Aprilia Tuono V4 1100 Factory Test

Aprilia Tuono V4 1100 Factory Test

Factory Thunfisch 2017 – eine Macht!

Aprilias nackte Mörderrakete stellte sich dem ersten Test in Südtirol. Es war eine Offenbarung und eine Erleichterung zugleich: Trotz Euro 4 ist die V4 1100 Tuono noch etwas besser geworden. Ein göttliches Eisen!

175 PS bei 11.000 min und 121 Nm bei 9.000 min liefert der 1100 ccm große V4 nach der Euro 4 Umstellung. Ansprechverhalten, Gasannahme und Laufkultur sind noch immer vom Allerfeinsten und für jeden sportlichen Motorradfahrer einfach ein Traum. Durch geänderte Steuerzeiten und minimierte Reibungsverluste im Triebwerk konnte die Maximaldrehzahl um 500 min angehoben werden (Limiter bei 12.500).

Klang immer noch einzigartig!

Die Befürchtung, dass Euro 4 den unfassbar herrlichen Sound der Tuono erheblich beschädigen würde, ist zum Glück nicht eingetreten. Zwar ist der Auspuff jetzt etwas größer als bisher und der Klang im unteren Bereich doch deutlich leiser, aber an der Charakteristik hat sich nichts geändert (weder akustisch, noch in der Leistungsentfaltung). Das heiser kreischende Röhren ist über das gesamte Drehzahlband erhalten geblieben. Absolut top! Einzigartig. Kein anderes Naked-Bike trifft mich soundmäßig heftiger als der Thunfisch. Möglich wurde die Einhaltung der Euro 4 durch einen Klappenmechanismus, den das Motormanagement perfekt steuert. Mein Einwand, dass laut Euro 4 solche Klappensysteme nicht mehr erlaubt sein würden, wurde von Aprilia dementiert. Und es liegt auf der Hand: Wie hätte die Maschine sonst homologiert werden können. Ein kleines Detail: Aprilia verwendet keine Butterfly-Klappe, sondern eine, die das Gelenk am hinteren Ende hat und somit perfekt schließt.

Factory oder RR? Brembo M50!

Die Unterschiede zwischen den beiden Ausführungen sind gering: Alles ist baugleich bis auf das Fahrwerk (RR: Sachs, Factory: Öhlins), die Reifen (RR: Diablo Rosso III, Factory: Pirelli Supercorsa SP, hinten 200 - statt 190 auf der RR), und das Heck. Nachgebessert hat Aprilia bei der Bremse. Zwar war der Anker auf der bisherigen Tuono auch sehr gut, aber besonders sportliche Fahrer verlangten nach noch mehr Biss. Jetzt hat der Thunfisch zwei 330 mm Scheiben in 5 mm Stärke (vorher 320 in 4,5 mm), Brembo M50 Zangen und einen 16er Brembo Hauptbremszylinder. Für mich persönlich war die Bremse jetzt einfach der Wahnsinn. Scharfer, aber nicht zu scharfer Initialbiss, perfekte Dosierbarkeit, mörder Verzögerung. Das geht nicht besser. In Verbindung mit dem neuen ABS ein Traum. Das Kurven-ABS, das dreistufig einstellbar ist (in 1 wirkt ABS nur vorne, in 2 auf beiden Räder mit Abhebeerkennung, in 3 regelt es relativ früh), und kann sogar vollkommen ausgeschalten werden. Wieder fragte ich bei Aprilia nach, weil ich ja glaubte, dass ab 2017 alle Motorräder ABS haben müssten und nur Enduros eines zum Ausschalten haben dürften, und wurde eines Besseren belehrt: „ABS ja, aber man darf es auch ausschalten können, vorausgesetzt man schaltet es mit Absicht aus.“ Also ist dem Gesetz genüge getan, wenn das ABS nach neuerlichem Start der Maschine wieder aktiv ist. Herrlich!

Elektronik neu, Gabel neu, Blipper!

Die an sich schon fantastische APRC-Elektronik (Aprilia Performance Ride Control) ist noch besser geworden, in dem man die Gyro-Sensorbox um 45° aufgestellt hat. Somit kann man jetzt noch bessere Werte der Dynamik ermitteln. Die Wheelie-Control ist nach wie vor dreistufig, kann jetzt aber auch während der Fahrt verstellt werden. Die achtstufige Traction-Control auch wie gehabt. Zur Launch-Control kam noch ein Pit-Lane-Limiter und eine Cruise-Control. Was mich aber am meisten beeindruckt hat, war der neue Quickshifter mit Blipper-Funktion. Kupplungsloses Schalten nach oben und unten. In Verbindung mit dem butterweich zu schaltenden Getriebe und der mörderischen Kraft des V4 war das Wüten in Südtirol so unglaublich leinwand, dass es mich jetzt beim Tippen noch schaudert. Wahnsinn! Aprilia sagte stolz: „Man kann bei Vollgas runterschalten.“ Irr. Diese bedingungslose Hingabe an Performance, Sport und Irrsinn taugt mir schon sehr. Und man spürt das auch in jedem Meter, den man mit dem Thunfisch fährt. Ist ein Jahrhundertbock, ein Meilenstein. Definitiv.

TFT-Display mit Schräglagen-Grafik.

Viel her macht das neue 4,3 Zoll TFT-Display. Topmoderne Optik, viele Infos. Dass ich jetzt auch eine Schräglagen-Anzeige habe und sehe, wie stark ich bremse und wieweit ich das Gas aufreiße, wird mir die Fahrt nicht erleichtern (beim Andrücken habe ich keine Kapazität, um das Display im Fokus zu behalten), aber Aprilia hat eine Recording-Funktion verbaut, die es ermöglicht, dass man die aufgezeichneten Daten nach der Fahrt studiert. Ach ja: Beim Gasgriff wurden 590 Gramm eingespart, weil die Elektronik des Ride-by-Wire jetzt direkt im Drehgriff ist und nicht mehr wie bisher in einer Sensorbox unterhalb des Tanks liegt, die mittels Seilzüge angesteuert wurde. 850 Gramm hat man auch bei der neuen Öhlins NiX-Gabel eingespart. Zug- und Druckstufe sind auf die beiden Holme verteilt, der Fuß ist schlanker geworden. Hat sensationell funktioniert. Hervorragendes Ansprechverhalten und dennoch eine grandiose Dämpfung unter Druck. Insgesamt wurde die Maschine aber nicht leichter, sondern um 2,5 kg schwerer (207 kg vollgetankt), was vor allem am Auspuff und diversen Dämm-Materialen liegt. Was soll ich sagen: Für mich persönlich war die Tuono schon bisher das beste Motorrad - also jene Maschine, die all meine Bedürfnisse in ihrer Gesamtheit am besten abdeckt - und die 2017er ist jetzt tatsächlich noch besser geworden. Wow! Gratulation, Aprilia!

Fazit: Aprilia Tuono V4 1100 Factory

Auch mit Euro 4 ist für mich der Werks-Thunfisch das beste Naked-Bike am Markt. Unfassbar faszinierend, unfassbar kampfstark, unfassbar schön zu fahren.

1
Vorteile
  • Bärenstarker Motor mit besten Manieren
  • top Elektronik
  • fantastische Bremse
  • einzigartiger Klang
  • perfektes Einlenkverhalten
1
Nachteile
  • in der Stadt fährt zum Beispiel eine Speed Triple etwas geschmeidiger

Bericht vom 06.04.2017 | 39.863 Aufrufe

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