Die Royal Enfield Meteor 350 im Alltags-Dauertest

Fasziniert die kleine Inderin auch nach dem ersten Date?

Können 20 PS Spitzenleistung einen im Alltag glücklich machen? Seit September ist die kleine Meteor fixer Bestandteil des 1000PS-Dauertestfuhrparks. Nach den ersten 600 km ist Zeit für einen Zwischenbericht.

Das Anforderungsprofil an die Royal Enfield Meteor 350 ist vielseitig

Nach dem ersten Test der Royal Enfield Meteor 350 im Sommer musste ich einfach zum Hörer greifen und bei KSR anrufen - ein Dauertester musste her. Die kleine Meteor hatte mich einfach gepackt und nicht mehr losgelassen. Glücklicherweise hatte man in Krems ein Herz und sagte mir zu, alle notwendigen Hebel in Bewegung zu setzen, um 1000PS einen Dauertester zur Verfügung zu stellen. Dabei konnte man sich vor Vorbestellungen gar nicht retten, so sollten noch drei Monate ins Land ziehen, bis die schlichte Grundversion in der Farbvariante Fireball Yellow und mit ganzen 3 km am Tacho im Hof stand. Ich war ganz aus dem Häuschen.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre - Einfahrzeit muss sein!

Um sicherzustellen, dass das gelb-schwarze Feelgood-Bike ordnungsgemäß eingefahren wird, verbrachte ich die Meteor 350 im Bus nach Wien. Der Grund dafür liegt in den einschneidenden Einfahr-Vorschriften begraben, die ersten 500 km sind Vollgas-Ritte Tabu. Dass ich gewissen Kollegen diese Contenance nicht zutraue, ist wohl begründet. Ein Redakteur, dem ich im Frühjahr voller Besitzerstolz vertrauensvoll meine Honda Africa Twin mit gerade einmal 120 km auf der Uhr zur kurzen Probefahrt mit dem gerade installierten Öhlins-Fahrwerk in die Hand drückte, gab sie mir mit dem Kommentar: Die hat echt nur 102 PS?! Geht eh locker 200! zurück.

Dieses Schicksal sollte der Meteor 350 also erspart bleiben. Mit ihrem 5-Gang Getriebe beträgt die im Handbuch empfohlene Höchstgeschwindigkeit bis zum ersten Service 70 km/h. Zudem sollten konstante Geschwindigkeiten, starke Brems- und Beschleunigungsmanöver und eben Vollgasfahrten jedenfalls unterlassen werden. Insofern präsentiert sich der Großstadtdschungel der Hauptstadt, in dessen verkehrsreichen Straßen man froh sein kann, wenn man 50 km/h erreicht, als ideales Einfahr-Terrain.

Stadtflitzer Royal Enfield Meteor 350

Mit ihrer schlanken Silhouette und dem sympathischen Auftritt ist sie in der Stadt, aber generell gesehen optimal aufgehoben. Die Leistungsdaten des kleinen Eiinzylinders - 20 PS Spitzenleistung und 27 Nm Maximaldrehmoment- sind natürlich keine Werte die Duelle an der Ampel zur Selbstverständlichkeit werden lassen. Die Performance reicht aber definitiv aus, um, selbst im Einfahrmodus, als erwachsenes Mitglied der Verkehrsgesellschaft anerkannt zu werden.

Zudem fliegen einem im Sattel der kleinen gelben Retromaschine die Herzen zu und man kommt mit Aktionen straflos davon, die ansonsten strikt geahndet werden: Mal kurz am Gehsteig halten (das ist in Österreich im Gegensatz zu Deutschland verboten und wird mit Strafen ab 70 € pönalisiert) um Semmeln vom Bäcker zu holen? Kein Problem! Ein Fotoshooting an einem mit einem Fahrverbot belegten Pier direkt an der schönen blauen Donau? Gerne! Sich auf der Bus- und Taxispur am Stau vorbeischummeln? Warum denn nicht?!

Selbst Fahrten zu zweit wurden dem 191 kg schweren Cruiser mehrfach zugemutet. Die Zusatzbelastung steckt das Fahrwerk übrigens wunderbar weg, schließlich lässt sich die Vorspannung der Stereo-Federbeine dahingehend adaptieren. Auch die Sozia hatte auf den Kurzstrecken nichts an den herrschenden Platzverhältnissen auszusetzen. Es gibt wohl kein anderes Fortbewegungsmittel mit so viel Style zu einem so kleinen Preis. Mit der Meteor 350 kann man auch schon mal vorm Innenstadt-Italiener vorfahren, ohne mitleidige Blicke zu ernten. Es ist eher so, dass man sofort auf das Bike angesprochen wird, Unterhaltungen stehen an der Tagesordnung.

Royal Enfield Navigationslösung Turn-by-Turn überzeugt in der Praxis

Man kann gar nicht so lang in der Donaumetropole wohnen, dass man alle Straßen, Wege und Gassen aktiv parat hat. Zumindest ist es mir in den mittlerweile 32 Jahren nicht gelungen, die zahllosen kleinen Verbindungsstraßen in den Innenbezirken so zu verinnerlichen, dass ich nicht ab und an im Einbahndschungel den Durchblick verliere. Von den allgegenwärtigen Umleitungen aufgrund diverser Bauprojekte, oder neu geschaffenen Siedlungen in Transdanubien spreche ich da noch gar nicht.

In all diesen Situationen nutze ich gerne das Turn-by-Turn Navi, das die kleine Enfield neben dem Tacho in einem separaten Rundinstrument serienmäßig mitbringt. Voraussetzung für die Nutzung ist lediglich ein bluetoothfähiges Smartphone mit Android- oder iOS-Betriebssystem. Die Royal Enfield App steht in beiden Stores kostenlos zum Download zur Verfügung. Das Pairing habe ich sowohl mit einem iPhone als auch mit einem Android-Handy ausprobiert, es geht leicht von der Hand und ist binnen weniger Minuten erledigt (die dafür erforderliche Registrierung bei Royal Enfield ist da schon eingerechnet). Nach dem ersten Mal koppeln, merkt sich die Einheit das zuletzt verwendete Mobiltelefon. Beim Neustart verbindet sich das System beim Öffnen der App automatisch mit dem Handy. Die App muss während des Navigationsvorgangs laufen, den Bildschirm des mobilen Endgeräts kann man allerdings sperren. Always on wie es die Navi-Lösungen anderer Hersteller teilweise verlangen, ist nicht erforderlich.

Auf Google Maps Basis erfolgt dann eine zuverlässige Pfeilnavigation. Hat man ein Headset mit dem Handy gekoppelt, gibt es sogar die Möglichkeit, sich die Wegbeschreibung unterstützend ins Ohr zu holen. Die Eingabe des Ziels erfolgt vor Fahrtantritt direkt in der App. Verlässt man die zuvor berechnete Route, sucht die App automatisch eine neue, dies funktioniert ausgezeichnet solange die Internetverbindung ausreichend ist. In der App lassen sich verschiedene Routenoptionen wählen, Autobahnen, Mautstraßen, unbefestigte Wege, sowie Fährverbindungen können vermieden werden. Nach der Zielankunft informiert die App über die gefahrene Distanz, die benötigte Zeit und die erreichte Durchschnittsgeschwindigkeit - cool.

Auch für Ausflüge ins Umland der Hauptstadt eignet sich die Meteor

Ich konnte es dann natürlich doch nicht lassen, und bin an einigen schönen Herbsttagen ins unmittelbare Umland Wiens ausgefahren. Die heurigendurchsetzten hügeligen Gegenden im Süden, Westen und Nordwesten der Hauptstadt bieten schließlich mehr als genügend Optionen für einen kleinen Joyride. Einmal wurde aus der geplanten halben Stunde ein halber Nachmittag und aus 20 Kilometer 100. Die Meteor macht einfach Laune, aber zum Fahrspaß auf kurvigen Landstraßen, habe ich im ersten Bericht ja schon genügend Worte verloren.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Begrenzung auf 70 km/h hier schon etwas an meinem Nervenkostüm rüttelte, aber das waren eben die Rahmenbedingungen und so konnte ich mich zumindest an der Entschleunigung erfreuen, die dieses Motorrad bietet, wie kein anderes. Außerdem gibt es auch, oder gerade entlang der bekannten Hausstrecken schöne Ausblicke, die einem ansonsten im Kurvenrausch entgehen. Mit der Royal Enfield Meteor 350 passiert das jedenfalls nicht.

Die Meteor 350 als Sparmeister: Verbrauch sensationell niedrig

Was einem mit der kleinen Inderin auch nicht passiert, ist eine Intensivierung der Beziehung mit dem Tankwart seines Vertrauens. Zu selten sind die Besuche an der Zapfsäule. Der wohlgeformte 15-Liter Tank, reicht bei einem Testverbrauch von rund 3 Litern auf 100 Kilometern für sagenhafte Reichweiten. So erreichte ich das 500 km Service tatsächlich ohne auch nur ein mal nachzutanken! Das erste Service samt Öl- und Filterwechsel war schnell erledigt. Nun muss das Bike alle 5.000 Kilometer bzw. jährlich zur Überprüfung bei der Vertragswerkstätte. Das ist bei anderen Herstellern mittlerweile erst in größeren Abständen nötig.

Scheinwerfer wirkt leicht beschlagen - kleiner Wermutstropfen

Eines vorab: Die Fahrbahnausleuchtung der Meteor ist auch in der Dämmerung wirklich in Ordnung und braucht den Vergleich mit der Konkurrenz nicht zu scheuen. Sie könnte allerdings noch besser sein. Denn bei genauerer Betrachtung unseres Testfahrzeugs fällt auf, dass sich auf der Innenseite des Kunststoffglas des Scheinwerfers ein Schleier andeutet. Im Zuge des ersten Services erfuhr ich auf Nachfrage bei der Werkstätte, dass das keinen Einzelfall darstellt. Hier gibt es also noch Verbesserungspotenzial. Auch der LED-Leuchtring könnte etwas stärker strahlen.

Fazit der ersten 500 Kilometer im Sattel der Royal Enfield Meteor 350

Die sympathische kleine Inderin, hat in den ersten zwei Monaten bzw. 500 Kilometern meinen positiven Ersteindruck absolut bestätigen können. Handlich, agil und wieselflink mit genug Platz für zwei ist die Meteor 350 eine herrliche Alltagsbegleiterin in der Großstadt. Wohlwollende Blicke und das ein oder andere freundliche Lächeln ist einem auf diesem Motorrad sicher. Richtige Feel-Good-Vibes lassen sich dabei gar nicht vermeiden. An diesem Punkt freue ich mich besonders auf die kommenden Stunden im Sattel der Royal Enfield, schließlich darf sie jetzt, nach Absolvierung des ersten Service, ordentlich gedreht werden.

Fazit: Royal Enfield Meteor 350 Fireball

Ob als Einsteigerbike oder Zweitmotorrad, die Royal Enfield Meteor 350 bietet verdammt viel Motorrad zu einem mehr als fairen Tarif. Eines ist aber auch klar: Wer auf der Suche nach Rundenzeiten oder Hausstreckenrekorden ist, sollte sich ein anderes Motorrad zulegen. Alle anderen machen mit der gefällig designten Meteor 350 garantiert nichts falsch. Ein tolles Motorrad, das ohne echte Konkurrenz am Markt durchaus zum Kassenschlager werden könnte!


  • unschlagbarer Preis
  • Motor hängt gut am Gas
  • Turn-by-Turn Navigation
  • gute Ergonomie für groß und klein
  • stark individualisierbar
  • stimmiges Konzept
  • Fahrwerk und Bremsen passen
  • groß genug für zwei
  • gute Schräglagenfreiheit
  • einsteigerfreundlich
  • Verarbeitung und Materialanmutung vereinzelt auf niedrigem Niveau
  • Scheinwerfermit geringer Lichtausbeute
  • Motorleistung etwas schwach für Autobahnetappen

Bericht vom 22.12.2021 | 8.051 Aufrufe

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