Harley-Davidson Livewire Test

Faszinierender Freudenspender

Die Livewire lässt niemanden kalt. Elektrohasser verteufeln sie als Verrat. Freunde von Elektromobilität feiern sie als Vorreiter. Doch wie fährt sie? NastyNils fährt sie auf der Hausstrecke und klärt auf.

Aber wie fährt sie? Bei Diskussionen zu Elektrofahrzeugen wird diese unfassbar wichtige Frage leider erst immer unfassbar spät gestellt. Man spricht über Ladezeiten, Reichweite, Preis, Sound und Batterietechnologie. Doch erst wenn am Stammtisch die Munition der Elektrofreaks und Benzinfundamentalisten verschossen ist, kann man sich über die wirklich spannenden Fragen unterhalten. Auch beim 1000PS Livestream auf Facebook betrafen viele Fragen die Ladezeit und die Reichweite.

Starke Beschleunigung - nicht bloß wegen dem Drehmoment

Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Elektrofahrzeuge unpackbare Beschleunigungswerte erzielen. In diese Kerbe schlägt auch der 180er Hinterreifen der Livewire. Das Drehmoment von 116Nm liest sich erstmal nicht spektakulär. Doch der Drehmomentverlauf hat es in sich. Bauartbedingt liegt das Drehmoment nahezu über den gesamten Drehzahlbereich an. Doch es ist nicht die schiere Kraft welche die Maschine so nach vorne katapultiert. Es ist diese zugängliche Art, mit der diese Beschleunigung serviert wird. Man benötigt keine Kupplung, keine Gangwechsel und muss auch keine komplexen Technologien einsetzen um strenge Abgashürden zu meistern. Dieser Motor darf sein volles Potential an den Hinterreifen senden - immer und überall. Außer wenn die hochwertige 6-Achsen IMU nicht mehr damit einverstanden ist. Harley spendiert dem neuen Elektroflitzer auch gleich eine hochwertige Traktionskontrolle und natürlich ABS. Alles natürlich schräglagenabhängig und überraschend sportlich abgestimmt. Am Ende ist es aber natürlich auch der tiefe Schwerpunkt und der schwere Akku welcher bei der irren Beschleunigung kräftig zur Seite steht. Die Power kann man nutzen und auch auf den Asphalt bringen.

Harley-Davidson Livewire - Test auf der 1000PS Hausstrecke

Die meisten Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer würden mit dieser Maschine also deutlich schnellere Ampelstarts hinkriegen als mit ihren Nakedbikes und Supersportlern. Das hätten viele vermutlich auch so erwartet. Doch trotz des hohen Gewichtes wird die Livewire auch auf kurvigen Strecken nicht zum Opfer. Beim Test fuhren wir sie auf unserer 1000PS Hausstrecke. Unzählige Bikes wurden hier schon getestet. Die Strecke bietet enge Kehren aber auch weite Radien. Die Livewire macht hier unfassbar viel Spaß. Das einfache Wechselspiel aus Bremsen, Umlegen und Rausbeschleunigen geht so herrlich von der Hand. Sie präsentiert sich als faszinierender Kurvenräuber.

Das Motorrad benötigt etwas Druck am Lenker und man muss immer einen spürbaren Aufstellmoment entgegenwirken. Möglicherweise liegt das an der schweren Front, der Geometrie oder schlicht an den eher konservativen Reifen. Doch von alleine fällt die Livewire nicht in den Radius. Auf der anderen Seite gelingen die Richtungswechsel aber einfach und auch präzise. Der tiefe Schwerpunkt hilft hier kräftig mit. Treu zur Seite stehen dem Piloten dabei immer die guten Fahrwerkskomponenten und gute Bremsen. Die Showa Komponenten sind grundsätzlich eher straff abgestimmt. Doch das passt insgesamt gut zum Charakter der Maschine.

Sie liebt Feierabendrunden

Sie ist ein durchaus wildes Ding das gerne intensive aber eher kürzere Ausfahrten meistert. Der ganz große Fahrkomfort macht sich schon alleine durch den fehlenden Windschutz nicht breit. Sie ist eben eine gänzlich andere Harley-Davidson. Das passt auch zur Reichweite der Maschine. In der Praxis bot sie Power für 150km. Möglicherweise ist mehr drinnen, doch in der Praxis genießt man im Sattel die Beschleunigung einfach viel zu sehr. Sparsam zu fahren macht einfach keine Freude. Die Maschine spendiert den Fahrspaß gerne und das ist ihr Revier. Gemütliche und lange Touren sind nicht bloß wegen der geringen Reichweite nicht das Heimspiel der Maschine. Sie verleitet Dich gerne zu hohem Speed und treibt Dich an. Ähnlich wie ein aggressives Powernakedbike und ganz anders als sämtliche anderen Motorräder von Harley-Davidson.

Livewire: Laden in der Praxis

Laden kann man das Motorrad über nacht an der heimatlichen Steckdose mit dem mitgelieferten Ladegerät. Wer in der Garage einen 400 Volt Kraftstrom-Strecker hat, kann mit einem 11kW Ladegerät deutlich flotter laden. Beispiel: NRGKick 16A, 11kW

Oder aber man nutzt die Ladestationen im öffentlichen Raum. Beim 1000PS Test waren bei einer Smartrics 50kW Schnellladestation immerhin 7,2kW in 25 Minuten drinnen. Das ist nicht schlecht aber ist meilenwert von den Werten von Teslas entfernt. Hier könnte Harley-Davidson nachbessern um die Praxistauglichkeit der Maschine zu erhöhen. Dann das Netz der Ladestationen ist mittlerweile schon recht dicht. Wenn die Ladevorgänge doppelt so schnell über die Bühne gehen würden, dann wäre das eine klassische Rauch- / Cafepause samt Socialmedia-Check am Handy. Doch 25 Minuten für rund 70km Reichweite sind zu lang um die Livewire zu einem vollwertigen Motorrad für echte Touren zu machen. So ist sie mit den über 33.000 ein faszinierendes schnelles und fahraktives Zweitmotorrad. Oder aber für Leute die meistens kurze Feierabendrunden fahren.

Reichweite? Leer sind meistens die Benziner!

Wir bei 1000PS haben mit Elektrofahrzeugen schon viel Erfahrung. Ein Hyundai Ioniq Elektro ist seit 3 Jahren im Fuhrpark und ein Tesla 3 seit ein paar Monaten. Auch wenn die Diskussionen und Fragen nach der Reichweite allgegenwärtig sind, so sind es in der Praxis immer die Benziner wo man genervt die Tankstelle sucht. Denn die Elektrofahrzeuge stehen morgens immer prall gefüllt in der Garage. Wohingegen die Benziner immer dann leer sind, wenn man es gerade eilig hat. So ein Elektrofahrzeug passt grundsätzlich besser in Haus mit Garage als in eine Wohnung ohne Ladeinfrastruktur im Keller.

Die gesamte Haptik des Antriebes ist großartig. Die Rekuperation, also die Energierückgewinnung beim Bremsen mit der Motorbremse, kann angepasst werden. Ebenso stehen verschiedene Riding-Modi zur Verfügung. Im Fahrbetrieb tut das Motorrad sehr präzise das, was man als erfahrener Benzinpilot von ihr erwartet. Kupplung und Schaltung vermisst man schon nach wenigen Kilometern nicht mehr. Die nahtlose Beschleunigung macht einfach zu viel Spaß. Der wartungsarme Zahnriemenantrieb passt ingesamt gut ins Fahrzeugkonzept. Da gibt es wenig zu tun für die Werkstatt - Wartungsarbeiten fallen kaum an.

Wer pragmatisch den Rechenstift auspackt kann jedoch schwer zur Livewire greifen. Vergleicht man Fahrleistung, Ausstattung und Performance mit Benzinern ist sie um 10-15 Tausend zu teuer. Wer die Kohle jedoch am Konto hat und eine Probefahrt wagt sei gewarnt: Das Motorrad ist faszinierend und begeistert. Gut möglich, dass man rasch eine unvernünftige Entscheidung trifft.

Die Ausrüstung bei diesem Test von NastyNils

Fazit: Harley-Davidson LiveWire ELW

Die Livewire ist eine faszinierende Fahrmaschine. Sie fährt sportlich schnell und beschleunigt atemberaubend. Die Bedienung geht leicht von der Hand. Sie fährt wie ein normales Motorrad - nur nahtlos, lautlos und sportlich abgestimmt. Warum sieht man sie kaum in der freien Wildbahn: Es gibt ein großes ABER - den Preis. Die Maschine ersetzt keine vollwertige Motorradgarage, kostet aber 33.000 Euro. Das schränkt die Zielgruppe ein.


  • Heftige Beschleunigung
  • super abgestimmter Antrieb
  • hochwertige Traktionskontrolle und sportliches ABS
  • hochwertige Bremsen und gutes Fahrwerk
  • wartungsarmes Gesamtkonzept
  • maximale Ladeleistung sollte noch erhöht werden um Ladezeit weiter zu reduzieren
  • in der Praxis untauglicher Spritzschutz am Hinterrad

Bericht vom 26.08.2020 | 8.242 Aufrufe

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