Aprilia RSV4 RR Test Pannoniaring

Zonko und K.OT testen die RSV4 - Erstmals Elbow-Slide!

Es hätte eigentlich mit seiner Eigenen passieren sollen. Sie kannte er am besten, wusste genau, wie er sie angreifen musste, damit es funktionierte - theoretisch. Doch dann passierte es mit einer Neuen, einer ganz Neuen...

Gerade erst ist sie im Vergleich mit den schnellsten und besten Superbikes der Welt in der 200 PS-Liga als Siegerin hervorgegangen, also was soll man über die RSV4 von Aprilia noch schreiben? Gewonnen hat sie auch deshalb, weil Geometrie, Bedienbarkeit und exakte Funktionalität in so genialer Weise koordiniert wurden, dass sie beim Fahrer mit Vertrautheit, Intuition und Selbstverständlichkeit ankommen. Man fährt die RSV4, als wäre man sie schon immer gefahren.

Standard, aber nicht nackt.

Im Gegensatz zur limitierten und mit Öhlins-Fahrwerk und Schmiedefelgen ausgestatteten RF-Version beim Master-Superbike fuhren wir am Pannoniaring die Standardvariante, kurz RR, die ohne Schweden- und Schmiedegold auskommen muss. Trotzdem muss man sich angesichts der Serienausstattung nicht nackt fühlen. 8-stufige Traktionskontrolle, 3-stufiges Race-ABS, 3-stufige Wheelie-Control, 3-stufige Launch-Control. Dazu noch ein blitzschneller wie butterweicher Schaltautomat (Aprilia Quick Shift) , der drehzahlabhängig mit drei Schaltgeschwindigkeiten arbeitet und 3 Riding Modes, Sport, Track und Race (einen Rain-Mode kann man in so einem Motorrad nicht mehr ernst nehmen), die sich durch angepasste Mappings und Einstellungen der Fahrassistenzsysteme unterscheiden.

Neu, unversichert und 200 PS stark.

Das Fahrwerk stammt von Sachs, die Bremsen von Brembo und die Reifen von Pirelli. Mit Supercorsa SP (Street & Track) bin ich schon ordentliche Zeiten gefahren, eine Eingewöhnung war also nicht notwendig, ebenso wenig für den Ring. Aber ein neues, unversichertes Motorrad mit 200 PS bei 201 kg macht einen dann doch irgendwie nachdenklich. Die Aprilias standen zwei Tage lang allen Gripparty-Teilnehmern zum Testen zur Verfügung und ich hatte Sorge, dass ich auch noch wenig Zeit für ein paar Runden haben würde, bevor alles ausgebucht wäre. Doch der Vormittag war überraschend ruhig und ich konnte zum ersten Turn starten.

Mensch-Maschine Interaktion in Perfektion.

Die Arbeit als Motorradjournalist trainiert schnelle Anpassung und fördert kurze Eingewöhnungsphasen. Dennoch kann auch der sensibelste Organismus und flexibelste Geist nicht alle Unbekannten vorausahnen. Dafür gibt es ziemlich kluge Köpfe, die nichts Anderes versuchen, als diese Unbekannten entweder auszuschließen oder erkennbar zu machen. Es klingt romantisch, aber der Mensch muss mit der Maschine kommunizieren können, ohne mit ihr zu sprechen und verstehen, wie sie funktioniert, was sie kann und was sie braucht. Die größte Herausforderung bei der Mensch-Maschine Interaktion, hier in praktischer Perfektion umgesetzt.

Eine 600er mit der Kraft einer 1600er.

Stellt sich die Frage: Haben die Leute bei Aprilia das größte Hirn oder das größte Herz, resp. Bauchgefühl, weil sie genau wissen, was wir im Sattel eines 200 PS - Superbikes wollen? Schon von der ersten Kurve an denke ich kaum noch daran, dass ich ein neues, unversichertes, mir unbekanntes 200 PS - Bike unter mir habe. Es fühlt sich an wie eine 600er mit der Kraft einer 1600er. Ein richtig harter Knochen, kompakt, straff und unheimlich transparent. Nicht immer bequem, aber verdammt schnell. Die 200 Pferde treten dir zwar milder ins Kreuz, als erwartet, was für die Abstimmung spricht, aber der Sound macht alles wieder gut; wirklich alles. Schon alleine das Aufröhren beim Starten, wie ein Ferrari. Dass sich der V4 wieder ausgebreitet hat in der Motorradlandschaft bereichert mein Leben ungemein. Es ist und bleibt die höchste Evolutionsstufe des Verbrennungsmotors.

Elbowz.

Nach nur einer Runde ist alles klar, nach zwei versteht man nicht nur das Motorrad, sondern auch sich und die Strecke viel besser. Wie sonst ist es zu erklären, dass ich nach nur einem Turn während der Mittagspause, in der wir Fotos und Videos für den Test produziert haben, im ersten Anlauf den Elbow-Slide geschafft habe? Ich habe gewusst, dass es funktionieren würde, es war mir völlig klar, zweifelsfrei und ohne Furcht. Ich tauchte in den Radius, fixierte Gasgriff und Schräglage und verlagerte den Körper dann nicht ruckartig, aber bestimmt zum Kurveninneren nach vorne...und plötzlich war es soweit. Es kratze am Ellenbogen. Ein seltsames Gefühl, eine Glücksexplosion, eine Genesis.

Ich danke euch!

Was Ben Spies kultiviert hat und Marquez und Co. etabliert, habe ich nun kommerzialisiert. Der Elbow-Slide ist beim Otto-Normalverbraucher angekommen. Viele Rennfahrer abseits der MotoGP oder Superbike WM haben diesen Fahrstil natürlich schon lange vor mir adaptiert und sind im Gegensatz zu mir schneller geworden. Aber hey, es war mein erstes Mal, da kann man noch keine Meisterschaft gewinnen. Schließlich bedanke ich mich bei den Superbike Piloten, bei 7 Superbike WM-Titeln, bei den Technikern und Ingenieuren, bei den Aprilia-Importeuren und -Händlern, bei den Investoren und all jenen MotorradfahrerInnen, die diese Meisterwerke des Fahrzeugbaus am Leben erhalten. Und das war "nur" die RR-Version. Wenn DAS Standard sein soll, bin ich gerne Durchschnitt. Die Entwickler bei Aprilia haben nicht nur sehr viel Hirn, sondern verdammt viel Herz.

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Bericht vom 22.05.2015 | 12.273 Aufrufe

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