Yamaha Tenere 700 Test in den Schweizer Alpen

Yamaha Tenere 700 Test in den Schweizer Alpen

Ein Grüezi mit der Tenere 700

Wie schlägt sich die Yamaha Tenere 700 dort, wofür sie gemacht wurde? Auf Bergstraßen, über Schotterpassagen, auf langen Etappen? Wir gingen der Sache im schweizerischen Graubünden auf den Grund und bewegten sie einen Tag lang zusammen mit den Jungs vom Tenere Owners Club Switzerland.

Zahlreiche „Blindbestellungen“

Gut Ding braucht offenbar manchmal wirklich Weile. Nicht nur, dass Yamaha die riesige Tenere-Fangemeinde seit Erscheinen des Prototyps T7 drei Jahre lang immer wieder mit Appetit machenden Häppchen anfütterte, so dauerte es auch vom Zeitpunkt der Präsentation des Endproduktes Tenere 700 auf der EICMA letzen November noch einmal ein gutes halbes Jahr, bis sie im Mai erstmals von den Journalisten gefahren werden konnte. Und vor der Auslieferung der zahlreichen „Blindbestellungen“ schickte man das Motorrad noch rasch auf Europa-Tour. Wir von 1000 PS nahmen jede Gelegenheit wahr, um den neuen Stern im Mittelklasse-Reiseendurosegment für euch unter die Lupe zu nehmen. Nachdem Mex beim Launch in Spanien die ersten Fragen ausführlich beantwortete und sie Herbert Lindner zusammen mit Luki in Spielberg einer intensiven Belastungsprobe auf der Cross-Strecke aussetzte, schwang sich nun der Wolf in den Sattel des vollgetankt 204 bzw. trocken 187 Kilogramm schweren Motorrads, um es in den Schweizer Alpen einfach so zu bewegen, wie das die meisten ihrer künftigen Besitzer tun werden: Über Alpenpässe, gute und schlechte Straßen, weite und enge Kurven, auf Schotter, bei Sonne und auch im Regen…

So würde ein Kind ein Motorrad zeichnen

Für die Streckenwahl im Kanton Graubünden war der Tenere Owners Club Switzerland verantwortlich. Das ist nicht irgendeiner, sondern der älteste seiner Art weltweit. Gegründet, als 1983 die erste Tenere das Licht der Welt erblickte, bekannt auch dafür, dass man immer wieder „artgerechte“ Touren organisiert. Klar, dass die Jungs nicht nur ihre Schweizer Heimat und deren versteckte Streckenjuwelen wie ihre Westentasche kennen, sondern auch ganz genau wissen, was eine Tenere ausmacht. Da ist zum einen dieses Rally-Gen, das keinesfalls fehlen darf. Hat man optisch beim jüngsten Spross hinbekommen, mit der schlanken Linie, der hochgezogenen Frontpartie mit ihren vier runden LED-Leuchten, ja sogar die Instrumente wurden optisch einem Rally-Roadbook nachempfunden. „Alles schlicht und einfach, so würde ein Kind ein Motorrad zeichnen“, schwärmt Claudio Godenzi, Präsident des Clubs. Und obendrein sieht es auch in Serienreife fast noch genauso aus, wie seinerzeit als T7-Studie.

Yamaha Tenere 700 - State of the (Enduro)-Art

Doch Optik ist die eine, Funktionalität die andere Sache. Und auch hier lässt die Tenere 700, zumindest für ihre Fangemeinde, kaum Wünsche offen. Die Federwege des voll einstellbaren Fahrwerks sind mit 210 Millimeter vorne und 200 Millimeter hinten ausreichend für so ziemlich alles, was der Motorradreisende unter die Speichenräder nehmen wird, die Rad-Dimensionen mit 21/18-Zoll State of the (Enduro)-Art, ein ausreichender Wind- und Wetterschutz sorgen für Langstreckentauglichkeit und der bewährte, aus der MT-07 bekannte Reihenzweizylinder mit Hubzapfenversatz ist ein Aggregat, das punkto Ansprechverhalten, satter Drehmomentkurve und durchaus auch Leistung wie für eine Reiseenduro gemacht ist. Die 74 PS reichen zumindest im Solobetrieb auch auf der Straße für flottes Reisetempo, das maximale Drehmoment von 68 Newtonmetern liegt bereis bei 6500 Umdrehungen an.

Spielerisch durch engste Haarnadel-Kurven

Aber genug geschrieben. Aufgesessen! Gleich zum Aufwärmen nehmen wir uns eine ganze Reihe Spitzkehren vor. Geht spielerisch auch durch die engsten Haarnadel-Kurven, das Töff, wie die Schweizer Freunde sagen, reagiert punktgenau auf jeden Lenkimpuls. Ein extrem leiwandes Fahrgefühl, das sich auch nicht ändert, als der Asphalt unter den Pirellis ausgeht. Ganz im Gegenteil. Was zum einen am serienmäßigen Scorpion Rally STR liegt, der auch auf der Straße bis an die Rasten hält und obendrein im Regen gut performt, zum anderen aber vor allem am Motorrad. Da passt die Ergonomie sowohl im Sitzen als auch im Stehen. Apropos sitzen: Die Sitzbank ist zwar kein Wunder an Komfort, trotzdem tut dir auch nach mehreren Stunden im Sattel der Hintern nicht weh. Wobei wir die Schotterstraße bis rauf zum idyllischen Örtchen Obermutten mit seiner Holzkirche und den rustikalen Holzhäuschen ohnehin fast durchwegs im Stehen absolvierten…

Die Tenere 700 in 3 Worten: Puristisch, einfach, leistbar

Die Traktionskontrolle ist bei der Tenere 700 übrigens in der rechten Hand, auch Fahrmodi sucht man vergebens. An technischen Hilfsmittel hat der Tenere-Fahrer von 2019 lediglich ABS mit an Bord, bei Bedarf vollständig abschaltbar. Dann lacht dir am gut ablesbaren Display groß das Wort „Offroad“ entgegen und du weißt, was zu tun ist. Mit einem gezielten Tritt auf die Hinterradbremse ein wenig Richtung geben, beim Rausbeschleunigen aus der Kurve den Hintern kommen lassen. Alles selbstverständlich dezent, mit Maß und Ziel, die Graubündner wollen schließlich ihre gar nicht so wenigen öffentlich befahrbaren unbefestigten Wege auch dann noch genießen dürfen, wenn der Yamaha-Tour-Tross wieder weg ist.

Natürlich haben der Sicherheit dienende elektronische Fahrhilfen, vom Kurven-ABS bis zu den Anti-Rutsch-Assistenten, absolut ihre Berechtigung, speziell auf der Straße, wo etwa auch eine Anti-Hopping-Kupplung die engagierte Pässehatz komfortabler gestalten könnte. Der puristische Zugang der Yamaha-Entwickler erfreut jedoch nicht nur die Herzen der Offroad-Fans – müssen diese Assistenz-Systeme doch meist ohnehin weggeschalten oder zumindest stark eingebremst werden, sobald es staubt – sondern auch die Brieftasche: Während viele Mittelklasse-Reiseenduros in Vollausstattung längst nahe an der Schmerzgrenze oder darüber liegen, bleibt die Tenere 700 leistbar (Preise findet ihr am Ende des Berichts). Das Preis-Leistungsverhältnis ist jedenfalls nur schwer zu schlagen, Kurzentschlossene, die noch bis 31. Juli bestellen, kommen obendrein noch in den Genuss eines Zuckerls in Form eines 500-Euro-Zubehör-Gutscheins in Österreich oder eines 400-Franken-Rabatts in der Schweiz.

Die Vielseitigkeit macht’s aus

Neben Schotter standen auch wunderbare Bergstraßen wie über den Albula- oder den Julier-Pass auf unserem Streckenplan, die stark wechselnde Asphaltqualität brachte dabei die wahre Stärke der Yamaha zum Vorschein: Ihre Vielseitigkeit macht’s aus bzw. die Tenere zu einem Reisemotorrad, auf dem man nicht lange nachdenken muss, wo diese hingehen soll und auch unwegsame Pfade kein Hindernis sind. Im Alltag praktisch: Das Federbein lässt sich in der Vorspannung einfach per Handrad verstellen, was bei wechselnder Beladung bzw. Fahren mit Sozius angenehm ist. Und der Kotflügel kann mit wenigen Handgriffen bzw. einem Schraubenschlüssel höher gestellt werden, damit sich das Rad auch in schlammigem Terrain nicht festläuft.

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Fazit: Yamaha Tenere 700

Gegenüber der sportlichen Einzylinder-Konkurrenz aus dem Hause KTM oder Husqvarna, die man sich ja erst mit Windschild, größerem Tank etc. selbst reisetauglich machen muss, bietet der Twin ein Mehr an Laufruhe und damit bessere Langstreckentauglichkeit, gegenüber den meisten Zweizylinder-Mitstreitern, KTM’s 790 Adventure mal ausgenommen, ein Mehr an Offroad-Tauglichkeit. Auf jeden Fall ist die Tenere 700 eine echte Bereicherung für das Reiseenduro-Segment geworden, hat sich das Warten also gelohnt. Und wir von 1000PS werden auch künftige Gelegenheiten nützen, sie auf Herz und Nieren zu prüfen, mit anderen zu vergleichen, auf Reisen mitzunehmen, kurz: sie einfach fahren. Weil’s Spaß macht. Grüezi!

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Vorteile
  • spielerisches Handling
  • toller Motor
  • saubere Verarbeitung
  • voll einstellbares Fahrwerk
  • geringes Gewicht
  • ABS abschaltbar
  • fairer Preis
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Nachteile
  • wenig Elektronik für Straßenfahrten
  • Sitzbank könnte auf langen Strecken unbequem werden

Bericht vom 17.07.2019 | 13.416 Aufrufe

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