Die perfekte Reiseenduro gibt es nicht

Warum Reiseenduro-Produktmanager den härtesten Job haben

Bei meiner 2700-Kilometer-Tour durch Utah, Wyoming, Idaho und Montana mit der Suzuki V-Strom 800DE hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Was macht die perfekte Reiseenduro aus? Spoiler: Es gibt sie nicht. Aber es gibt verdammt gute Kompromisse.

Bei meiner Motorradtour durch den Wilden Westen mit einer Suzuki V-Strom 800DE hatte ich sehr viel Zeit zum Nachdenken. Wir waren insgesamt 2700 Kilometer durch 4 Bundesstaaten unterwegs darunter auch einige staubige und lange Schotterpisten. Es gab unglaublich schöne Landschaften zu sehen, aber auch große Distanzen zu überwinden. Und ich dachte darüber nach, was denn die beste Reiseenduro ist. Im Sattel war ich diesmal hochzufrieden. Diese Suzuki V-Strom 800DE war das Ergebnis eines langen Recherche- und Auswahlprozesses. Doch es ist merkwürdig: Eigentlich fordere ich in meinen Berichten und Videos immer, dass Reiseenduros besonders leicht sein müssen, damit sie im Gelände nicht zur Qual werden. Komischerweise habe ich mich diesmal nicht für eine besonders leichte Enduro entschieden.

Warum die V-Strom 800DE? Der beste Kompromiss für diese Tour!
Warum die V-Strom 800DE? Der beste Kompromiss für diese Tour!

Robustheit schlägt Gewicht – manchmal

Ich wusste, dass die Distanzen hier sehr weit sind und das Händlernetz sehr dünn. Die Bevölkerungsdichte ist gering. Wir fuhren durch Utah, Wyoming, Idaho und Montana Bundesstaaten, teils so groß wie Deutschland, aber mit nur etwa einer Million Einwohnern. Wenn ich hier ein technisches Problem habe, ist die Reise vermutlich zu Ende. Der nächste Händler ist weit weg, es gäbe große Verzögerungen, und alles wäre beschwerlich. Das hieß für mich: Ich brauche ein Motorrad, das sehr robust ist. Im Zweifelsfall lieber etwas dickerer Rahmen, stabilere Teile auch wenn es dadurch schwerer ist. Doch werde ich beim nächsten Reiseenduro-Test zufrieden applaudieren, wenn die Gewichtsangabe wieder über 230 Kilo schnellt? Nein. Das Thema Gewicht ist eines, bei dem man es Kunden nie recht machen kann. Werden die Motorräder zu leicht und zu filigran, sind sie nicht robust genug. Werden sie zu schwer, sind sie im Gelände zu mühsam. Je nach Statur und Fahrkönnen des Piloten ist es für Hersteller extrem schwierig, die gesamte Bandbreite abzudecken.

Das Federweg-Dilemma

Das nächste Thema ist der Federweg. Gibt es eine goldene Mitte? Vermutlich nicht. Hohe Federwege versprechen Fahrkomfort und Reserven für anspruchsvolle Passagen, sind aber auf schnellen Asphaltstrecken weniger stabil und präzise. Lösen kann man das Problem mit einem aktiven Fahrwerk, das die Dämpfung automatisch anpasst. Damit bekommt man lange Federwege auf Asphalt relativ straff und stabil hin. Doch am Ende benötigt man dann eine Sechs-Achsen-IMU, elektronische Steuerung und komplexe Sensorik und das ursprünglich einfache, robuste Konzept einer Enduro verwandelt sich in ein teures Hightech-Wunderwerk. Am Ende bleibt nur der Kompromiss nichts ist perfekt, aber vieles ist gut genug. So erlebte ich es auch im Sattel der V-Strom, deren 220 mm Federweg sowohl im Gelände als auch auf Asphalt gut funktionierten ein klassischer Kompromiss. Aber auf Asphalt ist eine Maschine mit 170mm Federweg präziser und im Gelände eine KTM 890 Adventure R Rally mit 270 mm natürlich nochmal deutlich peformanter. Es gibt kein "perfekt" - es gibt immer nur ein "passend".

Für uns diesmal eine gute Wahl: 220mm Federweg an der Suzuki V-Strom 800DE
Für uns diesmal eine gute Wahl: 220mm Federweg an der Suzuki V-Strom 800DE

Ausstattung: Fluch oder Segen?

Ähnlich verhält es sich beim Thema Ausstattung. Auch im Sattel der Suzuki dachte ich immer wieder: Der Tempomat fehlt, die Heizgriffe fehlen. Und entlang der Natur fielen mir unzählige Features ein, die auch noch cool" wären. Manchmal hätte ich mir ein höheres Windschild gewünscht, doch in den Passagen mit schöner Aussicht und niedriger Geschwindigkeit genoss ich das kleine, kompakte Windschild. An der Suzuki gab es keine einfache Windschildverstellung man braucht Werkzeug. Das ist eine robuste, leichte und günstige Lösung. Ein elektronisch verstellbares Windschild wäre wieder das genaue Gegenteil davon. So verhält es sich mit vielen Features: adaptiver Tempomat, Sitzhöhenverstellung, Assistenzsysteme. Gerade Reiseenduros bieten faszinierende Ausstattungsmöglichkeiten. Wenn sie fehlen, kritisieren wir, dass das Motorrad nicht komplett ausgestattet" ist. Wenn alles vorhanden ist, heißt es in den Kommentaren, es sei zu technokratisch, zu elektronisch und zu teuer. Die goldene Mitte gibt es nicht. Für jeden Kunden sieht sie anders aus der Produktmanager kann es nie allen recht machen. Am Ende gibt es immer Jammerei: zu hoher Preis oder zu wenig Ausstattung.

Die Leistungsfrage

Auch beim Thema Leistung setzt sich das Dilemma fort. Frag hundert Reiseenduristen, was die optimale Motorleistung ist du wirst 100 verschiedene Antworten zwischen 25 und 170 PS bekommen. Kaum ein Motorradsegment deckt ein so breites Anwendungsspektrum ab. Wir sind in den USA lange Etappen gefahren, hoch hinaus in die Berge, und selten schneller als 130 km/h. Komfort und Zuverlässigkeit standen an erster Stelle und da war die Leistung der Suzuki V-Strom genau richtig. In Europa, wo man auf der Autobahn 200 km Anreise fährt, mag das anders sein. Doch mehr Leistung hat viele Folgeeffekte: höherer Verbrauch, stärkerer Reifenverschleiß, höhere Belastung der Komponenten, höhere Versicherungskosten und durch stärkere Beschleunigung auch ein unruhigeres Fahrwerk, das wiederum komplexere Technik erfordert. Zu wenig Leistung hingegen macht das Motorrad bei voller Beladung, mit Sozius und Gepäck, in den Alpen schnell überfordert. Auch hier: keine goldene Mitte.

80% auf Schotter - Da waren die 84PS der V-Strom 800DE gut dimensioniert
80% auf Schotter - Da waren die 84PS der V-Strom 800DE gut dimensioniert

Was ich gelernt habe

Für mich persönlich war diese Tour durch den Wilden Westen lehrreich. Ich habe das Motorrad in rauer, eindrucksvoller Landschaft genießen dürfen. Dieses sorgenfreie, zuverlässige Image der Suzuki hat sich auf meinen Fahrstil und mein Mindset übertragen ich war entspannt, souverän, gelassen. Am Ende gab ich die Suzuki nach 2700 Kilometern ohne Kratzer, Defekt oder Macke zurück. Ich hatte das Gefühl, diesmal die richtige Wahl getroffen zu haben. War sie perfekt? Nein. Die Heizgriffe habe ich bei einem Grad am Morgen vermisst, und den Tempomat auf den langen Schotterpisten, wo ich stundenlang das Gas konstant halten musste. Aber ich habe gelernt, in künftigen Berichten und Videos weniger zu fordern, weniger zu kritisieren. Was für mich persönlich zu viel oder zu wenig ist, kann für andere genau richtig sein. Ich werde versuchen, Motorräder künftig so zu beleuchten, dass jeder für sich die richtigen Schlüsse ziehen kann, ob ein Modell zum eigenen Einsatzzweck passt. Und vielleicht sollten das auch einige Kommentatorenunter unseren YouTube Videos beherzigen: Nur weil ein Motorrad für einen selbst zu schwer, zu teuer oder zu schwach ist, heißt das nicht, dass es für andere nicht perfekt ist. Habt Verständnis für die Produktmanager bei den Motorradherstellern sie haben einen wirklich schweren Job. Die Geschmäcker von uns Enduristen sind so vielfältig, dass es kaum möglich ist, es allen recht zu machen.

Über die Reise

Diese Erkenntnisse stammen aus einer intensiven 2700-Kilometer-Tour durch den Wilden Westen der USA. Mit zwei Suzuki V-Strom 800DE durchquerten wir Utah, Wyoming, Idaho und Montana zum großen Teil auf Schotterpisten und im Gelände. Die Route führte uns vom Start bei Edge Powersports in Salt Lake City über die herbstlichen Wasatch Mountains, den türkisfarbenen Bear Lake und durch den Caribou-Targhee National Forest bis zum legendären Yellowstone Nationalpark. Wir folgten den historischen Spuren der Lewis-und-Clark-Expedition am Lemhi Pass, erlebten verlassene Geisterstädte aus der Goldgräberzeit, entspannten in einsamen Hot Pools mitten im Wald und kämpften uns durch anspruchsvolle Flussdurchfahrten. Mit einem Schwierigkeitsgrad von maximal 4 von 10 blieben die Offroad-Passagen mit den Reiseenduros gut machbar, forderten uns aber dennoch täglich heraus. Die Temperaturen schwankten zwischen frostigen 1 °C in den Morgenstunden und sommerlichen 30 °C am Nachmittag. Ausgestattet mit Dunlop Trailmax Raid 50/50-Reifen, SW-Motech PRO Rearbag-Gepäcksystem und Vanucci-Bekleidung meisterten die V-Stroms jeden Tag souverän von rasanten Highspeed-Schotterpisten bis zu gemütlichen Asphaltpassagen.

Mit den Reiseenduros zum Yellowstone Nationalpark - ein großartiges Abenteuer
Mit den Reiseenduros zum Yellowstone Nationalpark - ein großartiges Abenteuer

Bericht vom 03.01.2026 | 9.504 Aufrufe

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