Reality Check mit der KTM 990 Duke

Die quirlige Herzogin unterwegs im Alltag und Winkelwerk

Die Reihenzweier-Dukes stehen seit ihrer Entstehung für maximalen Fahrspaß auf der Landstraße. Kein Wunder also, dass unser flottes Kamerakind Schaaf ganz besonders großes Interesse an der österreichischen Nackten zeigt. Das frühlingshafte Katalonien bot ihm nun das perfekte Testumfeld, um herauszufinden, ob die Duke in dritter Generation immer noch ein echter Spaßbringer ist!

Das 1000PS Winterquartier im Raum Barcelona hat mir zu Saisonbeginn die Möglichkeit gegeben, die neue Duke in den unterschiedlichsten Szenarien auszuprobieren. Dieser Bericht behandelt somit nicht nur die wilde Kurvenhatz, sondern gleichzeitig auch die orangene Darbietung im Motorrad-Alltagsleben. Speziell diese trägt im Übrigen zu einem überwiegend positiven Gesamteindruck der KTM bei. Im Winkelwerk nämlich muss man mit einer beachtlichen Einschränkung zurecht kommen, über welche der Schlussteil dieses Testberichts aufklären wird.

Große Fortschritte in zwei Bereichen

Das Vorgängermodell, die 890 Duke, war ein durchaus tauglicher Begleiter fürs Alltagsleben. Dies gilt erfreulicherweise auch für die neueste Variante mit vergrößertem Hubraum, die 990 macht ihre Sache sogar noch besser. Besonders positiv im Vergleich zwischen neu und alt wird ab sofort auch in den Bereichen Fahrwerk und Getriebe abgeliefert. Die Performance in den übrigen Kapiteln des Alltags-Einmaleins wurde ja auch schon von der 890 sehr souverän dargeboten.

Sitzposition und Motor im Alltag

Das Aufsitzen beschert den ersten Grund zur Freude, die Sitzposition ist Duke-würdig aufrecht mit gut verträglichem Kniewinkel. Immer noch, denn im Vergleich mit der Alten bekommt man im Sattel jetzt etwas mehr Vorderradorientierung serviert. Aber eben nicht so viel, als dass die Handgelenke auf Dauer eine zu hohe Last abbekommen würden. Mühelos dirigiert man die Duke durch den Stadtverkehr, der Lenker ist genau richtig dimensioniert und die Gasannahme makellos. Weniger feinfühlige Piloten sollten im urbanen Bereich jedoch definitiv auf den Sportmodus verzichten, der Reihentwin liefert unfassbar viel Drehmoment aus dem Keller. Das heißt, mit sehr wenig Drehung am Gas wird enormer Vortrieb geliefert. Im Street- und noch viel mehr im Rain-Modus werden aber auch echte Grobmotoriker damit zurecht kommen. Mattighofen ist in Sachen Elektronik und Abstimmung wirklich begabt und erfahren, was auch die 990 Duke eindrucksvoll unter Beweis stellt.

KTM 990 Duke vor spanischer Ruine
Im ordinären Alltagsleben beeindruckt die Duke mit echter Umgänglichkeit.

Das Fahrwerk der KTM 990 Duke

Die Kupplung ist leichtgängig und ebenso fein zu dosieren, unangenehme Hitzeabstrahlung seitens des Motors tritt bei Temperaturen um die 20 Grad Celsius keine auf. Der größte Sprung nach oben wurde im Bereich Fahrwerk absolviert. Die Gabel ist voll verstellbar, das Federbein in Vorspannung und Zugstufe. Beide Komponenten liefern voll ab, endlich auch im Alltag. Das Ansprechverhalten ist nun sensibel genug, um aus Fahrten über Kanaldeckel und Co keine Peinigung mehr zu machen. Schläge werden im Sattel der 990 Duke zufriedenstellend gedämpft, selbst in Verbindung mit dem durchaus sportlich gepolsterten Sattel.

990 Duke mit knackigem Getriebe

Schon die Vorgängerin verfügte über ein Getriebe, welches tadellos funktioniert hat, vor allem in Verbindung mit dem Quickshifter. Dieser ist auch in der 990 ein wahrer Quell der Freude, er funktioniert makellos, und zwar in jeglicher Drehzahl und Gasstellung. Was neu ist, das ist das Gefühl am Schalthebel. Während mich das klapprige und filigrane Gefühl bei allen 890 Modellen genervt hat, sind die nun kurzen Schaltwege inklusive knackiger Rückmeldung am Fuß eine absolute Wohltat. So macht Schalten Spaß! Dieses Motto ist übrigens auch beim Rangieren gültig, das niedrige Gewicht der KTM macht dort sehr positiv auf sich aufmerksam.

KTM 990 Duke in Action mit neuer Lichtmaske
Über die neue Optik wird noch immer heiß diskutiert!

Verbrauch und Vibrationen der KTM 990 Duke

Auch vor längeren Autobahnetappen oder zähen Verbindungsstücken auf dem Weg hin zu den Kurven muss man sich nicht fürchten. Spürbare Vibrationen in den Händen machen sich erst bei sehr deutschen Geschwindigkeiten bemerkbar, darunter wird man nie unangenehm gekitzelt, auch in den Füßen nicht. In Sachen Verbrauch ist die Duke ebenso brav, die von KTM angegebenen 4.7l / 100km sind durchaus realistisch.

Kurvige Landstraßen werden zum Heimspiel

Im Winkelwerk angekommen fühlt die Duke sich selbstverständlich richtig wohl, trotz fehlerfreier Alltagsperformance wird einem hier sofort klar, dass dieses Motorrad in erster Linie für die rasante Fortbewegung gebaut wird. Ganz besonders motivierend wirkt der Motor, ein wahrhaftig drehfreudiger Geselle, der einen bis zum Begrenzer antreibt. Das früh massig verfügbare Drehmoment erlaubt auch frühes Hochschalten, nachdem der Duke aber übers gesamte Drehzahlband nie die Luft ausgeht, zaubern einem auch die richtig hohen Touren ein breites Grinsen ins Gesicht. Im Scheitel wird das Gas völlig ruckfrei angelegt, die Duke katapultiert einen aus dem Kurvenausgang hinaus, der knackige Quickshifter quittiert den Gangwechsel nach oben mit einem satten Knall.

Sportliches Fahren mit der KTM 990 Duke

Das gut ansprechende Fahrwerk liefert KTM-typisch jede Menge Stabilität. Die Geometrie mit ausreichend Bewegungsfreiheit im Sattel erlaubt Hang-Off, auch ungestümes Herumturnen auf der Maschine bringt sie in keinster Weise aus der Ruhe. Die immer noch verhältnismäßig aufrechte Sitzposition behindert das einwandfreie Vorderradgefühl ein wenig, spendet aber immer noch ausreichend Vertrauen für das wirklich zügige Landstraßentempo. Trotz großer Stabilität braucht es kaum Kraft für den Lenkimpuls, die 990 Duke legt sich extrem willig in Schräglage und verhält sich in dieser auch völlig neutral. Dies wird noch zusätzlich von den neuen, von uns aufgezogenen Michelin Power 6 Sportreifen verstärkt. Ganz ehrlich, bis zur Bremszone fällt mir kein Motorrad aus dem Pool der direkten Konkurrenz ein, welches im Kurvengeläuf ähnlich viel Spaß bereitet.

Hangoff mit der KTM 990 Duke
Flotte Fortbewegung bereitet immer noch unglaublich viel Spaß - egal ob neutral, drückend oder hängend!

Die Bremse der KTM 990 Duke

Vor dem nächsten Abbieger jedoch stellt sich schließlich eine etwas überraschende Ernüchterung ein, die Vorderradbremse kann dort nämlich leider nicht überzeugen. Die Bremskraft selbst ist ausreichend, zumindest so lange genug Weg am Hebel vorhanden ist. Die Dosierbarkeit jedoch stellt durchschnittliche Piloten wie mich allerdings vor echte Herausforderungen. Am Hebel spürt man zunächst undefinierbaren Leerweg, welcher dann sehr plötzlich und unverhofft in Bremsleistung überspringt. Das heißt, so etwas wie Progression wird die rechte Hand des Piloten kaum in Erfahrung bringen können. Zusätzlich wird der rabiate Druckpunkt unter Dauerbelastung dann auch noch zum Wandernden. Und zwar soweit, dass ich meine flotte Fahrerei nach weniger als zehn Minuten beenden musste. Ein Racer, der mit vier Fingern bremst, hätte noch etwas mehr Weg am Hebel übrig gehabt, ein Straßenfahrer wie ich musste am Ende die Finger rechts dann schon etwas einzwicken. Es bleibt zu hoffen, dass hier, beispielsweise mit anderen Bremsbelägen, nachgebessert werden kann.

Vorderradbremse der KTM 990 Duke
Dieses Bild zeigt den größten Schwachpunkt der KTM 990 Duke. Der Reifen ist damit nicht gemeint.

Fazit: KTM 990 Duke

Die neue KTM 990 Duke bietet eine grandiose Leistung, sowohl im entspannten Alltag, als auch auf der kurvigen Landstraße. Daher schmerzt die Sache mit der enttäuschenden Bremsleistung hier ganz besonders. Denn in Sachen Straßen-Spaßfaktor bleibt die KTM in der gehobenen Mittelklasse meiner Meinung nach so gut wie unangefochten. Selbst der zu hohe Preis, wenn man sie mit der Konkurrenz vergleicht, ist für mich kein Ausschlusskriterium. Laut mir gibt es in diesem Segment kein anderes Motorrad, das so dermaßen spritzig ans Werk geht, welches Stabilität und Handlichkeit so großartig vereint und dabei auch noch ein so hohes Maß an Alltagstauglichkeit bietet. Eine moderne KTM Duke mit zwei Zylindern ist schlicht und ergreifend ein einzigartiges Motorrad.


  • Spritziger und druckvoller Motor mit Manieren
  • Angenehme Sitzposition
  • Spielerisches Handling
  • Hohe Stabilität
  • Exzellenter Quickshifter mit knackigem Getriebe
  • Bremse muss nachgebessert werden
  • Preis zu hoch

Bericht vom 18.04.2024 | 11.875 Aufrufe

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