Yamaha Tracer 700 Modell 2020 – Erster Test

Tatsächliche Erneuerung oder nur ein optischer Aufputz?

Die Reisevariante der erfolgreichsten Motorrad-Reihe aus dem Hause Yamaha, der letzten Jahre bekommt ein umfangreiches Update für das Jahr 2020. Ich durfte auf Teneriffa überprüfen, wie sehr sich die neue Tracer 700 von der Vorgängerin unterscheidet.

Alles Neu? Die Optik der Tracer 700 Modelljahr 2020

Die markante Yamaha-CI ,die sich seit der 2015 vorgestellten R1 immer mehr im gesamten Modellprogramm durchsetzt, ziert nun auch die neue Tracer 700. Die aggressive Optik in der Front steht der flotten Reisebegleiterin gut zu Gesicht, das Heck sieht dem der Vorgängerin bzw. der großen Schwester zum Verwechseln ähnlich und kann mit der futuristischen Front optisch nicht ganz mithalten. Mit LED Ausstattung vorn (zwei wirklich überzeugende Projektorscheinwerfer) und hinten inkl. Blinker ist man beleuchtungstechnisch auf dem letzten Stand. Einziger Wermutstropfen, der den strengen Abgasvorschriften der Euro 5 Norm geschuldet ist, ist das Verschwinden der herrlichen Doppelkrümmer an der Front des Motors. Diese werden nun früher zusammengeführt, hinter einer Alu-Abdeckung versteckt und münden in einem doch sehr großen Vorschalldämpfer.

Yamaha Tracer 700 - Motor

Auch beim Motor hat sich (wenn auch nicht ganz freiwillig - Stichwort Euro 5) etwas getan. Das maximale Drehmoment von nach wie vor 68 Nm steht zwar wie bisher bei 6.500 U/Min zur Verfügung. Bei der Spitzenleistung hat das Aggregat jedoch rund 1,5 PS eingebüßt, dafür liegt die Leistung bereits 250 U/Min früher, nämlich bei 8.750 Umdrehungen an. Im Realbetrieb ist weder das eine noch das andere spürbar. Für A2 Führerscheinbesitzer ist eine auf 35 kW gedrosselte Variante erhältlich.

Der 689 Kubikzentimeter große Crossplane Zweizylinder ist nach wie vor ein wahrer Quell der Freude, so lässt sich die Tracer 700 wirklich sportlich bewegen. Das Ansprechverhalten des Reihenzweiers mit Hubzapfenversatz ist wunderbar und der Motor dreht willig hoch. Beim Sound gibt sich die Mittelklassejapanerin trotz Euro 5 keine Blöße. Der CP2 ist ein Motor, wo sich immer wieder die Frage aufdrängt: Braucht es mehr Leistung? Alleine auf engen Bergstraßen wohl nicht.

Tracer 700 Modelljahr 2020 - Verbrauch und Gewicht

Yamaha gibt den Verbrauch mit 4,3 Litern auf 100 km an - in der Praxis kann man hier je nach Fahrweise und Beladung etwas mehr oder etwas weniger als einen Liter addieren. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass wir beim Test großteils in luftiger Höhe (bis zu 2.300 Meter) unterwegs waren und daher von den 73,5 PS teilweise nur knapp 60 überblieben. Besonders bergauf fuhren wir daher mit hohem Vollgasanteil. Untermotorisiert kam ich mir dennoch zu keinem Zeitpunkt vor.

Dafür ist nicht zuletzt das Gewicht von fahrfertig lediglich 196 Kilogramm verantwortlich. Die Umstellung auf Euro 5 machte Gewichtseinsparungen von knapp zwei Kilogramm erforderlich. Diese konnten die Ingenieure durch eine leichtere Batterie, Leuchtelemente und effizienter gestalteten Anbauteilen umsetzen. Yamaha verteidigt somit erfolgreich die Krone für das leichteste Bike der Klasse. Die Konkurrenz hat hier zum Teil bis zu 30 Kilo mehr herumzuschleppen.

Flotte Japanerin überzeugt mit einstellbarem Fahrwerk und flinken Handling

Absolutes Highlight in dieser Klasse und ein im Vergleich zur Vorgängerin wahrer Fortschritt, ist das einstellbare Fahrwerk der Tracer 700. Sowohl die Gabel als auch das Federbein können in Vorspannung und Zugstufe eingestellt werden. Dies ist insbesondere für stattlichere Personen, die es mit entsprechender Schutzkleidung und schweren Knochen in den dreistelligen Kilogramm-Bereich schaffen, ein echter Mehrwert. Die 41mm Teleskopgabel bietet 130 mm Federweg, während das Federbein 142 mm aufweist. Die Grundabstimmung der Federelemente ist etwas straffer als bei der Vorgängerin, ohne dass die Yamaha deshalb unkomfortabel wirkt.

Ergonomie und Windschutz der Tracer 700 Modelljahr 2020

Die Sitzbank bietet nach wie vor eine Sitzhöhe von 835 mm. Sie wurde im Vergleich zur Vorgängerin allerdings um 10 mm aufgepolstert, was vor allem dem Soziuskomfort zu gute kommt. Im Zubehör finden sich sowohl eine um 20 mm niedrigere Sitzbank für kleiner gewachsene Personen, als auch eine Komfortsitzbank (Sitzhöhe 840 mm) für die ganz lange Tour. Dieser möchte ich an dieser Stelle eine Empfehlung - besonders für größere Piloten - aussprechen. Ich hatte die Möglichkeit, sie für einige Kilometer zu fahren und der Unterschied zur Serienbank ist deutlich spürbar. Zum einen entspannt sich der Kniewinkel noch ein wenig und die Sitzposition wird tourentauglicher, zum anderen ist die Geleinlage wirklich bequem. Der Standardsitz neigt dazu, dass man ihn “plattsitzt” und sich eine Kuhle bildet, die die Bewegungsfreiheit etwas einschränkt.

Die, im Vergleich zur Vorgängerin, verkleinerte Halbschale macht ihren Job mehr als ordentlich und auch die Handguards mit integrierten LED-Blinkern weisen den Wind zuverlässig von den Händen ab. Das Standard-Windschild der Tracer 700 bietet in der Position unten soliden Schutz. In der oberen Position (+65 mm) wird zwar noch mehr Druck von der Brust genommen, es bilden sich aber Verwirbelungen am Helm und die Windlautstärke nimmt zu. Abhilfe schafft das große Windschild aus dem Zubehör, das den Luftzug zuverlässig über den Piloten hinweg führt. Gleichermaßen wunderbar und einfach lassen sich beide Schilde mit einer Hand auch während der Fahrt flexibel verstellen.

Soziustauglichkeit der Tracer 700 - ein klares Jein

Grundsätzlich ist zu diesem Thema zu sagen, dass der Sozius/ die Sozia rein platztechnisch keine Probleme haben wird auch eine längere Tour auf der Mittelklasse-Yamaha zu überstehen (insbesondere mit der Komfortsitzbank). Die einstellbaren Federelemente sorgen dafür, dass das Handling auch in beladenem Zustand zufriedenstellend ist. Auch die Motorleistung ist für den Zweipersonenbetrieb ausreichend, solange es nicht zu steil bergauf geht. Bei stattlichen Piloten kann allerdings, wie schon bei der Vorgängerin, das höchstzulässige Gesamtgewicht von 377 Kilogramm ein Spielverderber sein. Bei 196 Kilogramm fahrfertig ergibt sich eine maximale Zuladung von 181 Kilogramm, die in der Konstellation Fahrer + Sozius + Gepäck tatsächlich zu wenig sein kann.

Bremsen Yamaha Tracer 700

Die Bremsanlage an der Tracer 700 wurde vollkommen zu Recht nicht überarbeitet. Die 282 mm Doppelscheibe vorne spricht gutmütig an und überzeugt mit herrlicher Dosierbarkeit. Die Bremsleistung ist sehr zufriedenstellend, das gilt auch für die 245 mm Einzelscheibe am Hinterrad. Der Bremshebel ist im Gegensatz zum Kupplungshebel in vier Stufen einstellbar. Selbst längere Bergab-Passagen in flotter Gangart stecken die Bremsen mühelos weg.

Ausstattung der Tracer 700 Modelljahr 2020 - Display neu, Elektronik alt

Neu und deutlich edler gehalten als beim Vorgänger sind die LCD-Armaturen in Negativ-Darstellung. Sie wirken deutlich hochwertiger als bei der Vorgänger-Maschine. Die Ablesbarkeit ist, selbst bei direkter Sonneneinstrahlung, wunderbar. Das Durchschalten der Funktionen (Trip 1, Trip 2, Verbrauch aktuell, Verbrauch durchschnitt, Temperatur Kühlflüssigkeit, Außentemperatur) erfolgt über einen kleinen Hebel am linken Lenkerende, durch den eher geringen Funktionsumfang des Boardcomputers kann die Bedienung intuitiv erfolgen und gibt keine Rätsel auf.

Damit ist allerdings schon Schluss mit Neuigkeiten. Die sonstige Elektronik-Ausstattung der Tracer 700 hat sich nicht verändert und muss sich mittlerweile den Vorwurf gefallen lassen, dass sie im Vergleich zur Konkurrenz, insbesondere der aus Bayern, etwas dürftig ist. So sind Heizgriffe nur gegen Aufpreis, Fahrmodi, eine Traktionskontrolle, ein Tempomat, ein Quickshifter oder auch ein Connectivitysystem nicht für gutes Geld zu bekommen. Damit reiht sich die Tracer in die Reihe der anderen Vertreter der Klasse ein, wobei zu erwähnen ist, dass diese schon sehr lange kein Update mehr erhalten haben.

Die vergleichsweise geringe Ausstattung und die kurze Zubehörliste sind keine Zufälle. Bei der Tracer 700 der ersten Generation, bemerkte Yamaha, dass ihr größte Konkurrenz im eigenen Haus wohnt. Der Abstand zwischen 700er und 900er war einfach zu gering. Dadurch entschieden sich viele Käufer für die nur geringfügig teurere Tracer 900. Das soll sich nun ändern und daher muss man beim “kleinen” Modell Abstriche machen. Dennoch ist man im Sattel der kleinen Yamaha zufrieden - die Tracer 700 bietet herrlich pusristisches Motorradfahren zu einem fairen Preis.

Tracer 700 Modelljahr 2020 - Preise

Farbvarianten der Tracer 700 Modelljahr 2020

  • Icon Grey
  • Sonic Grey
  • Phantom Blue

Zubehör-Pakete Tracer 700 Modelljahr 2020

Sport Pack

  • Kurzer Kennzeichenhalter
  • Kettenschutz
  • Knee Pads
  • Kühlerverkleidung

Travel Pack

  • Kofferset
  • Hohes Windschild
  • Komfortsitzbank
  • USB Anschluss im Cockpit

Weekend Pack

  • ABS-Softtaschen
  • Hohes Windschild
  • Tankpad
  • USB Anschluss im Cockpit

Urban Pack

  • USB Anschluss im Cockpit
  • Gepäckbrücke
  • Top Case
  • Rückenlehne Sozius

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Fazit: Yamaha Tracer 700

Das Update ist den Ingenieuren bei Yamaha optisch - wie technisch wirklich gut gelungen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel Spaß man auf Motorrädern haben kann, die deutlich unter 10.000 Euro kosten. Der Motor ist trotz Euro 5 quicklebendig geblieben. Das geringe Gewicht und das einstellbare Fahrwerk machen die Tracer 700 zu einem echten Kurvenräuber. Natürlich muss man in dieser Preisklasse bei der Ausstattung Abstriche machen, aber das tut man gerne, da die puristische Mittelklasse-Yamaha, wie kaum eine anderes Motorrad daran erinnert, worauf es beim Motorradfahren wirklich ankommt.


  • einstellbares Fahrwerk
  • solider Motor
  • LED-Leuchtkörper rundum
  • Leichteste ihrer Klasse
  • Preis-Leistung top
  • mächtige Optik
  • Bremsanlage passt perfekt
  • serienmäßiges Windschild für große Piloten unzureichend
  • Elektronik nicht mehr "State of the art"
  • Seriensitzbank zu weich
  • geringe Zuladung

Bericht vom 27.02.2020 | 13.051 Aufrufe

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