Michelin Power RS Test

Michelin Power RS Test

Neue Rangordnung bei sportlichen Straßenreifen.

Das Imperium schlägt zurück. Michelin greift beim Power RS ins Volle und präsentiert einen vollkommen neuen sportlichen Straßenreifen. Als Teststrecke für den Straßenreifen wurde eine der schnellsten GP Tracks gewählt: Der Losail International Circuit in Katar.

Offen gesagt bin ich nicht wegen dem Reifen hingefahren. Als Michelin zum Test des neuen Michelin Power RS einlud, erwartete ich eine lauwarme Marketingshow. Jetzt wo Michelin in der MotoGP alles im Griff hat, soll das positive Image der Rennserie auch auf die Serienreifen abstrahlen. Zu diesem Zweck, so dachte ich, wird der bekannte Pilot Power 3 ein wenig aufgehübscht und uns als MotoGP Ableger verkauft. Ich kam viel mehr wegen der Motorräder. Denn vor Ort werden (fast) alle neuen 1000er zu fahren sein. Eine ideale Gelegenheit für einen Vergleich.

Immenser Entwicklungsaufwand: Michelin Power RS

Doch das Bild änderte sich schlagartig als ich den Ort des Geschehens betrat. Vor Ort standen schätzungsweise 50 Motorräder bei unterschiedlichen Workshops bereit. Es gab einen Handlingparcours, einen Nasstest und eine Vergleichsmöglichkeit mit dem Vorgänger auf der Rennstrecke sowie mehrere Testsessions auf der MotoGP Strecke mit dem neuen Straßenreifen.

Als das Powerpoint-Inferno in der Box losging, fackelte der Michelin Techniker nicht lange rum. Nach fast zwei Jahrzehnten Testerfahrung weiß ich wann Bullshit geplaudert wird und wann nicht. Es gab keine hübschen Bildchen oder Statistiken sondern harte Fakten. Michelin hat für die Entwicklung des neuen Straßenreifens alles in die Waagschale geworfen was sie zu bieten haben. Sie haben in der Grundlagenforschung neue Elastomere entwickelt. Kleinere Reifenhersteller kaufen diese Rohstoffe einfach bei der chemischen Industrie. Michelin hat durch die Größe des Gesamtkonzerns die Möglichkeit hier selbst im Haus die Grundbausteine des Reifens zu erzeugen. Investiert wurden mehrere Millionen und schon 2 Folien später wurden die ersten technischen Neuerungen samt dazugehöriger Patente präsentiert.

Das Imperium schlägt zurück. Michelin greift beim Power RS ins Volle und präsentiert einen vollkommen neuen sportlichen Straßenreifen. Als Teststrecke für den Straßenreifen wurde eine der schnellsten GP Tracks gewählt: Der Losail International Circuit in Katar.

Kein MotoGP Gelaber sondern endlich wieder echter technischer Fortschritt

Die Michelin Truppe vor Ort genoss mein Vertrauen. Denn man versuchte erst gar nicht uns einzureden der neue Straßenreifen von Michelin hätte irgendwas mit der aktuellen MotoGP Ware zu tun. Die Entwicklung des Straßenreifens begann vor 4 Jahren, vor 2 Jahren intensivierte man die Produktentwicklung im Detail. Doch man machte auch klar, dass vermutlich die nächste Reifengeneration vom derzeitigen MotoGP Engagement profitieren kann. Durch das generierte Wissen in der Rohstoff-Forschung oder auch den Erfahrungsgewinn bei einzelnen Testprozessen.

Michelin Power RS im Vergleich

Damit wir hier alle den Power RS alle richtig einsortieren können, nenne ich hier die wichtigsten Pneus aus der vergleichbaren Liga: Bridgestone S21, Dunlop SportSmart 2 Max, Metzeler Sportec M7RR, ContSportAttack 3, Pirelli Diablo Rosso 3. Michelin hat die Pneus internen und externen Tests unterzogen und kam dabei zu der Erkenntnis, dass man sowohl in Sachen Fahrleistungen als auch Laufleistung allen Mitbewerbern überlegen sei. Einzig bei Dunlop konnte man nicht mit der kürzlich präsentierten „Max“ Variante vergleichen, sondern man hatte für den Test nur den SportSmart 2 zur Verfügung.

Ich hab die Story sofort geschluckt. Die selbstbewusste Art mit der Michelin hier auftritt macht klar, dass man nun halt mal richtig Feuer gegeben hat. Und ich konnte es kaum erwarten die neuen Pneus hier auf der Strecke von der Leine zu lassen.

Straßenreifen auf einer der härtesten Strecke der Welt?

Hier in Qatar hat Michelin bewusst die wohl härtesten Testbedingungen gewählt um zu zeigen was der Pneu kann. Ich bin hier schon öfters Straßenreifen gefahren. Doch die Strecke ist ein echter Reifenkiller. Die Temperaturen sind hoch, die Geschwindigkeiten extrem schnell und durch den Wüstenstaub auf der Strecke hat man mehr Schlupf als üblich. Bisher sind alle Straßenreifen hier schon nach wenigen Runden im Sattel zu ausgelutschten Schlapfen verkommen. Doch Michelin ließ uns ganz bewusst 3 x ganze 20 Minuten auf der Strecke. Abwechselnd mit anderen Journalisten die ebenfalls 3 x 20 Minuten unterwegs waren. Die Reifen wurden dazwischen nicht gewechselt, sondern konnten sich nur beim Auftanken kurz erholen. Nur zur Erinnerung: Wir sprechen hier von Straßenreifen, das Testszenario ist so wie es ist eigentlich schon für Trackday-Pneus ziemlich fordernd.

Der Michelin Power RS - Neue Benchmark beim Andrücken!

Bei 20 Journalisten auf der Strecke war auch klar, dass für entsprechende Motivation gesorgt ist. Eine Runde Aufwärmzeit gönnte der Guide dem Straßenpneu und ließ uns dann von der Leine. Leider schwächelte ich bereits in Kurve zwei ganz schwer und wurde überholt. Denn die Spuren von Johann Zarcos Sturz waren noch deutlich am Asphalt zu erkennen. Die Bilder im Kopf ließen den Speed automatisch deutlich nach unten gehen. Doch danach folgte gleich der schnelle Rechtsknick aus dem man mit über 200 km/h rausfeuert. Hier besteht der Pneu die erste Prüfung. Im Sattel der BMW S 1000 RR drücken hier 200 PS gnadenlos auf den Hinterreifen. Der Speed ist groß und die Power ebenso - hier stoßen Straßenreifen normalerweise an ihre Grenzen und verlieren Grip, Traktion und Präzision. Doch der Power RS hielt durch. Klar half die Traktionskontrolle der BMW ordentlich mit, doch der Schub war grimmig und die Linie wurde präzise getroffen.

Der neue Power RS ist klarerweise für Sportmotorräder aber auch für sportliche Nakedbikes erhältlich. Lobenswerterweise gibt es das neue Wunderteil auch für Motorräder die im Originalzustand meist auf erbärmlichen Reifen ausgeliefert werden: 125er und 300er. Damit eröffnen sich für die Dorfjugend ganz neue Möglichkeiten. Dem Papi muss der Superpneu natürlich aus Sicherheitsgründen abgeschnorrt worden, der zu erwartende Fußrasten-Funkenregen sollte beim Bittstellen nicht erwähnt werden.

Kaum zu Glauben - Das Limit der Bikes kam früher als das der Reifen

Ich wechselte dann auf die neue Fireblade, in der Standardvariante und wieder zurück auf die S 1000 RR. Der erste Eindruck bestätigte sich. Der Pneu ist zwar immer noch ein Straßenreifen, kann aber mehr als Pneus mit einer solchen Laufleistung bisher geschafft haben. Es ging sogar soweit, dass ich mich mit den Schwächen der Motorräder mehr beschäftigen musste als mit möglichen Problemen des Reifens. Die Duelle auf der Strecke waren so heftig, dass mir die Bremsen der S 1000 RR mit heftigen Fading zu schaffen machten. Andererseits kam ich mit dem Fahrwerk der S 1000 RR wirklich toll zurecht. Die Linie wurde präzise getroffen und die Stabilität war großartig. Im Sattel der Fireblade genoss ich das Handling in vollen Zügen. Auch hier passte die Balance zwischen Stabilität und Handling. Doch am Kurveneingang vermisste ich die Präzision welche ich damals in Portimao im Sattel der „SP“ so genossen habe. Das Fahrwerk der Serien-Fireblade ist dem der SP natürlich deutlich unterlegen und kann hier auch mit der vollausgestatteten BMW nicht mithalten.

In Sachen Traktion war das Bild auf allen Motorrädern aber ähnlich. Natürlich ist man von einem 8. Weltwunder immer noch weit entfernt. Der Pneu bietet weniger Traktion als ein Trackday-Pneu. Doch er bietet mehr als bisher in dieser Liga geboten wurde. Und nach den mörderischen Stunden hier auf der Strecke war das Reifenbild auf allen Bikes ähnlich. Die Raserei hatte vorne so gut wie keine Spuren hinterlassen, hinter aber natürlich zeigte sich überall das gleiche Verschleissbild. Dabei fiel mir auf, dass die Verschleisspuren an der Flanke viel mehr an einen Trackday-Pneu als an einen Straßenreifen erinnern.

Michelin Power RS: Jetzt mit 2CT+

Der neue Power RS hat natürlich immer noch vorne wie hinten jeweils zwei verschiedene Mischungen. In der Mitte des Reifens ist eine Silicamischung installiert, welche guten Grip bei niedrigen Temperaturen und bei Regen bietet. An der Flanke des Pneus kommt komplett neuer Klebstoff zum Einsatz. Hier hat Michelin deutlich nachgeschärft. Doch laut Michelin war man bei internen Tests auch bei nasser Fahrbahn bei einer kurzen Teststrecke um 3 Sekunden schneller als mit dem Vorgängerpneu.

Wie ist das möglich? Warum ist nun plötzlich alles besser?

Am Ende des Tages fragt man sich, warum diese Wunderdinger erst jetzt erhältlich sind. Möchte man so einen Pneu entwickeln, muss zu Beginn einmal ganz oben die strategische Entscheidung getroffen werden, dass man diesen Pneu überhaupt möchte. Denn das kostet Geld. Und in nicht allen Chefetagen der Motorradindustrie gibt man dem sportlichen Zweiradsegment eine große Zukunft. Bei Michelin wurde vor 4 Jahren diese Entscheidung getroffen und der Geldhahn wurde geöffnet. Danach folgte viel Forschungsarbeit die in zwei Bereichen zu massiven Fortschritten geführt hat. Einerseits in der bereits erwähnten Rohstoff-Thematik. Auf der anderen Seite aber auch in der Produktionstechnik. Denn einen Wunderpneu im Labor als Einzelstück zu produzieren, wäre keine echte Meisterleistung. Diesen Pneu dann aber auch mit gleichbleibender Qualität, zu einem vernünftigen Preis und in hohen Stückzahlen zu produzieren, war die wahre Errungenschaft der Michelin Ingenieure. Nun ist es so, dass Michelin mit diesem Pneu in der Reifenszene bestimmt die Mitbewerber unter Druck setzen wird. Auch dort müssen nun Entscheidungen getroffen werden und wir Konsumenten werden das erleben was wir in der 1000er Liga nach dem Einstieg von BMW genossen haben. Ein Feuerwerk an Fortschritt, Innovation und purem Fahrspaß. Die Vorlage von Michelin ist mal gewaltig und wir gratulieren zu dem Mut und der Innovationskraft „made in Europe“.

Alle technischen Hintergründe und Details zum Reifen werden in der Bildergalerie erläutert. Einfach oben auf das Foto clicken.

Bericht vom 01.04.2017 | 47.139 Aufrufe

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