Yamaha MT-10 auf Reise nach Sardinien

Mehr als 3500km mit dem Naked Bike

Macht es heutzutage überhaupt noch Sinn, ein Naked Bike statt einer Reiseenduro für eine lange Tour zu wählen? Bieten die Oberklasse-Tourer mittlerweile nicht schon das gleiche Level an Fahrspaß? Kamerakind Schaaf begibt sich auf Saisonabschluss-Tour mit einer Yamaha MT-10 und erhält überraschend eindeutige Antworten.

Nachdem ich im 2021er Jahr mit der beeindruckenden Ducati Multistrada V4 S auf Sardinien unterwegs gewesen bin, waren es vor allem ihre sportlichen Fähigkeiten, die mich danach grübeln ließen. Wäre ein sportliches Naked Bike überhaupt noch in der Lage, mir tatsächlich mehr Freude am Fahren bieten zu können? Als ich im Frühjahr 2022 dann zum ersten Mal mit der EURO-5 MT-10 in Berührung gekommen bin, hat die Yamaha mich schließlich auf die Idee gebracht, all diese Fragen einfach per Selbstversuch zu beantworten. Die Sitzposition der MT hatte sich damals so vielversprechend entspannt angefühlt, dass ich recht zuversichtlich war, in ihr die perfekte Kandidatin für meine Unternehmung gefunden zu haben.

Auf Reise mit den Naked Bike

Die Bedingungen für den Reisetest nach und auf Sardinien hätten kaum lebensechter sein können. Hohe Temperaturen und Sonnenschein gab es vor unserer Ankunft auf der Insel nämlich kaum. Das Nakedbike-Experiment schickte mich über eiskalte Passhöhen und unter ergiebigen Regenwolken hindurch. Selbst eine ordentliche Autobahnetappe war Teil der Anreise, da meine Freunde und ich auf dem Weg zur Fähre leider auch die todlangweilige Po-Ebene zu durchqueren hatten. Aber gerade diese weniger schönen Umstände waren enorm wichtig für meinen Erkenntnisgewinn. Sie alleine sind dafür verantwortlich, dass mein Versuch zu einem eindeutigen Ergebnis bzw. Urteil gelangen konnte. Gegen Ende des Texts werde ich schließlich auch erklären, warum ein wenig Leid auf meiner Reise von elementarer Bedeutung war.

Yamaha MT-10 Motor und Sound

Der Motor der Yamaha MT-10 ist ein absolutes Prachtexemplar. Aus meiner Sicht schafft es kein anderes EURO-5 Aggregat, einen so befriedigenden Mix aus Alltagstauglichkeit und irrationaler Emotion auf die Straße zu bringen. Das Motorrad lässt sich angenehm leise durch besiedelte Gebiete bewegen, während es einen im Winkelwerk ab einer höheren Drehzahl mit einem animalischen Röhren beglückt. Selbst der Standardauspuff bringt einen Sound zustande, der mich unterm Helm strahlen lässt und einen sofort daran erinnert, dass man hier - vereinfacht gesagt - auf einem ehemaligen R1-Triebwerk sitzt. Dieses sportliche Erbe fällt auch durch ein minimales Konstantfahrruckeln in der 30er Zone auf, welches aber kaum als störend empfunden wird. Spätestens am Ende der Geschwindigkeitsbegrenzung, wenn der Hahn aufgerissen und die MT von der kurzen Leine gelassen wird, spätestens dann ist das zarte Ruckeln vergessen und wird durch Staunen ersetzt. Der legendäre Crossplane-Motor imponiert nämlich auch aus dem Drehzahlkeller heraus mit erstaunlich viel Druck.

Drehmoment und gefühlte Leistung auf der Yamaha MT-10

Nach diesem ersten vehementen Antritt folgt eine klitzekleine Delle in der Kraftentfaltung. Was für manche eher negativ klingt, ist für mich interessanterweise ein zusätzlicher Spaßbringer. Diese kurze Abflachung der Drehmomentkurve bei rund 6000 Touren verschafft einen zusätzlichen Kick, denn der Übergang zu den sportlicheren Drehzahlen passiert dann sozusagen explosionsartig. All das, und zwar von der Langsamfahrt im Ortsgebiet, über zum gemütlichen Tourentempo, bis hin zur sportlichen Hochfrequenz, geschieht ohne negativ spürbare Vibrationen im Lenker oder den Fußrasten. Das Gas lässt sich jederzeit ruckfrei anlegen. Hitze wird ebenso keine an den Fahrer weitergegeben. Der Motor kostet im Dauerbetrieb definitiv keine Nerven.

Kupplung Yamaha MT-10

Während der Motor in Sachen Sound, Kraftentfaltung, Dosierbarkeit und Laufkultur beinahe vollständig überzeugt, gibt es in anderen Bereichen doch ein paar vereinzelte Beschwerdegründe. Die Kupplung benötigt ein wenig mehr Handkraft als erwünscht und ist dabei gleichzeitig relativ schwer zu dosieren. Sie präzise und geschmeidig am Schleifpunkt zu halten, erfordert ungewöhnlich viel meiner Aufmerksamkeit. Noch dazu ist der billig anmutende und nicht verstellbare Kupplungshebel auch aus optischer Sicht keine Wohltat. Stop & Go Verkehr macht mit der MT-10 also eher weniger Spaß.

Getriebe Yamaha MT-10

Das Getriebe arbeitet brav, während der gesamten Reise wurde ich nie irrtümlicherweise in den Neutralen befördert. Allerdings rasten die Gänge nicht besonders gut spürbar ein und auch die Schaltwege sind gefühlt ein bisschen zu lang. Der Quickshifter wiederum ist völlig frei von Schönheitsfehlern, in jedem Drehzahlbereich, ohne jeglichen Kraftaufwand am Fuß. Zusammenfassend kann man sagen, dass das Getriebe seinen Job souverän erfüllt, sich dabei aber nie besonders hochwertig anfühlt.

Handling Yamaha MT-10

In Sachen Bewegbarkeit gibt es von meiner Seite aus keine Beanstandung. Die Yamaha MT-10 lässt sich exakt so bewegen, wie ich mir das von einem Powernakedbike erwarte. Sie benötigt kaum Kraft am Lenker, um in Schräglage befördert zu werden. Und auch die richtige Linienwahl erfolgt spielerisch, weil die Yamse in Schräglage völlig neutral bleibt. Dieses Motorrad muss nicht beherrscht werden, es lädt von Anfang an zum Spielen ein. Sie ist gutmütig und trotzdem sauschnell, denn auch ihre Federelemente hinterlassen auf der Straße einen wirklich guten Eindruck. Und schwarze Striche, wenn man das möchte.

Fahrwerk Yamaha MT-10 EURO-5

Selbstverständlich macht das Motorrad einen straffen Ersteindruck, ganz dem eines sportlichen Fahrzeugs entsprechend. Erst im Dauerbetrieb und Vergleich mit anderen, radikaleren Nakeds fällt auf, dass die Japanerin einen Kompromiss offerieren möchte. Das Fahrwerk ist auf Straßenspaß ausgelegt, das heißt, es ist ausreichend stabil, bietet bei schlechteren Straßen aber auch eine spürbare Dämpfung und damit ein wenig Komfort. Natürlich auch nur im Rahmen der sportlichen Anforderungen. Auf Straßen mit Schlaglöchern und Ausbesserungen wird man immer noch durchgerüttelt, aber nicht ganz so gnadenlos und schmerzhaft wie auf sportlicheren Geräten.

Im Rennstreckenbetrieb wird ein halbwegs flotter Fahrer die MT-10 also wahrscheinlich an ihre Grenzen bringen können. Auf der Straße allerdings ist es mir beim besten Willen nicht möglich gewesen. Das Fahrwerk kann zusätzlich auch verstellt werden, vor allem an der Front kann man so einen kleinen Komfortgewinn spüren, wenn man vom Grundsetup in eine weniger straffe Richtung dreht. Der Preisklasse entsprechend ist der Verstellbereich aber nicht besonders groß, die Grundcharakteristik der Dämpfung bleibt immer die gleiche.

Ergonomie und Sitzposition Yamaha MT-10

Die verhältnismäßig entspannte Sitzposition auf der Yamaha hat mir überhaupt erst die Idee gegeben, mit einem Naked Bike auf Reise zu gehen. Der Oberkörper ist so gut wie aufrecht, der Kniewinkel nicht besonders spitz. Gleichzeitig ist die volle Bewegungsfreiheit gegeben, das heißt, man kann seine Körperhaltung entsprechend dem Fahrstil uneingeschränkt anpassen. Neigt man sich nach vorne, bekommt man das Vorderrad recht ordentlich zu spüren. Möchte man auf der Autobahn weiter nach hinten rutschen, so bietet der Sattel auch dafür genug Platz. Hangoff fühlt sich wegen des flacheren Kniewinkels etwas eigenartig an, die Tank- und Sitzbankform aber lässt es problemlos zu.

Komfortsitzbank Yamaha MT-10

Auch nach zwei Wochen Fahrerei nonstop hatte ich weder körperliche noch seelische Beschwerden. Ich könnte scheinbar ewig auf der 10 sitzen. Auch wegen der exzellenten Zubehör-Komfortsitzbank, welche ich auf Empfehlung des Redaktionsleiters Poky von Yamaha habe installieren lassen. Die Polsterung und Form passt wunderbar, einzig bei der Materialwahl hätten die Japaner etwas mehr Hirn einsetzen können. Der kleine Streifen in der Mitte nämlich saugt sich gnadenlos mit Wasser voll. Das heißt, nach einer längeren Regenfahrt oder Hochdruck-Waschgang muss man für eine gewisse Zeit mit einem nassen Hintern leben. Der Stoff braucht leider unendlich lange, um wieder trocken zu werden.

Bremse Yamaha MT-10

Es wirkt zunächst ein wenig enttäuschend, dass Yamaha bei einem 20.000€ Motorrad unschön anzusehende Gummileitungen zu den Bremszangen legt. Die Enttäuschung beruht aber weniger auf optischen Tatsachen, sondern viel mehr auf der Sorge, dass die Bremsperformance unter den weichen Schläuchen leiden könnte. Spätestens auf Sardinien allerdings erfolgte die Entwarnung. Es gibt keinen anderen Ort in Europa, wo ich ähnlich viele Kurven wie auf dieser Insel inhaliere. Und auf den kurzen Geraden dazwischen mehr Gas gebe. Das heißt dann natürlich, dass auch die Bremsen richtig hart gefordert werden. Das Material hat meine Prüfung aber anstandslos bestanden. Auch die Gummileitungen waren von meiner Bremserei offensichtlich nicht beeindruckt. Zu keiner Zeit konnte ich ein Nachlassen der Bremskraft feststellen. Auch mit der Dosierbarkeit war ich zufrieden.

Gepäck und Verbrauch Yamaha MT-10 EURO-5

In Sachen Motor und Ergonomie ist die Yamaha MT-10 also uneingeschränkt reise- bzw. alltagstauglich. Selbst der durchschnittliche Verbrauch auf exakt 3494 Gesamtkilometern war mit 6,7l/100km weniger heftig als erwartet. Als Gepäcklösung reichte mir ein 11l Tankrucksack und eine 42l fassende Hecktasche, beides von SW-Motech. Nach längeren holprigen Abschnitten muss man die Befestigungsgurte zwar immer ein wenig nachziehen, dies geht aber so schnell und einfach von der Hand, dass ich mich während der Reise nicht weiter darüber ärgern musste. Einzig der fehlende Windschutz hat mir auf Dauer wirklich zu schaffen gemacht.

Fehlender Windschutz

Offensichtlich bin ich die letzten Jahre ausnahmslos mit Reiseenduros oder Tourern auf der Langstrecke unterwegs gewesen. Anders kann ich mir es einfach nicht erklären, dass mich die niedrigen Temperaturen während der Anreise nach Livorno so unangenehm überraschen konnten. Ich habe schlicht und ergreifend vergessen, wie kalt Fahrtwind bei drei Grad Außentemperatur wirklich werden kann, und zwar dann, wenn man kein schützendes Windschild vor sich hat. Glücklicherweise nehme ich aus (meistens unnötiger) Sorge heraus immer ein bisschen zu viel Klamotten mit auf Tour. Bei der verregneten und bitterkalten Fahrt von Wien nach Livorno jedoch war jedes Stück Textil Gold wert. Verglichen zu meiner üblichen Adjustierung auf Reisemaschinen konnte bzw. musste ich zwei weitere Schichten überstreifen. So waren dann auch die einstelligen Temperaturen längerfristig einigermaßen aushaltbar. Gut die Hälfte der über drei Tage gestreckten Anreise fand bei solchen Bedingungen statt. Viel mehr hätte ich wahrscheinlich gar nicht aushalten wollen. Aber dank Zwiebeltaktik und enormer Vorfreude auf Sardinien habe ich es schlussendlich doch auf die Fähre nach Olbia, Sardinien geschafft. Wo mir am darauf folgenden Tag schnell klar wurde, dass das Leiden während der Anreise nicht umsonst war.

Lohnt sich eine Reise mit dem Nakedbike?

Im Prinzip habe ich mit diesem Experiment versucht, die folgende Fragestellung zu klären: Rechtfertigt ein kleines Plus an Fahrspaß, welches mir ein Naked Bike gegenüber einer Reisemaschine bringt, den Verzicht auf Komfort in Sachen Windschutz und Dämpfung? Macht ein sportliches Motorrad im Motorradhimmel Sardinien wirklich so viel mehr Spaß als eine komfortorientierte Maschine? Die Antwort, die mir die kurvigen Straßen Sardiniens relativ prompt gegeben haben, die fiel überraschend eindeutig aus: Ja!

Die knackigen Federwerke, die brachiale Leistungsentfaltung, das geringere Gewicht - all diese Eigenschaften bedeuten für mich Fahrspaß auf höchstem Niveau. Ein Niveau, das doch deutlich über dem liegt, welches mir eine komfortorientierte Maschine zu bieten vermag. Mit einem sportlichen Naked Bike ist es viel einfacher, präzise zu fahren. Die kürzeren Federwege und die aktivere Geometrie vermitteln mehr Feedback und somit auch mehr Vertrauen in Schräglage. Das niedrigere Gewicht lässt den Bremsweg kürzer werden. Selbst auf den sportlichsten Reiseenduros fühle ich mich während ambitionierter Fahrt nicht so wohl wie auf der knackigen MT-10.

Allerdings braucht es auch einen speziellen Ort, um diese sportlichen Trümpfe auch wirklich voll ausspielen zu können. Sardinien in der Nebensaison bietet ziemlich leere und verhältnismäßig schnelle Straßen bei unglaublich gutem Grip. Ein solches Paradies ist es wert, eine mühsame Anreise in Kauf zu nehmen. Obwohl ich 2021 mit einer der sportlichsten Reiseenduros überhaupt, der Ducati Multistrada V4 S, auf der Insel meine Touren gemacht habe, war die Fahrerei mit der MT für mich um ein Vielfaches intensiver.

Ohne die nasse und vor allem kalte Anreise wäre ich zu einem weitaus weniger akkuraten Ergebnis gekommen. Warme und angenehme Bedingungen hätten mein finales Urteil ziemlich sicher getrübt, da mir der fehlende Windschutz so niemals negativ aufgefallen wäre. Doch dank der unangenehmen Fahrt gen Süden weiß ich besser Bescheid. Ich habe gelernt, dass es auf einer Nakedbike-Reise zusätzliche Schichten an Kleidung braucht. Ebenso weiß ich jetzt, dass paradiesische Kurven einen Verzicht auf Komfort klar rechtfertigen können. Und ich habe endlich eine Antwort auf die Frage, die mir ziemlich oft gestellt wird:

Welches Motorrad würdest du dir kaufen, wenn du nur eines besitzen darfst?

Derzeit die Yamaha MT-10!

Bericht vom 04.02.2023 | 15.291 Aufrufe

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