Yamaha Niken Test 2018

Yamaha Niken Test 2018

3 Räder für ein Halleluja - ist das die Zukunft?!

Keine Frage, die Optik der Niken polarisiert und ist Geschmackssache. Auch das Dreirad-Image per se ist definitiv kein Gutes unter eingefleischten Bikern. Doch was Yamaha hier auf die Beine gestellt hat lässt sich in keine Kategorie und keine Schublade stecken. Etwas Revolutionäres wurde uns auf den österreichischen Passstrassen präsentiert. Eine Probefahrt sei jedem Skeptiker ans Herz gelegt!

Was macht das pure Fahrerlebnis am Motorrad aus? Für die meisten Biker wohl das Feeling in der Kurve. Der Faktor Beschleunigung durch reichlich Motorleistung spielt gleich danach wohl ebenso eine bedeutende Rolle. Oder?

45 Grad Schräglage bis die Rasten schleifen

Genau hier setzt Yamaha mit der NIKEN an: Zwei Vorderräder = doppelter Grip? Physikalisch gesehen nicht ganz. Sobald man aber den neuartigen Dreiradler das erste Mal engagiert in Schräglage wirft, wird klar, dass nahezu grenzenloses Vertrauen in die zwei 120er Pneus an der Front gesetzt werden kann. Unabhängig von Geschwindigkeit und Radius führen die zwei 15-Zöller am Bug wie auf Schienen durch die Kurve, ohne dabei aber auch nur irgendwie Trägheit oder gar Behäbigkeit zu vermitteln. Selbstredend ist das Feeling schon ein klein wenig anders, als auf klassischen Zweirädern, aber nach 20 Minuten im Sattel hat man ein Gefühl dafür entwickelt und legt mindestens genauso engagiert um, wie am eigenen Motorrad. Dabei kann sowohl am Kurveneingang als auch im Radius ein ungeahnt hoher Speed gefahren werden. Das Ganze mit bis zu 45 Grad Schräglage, bis die Fußrasten über den Asphalt scharren. Echt ein Hochgenuss!

Yamaha Niken Motorisierung

Auch von zweiterer genannten Zutat füllte Yamaha reichlich bei der NIKEN ein, denn Motorleistung hat sie zur Genüge. Verglichen mit anderen, am Markt befindlichen, Dreirädern strotzt der potente 847ccm große Cross-Plane-Dreizylinder nur so vor Leistung. 115 PS und 87,5 Newtonmeter bringt das bewährte Aggregat auf den Asphalt. Dennoch nahm man Anpassungen am Motor vor, um ihn der Niken quasi auf den Leib zu schneidern. Das aggressive und teilweise als ruppig bezeichnete Ansprechverhalten, welches man beispielsweise aus der MT-09 kennt, wurde mit einer spürbar größeren Schwungmasse gemildert. Auch die Endübersetzung wurde länger, was der Niken zusammen mit dem naturgemäß höheren Fahrzeuggewicht - 263 Kilogramm fahrfertig bringt sie auf die Waage - zu einer adäquaten Leistungscharakteristik verhilft.

Yamaha Niken Fahrleistungen

Im sportlichen Fahrbetrieb ist der limitierende Faktor dann in jedem Fall der 190er Hinterreifen. Mit frühzeitigem Feedback kündigt er den kontrollierbaren Haftungsabriss an, bevor ihn die Traktionskontrolle nach einer kleinen Drift-Einlage wieder zurück in die Spur holt. Experimentierfreudigen oder Könnern ist es sogar gestattet die dreistufige (1, 2 und OFF) Traktionskontrolle abzuschalten, so dass noch mehr Fahrspaß in Form von Schrägfahrten mit der Niken möglich wird. Sogar Wheelies lassen sich von geübten Fahrern bei deaktivierter TC und engagiertem Einsatz der Kupplung realisieren. Optisch natürlich ein mächtiger Eindruck, wenn die zweirädrige Front in die Galerie schießt. Den elektronischen Sicherheitspolster gibt es dann aber eben nicht mehr.

Insgesamt kann dem Fahrzeug ein sehr sportliches Setup attestiert werden. Die doppelte Upside-Down-Gabel an der Front, welche im übrigen auch der Namensgeber des Fahrzeugs war, (NI KEN = Doppeltes Schwert) verrichtet straff ihren Dienst. Das vordere Standrohr des jeweiligen Zweierverbundes misst 41mm, das Hintere, welches hauptsächlich die Dämpfungsarbeit übernimmt, 43mm. Zudem sind jeweils Druck- und Zugstufe einstellbar. Etwas weiter hinten, am Heck, verrichtet ein gleichermaßen sportlich abgestimmtes und voll einstellbares Kayaba Federbein seinen Dienst. Mittels hydraulischem Handrad kann hier zudem bequem die Vorspannung mit wenigen Handgriffen adjustiert werden. Zusammen mit der knackig gepolsterten Sitzbank vermittelt die Niken dem Fahrer stets ein direktes und transparentes Feeling.

Yamaha Niken Ergonomie

Die Sitzposition im Allgemeinen ist eher aufrecht und taugt definitiv auch für lange Tagestouren. Der Kniewinkel ist relativ offen und intuitiv finden die Beine des Fahrers eine gute, bequeme Position an Tank und Verkleidung. Spielerisch lässt sich die Niken mit dem sehr breiten 885 mm Lenker durch das Kurvengeschlängel dirigieren. Der Windschutz in Form der kleinen Frontscheibe fällt serienmäßig eher kompakt aus. Für Großgewachsene oder komfort-orientierte Piloten gibt es optional noch ein etwas wuchtigeres Windschild aus dem Yamaha Original-Zubehör. Die Sitzhöhe der Niken liegt mit 820mm im normalen Nakedbike-Bereich. Durch die breite Sitzbank und den daraus resultierenden, weiten Schrittbogen könnten für kleine Fahrer das Rangieren jedoch etwas schwierig werden.

Yamaha Niken Assistenzsysteme

Aus technologischer Sicht bietet die Niken eine solide Grundausstattung. ABS, Traktionskontrolle, Tempomat, Quickshifter (zum Hochschalten) sowie eine Anti-Hopping-Kupplung sind an Bord. Kritisch betrachtet, hätte Yamaha aber bei diesem "Premium-Dreirad" durchaus noch etwas mehr liefern können. Eine Blipperfunktion beispielsweise, so dass auch beim Runterschalten auf ein Kuppeln verzichtet werden kann, hätte der Niken definitiv gut gestanden. Auch das verbaute ABS System fühlt sich etwas in die Jahre gekommen an. Dank der stabilen Lastverteilung auf beide Vorderrädern muss es kein Kurven-ABS System sein, aber ein Update mit feineren Regelintervallen oder auch einer einstellbaren Regelintensität wäre zeitgemäß.

Die Bremsleistung geht generell in Ordnung, ist aber bei weitem nicht so bissig bzw. aggressiv wie an der MT-09 oder der Tracer 900. Bei progressivem und gleichsam kräftigen Zug mit zwei (oder mehr) Fingern lassen sich sogar Stoppies provozieren. An der Front beißt sich links und rechts jeweils eine 4-Kolben Bremszange in eine 265mm Scheibe. Am Heck ist es dann gar eine große 300er Scheibe, die zusammen mit der 50:50 Verteilung des Fahrzeuggewichts, im Bedarfsfall ebenfalls für ordentliche Verzögerung sorgt.

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Hochwertige Anmutung

In jedem Fall sehen lassen kann sich die Verarbeitungsqualität. Sehr hochwertig fühlt sich alles an der Niken an, typisch Japan eben. Den 18 Liter fassenden Aluminium (!) Tank zieren zarte, aerodynamische Designkanten. Die Spiegel mit hübsch integrierten Blinkern kennt man von der R1, das TFT-Display samt Armaturen scheint von der MT-10 in ähnlicher Form bekannt. Die voll LED Scheinwerfer an der Front muten futuristisch an und passen gut zum gesamten Konzept. Am Heck bediente man sich der vorhanden LED Leuchteneinheit von der MT-09. Sogar dezente LED Blinker fanden am Heck ihren Platz und lassen somit keinen triftigen Grund zum Austausch durch den Fahrzeugbesitzer aufkommen.

Mit dem Autoführerschein nicht fahrbar

Schlechte Nachrichten gibt es für all jene Interessenten, welche sich Hoffnung gemacht haben, die NIKEN mit B-Führerschein betreiben zu können. Die Vorderräder wären mit 41 Zentimetern zwar weit genug auseinander um in diese Regelung zu fallen, dennoch hat Yamaha sich dazu entschlossen das Gefährt nur für Motorradführerschein-Besitzer frei zu geben. Eine durchaus nachvollziehbare Entscheidung. Die Gefahr, dass hier der ein oder andere überfordert wäre mit Leistung und Fahrverhalten der Niken, ist groß.

Yamaha Niken Zubehör

Im Zubehörprogramm von Yamaha liegen für die Niken schon einige Teile parat. Das größere Windschild wurde bereits genannt, zudem gesellen sich noch eine Komfortsitzbank, Heizgriffe sowie auch Handguards als optionale Komfort-Features hinzu. Bei Sound und Performance vertraut man, wie schon seit Beginn der CP3-Ära, auf Akrapovic. Eine dezentere Kennzeichenhalterung wie auch noch einige weitere Aluminium-Teile unterstreichen den dynamischen Auftritt der Niken. Als Kritikpunk sei an dieser Stelle aber auch erwähnt, dass es bis jetzt keine Gepäcklösung für den Dreiradler gibt. Eigentlich schade, denn der Rest den Konzepts ist als absolut tourentauglich zu beschreiben.

Ab wann kann man die Yamaha Niken probefahren und kaufen?

Laut Auskunft von Yamaha wird es in ganz Europa schon bald eine große Demo-Tour geben, wo den potentiellen Interessenten ausgiebige Probefahren an ausgewählten Platzen ermöglicht werden sollen. Mehr Infos dazu sind ab Mitte Juni auf www.niken-tour.eu zu finden.

Die Auslieferung von Fahrzeugen an Endkunden startet voraussichtlich im September 2018. Vorbestellen kann man sie bereits jetzt via Internet unter www.yamaha-motor.eu. Für 2018 übrigens ausschließlich in der Farbvariante "Graphite" mit auffälligen, blau eloxierten Gabelholmen.

Fazit: Yamaha Niken

MEX testete für Euch das neue Dreirad aus Japan und war schwer begeistert. Wie auf Schienen führt die Front auf enge Passstraßen gleichermaßen wie auch in schnelleren Radien. Das neuartige Konzept der NIKEN ermöglicht unglaublich zügiges und doch gleichzeigt auch sicheres Vorankommen bei allen Witterungsbedingungen. Der hochgelobte Cross-Plane-Dreizylinder wurde mit etwas mehr Schwungmasse und einer andere Endübersetzung perfekt für die NIKEN angepasst. An alle Interessenten: Nicht von der Optik oder dem "Dreirad-Image" verunsichern lassen. Unbedingt Probefahren!

1
Vorteile
  • Ausgereiftes Gesamt-Konzept
  • Toller Motor
  • Ungeahnt sportliches Fahrverhalten
  • Einstellbares Fahrwerk
  • Tourentaugliche Ausstattung
  • Bequeme Sitzposition
  • Zusätzliche Sicherheit bei allen Witterungsverhältnissen
1
Nachteile
  • Optik Geschmacksache
  • Dreirad-Image am Stammtisch
  • ABS nur auf Basisniveau
  • Relativ lange Endübersetzung
  • Nur eine Farbvariante 2018

Bericht vom 25.05.2018 | 15.238 Aufrufe

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