Yamaha XV 1900

Bei Männern wird fehlende Grösse durch Technik kompensiert. Die XV1900 muss nichts kompensieren. Sie hat beides.

Yamaha XV 1900 Midnight Star

Herbst-Idyll mit Wehmut. Dafür war der Saisonabschluss selten so schön.

 

Die traurige Wahrheit lautet: Auf die Grösse kommt es an, nicht auf die Technik (oder war es umgekehrt?). Der XV 1900 Midnight Star von Yamaha kann es jedenfalls egal sein, sie hat beides. 

Ein Cruiser ist ja naturgemäss ein gemütlicher Zeitgenosse, weit weg von Sturm und Drang, immun gegen testosterongesteuertes Kräftemessen,  100 PS bei 4250 U/min. und 167 Nm Drehmoment bei 2500 U/min. zeugen nicht von Aggression sondern von Souveränität. Man ist allen anderen überlegen, auch wenn diese das nicht wissen und man es nicht ständig beweisen muss. Sie scheinen es aber wenigstens zu ahnen, hinter ihren Schaufenstern, wie ihre ehrfurchtsvollen Blicke vermuten lassen.

 
 

Die XV 1900 wirkt im Sattel so gewaltig, dass es in Kurven so scheint, als würde sich nicht das Motorrad, sondern die ganze Welt neigen. Ein dementsprechend überlegenes Gefühl den anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber stellt sich ein. Ich kann mich beispielsweise an keinen Lenker in ähnlicher Dimension erinnern. Viel kleiner als ich (1.80 m um 6 Uhr früh, ausgestreckt) sollte man nicht sein, also nix für Peter Maffays. Der Sitz ist natürlich bequem und der Tank unnatürlich gross. Mittlerweile kann ich mir einen Cruiser gar nicht mehr anders vorstellen, als in dieser Grösse. Wenn schon, denn schon.

 

Der designtechnische Höhepunkt auf dem rundum wunderschön gestalteten Motorrad

   

Bei den Instrumenten bestimmt Cruiser-untypisch die Geschwindigkeitsanzeige das Bild. Der Tourenzähler ist gerade mal so gross wie die Tankanzeige. Es ist auf jeden Fall ein Kunstwerk, was da auf dem grossen Tank angebracht wurde, ganz im Stil einer Uhr von Daniel Roth. Trotzdem auch hier ein modernes Element - die digitale Anzeige. Diese ist allerdings durch eine dunkle Umgebung zurückgenommen und stört das Gesamtbild keineswegs. Apropos dunkel. Bei Nacht sind die blau leuchtenden Instrumente ebenfalls eine Augenweide. Edel, sehr edel.

Da bleibt der Blick schon mal am Instrumenten-Kunstwerk hängen, so wie er oft am Zifferblatt der Armbanduhr festsitzt, einfach nur der Schönheit wegen, obwohl die Zeit schon längst abgelesen wurde.

 
Doch egal wohin der Blick auf dem strahlenden Stern fällt, man wird nichts Unwürdiges an ihr finden. Die Scheinwerfer und Blinker, die Hardtail-Optik, der wunderschöne Tank, der Alurahmen und die konische Schwinge, der riesige Motor und das Getriebegehäuse oder auch die gusslegierten 12-Speichen-Räder. Nichts wurde vernachlässigt. In jedem Detail sieht man deutlich, dass man ein komplett neues, aussergewöhnliches Motorrad höchster Güte bauen wollte. Und das hat man auch getan.
   

Markantes Design: Gabel und Bügel erinnern 
an eine Spitzhacke

Geschmackvolle Scheinwerfer und Blinker

Erinnert an amerikanische Strassenkreuzer 
vergangener Tage

Auch der Auspuff folgt der Linie und läuft 
nach hinten spitz zu

Trittbretter mit Gummieinlage

Spitze, diese Schwinge. Hergestellt mit Yamahas patentierter CF Druckgusstechnik

 

Der gequälte Anlasser lässt uns beim Start wissen, dass er es mit dem 1900 Kubik Aggregat nicht leicht hat. Störend ist leider, dass der Motor eine längere Warmlaufphase verlangt, sonst stürzt er beim Gaswegnehmen in den Drehzahlkeller und stirbt ab. Also erst mal starten, dann schön langsam den Helm aufsetzen, die Handschuhe überziehen, durchatmen.....nochmal durchatmen....nochmal, und dann kann man bereits die Drehzahl erhöhen. Wenn er dann aber einmal läuft, dann läuft er rund und garantiert störungsfreies Cruisen.

Das Gefühl beim Fahren ist ein Traum. Nicht nur aufgrund der vielen klassischen Zitate am Motorrad, wie zum Beispiel die Tropfenform der Blinker, die Chromleisten auf dem Tank oder die wunderschöne Uhr, fühlt man sich wie in einem alten amerikanischen Strassenkreuzer. Die Amis müssen dieses Bike ja lieben (in Amerika wird die Serie übrigens schlicht "Star" genannt): Übertriebene Dimensionen, jede Menge glänzendes Metall, LKW-artiger Druck von unten, Gleichgültigkeit bei der Gangwahl. Willst du überholen, dann überhole, um's Schalten kannst du dich später kümmern. Weil man aber doch ab und zu den Gang wechseln muss, hat die XV eine hydraulische Kupplung, die sich angenehm leicht bedienen lässt.

Das Fahrwerk ist für einen Cruiser zwar straff, beim Komfort muss man dadurch aber keine Abstriche machen. Sieht zwar wie ein Hard-Tail aus, birgt aber ein Zentralfederbein in sich das Mensch und Maschine schont.

 

Schöne Grüsse vom Wallfahrten, Oma!

 

Der neu entwickelte,  luftgekühlte V-Motor überzeugt mit angenehmer Laufruhe, verantwortlich dafür sind zwei Ausgleichwellen, getrennt für links und rechts, welche die Vibrationen reduzieren. Weiters ist der Motor mit einigen fortschrittlichen Features wie geschmiedeten Kolben, Vierventilzylinderköpfen, EXUP-System*, Doppelzündung und einer hydraulischen Kupplung ausgestattet und läuft mit einer Kompression von 9,5:1. Die optimierte Schwungmasse und die dämpferlose Kurbelwelle sorgen dafür, dass man trotzdem noch angenehm massiert wird. (* Als einziger Cruiser bei Yamaha verfügt dieses Modell über ein EXUP System. Es handelt sich dabei um ein variables Aufpuffventil, dass den Querschnitt des Auspuffs an die Drehzahl des Motors anpasst und so Rückflüsse der Abgase verhindert)

Früher hatte ich Angst vor Masse, nicht vor Leistung. Nach vielen Kilometern mit schwerem Gerät habe ich diese Angst verloren (und die vor Leistung ist zurückgekehrt). Der Grund dafür ist neben der schlichten Gewohnheit die Tatsache, dass sich solche Big Cruiser mittlerweile sehr unkompliziert und mit geringem Aufwand bewegen lassen. Die XV 1900 gibt sich hier sogar noch etwas agiler als ihre Kollegen. Ein Grund dafür ist die Gewichtsverteilung von 49,6 vorne zu 50,4 Prozent hinten, ähnlich einem sportlichen Motorrad. Gemeinsam mit der Stabilität des Rahmens aus Aluminium(!) und den Werten von Nachlaufwinkel und Nachlaufversatz ergibt das ein natürliches Lenkgefühl. Auf der Landstrasse spielt man sich mit ihr, wackelt man mit dem Hintern, tut sie das auch. Es ist fast so, wie wenn eine Fettleibige plötzlich im Bett agiert wie eine russische Bodenturnerin. Um die Ecke, also um eine richtige Ecke in der Stadt, geht sie trotzdem nicht leicht, da ist Erfahrung kein Fehler. 

Für den Grossstadtdschungel oder Alpenpässe ist sie sowieso nicht gemacht. Nichtsdestotrotz habe ich ungefähr 100 Kilometer über den Hauptplatz durch die Innenstadt zurückgelegt. For the girls, you know?

 

Ich (ent)weihe diesen Ort mit meinem Rauch

 
Der Auspuff spricht zwar von Gewalt und hat einen vielversprechenden Körper, klingt aber unter dem Bleimantel bestehender und zukünftiger EU-Normen als hätte man Hulk ins unterste Kellerabteil gesperrt. Es pumpert und klopft zwar gewaltig, aber eben stark gedämpft. Offen muss da die Hölle los sein, das ist sicher unzumutbar. Ich denke da kann es nur einen vernünftig unvernünftigen Mittelweg geben.

Bei diesem Motorrad hat es Yamaha in eindrucksvoller Weise geschafft, Tradition mit Innovation zu verbinden, ohne dass das Ergebnis disharmonisch oder peinlich wirkt. Bei dem Versuch, die Vergangenheit in die Zukunft mitzunehmen sind schon viele gescheitert. Bei der Midnight Star ist es gelungen.

Ich kannte den Preis der 1900er vorher nicht und war sehr erstaunt und hoch erfreut. Gerechnet hatte ich mit einem knappen Zwanziger, tatsächlich gibt es den Gigant schon um 16.995 Euro, wer den grossen Stern aus der Nähe sieht, wird verstehen, wieso hier knappe 17000 nicht schockieren.

Leider habe ich aber nicht einmal 17 Euro und so muss ich meinen Punkt-Punkt-Ersatz wieder zurückgeben. 

 

Technische Daten Yamaha XV 1900 Midnight Star

Motor  
Typ 4-Takt-V-48°-Motor, OHV, 2-Zylinder-4 Ventile
Hubraum 1854 cm3
Bohrung x Hub  100 x 118 mm 
Verdichtung 9,5 : 1
Max. Leistung 73.60 kW (100 PS)@4,250/min
Max. Drehmoment 167.80 Nm (17.1 kg-m)@2,500/min
Fahrwerk 190/60R 17M/C 78H
Rahmen Vollalu-Doppelschleifenrahmen
Federweg hinten 152 mm
Reifen vorne 130/70R 18M/C 63H
Reifen hinten 190/60R 17M/C 78H
Nachlauf 110 mm
Chassis  
Abmessungen(LxBxH) 2.580 x 935 x 1.100 mm
Radstand  1.715 mm
Sitzhöhe 735 mm
Bodenfreiheit 155 mm 
Trockengewicht 320 kg
 

Interessante Links

Text: kot
Fotos: Yamaha, kot, Anita K.

Fazit: Yamaha XV 1900

Bei diesem Motorrad hat es Yamaha in eindrucksvoller Weise geschafft, Tradition mit Innovation zu verbinden, ohne dass das Ergebnis disharmonisch oder peinlich wirkt. Bei dem Versuch, die Vergangenheit in die Zukunft mitzunehmen sind schon viele gescheitert. Bei der Midnight Star ist es gelungen.


  • Gute Verarbeitung
  • souveräner Motor
  • traumhaftes Fahrgefühl
  • hydraulische Kupplung
  • Fahrwerk
  • angenehmes Fahrverhalten
  • Auspuffsound
  • viel Leistung.
  • Relativ hohes Gesamtgewicht
  • lange Wärmlaufphase.

Bericht vom 15.11.2006 | 87.661 Aufrufe

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