Yamaha Xenter 125

Enter the Scooter. Mit italienischem Chic wirbt Yamaha gezielt um Frauen. Aber nicht nur.
 

Yamaha Xenter 125 Test

Yamaha wirbt mit dem Xenter um Einspur-Einsteiger und Frauen. Aber auch Männer können ihn fahren.
 
Im Zuge der Globalisierung kommen nicht erst neuerdings Japaner aus Italien. Siehe Yamaha Xenter. Den hat man sich in Mailand ausgedacht, damit er in Europa und dem Rest der Welt ein Beispiel dafür abgibt, wie man einen City-Roller von neuem neu interpretieren kann: mit großen Rädern, tiefem Schwerpunkt, offenem Durchstieg, Zentralfederbein sowie kombiniertem Bremssystem. Und neuem Motor.

Barcelona ist eine Stadt, die – neben zahllosen Sehenswürdigkeiten - viel zu bieten hat: Strandpromenaden, enge Gassen, breite Straßen, kurves Geläuf, sei es auf den Montjuïch oder den Tibidabo hinauf sowie hinunter. Und meistens hat’s schönes Wetter. Da dachte sich Yamaha, das wäre das ideale Terrain um den neuesten Roller-Kandidaten, den Xenter, vorzuführen und ihn alle (Fahr-)Stückeln zeigen zu lassen. Die geplanten Routen hätten alles geben können.

Doch oft kommt es anders, als man denkt. Die europäische Kältewelle streckte ihre eisigen Finger bis in den Mittelmeerraum aus. Und so kam es, dass es zum Zeitpunkt der geplanten Abfahrt - um neun Uhr vormittags - bei zwei Grad (plus) zu schneien begann. Es blieb das weiße Geflocke zwar im zentralen Stadtgebiet nicht liegen, und es wurde schnell – wieder – Regen daraus, doch machte die Temperaturlage in höheren Lagen als null bis hundert Meter über dem Meeresspiegel der schönen Teststrecke den Garaus. Tanzen auf Glatteis wollte niemand riskieren.


Japanischer Roller, ausgedacht in Mailand.


Es war insgesamt so ungemütlich, dass die eine oder andere Stimme fragend das Fahren an sich in Frage zu stellen begann. Nun ist das Eisenreiten aber nun einmal ein Freiluftsport, und wer Winterreifen testet, der kann auch im kühlen Regen herumfahren. So begab es sich, dass zwar das ausgeklügelte Farb-Konzept unterm schwarzen Regenzeug verschwand, man sich aber in der Hotel-Garage versammelte und zum Angriff auf den Stadtkurs von Barcelona startete. Der war abwechslungsreich angelegt. Vor allem warnte uns Luzia, die als Tour-Guide engagiert worden war, vor den weißen Bodenmarkierungen: „Verrrrrrry slipperrrrrrrrrrry!“ (= sehr rutschig).

Sei’s drum. Unser Häuflein Aufrechter heftete sich an Luzias Fersen. Nicht alle Kollegen erwiesen sich als gleichermaßen talentiert und aufmerksam. Die schenkten ihre Aufmerksamkeit wohl der Verifizierung all der Details, mit denen uns Giovanna Camisa, Xenter-Produktverantwortliche bei Yamaha Motor Europe, gefüttert hatte. Es ist nämlich so, dass der Xenter zwar ein japanisches Label trägt, das mit den gekreuzten Stimmgabeln, aber ein Italiener ist. Denn ausgedacht wurde er in Mailand, im R & D-Center von Yamaha. Absolut am richtigen Ort. Gilt doch Mailand als die Rollerhauptstadt Europas. Und es galt, einen praktischen, einfach zu handhabenden, spurstabilen, schmalen und leichten Scooter zu entwickeln, mit dem A: Neueinsteiger keine Not haben, B: kleine Menschen – und sicher nicht nur Frauen! – locker umgehen können.


'enter' steht für Einsteiger.


„Wir wollten nicht nur einfach einen Roller machen“, wie Giovanna uns sagte. Weshalb man sich über den Namen lange und ordentlich den Kopf zerbrach, und die Erklärung, warum der Xenter so heißt, wie er heißt, klingt auch danach. Nun, es steht in der Yamaha-Terminologie das X für Scooter, siehe X-Max & X-City, das „enter“ steht für Einstieg, und alles zusammen soll auf das Haupt-Revier hinweisen: die City. Deshalb stand auf dem Aufgaben-Zettel höchste Stadt-Tauglichkeit und Bedienungsfreundlichkeit - für jedermann und jedefrau. Das angewandte Konzept ist weniger gedacht für jene, die eh schon Roller und andere Einspurer fahren, sondern für solche, die zum ersten Mal auf so ein Gefährt aufsteigen.

Was die Bauart betrifft, hat sich Yamaha am klassischen Roller-Bild orientiert: einigermaßen großflächige Frontschürze (selbstverständlich inklusive Gepäckhaken, an der Innenseite), offener Durchstieg und geräumiges Trittbrett. Das beschert müheloses (und sittsames) Aufsitzen ohne Beinschwung aus der Hüfte. Und eine gewisse Transport-Kapazität. Giovanna versicherte uns, dass man auf dem Trittbrett locker ein Sixpack (bestehend aus Zweiliter-Mineralwasserflaschen) mitfahren lassen kann. Dafür wurde eigens ein neuer Stahl-Doppelrohrrahmen gebaut.
 

Ebenfalls im Sinne von Mühelosigkeit im Umgang ist die Wahl der großen Räder zu verstehen. Der Xenter ist der erste Yamaha-Roller, der vorne und hinten auf – recht schmalen – 16-Zöllern rollt. Nun sind kleiner beräderte Roller zwar wendiger, aber nicht so vordergründig spurstabil. Auch schlucken sie Kopfsteinpflaster, Löcher und Rillen nicht ganz ungerührt. Damit der neue X das tut, bekamt er zu den 16’’-Rädern auch eine bei Scootern dieser Klasse nicht alltägliche Hinterradaufhängung mit auf den Weg, und zwar statt der Stereofederbeine ein Fahrzeugzentrums-nah montiertes Zentralfederbein, wie es in der Art auch der ganz große Bruder T-Max hat.
 


Schmale Breite, niedriger Sitz.


Ein weiteres Resultat dieser Maßnahme: Der junge Yamaha-Scooter baut besonders schmal, damit durchschlüpftauglich selbst unter sehr engen Umständen, sei es in Fahrt oder beim Parken. Die Zielgruppe der Frauen soll mit niedriger Sitzhöhe – 785 Millimeter - verlockt werden. Der Tatsache, dass es keinen Seitenständer gibt, steht gegenüber, dass der Hauptständer benutzerfreundlich nah am Fahrzeugmittel- und angelpunkt montiert wurde, damit das Hieven auf Selbigen leichter zu bewerkstelligen ist (womit nicht nur kleine, zarte Frauenspersonen, sondern auch große, kräftige Lackeln mitunter ihre Probleme haben, wie wir bestätigt bekommen haben).

Motorisiert ist der Xenter mit einem komplett neuen flüssigkeitsgekühlten Vierventil-Einzylinder. Dem haben die Motorenentwickler eine Ausgleichswelle eingepflanzt, um die Vibrationen zu minimieren. Das ist ganz klar gelungen. Trotzdem fühlt sich der Motor nicht an wie eine Nähmaschine, sondern wie ein echtes Triebwerk, das durch Munterkeit und Drehfreudigkeit überzeugen kann.

ABS hat man dem Xenter nicht zugestanden. Dafür ein kombiniertes Bremssystem. Ein Zug am linken Hebel bewirkt die Verzögerung beider Räder. Insgesamt ist die Stopp-Anlage nicht auf brachiales Ankern ausgelegt. Das wirkt zwar anfangs, als wären die Bremsen schwächlich. Doch das sind sie nicht. Man muss bloß kräftig an den Hebeln drücken – wie es möglicherweise jemand tut, der noch nie oder selten ein Einspurgefährt zum Verzögern und Stehenbleiben bringen wollte.

Über eines verfügt Yamahas Jüngster im Prinzip nicht: ansehnliches Stauvolumen. Der bei Rollern häufig recht aufnahmefähige Raum unter der Sitzbank ist der Bauart zum Opfer gefallen. Die Konstruktion mit offenem Durchstieg und zentralem Federbein hat die Ladehöhle auf Jausensackerl-Dimension geschrumpft. Ein kleiner, aber nur für Kleinzeug tauglicher, Stauraum im Cockpit unter dem via LCD-Kristallen anzeigendem Kombi-Instrument kann dieses Manko nicht ausgleichen. Dafür hat Giovanna schon bei der Konstruktion an ein Topcase gedacht. Eines, das von Yamaha maßgeschneidert wurde, 39 l Volumen hat und zwei Jethelme oder einen Integralhelm nebst Jacke wie Hose aufnehmen kann. Das passt zudem nahtlos auf den integrierten Gepäckträger drauf. Und dafür hat Giovanna auch ein weiteres Wortspiel parat: Um der Feschheit der Einheit Xenter und Topcase den richtigen Anstrich zu geben, prägte sie das Wort Beautility, ist gleich Beauty und Utility...

Zum Start gibt’s weiteres durchdachtes Zubehör: zum Beispiel ein gar nicht so kleines Windschild, in das Handprotektoren integriert sind. Wofür die ungewohnte Kälte in der katalanischen Hauptstadt (doch) gut ist zeigte sich anhand der Schürzen respektive Bein-Covers, die – ebenfalls – aus der Yamaha-Schneiderei stammen und dafür faltenfrei sitzen. Sie waren auf einigen der Test-Xenters vorsorglich montiert. Was zur Folge hatte, dass fleißig nach den beschürzten Modellen gejagt wurde.

 
Im Prinzip wollte Yamaha uns in Barcelona fürs erste vor allem die B-111-Schein-Variante vorführen. Somit stand nur der 125er zur Test-Verfügung. Die 150er waren – noch – nicht auszuprobieren. Das ist Teil des kommenden Saison-Testprogramms. Auch war uns nach drei Stunden sowieso, selbst bei meist legalem Stadtverkehrs-Tempo, schon bis ins Knochenmark kalt. So waren wir nicht traurig, dass es beim Achtelliter-Kandidaten blieb. Selbst wenn es inzwischen wärmer geworden war. Um zwei Grad. Und der Regen hatte aufgehört, was Grund genug war, sich aus der Regenhose zu schälen, eine Schicht Goretex abzulegen und das Farbkonzept zur Geltung zu bringen. Trocken wurden die Straßen davon allerdings nicht. Und die berüchtigten Bodenmarkierungen damit auch nicht weniger slipperrrrrrrrrrry.

Verschiedene Ansprüche - ein Nenner.


Dafür fegte der berühmt scharfe Barceloneser Wind über die Rambla, die Avingudas, die Diagonales und die Carrers. Luzia hatten einen Aufwärmfluchtpunkt im Programm: den Mercat de la Boquerìa, Barcelonas berühmten überdachten Markt. Ein Paradies für Menschen, die gerne essen und kochen. Eine Portion Tintenfisch mit Eierspeise und reichlich Chili kurbelte die Blut-Zirkulation bis in die eingefrorenen Fingerspitzen wieder an. Trotzdem gingen wir der Topcase-Transportkapazität nicht weiter auf den Grund, kauften nicht ein, denn das hätte Probleme mit dem Fluggepäck ergeben.

Bleibt das Fazit: Der Xenter schafft es, die Summe unterschiedlichster Ansprüche auf einen Nenner zu bringen: schmal, niedrig, leicht, wendig, flott & fesch. Er steht selbst in baby- äh himmelblau auch Männern gut zu Gesicht. Auf dem Trittbrett haben die Füße trotz der schmalen Figur gut Platz. Langbeinige Menschen bringen ihre Haxen allerdings nur dann Frontschürzen-kontaktfrei unter, wenn sie auf der Sitzbank nicht am dem vordersten Spitzel balancieren. Und die wärmende Bein- & Bauch-Schürze, nach der muss man nicht jagen, die gibt’s im Yamaha-Zubehörprogramm.

Bildergalerie Yamaha Xenter 125


Yamaha Xenter 125/150 - Technische Daten

Motorbauart Einzylinder, Viertakt, 4V, OHC
Hubraum 125 ccm / 155 ccm
Bohrung x Hub 52,0 x 58,7 / 58,0 x 58,7
Leistung (homologiert) 9,2 kW (12,5 PS) / 11,6 kW (16 PS) @ 7.500 U/min
Max. Drehmoment 11,9 Nm @ 7.250 U/min / 14,8 Nm @ 7.500 U/min
Starter E-Starter
Getriebe CVT
Gemischaufbereitung elektron. Einspritzung
Schmierung Nasssumpf
Kühlung Flüssigkeit
Rahmen Doppelrohr, Stahl
Aufhängung v / h Telegabel / Triebsatzschwinge
Federung hinten Zentral-Federbein
Federweg v/h 100 / 92 mm
Bremse vorne 267 mm-Scheibe
Bremse hinten 150 mm-Trommel
Bereifung v/h 120/80 - 16; 130/80 - 16
Radstand 1.350 mm
Länge/Breite/Höhe 1.990/620/1.135 mm
Bodenfreiheit 140 mm
Sitzhöhe 785 mm
Tankinhalt 8 Liter
Gewicht 142 kg (fahrfertig)
Preis:   Topcase inklusive

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Text: Beatrix Keckeis-Hiller
Fotos: Yamaha

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Bericht vom 13.02.2012 | 56.610 Aufrufe

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