Seite aussehen wie die Rückenplatten eines schlafenden Monsters. Man könnte die Felstürme aber genauso gut als Finger bezeichnen. Genau das macht den Montserrat so faszinierend: Diese Felsformen wirken so eigenartig, so filigran und gleichzeitig so monumental, dass man fast automatisch wissen will, wie so etwas überhaupt entstehen kann. Die geologische Erklärung: Vor rund 50 Millionen Jahren mündet hier ein großer Fluss in ein Binnenmeer. Durch Wasserdruck und Bewegung werden Kiesel und Kalkschlamm wie eine Art Sedimentbeton zusammengepresst. Später hebt eine tektonische Veränderung, die auch die Pyrenäen aufwirft, dieses ehemalige Fluss- und Meeresgebiet an. Über Millionen Jahre spülen Wind und Regen die weicheren Sedimente zwischen den härteren Stücken heraus. Übrig bleiben genau jene steinernen Finger und Zacken, die den Montserrat heute so unverwechselbar machen.
Oben wartet dann das mächtige Kloster des Montserrat, das als spirituelles Zentrum Kataloniens gilt. Der Grund dafür ist nicht nur die spektakuläre Landschaft, sondern vor allem die turbulente Geschichte Kataloniens. Hier im Kloster ist die Schwarze Madonna beheimatet, La Moreneta, die Schutzpatronin Kataloniens. Diese Marienstatue, die angeblich im Jahr 880 von Hirtenkindern in einer Höhle gefunden wird, geleitet von himmlischen Lichtern, wurde über die Jahrhunderte durch Kerzenruß geschwärzt und so zur Schwarzen Madonna. Doch Montserrat ist nicht nur religiös bedeutend. Das Kloster wird im Lauf der Geschichte zu einem Rückzugsort für katalanische Kultur und Identität, die im Laufe der Jahrhundert immer wieder verfolgt wird. Die Katalanen befinden sich regelmäßig im Widerstand, sei es gegen die spanischen Herrscher, oder auch die Franzosen. Nach einem gnadenlosen Guerrilla-Krieg gegen die einfallenden Heere Napoleons wird das Kloster 1811 aus Rache von den Franzosen niedergebrannt. Deshalb wirkt die Architektur heute auch vergleichsweise modern, weil das Kloster im 19. und 20. Jahrhundert wieder aufgebaut wurde. Selbst unter der Franco-Diktatur spielt Montserrat eine besondere Rolle, weil hier im Verborgenen Bücher gedruckt und Sprache und Kultur am Leben gehalten werden. Genau deshalb heißt es bis heute, man sei kein echter Katalane, der nicht wenigstens einmal am Montserrat war.
Cardona, die Unbezwingbare, und ein Stück österreichische Geschichte
Auf den geschwungenen Landstraßen entlang des Montserrat-Massivs geht es weiter zum nächsten Stopp: Die unbezwingbare Festung Kataloniens. Neben dem malerischen Städtchen thront die Festung von Cardona, und die hat nicht nur optisch, sondern auch geschichtlich enorm viel Gewicht. Sie steht dort seit dem 12. Jahrhundert, spielt aber vor allem im Spanischen Erbfolgekrieg eine wichtige Rolle. Nach dem Ende der spanischen Habsburger-Linie bricht der Kampf um die spanische Krone zwischen Habsburgern und den in Frankreich herrschenden Bourbonen aus. Ganz Katalonien fällt nach und nach an die Franzosen, nur Barcelona und Cardona halten sich noch. Barcelona ist bereits eingekesselt, also wird Cardona zum Hauptquartier des katalanischen Widerstands.
Für uns als Österreicher wird diese Geschichte noch einmal interessanter, weil die Katalanen damals die Habsburger unterstützen. Sie fürchten den französischen Absolutismus und hoffen unter den Habsburgern auf den Erhalt ihrer eigenen Kultur, Sprache und Gesetze. Cardona wird so zum Symbol dieses Widerstands. Militärisch wird die Burg nie erobert. Erst als Barcelona am 11. September 1714 fällt und klar ist, dass der Krieg verloren ist, hisst auch der Kommandant von Cardona eine Woche später die weiße Flagge. Der Grund für diese Wehrhaftigkeit liegt direkt vor Augen. Die Festung wird im 17. und 18. Jahrhundert modernisiert, mit sternförmigen Bastionen weit vor der Hauptburg, mit mehreren Mauerringen, Gräben und der Lage auf einem kegelförmigen Berg. Genau deshalb ist Cardona für Angreifer fast uneinnehmbar. Vom alten Waffenturm aus reicht der Blick bis zu den folgenden Tageszielen: erst ein verwünschter Felsen, dann die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen dahinter.
Col de Port Gósol und Picassos kubistische Eingebung
Mit dem Col de Port wird aus der Katalonien-Tour endgültig eine Pyrenäen-Reise. Laut Calimoto liegt der Pass auf 1.725 Metern Seehöhe, und man spürt hier deutlich, dass die Vorpyrenäen langsam hinter einem bleiben. Jetzt beginnt der Weg in die echten Berge. Gleichzeitig kündigt sich schon die nächste besondere Strecke an, doch vorher wartet noch Gósol. Dieses kleine Bergdorf liegt eigentlich eher zufällig am Weg. Die Natursteinfassaden passen perfekt in diese raue Umgebung, und dann kommt der nächste Fun Fact.
Denn Gósol soll eine kleine Rolle in der Kunstgeschichte gespielt haben. Picasso kommt damals aus Paris hierher, begleitet von seiner Geliebten und auf der Suche nach neuer Inspiration. Inmitten der rauen, schneebedeckten Felsspitzen der Pyrenäen, der kantigen Häuser und der von Wetter und Leben gezeichneten Gesichter der Bergbewohner findet er jene Eingebung, die ihn einen neuen Stil entwickeln lässt - der abstrakte Kubismus, für den Picasso heute bekannt ist. Man fährt also nicht einfach durch irgendein schönes Bergdorf, sondern durch einen Ort, an dem plötzlich Weltgeschichte und Gebirgslandschaft aufeinanderprallen. Gósol wirkt dadurch nicht nur hübsch, sondern plötzlich bedeutungsvoll.
Die B400 als Geheimtipp mitten in den Pyrenäen
Nach Gósol folgt mit der B400 wieder ein Motorrad-fokussiertes Highlight. Sie liegt nördlich von Berga in einem kleinen Tal, das verschiedene Pässe und weitere Täler mitten in den Pyrenäen miteinander verbindet. Und genau dort liegt ihre Qualität. Die B400 bietet lange Radien, Asphalt in relativ gutem Zustand und vor allem eine griffige Oberfläche. Gerade nach den stellenweise bescheideneren Asphaltzuständen der bisherigen Pässe wirkt das wie ein Geschenk. Gleichzeitig liegt diese Straße abgelegen und zieht sich durch eine spektakuläre Berglandschaft. Man hat nicht das Gefühl, eine berühmte Panoramastraße abzuhaken, sondern eine Strecke zu entdecken, die gerade wegen ihrer Abgeschiedenheit so stark ist.
Pedraforca, zwischen Dämonensage und Geologie
Kurz vor dem großen Finale taucht dann noch der Pedraforca auf, und an diesem Berg kann man unmöglich vorbeifahren. Das markante Massiv begleitet die Strecke eigentlich schon seit Gósol, ist aber oft zu nah oder zu hoch, um wirklich als Ganzes sichtbar zu werden. Pedraforca bedeutet auf Katalanisch Steingabel, aus offensichtlichen Gründen. Dazu kommt eine passende Legende: In einer Sturmnacht kämpfen Dämonen und Engel gegeneinander. Der Teufel will den Berg als Waffe einsetzen, woraufhin Gott ihn mit seinem Zorn spaltet. So erklärt sich erzählerisch die markante Zweiteilung des Berges.
Die geologische Erklärung ist etwas nüchterner, aber auch faszinierend. Die beiden Gipfel, der eine knapp über, der andere knapp unter 2.500 Meter hoch, bestehen aus extrem hartem Kalkstein. Dazwischen lagen weichere Schichten aus Mergel und Tonstein, die im Lauf der Jahrmillionen herausgespült wurden. Genau dadurch entstand die charakteristische Form. Der Pedraforca ist damit nicht nur ein schöner Berg, sondern ein Paradebeispiel dafür, wie Sage und Geologie an einem Ort gleichzeitig funktionieren können. Und er liegt noch dazu sehr nah am endgültigen Ziel. Die Sonne sinkt langsam hinter die Gipfel, und damit ist klar: Das große Finale wartet.
Coll de Pal, die Straße ins Nichts
Am Fuß des Coll de Pal bekommt die Tour genau jene Zuspitzung, die sie bis dahin zwar immer wieder andeutet, aber noch nicht ganz einlöst. Vieles auf dieser Reise ist wunderschön, aber nicht wirklich überraschend. Der Garraf ist erwartbar schön, Montserrat eindrucksvoll, Cardona für mich als Mittelalterfan ein vorprogrammiertes Highlight und dass Spanien gute Motorradstrecken bietet, ist auch keine neue Erkenntnis. Was zu einem Abenteuer aber dazugehört, ist dieser Stich ins Unbekannte. Und genau der beginnt hier. Letztes Jahr überquerte ich mit Kollegen Schaaf und Ducati Multistradas in einem fiesen Schneesturm das Molina Gebirgsmassiv über den gut 1.800 m hohen Coll de la Creueta. Dieser Pass hat aber noch einen großen Bruder, bzw. Halbbruder, den Coll de Pal.
Seine Geschichte macht ihn so spannend. In den 1970er-Jahren, am Ende der Franco-Ära, soll hier ein ehrgeiziges Straßenprojekt entstehen. Von Berga aus soll eine Passstraße hinauf zum La-Molina-Skigebiet und weiter Richtung Frankreich führen. Das Ganze ist ambitioniert, gilt als technologisches Vorzeigewerk, und soll sich bis auf 2.106 Meter hochschlängeln. Doch dann funkt die Realität dazwischen. Der Cadí-Tunnel wird gebaut und erweist sich als wetterfester und wirtschaftlicher. Dazu kommen Naturschutzinteressen und Geldprobleme. Also wird der Bau des Passes genau auf der Passhöhe abgebrochen. Genau das macht ihn heute so besonders. Er ist ein halbfertiger, nie vollendeter Pass, noch befahrbar und dadurch ein echtes Erlebnis.
Die Auffahrt selbst beginnt fast ein wenig zu flach und harmlos. Doch dann kippt das Bild komplett. Der Pass wird exponiert, schroff und spektakulär. Kaum Verkehr, vielleicht drei Autos bei der ganzen Auffahrt, dazu extrem guter Asphalt und wunderschön geschwungene Kurven. Oben endet die Straße abrupt, mitten zwischen den Schneewänden am Rand des Schigebiets. Laut Display hat es 6°C, eigentlich sensationell für März in den Pyrenäen, und die Aussicht ist, im Gegensatz zum verschneiten Finale des letztjährigen Abenteuers, phänomenal. Andorra liegt leicht verdeckt links hinter dem Berg, das Bergmassiv direkt dahinter liegt schon zur Gänze in Frankreich. Damit haben wir das ursprünglich geplante Ziel vielleicht nicht ganz erreicht und gleichzeitig doch fast berührt. Genau das macht dieses Ende so gelungen. Nicht als große Härteprüfung, sondern als kleines, vollkommen aufgegangenes Abenteuer.
Fazit zur Katalonien Tour - Katalonien ist so viel mehr als nur Barcelona!
Katalonien zeigt auf dieser Tour eindrucksvoll, wie viel mehr diese Region zu bieten hat als nur ihr weltbekanntes Aushängeschild Barcelona. Die Hauptstadt kennt jeder, und sie platzt längst aus allen Nähten vor Touristen. Doch kaum jemand denkt daran, einfach ein Stück weiterzufahren. Genau dort beginnt der eigentliche Reiz der kulturell selsbständigen Provinz Spaniens. Zwischen Garraf, Montserrat, Cardona, Gósol und den Pyrenäen entfaltet sich eine erstaunliche Vielfalt aus Küstenlandschaft, Klöstern, Burgen, Bergdörfern, Pässen und schroffen Felsmassiven. Das echte Katalonien ist nicht nur Kulisse für einen Städtetrip, sondern ein eigenständiges, unglaublich abwechslungsreiches Reiseziel. Wer Barcelona als Ausgangspunkt nimmt und sich auf den Rest der Region einlässt, entdeckt eine Motorradtour, die landschaftlich, kulturell und fahrerisch weit mehr bietet, als man auf den ersten Blick vermutet.
Bericht vom 04.06.2026 | 5.791 Aufrufe