CFMOTO 300CL-X 2023 im Test

Günstiger Einstieg in die Neo-Retro Welt

Das südspanische Hinterland bot Gelegenheit die kleine Einzylinderschwester der CFMOTO 700CL-X im Stadtbetrieb, auf der Landstraße und sogar auf der Autobahn zu testen.

Eine große Schwester als Grund zur Freude

Jüngere Geschwister haben es nicht immer leicht im Leben. Sie sind nicht nur durch die schiere physische Überlegenheit des oder der großen Blutsverwandten bedroht. Auch diverse Vorurteile, die sich aufgrund der Verhaltensweisen der Älteren gebildet haben, kleben zum Teil jahrelang an den jüngeren Nachkommen. So war der ein oder andere Nachname bei uns am Gymnasium definitiv eher Fluch als Segen.

Die CFMOTO 300CL-X hat allerdings das Glück, dass ihre große Schwester die CFMOTO 700CL-X in unseren bisherigen Tests durchwegs zufriedenstellend abgeschnitten hat. Aber auch dieser Umstand schürt eine gewisse Erwartungshaltung der kleinen Scrambler gegenüber. Kann die 300CL-X diese erfüllen?

Ein bekannter Eintopf als Herzstück der CFMOTO 300CL-X

Der Motor ist uns nicht fremd. Wir haben ihn schon 2022 in der supersportlichen [CFMOTO SR300 am Pannoniaring (https://www.youtube.com/watch?v=wjuKrEmxsvs) getestet. Der flüssigkeitsgekühlte 292 cm³ große Einzylinder-Motor leistet 28 PS bei 8.750 Touren und 25 Nm bei 7.000 U/Min. Mit diesen Werten ist man selbst am A2-Stammtisch nicht wirklich vorne dabei. Hat man sich aber erst einmal an die (fehlende) Performance des luftgekühlten Motörchens gewöhnt, lässt sich der Alltag ganz gut damit bestreiten.

Zu Gute kommt der 300CL-X das eng abgestufte 6-Gang-Getriebe und die kurze Übersetzung. Will man flott(er) unterwegs sein, sollte man das etwas hakelige Getriebe oft nutzen. Schaltfaules Fahren bestraft der 300er mit stark ausgeprägter Trägheit und selbst bei Vollgas nur minimaler Geschwindigkeitszunahme.

Handlich dank geringem Gewicht und 17 Zoll Vorderrad

Ist die kleine CFMOTO einmal in Schwung gekommen, macht das Kurvenwedeln auf den sich windenden Straßen Südspaniens durchaus Laune. Daran ist zum einen das niedrige Gewicht von 155 kg beteiligt, zum anderen setzt die 300CL-X im Unterschied zu ihrer großen Schwester auf ein 17 Zoll Vorderrad. In Kombination mit den klassentypischen Reifendimensionen von 110/70/17 vorne und 150/60/17 hinten ergibt sich eine überzeugende Vorstellung im Winkelwerk, ohne dass der 150er Patschen vorm Eiscafe eine zu schwachbrüstige Figur abgibt.

Fahrwerksseitig setzt man beim kleinen Retro-Scrambler auf eine 37 mm USD-Gabel und ein zentral angebrachtes Monofederbein ohne Einstellmöglichkeiten. Während die Gabel 125 mm Federweg bietet, sind es im Heck 140 mm. Die Ausrichtung des Grund-Setups des Fahrwerks ist eindeutig auf Komfort getrimmt, was gut zur 300er passt. Allzu viel Federungs- und Dämpfungsleistung darf man sich in dieser Klasse natürlich nicht erwarten. So geschieht es schon einmal, dass die Bandscheiben beim zu forschen Überfahren eines Geschwindigkeitsschwellers über dessen Beschaffenheit nicht im Unklaren gelassen werden.

Ausreichende Verzögerung, nicht mehr, aber auch nicht weniger darf man sich von der Bremsanlage der CFMOTO erwarten. An der Front arbeitet eine 292 mm Bremsscheibe mit Vierkolben-Bremszange, während im Heck ein 220 mm Scheibe mit Einkolben-Bremszange am Werk ist. ABS ist logischerweise Serie, man muss allerdings schon unwirsch am Hebel ziehen bzw. auf selbigen steigen, um den Blockierverhinderer in den Regelbereich zu bringen. Insbesondere für Einsteiger, auf den die CFMOTO 300CL-X unter anderem abzielt, ist es dennoch beruhigend zu wissen, dass man dieses Sicherheitsfeature an Board hat.

Die interessante Sitzposition der CFMOTO 300CL-X gibt Rätsel auf

Nach dem Aufsteigen und vor allem nach dem Losfahren fällt auf: Die Sitzposition auf der 300CL-X ist ungewohnt. Natürlich ist dieses Motorrad nicht ausschließlich für Personen meiner Größe von 187 cm gemacht. Aber die Zierlichkeit ist es nicht, die einen stutzig werden lässt. Vielmehr weiß man nicht so ganz, wo man die CL-X ergonomisch einordnen soll.

Ist das nun ein Cruiser? Die Fußrasten sind jedenfalls relativ weit vorne angebracht. Oder doch ein Naked Bike? Der optisch gelungene Doppelsitz, integriert einen tief in das Motorrad, die Underfloor-Auspuffanlage senkt den Schwerpunkt, verringert aber auch die Bodenfreiheit, sodass an ernstere Geländeabenteuer nicht zu denken ist. Auch die Raddimensionen sprechen dafür. Es könnte aber auch ein Scrambler sein! Der hoch angebrachte Lenker, der einem das Dirigieren der CFMOTO erleichtert und das lässig freischwebende Heck, lassen auch diesen Schluss zu.

Alle Theorien haben etwas für sich und am Ende ist es auch gar nicht so wichtig, wo sich die 300CL-X exakt einordnet. Hat man sich an die individuelle Sitzposition gewöhnt, wuselt man unbeschwert durch Stadtverkehr und enge Radien.

Autobahnfahren mit 292 Kubik

Naturgemäß etwas schwerer als im urbanen Terrain oder auf der kurvigen Landstraße tut sich der Single auf der Autobahn den Fahrer bei Laune zu halten und ihn zügig von A nach B zu bringen. Bei einer Beladung von 100 Kilogramm Motorjournalist erreicht die CFMOTO 300CL-X in der Ebene 125 km/h. Mit Heimweh und leicht bergab stehen auch schon einmal 135 km/h am Tacho, während jede Steigung die Nadel erbarmungslos Richtung 110 km/h drückt. Zusammenfassend bleibt zu konstatieren: Stadtautobahn geht immer, Landstraßentempo auch, aber für Gewalttouren hält man sich aber besser von der (freien) Autobahn fern. Dann reicht der 14,5 Liter große Tank auch locker für eine Reichweite jenseits der 300 km.

Ausstattung und Verarbeitung CFMOTO 300CL-X

Apropos Tacho: Die gesamte Cockpiteinheit teilt sich die CFMOTO 300CL-X mit ihren großen Geschwistern. Das LC-Display bietet die notwendigsten Infos auf einen Blick. Sogar eine Ganganzeige ist vorhanden, allerdings ist die Ablesbarkeit eher mäßig, hier ist man mittlerweile auch in dieser Klasse besseres gewohnt.

Voll mit der Konkurrenz mithalten kann die CFMOTO hingegen bei der Verarbeitung. Die Haptik ist ordentlich - der elegante und gut gepolsterte Sitz beispielsweise fühlt sich richtig gut an - und Details sind nett gelöst. Die LED-Blinker etwa stünden auch teureren Bikes gut zu Gesicht. Man muss sich schließlich immer vor Augen halten von welcher Preisregion hier die Rede ist.

Preis und Farben der CFMOTO 300CL-X

Die CFMOTO 300CL-X ist in Österreich bereits ab 4799 Euro zu haben, in Deutschland werden 9 Euro weniger fällig udn in der Schweiz müssen 4790 Franken den Besitzer wechseln, um die Schlüssel zur kleinsten CL-X- Schwester in Händen zu halten. Aktuelle Angebote in eurer Nähe zur CFMOTO 300CL-X findet ihr natürlich wie immer am 1000PS Marktplatz. Dabei könnt ihr euch zwischen der Farbvariante Nebula White und Nebula Black entscheiden.

Fazit: CFMOTO 300CL-X 2023

Die CFMOTO 300CL-X ist ein lustiger Alltagsbegleiter fürs kleine Geld mit gelungener Neo-Retro-Optik. Der bemühte Eintopf erlaubt standesgemäßes Vorankommen, zumindest solange man keine Marathonetappen auf der Autobahn plant. Ob den Chinesen in Europa mit dem 300er ebensoviel Erfolg beschert sein wird, wird sich weisen, in der CL-X-Variante stehen die Chancen dafür aber wohl am besten.


  • sympathischer eigenständiger Auftritt
  • auch für größere Piloten ergonomisch in Ordnung
  • großer Tank
  • vernünftiger Preis
  • zugänglich
  • Sitzposition gewöhnungsbedürftig
  • Fahrwerk verspricht optisch mehr als es praktisch hält
  • Vorderradbremse eher schwach

Bericht vom 02.03.2023 | 20.217 Aufrufe

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