Yamaha Tenere World Raid vs. Husqvarna Norden 901

Zwei Wege führen zum gemeinsamen Ziel: Weit, weit weg

Streng genommen spielen Yamahas Tenere 700 World Raid und die Husqvarna Norden 901 in verschiedenen Ligen. Dennoch wollen beide Reiseenduros sein, die einen so ziemlich überall hinbringen, egal wie weit das Ziel entfernt ist oder wie unwegsam die Strecke dorthin. Deshalb haben Wolf und Arlo die beiden auch miteinander verglichen, sowohl auf der Straße, als auch auf unbefestigten Wegen.

Natürlich hinkt dieser Vergleich, aber trotz aller Unterschiede gibt’s viele Gemeinsamkeiten

Wie sagt man so schön? Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Wer eine Norden 901 sein Eigen nennen will, muss 2022 in Österreich 16.349 bzw. in Deutschland 14.649 Euro auf den Tisch legen, während man bei der Tenere World Raid schon um 13.899 bzw. 13.074 Euro dabei ist. In beiden Fällen bekommt man wie erwähnt eine Reiseenduro, die auch fürs Grobe bereit sein soll, mit jeder Menge Gemeinsamkeiten, was etwa Raddimensionen oder Federwege betrifft, punkto Leistung und Ausstattung ist der Unterschied freilich ähnlich hoch wie der im Preis. Wobei teurer ja nicht immer zwingend besser sein muss, es kommt ganz aufs Anforderungsprofil bzw. die eigenen Erwartungshaltungen an.

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Die Motoren sind beide jeweils eine Benchmark in ihrer Leistungsklasse

Starten wir also erst einmal die Motoren. Da arbeitet in der Husqvarna der aus den 890er-Modellen von KTM bekannte Reihenzweizylinder mit 899 Kubik, der 105 PS bei 8000 Umdrehungen aufs Hinterrad bringt bzw. mit einem maximalen Drehmoment von 100 Nm (bei 6500 U/min) aufwarten kann. Ein modernes Triebwerk, das unheimlich präsent am Gas hängt und dem das Upgrade vom 790er-Motor vor allem punkto Laufruhe dank dem Mehr an rotierenden Massen gut getan hat. In der Husky wirkt das Ganze noch einmal einen Tick harmonischer abgestimmt, der serienmäßige Quickshifter macht süchtig und ist mit einer der besten am Markt. Einen solchen bekommt man für die Yamaha auch nicht gegen Aufpreis, der CP2-Motor muss sich aber trotz der um ein Drittel schwächeren Leistung keinesfalls verstecken. Denn auch der altbewährte 689-Kubik Crossplane Zweizylinder mit Hubzapfenversatz ist in seiner Leistungsklasse eine Benchmark, wirkt gefühlt im Sattel immer stärker als die nominellen 73 PS bei 9000 Touren bzw. die 67 Nm Drehmoment, das bei 6500 U/min zur Verfügung steht. Natürlich ist der Unterschied von 32 PS in der Praxis zu spüren, speziell auf der Straße, beim Überholen und im Zwei-Personen-Betrieb, untermotorisiert fühlt man sich auf der Tenere aber praktisch nie.

Husqvarna geizt nicht mit Hightech, Yamaha setzt weiter auf Puristik

Während in der Husqvarna neben Kurven-ABS auch eine schräglagenabhängige Traktionskontrolle arbeitet, steht in der Yamaha weiter lediglich ABS zur Verfügung - das man jetzt im Unterschied zur "normalen" Tenere, wo es sich nur komplett wegschlagen lässt, aber auch am Hinterrad deaktivieren kann, was auf unbefestigten Wegen natürlich ein Zugewinn ist und absolut Sinn macht. Fahrmodi oder Ride by Wire sucht man dagegen auch an der World Raid vergeblich, die sich die puristischen Züge der Tenere bewahrt hat, auch auf einen (in der Norden serienmäßigen) Tempomat muss der Reisende verzichten. In der Husqvarna kann man zwischen den Fahrmodi Street, Rain und Offroad wählen, der empfehlenswerte Explorer-Mode, in dem sich die neunstufige Traktionskontrolle jederzeit beim Fahren anpassen lässt, ist allerdings leider aufpreispflichtig. Angezeigt wird bei beiden Motorrädern alles auf einem modernen, gut abzulesenden 5-Zoll-TFT-Farbdisplay, das in der Yamaha im Stile eines Roadbooks im Hochformat montiert ist. Die Menüführung erschien uns an der Husqvarna ein wenig einfacher, beim eigenen Motorrad wird man sich aber mit beiden "Systemen" rasch zurecht finden.

Offroad ist die Mehrleistung egal, spielen die Motorräder in derselben Liga

Abseits der befestigen Straßen, und dort wollen wir ja schließlich mit diesen Motorrädern hin, zählen freilich andere Qualitäten als die reine Leistung. Und da schenken sich die beiden nichts. Mit 21 Zoll vorne bzw. 18 Zoll hinten setzen beide Hersteller auf die klassischen Enduro-Raddimensionen, auf deren Speichenfelgen serienmäßig übrigens jeweils der Pirelli Scorpion Rally STR aufgezogen ist, was den direkten Vergleich erleichterte. Die (stolze) Bodenfreiheit ist mit 250 (Yamaha) bzw. 252 (Husqvarna) Millimeter fast ident, beim Federweg hat die Yamaha mit 230 mm vorne und 220 mm hinten etwas mehr zu bieten als die Husky mit ihren 220 bzw. 215, alle Komponenten übrigens voll einstellbar. In der Praxis wirkt sich dieser Unterschied im Gelände aber nicht spürbar aus bzw. punktet die Norden mit ihrem tief nach unten gezogenen Tank, was das Handling durch den tieferen Schwerpunkt doch merklich erleichtert. Die Stehendposition empfanden wir an der Tenere einen Tick angenehmer, was auch an den breiteren, offroad-affineren Rasten gelegen haben könnte, insgesamt ergab sich in der "Offroad-Wertung" aber eine Patt-Stellung. So wie am Papier auch beim Gewicht, das Husqvarna trocken mit 204 Kilo und Yamaha fahrbereit vollgetankt mit 220 Kilo angibt. Umso überraschter sind wir dann gewesen, dass die vollgetankte World Raid doch 227 Kilo auf unsere nicht lügende 1000-PS-Waage brachte, die Norden dagegen lediglich 219. Zur "Ehrenrettung" der Tenere sei hier aber erwähnt, dass diese mit einem Hauptständer ausgestattet gewesen ist.

Auf der Yamaha sitzt man höher, auf der Husky braucht man trotzdem auch lange Beine

Auch bei der Sitzhöhe sind die angegebenen Zahlen nicht alles. Denn obwohl man bei der Yamaha auf hohen 890 Millimeter thront, kommt man kaum schlechter mit den Füßen zum Boden als bei der Husqvarna, deren Sitzhöhe sich mit 854 bzw. 874 Millimeter weit zugänglicher liest, was aber durch einen deutlich größeren Schrittbogen relativiert wird - der Preis, den man für den beispielhaften Komfort zu bezahlen hat. Denn auch auf wirklich langen Etappen tut einem auf der Norden der Hintern keinesfalls weh, während man auf der Tenere, nach zwei-, dreihundert Kilometern am Stück schon langsam zum Hin- und Herrutschen beginnt. An der anderen Hand ist die schlanke und keinesfalls unbequeme Bank der World Raid die bessere zum sportlichen Fahren, da man sich darauf besser bewegen kann, ohne dass eine Erhebung des Soziussitzes stören würde, was auch etwa bei steilen Offroad-Abfahrten ein Vorteil ist. Stichwort Soziussitz: Da gewinnt die Husky, deren maximal erlaubte Zuladung mit 231 Kilo sich auch deutlich besser fürs Reisen zu zweit eignet, als die doch bescheidenen 174 Kilo der Yamaha, bei der uns wiederum der Windschutz besser gefallen hat - verstellbar ist der Windschild bei beiden Motorrädern nicht.

Der stolze 23-Liter-Tank der World Raid will an zwei Öffnungen befüllt werden

Vom Verbrauch sind sich die beiden Reiseenduros trotz des Leistungsunterschiedes sehr ähnlich, im Test lag er jeweils bei 4,7 Liter auf 100 Kilometer, in der Praxis bzw. im "Reisemodus" wird sich dieser aber sicher noch um gut einen halben Liter drücken lassen. Was jeweils ordentliche Reichweiten ergibt, die bei der Yamaha aber durch ihr stolzes 23 Liter Spritfass, das an zwei Öffnungen befüllt werden will, noch einmal deutlich höher sind. 500 Kilometer plus erscheinen bei nicht zu sportlicher Gangart durchaus realistisch, bei der Husqvarna sind es mit ihren 19 Liter Tankvolumen bei vergleichbarer Fahrweise aber immerhin auch über 400.

Fazit: Husqvarna Norden 901 vs. Yamaha Tenere World Raid

Gut und eine echte Bereicherung für den boomenden Reiseenduro-Markt sind sie beide, welche nun für wen das richtige Motorrad sein wird, liegt wie schon eingangs erwähnt vor allem am eigenen Anforderungsprofil. Lässt sich aber im konkreten Fall ganz gut abgrenzen: Wem Komfort sehr wichtig ist, der wird eher zur mit Elektronik vollgestopften, stärkeren Husqvarna greifen, wer mehr auf ein puristisches Motorrad ohne Fahrmodi bzw. Fahrhilfen steht und auf Leistung im Überfluss verzichten kann, findet in der Yamaha einen mit Sicherheit verlässlichen Begleiter. Und nicht zuletzt werden auch die Optik bzw. der persönliche Geschmack ihre Rolle spielen: Da setzt die Tenere 700 World Raid auf klassischen Enduro-Look im Dakar-Style mit ihrem breiten Tank, während die Norden 901 stilistisch neue Wege beschreitet.

Anmerkung: Die einzelnen Fazits wurden aus vorherigen Testberichten übernommen

Fazit: Husqvarna Norden 901 2022

Die Norden 901 ist eine grandiose Bereicherung für den Reiseenduromarkt. Ein Motorrad mit Charakter, das eine erstaunliche Vielseitigkeit besitzt. Einzig für kleinere Piloten kann das ausgewachsene Reisemotorrad eine Spur zu hoch sein. Große Piloten erfreuen sich an der komfortablen aber dennoch nicht passiven Ergonomie. Der grandiose Motor macht aus der Norden eine agile Kurvenräuberin. Beim Thema Windschutz heißt es jedoch: Wer schön sein will, muss leiden.


  • Großartiger Motor mit hoher Praxistauglichkeit
  • Tolles Ansprechverhalten des Motors
  • Lineares Drehzahlband
  • Kaum Vibrationen im Sattel
  • hochwertiges Elektronikpaket
  • Hoher Reisekomfort
  • Angenehm abgestimmtes Fahrwerk
  • zugänglicher aber gleichzeitig aufregender Charakter
  • guter Wind- und Wetterschutz bis zur Körpermitte
  • Windschutz für Oberkörper und Kopf mäßig
  • Windschild nicht verstellbar
  • kein USB Stecker im Cockpit

Fazit: Yamaha Tenere 700 World Raid 2022

Die World Raid ist eine gelungene Erweiterung des Ténéré 700 Modellprogramms. Bislang waren echte Enthusiasten selbst am Zug, wenn es um eine Verbesserung der Offroad-Eignung ging. Mit der World Raid schiebt Yamaha nun einen fix fertige Ausbaustufe fürs schwere Gelände und lange (Wüsten-)Touren in die Schauräume der Händler. Auch wenn in der Praxis wohl eher selten die vollen 500 Kilometer Reichweite von Nöten sind, lohnt sich der Griff auf dieses Modell im speziellen wegen seiner feinen Fahrwerkskomponenten.


  • bewährter Antrieb
  • perfekte Dosierbarkeit
  • grandioses Fahrwerk
  • saubere Verarbeitung
  • umfangreiches Zubehörprogramm
  • ansprechendes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • gute Servicierbarkeit
  • durchdachte Detaillösungen
  • 23 Liter Tankvolumen nicht jedermanns Sache
  • Bremsperformance bei sportlichem Straßentempo
  • Tempomat für Überbrückungs-Etappen würde der World Raid gut stehen

Bericht vom 10.10.2022 | 14.692 Aufrufe

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