Kymco CV3 - So schlägt sich der Dreiradroller im Alltagstest

Der Dreiradroller von Kymco im ersten Test.

Der erste Dreiradroller von Kymco kommt mit einem Novum in der Klasse: einem Zweizylinder. Wie sich der maskuline Dreiradler fährt, lest ihr hier.

Die Meinungen über Dreiradroller klaffen doch auseinander. Puristen und Traditionalisten sagen, dass drei Räder auf einem Roller oder gar einem Motorrad nichts verloren haben. Andere sehen in dem Konzept mehr Vor- als Nachteile. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Optisch sind Dreiradler noch immer gewöhnungsbedürftig und ziehen entsprechend viele Blicke auf der Straße auf sich. Doch im Alltag sind zwei Vorderräder in Sachen Fahrsicherheit ein großes Plus. Der Kymco CV3 steigt also in den Ring gegen einen Piaggo MP3 oder einen Peugeot Metropolis. Eines vorweg: Verstecken braucht sich der stolze Taiwanese keinesfalls.

Kymco CV3 – Mit kultiviertem Zweizylindermotor

Zwar sticht beim Kymco CV3 die Vorderradaufhängung als erstes in Auge, aber das Herz bleibt der Motor. Und der ist neu in der Klasse: Der Reihen-Zweizylinder mit Hubzapfenversatz produziert aus exakt 550 Kubikzentimeter Hubraum drehfreudige 51 PS (37,5 kW) sowie 52 Newtonmeter maximales Drehmoment. Im Regenmodus fällt die Leistung auf 34 PS (25 kW) und 47 Nm Drehmoment. Wer zu Wild am Gasgriff dreht, der wird von einer Antischlupfregelung (ETC) eingebremst. Im Test spürten wir davon nie etwas, offensichtlich waren wir zu zahm am Gas oder die Reifen hatten stets ausreichend Haftung. Geschalten muss nicht werden, typisch Roller werkt im Kymco CV3 eine stufenlose Variomatik mit Fliehkraftkupplung, man muss nur Gas geben und Bremsen - that's it. Ein anderes Novum ist, dass der CV3 auf die übliche Triebsatzschwinge verzichtet und wie ein echtes Motorrad, eine klassische Zweiarmschwinge besitzt und der Endantrieb über einen offenen, wartungsfreien Zahnriemen funktioniert. Man könnte also sagen: Das Antriebskonzept im Kymco CV3 ist eine praktische Kombination aus Roller- und Motorradmechanik. Auffällig ist die Laufruhe des Zweizylinders sowie dessen sehr harmonische, drehfreudige und stets berechenbare Leistungsabgabe. Natürlich gibt es beim Anfahren und beim ganz harten Durchbeschleunigen die minimale, Variomatik-typische Verzögerung, aber ob der vielen Leistungen geht es im Sattel immer stramm vorwärts. Bis knapp über Tacho 160 km/h drückt der Dreiradler an, dann ist Schluss. Genug, um auch auf der Autobahn entsprechend vollstrecken zu können, wer muss oder möchte. Der Sound ist auch untypisch für einen Roller, da durch den Zweizylinder mit Hubzapfenversatz ein gewisser V2-Sound produziert wird, der durchaus einen sportlich-kernigen Charakter hat. Nie laut, aber präsent. Den Verbrauch konnten wir ob des kurzen Testeinsatzes nicht alltagsgerecht ermitteln. In unserem Testzeitraum darf man ihn als normal bzw. unauffällig bezeichnen.

Kymco CV3 – Ein anderes Fahrerlebnis

Okay, kommen wir zu des Pudels Kern: Wie fährt sich der Dreirad-Roller von Kymco? Nun, deutlich ausgewogener als gedacht. Typischerweise sind Dreiradroller eher kopflastig, womit eine gewisse Behäbigkeit vorprogrammiert scheint. Doch der CV3 kaschiert das überraschend gut. Die unbestechliche 1000PS-Viehwaage hat den fahrfertig und randvollen CV3 ein Lebendgewicht von exakt 280 Kilogramm attestiert - zwei Kilo unter der Werksangabe. Beim Schieben, Rangieren oder Aufbocken merkt man das Gewicht. Für zarte Damen oder kleingewachsene Personen stellt der CV3 nicht nur ob seines Gewichts, sondern auch ob des großen Schrittbogens (Sitzhöhe 795 mm) eine Herausforderung dar. Doch einmal in Bewegung, spürt man das Gewicht nicht mehr so deutlich. Natürlich ist der Kymco CV3 weniger agil als sein Konzernbruder mit gleichem Motor der AK550i, da er sowohl ein Rad als auch 40 Kilogramm mehr ums Eck werfen muss. Aber wenn man sich einmal darauf eingestellt hat, dass man naturgemäß nicht ganz so frech und ungeniert durch den Stadtverkehr manövrieren kann, dann weiß man alsbald die Vorteile der drei Räder auszukosten. Denn wo bei einem Zweiradroller immer Vorsicht geboten ist, beispielsweise feuchtes Kopfsteinpflaster, Straßenbahnschienen oder generell heikle Untergründe, kann mit dem Dreiradler selbstbewusst und flott ins Eck gestochen werden. Ganz schnell verschiebt sich die innere Griphürde beim Kurvencruisen nach oben, denn einmal die gewünschte Linie angepeilt, fräst der Kymco CV3 dieser spurstabil nach. Da wackelt nix, da rutscht nix, da wird einfach umgelegt und fertig - bis ca. 40 Grad Schräglage. Dann beginnt der Hauptständer dezent am Asphalt zu kratzen. Die Kollegen meinten zwar, ihnen würde das Vorderradgefühl wie bei allen Dreirädern fehlen, aber ich kann das nicht nachvollziehen. Vielleicht auch, weil der Kopf mir sagt: Das muss eh immer Haftung haben, also geht auch alles, was man mit etwas eingeschaltetem Gehirn nur vorhaben kann. Für die Vorderradführung setzt Kymco auf ein Doppelrohrsystem pro Rad (genannt Kymco Advance Leaning Suspension, kurz KALS), also praktisch vier Gabelholme statt zwei. Das System ähnelt jenem der Yamaha Niken. An der Front kommen zwei 13-Zoll-Räder zum Einsatz, im Heck ein 15-Zoll-Rad mit 160er Hinterreifen. Um es abzukürzen: Das Fahrverhalten gibt keine Rätsel auf und ist auch nicht wirklich so viel anders als am Zweiradroller, nur weniger agil dafür auch bei hohen Tempi entsprechend stabiler.

Kymco CV3 mit drei Bremsen

Spannende Randnotiz: Den Kymco CV3 kann man auch mit Pkw-Führerschein fahren, weil er durch seine drei Räder und die Fußbremse auch von Autofahrern sicher bewegt werden kann. Und genau diese erwähnte Fußbremse ist ein cooles Feature: Während rechts die Vorderradbremse per Hand bedient wird und links die Hinterradbremse, wie bei jedem Roller, gibt es rechts am Trittbrett noch das Fußbremspedal. Und wenn man dieses kräftigt betätigt, dann bremst der CV3 so radikal ab, als würde man den sprichwörtlichen Anker werfen. Gefühlt binnen drei Metern steht der Roller, immer. Etwas Gewöhnung braucht das Fußpedal schon, da es zuerst sehr sanft bremst und dann deutlich strammer bei höherem Druck und Weg. Gegen das Blockieren arbeitet das serienmäßige ABS. Die normalen Handbremsen sind in Sachen Dosierung und Bremswirkung unauffällig und zuverlässig. Deren Charakteristik könnte man auch als grundsolide bezeichnen.

Test Kymco CV3
Schade: Das Helmfach unter dem Fahrersitz hätte ruhig größer ausfallen können.

Viel Ausstattung und Komfort am Kymco CV3

Hat man den hohen Durchstieg und großen Schrittbogen einmal gemeistert, sitzt es sich richtig bequem am CV3. Der Fahrer hat eine verstellbare kleine Rückenlehne, die vom Sozius ist fest. Unter dem Fahrersitz lässt sich mit einem Knopfdruck das Schluss zum Helmfach und Tankeinfüllstutzen entriegeln, allerdings springt die Bank dabei nicht automatisch nach oben, sondern der Nutzer muss gleichzeitig mit dem Knopfdruck die Sitzbank anheben. Das ist schnell angeeignet, aber nicht 100 Prozent selbsterklärend. Das Fach selbst lässt maximal Platz für einen Integralhelm (kompakter Bauweise zu) und ist ob der Größe des Rollers eher klein Dimensioniert. Ein Schuberth C5 Klapphelm war darin nicht unterzubringen. Den Soziussitz kann man ebenfalls abnehmen, darunter befindet sich aber kein extra Schaufach mehr. Optional lässt sich noch Platz mittels Seitenkoffern und einem Topcase schaffen, mit bis zu 47 Liter Ladevolumen. Nettes Gimmick serienmäßig: Die Reifendruck-Kontrollanzeige für alle drei Räder. Dazu kommen noch Tempomat, Heizgriffe, komplettes LED-Licht und das Kymco Noodoe Connectivity-System, welches in das TFT-Display komplett integriert ist. Übrigens: Der Kymco CV3 hat ein Keyless-System, was gerade im Stadtverkehr beim schnellen Einkaufsstopp richtig praktisch ist. Beim Ampelstopp lässt sich die Vorderachse mittel Knopfdruck bequem sperren womit ein Umfallen des Rollers praktisch verhindert wird. Und eine Feststellbremse, die auf der linken Lenkerhälfte sitzt, gibt es auch noch. Sogar das Windschild ist für besseren Windschutz mechanisch mittels Schrauben in der Höhe verstellbar. Kurz: Die Ausstattung am Kymco CV3 ist üppig.

Preis Kymco CV3

In Deutschland kostet der Kymco CV3 aktuell 13.599 Euro plus 350 Euro Überführungskosten. Es gibt es in den Farben Grün und Mattschwarz. Die Preise für Österreich und Schweiz standen zum Veröffentlichungsdatum noch nicht fest (und werden nachgereicht).

Fazit: Kymco CV3 550i ABS 2023

Der Kymco CV3 bietet alles, was ein moderne Dreirad-Roller im Maxi-Segment bieten muss: Ein gutes Fahrverhalten, einen kräftigen Motor, viel Ausstattung und Komfort sowie eine sportliche, maskuline Optik. Sein Trumpf ist der kultivierte Zweizylinder, der aus dem Roller einen praktischen Begleiter mit stellenweise echter Motorradperformance macht. Der Preis konnte jedoch für den einen oder anderen CV3-Interessenten eine knackige Hürde werden.


  • viel mehr Grip am Vorderrad als ein normaler Roller
  • toller Motor
  • coole Optik
  • gute Ausstattung
  • solide Bedienung
  • wenig Stauraum
  • hoher Durchstieg, großer Schrittbogen

Bericht vom 20.04.2023 | 47.455 Aufrufe

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