High Bike Testweekend

R 1200 GS, K 1600 GT und KTM 1190 Adventure im Vergleich.
familybiking ischgl
 

High Bike Ischgl - Motorradverleih im Urlaub

Die Schwiegermutter testet BMW K 1600 GT, BMW R 1200 GS und KTM 1190 Adventure.
 
Mittlerweile hat sich das Testcenter Highbike in Ischgl wie bei vielen anderen Bikern zu einem Fixstern in meinem Urlaubskalender entwickelt. Anstatt in Bibione die sonnencremeverschmierte Waumpen auf einer überteuerten Strandliege raushängen zu lassen, bietet das Testcenter einen unüberbietbaren Fundus an Leihmotorrädern, wo die neuesten Modelle ohne dauernde Todesangst vor wirtschaftlichen Totalschäden bei Stürzen geschändet werden können. Alleine der Verzicht der Anreise auf dem langweiligen Banderl mit dem Eigenbike und die Möglichkeit, so etwas wie einen Familienurlaub (1 Tag Ruhepause zum Wandern) vortäuschen zu können, rechtfertigen einen Abstecher ins Silvrettatal.

Diesmal lag der Fokus auf dem Test dreier Motorräder, die, wenn der unendliche Reichtum ausgebrochen wäre, einfach Pflicht in meiner Garage wären. Die Beurteilung erfolgte frei von irgendwelchen Testzwängen bzw. außerirdischen, für den Normalverbraucher nicht spürbaren Vergleichstesten auf der Grundlage einer sich bereits im Vorjahr bewährten Milchmädchenrechnung nach den Kriterien: Optik, Fahrwerk, Leistungs- und Lusttropferlfaktor.
 
1. Tag - BMW K 1600 GT
 
Der Einbau von 6 Zylindern in ein Zweirad hat für mich, trotzdem Jahrzehnte seit der Z1300 Kawasaki und Honda CBX 1000 vergangen sind, nichts von seiner Faszination verloren. Zu klar und schmerzlich sind noch die Erinnerungen, als ich meinen V6 BMW am Weihnachtsabend in einer Hausmauer entsorgt habe. Beim ersten Anblick des Kriegsschiffes war ich zunächst von der Wucht entsetzt und malte mir apokalyptische Szenarien wie beidbeinige Amputationen beim Umfallen in Spitzkehren und dergleichen aus. Beim Anlassen des 6-Zylinders waren jedoch jegliche Bedenken innerhalb von Atomsekunden weggeblasen. Die kleinen Schießscharten in den beiden Endtöpfen entlocken dem Motor bereits am Stand einen dermaßen herrschaftlichen Sound, dass ich mich die erste viertel Stunde Gas zupfend dem unfassbaren Röhren hingab. Generell ist es BMW bei den GS- und K-Modellen gelungen, einen auf Dauer angenehmen Ohrenbalsam und tiefen Bass zu entwickeln.
 
bmw k 1600 gt
 
Die Einschulung durch den Tiroler Zwetschkenkrampus von der Highbike ist Pflicht, wiewohl mein technisches Verständnis für das Behirnen der gesamten Elektronikfeatures der BMW in Verbindung mit dem Tiroler Seitentalakzent nach 2 Minuten erschöpft war. Beim Anblick der Armaturen fühlt man sich in eine StarTrek-Folge versetzt, das Display dürfte von der NASA entworfen worden sein. Wie weggeblasen war nach den ersten Metern der von der Breite des Bikes noch anfangs getrübte, optische Eindruck. Das Schlachtschiff lässt sich ab 80 mit einer in diesem Reiseexpressegment unvergleichlichen Leichtigkeit navigieren, dass Sporttourer-ähnliche Gefühle aufkommen. Die Optik lässt, bis auf den mir zu zentral und zu aufdringlich in den Armaturen platzierten Chrom (oder doch Homo) 6-er Schriftzug (wenn kein Navi bereits installiert ist), den man in Pausen auch auf dem Motorblock bestaunen kann, nichts offen. Hochwertigste Bedienelemente, Windschutz wie hinter einem Panzerglas und Entfaltungsmöglichkeiten am überbreiten Ledersofa wie auf einer Liebesschaukel, boten mir einen bis dahin nicht gekannten Komfort auf dem rasenden Penthouse. Das Warming Up führte mich über die Touristenkarawanen Landeck in die Schweiz. Ein erstes Ausreizen der 160 PS im Fight gegen zwei abgetroschene 1000er aus den Niederlanden im Sportmodus offenbarten Zweierlei:

1) Die Nennleistung des Motors kann durchschnittlich fahrende Supersportler zur Verzweiflung bringen.

2) Der 6-Zylinder kann sich aber von der Motorleistung meines Erachtens nicht entscheidend vom vormaligen 1300 GT Motor absetzen, hier schlagen sich die über 330 kg trotz 175 Nm bei 5250U /min spürbar durch, wer über Leistungsmangel klagt, muss trotzdem zum Hausarzt oder die Stammtischgeschichten nach dem Motto „Ich habe den größten Antrieb“, nochmals überdenken.
 
familybike k1600gt
 
Der erste wirklich harte Test war auf schweizer Seite vor St.Moritz der Alpulapass nach Davos führend. Die sehr unangenehmen, im Schrittempo zu fahrenden Spitzkehren müssen mit einem präzisen Schwung und erfahrenen Zirkeln gezogen werden, sonst bedarf es zweier Pannenfahrzeuge für die Beseitigung der Verkleidungsteile. In langgezogenen Kurven offenbart sich der Luxusliner auch bei sehr schnellen Kurvengeschwindigkeiten souverän und unbeeindruckt, wobei trotz aller vorbildlich greifenden Fahrwerkshilfen die physikalischen Grundgesetze nicht ganz in Vergessenheit geraten sollten. Auf der Passhüttn oben gibt es ähnlich einem Bentley vor dem Imperial Parkplatzprivilegien vor der Tür, zumal das Hin- und Herrangieren dann doch mühsam werden kann. Trotz des aberwitzigen Neupreises sieht man mittlerweile unglaublich viele 1600er in den Bergen, entweder werden mehr Großmütter als befürchtet von ihren Enkerln mit Mord bedroht oder die Banken geben nach wie vor an Hochstapler zu leichtfertig Kredite. Kaum eine GT, die nicht eine Vollausstattung samt LED-Lampen und adaptives Kurvenlicht daher kommt, mit denen man den Vorderleuten bis in den Zwölffingerdarm leuchten kann, offenbar gilt beim Kauf: „S´eh schon wurscht, einmal das volle Programm bitte“. Bei der Auswahl der Tapete würde ich Montegoblau Metallic präferieren, da am besten zur bevorstehenden Europaumrundung passend.

Leider offenbarte sich für mich wiederholt ein BMW-leidiges Problem, das mir auch von den netten Freunden der Highbike bestätigt wurde. Meine Testmaschine, mit 1000 km wohlgemerkt, produzierte vom Getriebe her ein für mich akustisch grausliches und im Kupplungshebel auch erheblich spürbares Schaltgeräusch. Dies in Verbindung mit den beim plötzlichen Gaszumachen zu heftig einsetzenden klackenden Kardanreaktionen passt meines Erachtens überhaupt nicht zum souveränen Gesamtbild in dieser Preisklasse, hier muss und wird BMW sicher nachbessern.

Lustig gestalten sich Bergabfahrten auf schlechtem Terrain im Komfortmodus des unbedingt in allen BMW Modellen empfehlenswerten ESA. Durch das respektable Gewicht fängt der Tross zum Schaukeln an wie bei einsetzender Bora auf hoher See, ohne aber wie Billigfahrwerke über Bodenwellen zu poltern.

BMW K 1600 GT Fazit
 
Wer über maximale Potenz in jeder Hinsicht verfügt, wer maximale Laufruhe und Nm sucht ist hier genau richtig. Der markanteste Unterschied zu den BMW-Vierern offenbar sich in den komplett verschwundenen Vibrationen, die bei einen oder anderen K-Modell Besitzern schon mal zu tauben Eiern geführt haben.

Die Optik ist für mich top, da es das einzige Bike ist, auf dem ich nicht wie Obelix ausschaue.

Fahrwerk (mit ESA) und Bremsen sind dieser Motorradklasse absolute Referenz, hier rechtfertigt sich einigermaßen der gigantische Kaufpreis, den typischen BMW Werterhalt miteingerechnet.

Würde ich eine Weltreise mit einem Bike planen, würde meine Wahl auf die GT fallen, nur die Getriebeunzulänglichkeiten vermiesen den fehlerfreien Gesamtbefund „Best Sex mit ana Bladen ever“.

 
2. Tag - BMW R 1200 GS
 
In den letzten 10 Jahren machte ich einen großen Bogen um jedes GS Modell, zu real war mir die Gefahr, wie so viele andere Biker dem sogenannten „Golden Retriever Syndrom“ zu fallen. Zu vernünftig, zu perfekt erschien mir bis dato dieses Schnabelmonster, das um jede Hausecke zu sehen ist und in den Alpen das Gefühl aufkommen lässt, als wäre BMW Eigentümer jeder Passhöhe. Dass die GS vor allem jedes Zielpublikum vom gestrauchelten überheblichen Investmentbanker bis zum vor 20 Jahren auf der Rennstrecke alle herbrennenden Frühpensionisten anspricht, war zudem eine unüberbrückbare Hemmschwelle. Um aber mitreden zu können, fasste ich ein weißes 2013er Model mit 700 km aus. Eingangs muss ich anführen, dass es die erste GS ist, die mir wirklich gefällt. Der Gitterrahmen im Brückendesign lässt an Ducatis goldene Zeiten erinnern. Die deutlich aggressivere Schnauze schaut nun endlich etwas schärfer aus als die vorherigen GS-Mauerblümchen. Dass der Auspuff nun als Rechtsträger designt wurde ist zudem ein sympathischer und mir wichtiger Nebeneffekt. Die Armaturen sind erstmals ohne Würgereflex zu betrachten, vormalige Designer wurden offenbar nach Bulgarien entsorgt.

Das Erste was einem beim Anstarten sofort ins Ohr schrillt, ist ein relativ lautes Ventilklackern und Klickern aus den flüssigkeitsgekühlten Zylinderköpfen, für den einen einfach nur Stand der Technik , für den anderen ein Ton, an den man sich nie gewöhnen wird. Der Sound der GS ist dermaßen geil bassartig dumpf, dass Herr Akrapovic wie ein Rumpelstilzchen hupfen wird, da eine Ersatzlösung keinesfalls notwendig ist.
 
familybike 2013
 
Die Mehrleistung an 15 PS gegenüber dem Vorgängermodell offenbarte sich für mich wie eine Lachgaseinspritzung bei einer Hayabusa. Die GS schiebt in einer in diesem Segment beeindruckenden Wucht an, dass ich einmal 1 Stunde brauchte, um wirklich den Gashahn aus dem Kurvenausgang aufzureissen. Das neue Fahrwerk ist von einer extraordinären Präzision und Sicherheit, dass man hinter der Kanzel den Eindruck gewinnt, man sei unverwundbar und unstürzbar wie Iron Man. Die GS gestattet ein dermaßen herrschaftliches, über allen Dingen stehendes Fahren, dass man beim Kauf einer GS mit zu flinker Hand den Kugelschreiber zückt und erst zuhause auf den absurden Neupreis draufkommt, inklusive noch ein paar netter Nebeneinkäufe wie LED-Hauptscheinwerfer, Navi etc. Das Getriebe präsentierte sich akustisch nicht so aufdringlich wie bei der 1600GT, wiewohl trotzdem ein leicht knöchernes Gefühl übrig blieb. Die Kilometerstände alter GS zeugen davon, dass die Haltbarkeit offenbar nicht drunter leidet, ich persönlich würde aufgrund des völlig neuen Layouts der Antriebseinheit 1 Jahr mal lachend in der 2. Reihe fußfrei etwaige Rückrufaktionen und Dauertests abwarten , um beruhigt zuzuschlagen. Details über Bremsen spare ich aus, da diese sowie so über jeden User außer MotoGP Teilnehmer erhaben sind.

BMW R 1200 GS Fazit
 
Der Anfangsschrecken und Graus über den GS-Alleskönner wich nach dem ersten Aufsitzen, die mit Abstand beste GS aller Zeiten, die Symbiose aus Sound, Fahrwerk und Leistungsabgabe dermaßen stimmig und Sucht machend, dass leider eine absolute Kaufempfehlung übrig bleibt!

Eine Miss World wird wohl nie aus der GS, aber ich find sie schick hergerichtet und dynamisch.

Fahrwerk und Bremsen sind viel besser, als man es/sie braucht.

Es ist zu befürchten, dass der Ausspruch „Leider Geil“ im Zusammenhang mit einer Testfahrt der neuen GS kreiert wurde, natürlich werden nicht die Maximalwerte einer Multistrudel oder der neuen Abenteurerin erreicht, aber das braucht sie nicht, weil halt schon immer Klassenbester.

 
3. Tag - KTM 1190 Adventure
 
Zu KTM hatte ich von Anfang an ein ambivalentes Verhältnis, zu schmal, zu hart schienen mir die Sitzbänke für meinen Sitzriesen, zu spartanisch und radikal die Ausstattung. Meine bisherigen Erfahrung mit der alten Adventure fühlten sich an als hätte ich mir einen Speil im Hintern eingezogen, vom Test der ersten RC8 habe ich noch immer ein leichtes Kribbeln in den Füssen von den Fußrasten und eine leichte Übelkeit vom ruppigen Motorlauf. Kurzum voreingenommen, aber bereit, sich vom Gegenteil des österreichischen Paradeherstellers überzeugen zu lassen.

Von ihrer Radikalität hat die neue Adventure nichts eingebüßt, im Gegenteil, alles sitzt dort, wo es sein soll, kein modischer Aufputz oder ein Sitzen im Cockpit wie bei der Multistrudel, aber auch kein am Kommandostand- Herunterschauen wie bei der GS. Wo Japaner noch in abhörsicheren Geheimkammerln über die Strategien bis zum nächsten Supergau tüfteln, haben Ducati und KTM einmal schnell einen Supersportler in eine Reiseenduro gepresst, für Leute, die gerne schnell und oft Fernreisen machen wollen, zwar auf ihre Begleitung, nicht aber auf ihren in der Garage gebliebenen Racinghobel verzichten wollen.
 
ischgl familybike
 
Die Aktienkurse als auch die Frequenz auf den Pässen geben den Mutigen auf jeden Fall Recht. Die 150 PS sind meines Erachtens in eine von der Seite etwas spechtartige Form gebracht, von vorne lässt sich mit den lachenden Autodromleuchten eine gewisse Ähnlichkeit zur Fratze vom Joker nicht verleugnen. Stahlrohrrahmen und Federkomponenten von WP sind hochwertig, vielfältigste Verstellmöglichkeiten bei ABS und Traktionskontrolle, Lenkerposition, Windschild und Fußrasten befriedigen auch verwöhnte Langenstreckenfahrer und nörgelnde Individualisten, ohne jedoch hinsichtlich Komfort auf den allseits beneideten und gleichzeitig gehassten Klassenstreber GS hinzukommen.

Nun zum wichtigsten, dem Motor: Meine Befürchtung, dass der RC8 Motor nichts ich einem Reiseendurochassis verloren hat, zerstreuten sich nach der ersten Landstrassenwetzerei. Im unteren Bereich bullenartiges Anschieben, das mit 125 Nm von einem Grizzlybären-starken Ausdrehen abgerundet wird, den roten Bereich anzureissen erforderte bei mir überraschenderweise sehr viel Überwindung und Aufmerksamkeit, die Vibrationen werden ausnahmslos angenehm empfunden. Von der Leistungscharakteristik animiert der Motor absolut nicht zum Landstrassengleiten und Landschaftsbesichtigungen, mir gelang es kein einziges Mal eine Geschwindigkeitsbegrenzung einzuhalten, ein Überholen anderer Verkehrsteilnehmer wird nicht als Durchreichen sondern Drüberrasieren empfunden.
 
familybike ischgl
 
Die Stabilität in Kurven ist unglaublich, auf den Pitztaler Gletscher rauf hatte ich das Gefühl, dass man ein Bike nicht mehr schneller einen Pass raufdreschen kann, aber nicht ohne noch einen Sicherheitspuffer eingespeichert zu haben.

Mit der GS ist die KTM in keinem Fall zu vergleichen, viel zu verschieden sind die Konzepte , wer erhabenes Kilometerfressen in den Alpen vorzieht, wird mit der GS vollends verwöhnt. Für meine Alterklasse 40+ als auch die dazu empfohlene Herzfrequenz, wird man auf der KTM vielleicht etwas zu sehr zum Fighten animiert, für einen durchtrainierten Adrenalinjunkie, der nach dem Kitesurfen schnell mal den Platzhirschen auf der Hausstrecke abgeben möchte, um früh morgens kurz entschlossen mal einen Drei-Tages Trip nach Gibraltar zu machen genau das Richtige, noch verrückter zu werden.

KTM 1190 Adventure Fazit
 
M it der neuen Adventure von KTM ist nach meinem Dafürhalten die zumindest motorische Leistungsgrenze nach oben im Reiseendurosegment erreicht, darüber hinaus müsste man Assistenzsysteme wie Bremsfallschirme und überdimensionierte Stoppelreifen zwecks verpflichtender Selbstbeherrschung einbauen.

Die Optik pPasst am besten zu einem coolen Leistungssportler mit umso heisserer Beifahrerin.

Fahrwerk und Bremsen sind auf Superbike-Niveau und lachen über den stark reglementierten und dynamisch-eingeschränkten Öffentlichkeitsverkehr.

Nach meinem Dafürhalten produziert das Kurvenwetzen mit der KTM vielleicht schon eine Spur zu viel Lusttropferl, daher auf eine Ausfahrt unbedingt eine Ersatzhose (auch für nicht geplante Übernachtungen, weil man nicht mehr nachhause kommen möchte) mitnehmen.

Interessante Links:

Text: mother_in_law
Fotos:
mother_in_law

Bericht vom 05.09.2013 | 17.411 Aufrufe

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