Buell Ulysses XB12X

Buell stellt die XB auf Stelzen und möchte im Karpfenteich der Strassen Enduros den Hecht spielen. Geht der Plan auf?

Abholung Fischer F:

Der Harley Davidson Jungverkäufer übergibt mir die Buell mit einer langen Einweisung und den mahnenden Worten " Es san neiche Schlapfen drauf, also bitte aufpassen" Er erzählt mir bereitwillig vom Burn Out Syndrom der Zonkette vom Reitwagen. Am Ende seiner Ausführungen erklärt er mir noch, daß die XB12X ab 120 etwas unruhig wird. Aha, Unruhe, neue Reifen alles kein Anreiz damit zu fahren, aber es muss sein. Mein erster Blick fällt auf den Endtopf, der sich bei der Ulysses unter dem Motor verbirgt. Er ist bereits ein wenig rostig, das macht den Vorteil von Nirosta Stahl augenscheinlich. Was schert mich der Rost, aufsitzen und losfahren. Zuerst aber abwarten bis das rote Lämpchen mit dem V 2 aufhört zu leuchten. Die Ulysses entscheidet sich nach ein zwei leichten Fehlzündungen zu laufen.

 

Da fliegen die Funken! Umlegen lässt sich die Ulysses ohne Probleme allerdings sollte man Ruhe bewahren wenn es sich wackelig anfühlt.  Vertrau dem Steuermann und lass dich von den Sirenen nicht beirren Odysseus!

 

 

Aufsitzen, Wohlfühlen, losfahren:

Es sitzt sich wie auf Muttis Fauteuil, die Sitzbank ist extrem breit und bequem. Die Position der Fußrasten ist relativ tief, wobei die Bodenfreiheit durch die Höhe des Motorrads mehr als ausreichend ist. Die Ulysses ist nicht leicht zu erklimmen, selbst für große Menschen wie mich. Elegant wie der Springreiter Hugo Simon schwinge ich mich auf die Stelzen Buell. Sanfte Vibrationen sind im ganzen Körper spürbar, wenn dem nicht so wäre, würde es sich nicht um ein Produkt aus Milwaukee handeln. Der erste Gang rastet hörbar ein, die Kupplung erweckt den Anschein, als ob Sie schon ein wenig "bedient" wäre, schleifen lassen ist nicht wirklich drin, ganz am Ende des Weges greift die Kupplung voll und die Ulysses hüpft fast vor. Der zweite und dritte Gang rasten gnadenlos krachend aber exakt ein, Freunde der Feinmechanik würden schon die Tränen in den Augen stehen. Ich beschleunige großzügig auf der Triesterstrasse und der Vortrieb geht in Ordnung, vor allem zwischen 3 und 5tsd Umdrehungen gibt die Ulysses ordentlich Feuer. Die Worte des Jungverkäufers klingen in meinem Unterbewusstsein, aber an den frischen Reifen kann ich jetzt nicht denken.

Was mir mehr Sorgen macht ist die angebliche Unruhe ab 120, wird es mich von der Ulysses reißen und finde ich endlich Eingang in die Ö3 Verkehrsmeldungen? "Das ist eine wichtige Verkehrsmeldung: Der Abgelederte hat sich auf der A2 Richtung Graz mit der fetten Ulysses gerade atomisiert, alle Fahrspuren sind gesperrt. Der gelbe Helikopter ist auf dem Weg"

Ich beschleunige voll und schalte hoch, 120 stehen auf der Uhr und auf einmal kommt, was mir angekündigt wurde. Der Lenker fühlt sich irgendwie leichter an und eine sanfte Unruhe erfasst die Ulysses. Aber ich habe einen Vorteil, eines meiner ersten Motorräder war ein japanischer Einzylinder Marke "Vollkrapfen". Dieses Gerät wackelte ab 80 kmh wie ein Parkinson Kranker. Mit viel jugendlichem Übermut und Todesverachtung gelang es mir damals die endgültige Endgeschwindigkeit von 175 kmh zu erreichen. Also schreckt mich das Verhalten der Buell nicht, jemand der Ruhe und Stabilität wünscht, würde jetzt bereits zweifeln. Ich beschleunige weiter, aber die Unruhe wird nicht größer. Gewöhnungseffekt oder Tatsache - selbst bei 190 bleibt alles gleich.

 

Einzigartiges Design ist eines der Markenzeichen von Buell, die XB12X macht eine gute Figur vor den Innenstadt Kaffees. Wer eine Range Rover besitzt könnte sich für heiße Sommertage eine Ulysses gönnen.  


Die digitale Bremse 0/1:

Die Abfahrt Wr. Neustadt West zeichnet sich durch eine feine weitläufige Linkskurve aus, die man voll nehmen kann. Geschwindigkeiten von 140 bis 160 kmh sind locker möglich. Eigentlich die erste Möglichkeit um die Ulysses auf Kurventauglichkeit zu prüfen. Ich schalte runter, lege um und gebe Gas. Die Bremse der Ulysses ist wie bei jeder Buell direkt am Felgenrand und verfügt über 6 Kolben, die Bremsleistung ist hervorragend allerdings ohne Gefühl. Man sollte ganz behutsam in die Eisen greifen. Durch den großen Federweg und die weiche Abstimmung taucht die Buell voll ein um dann abrupt zum Stillstand zu kommen. Auf einmal passiert, was nicht passieren darf. Ich nehme die Kurve zu spitz und muss korrigieren und bremse. Die Buell bäumt sich auf und ich habe das Gefühl der Lenker zieht nach links. Holy Shit, werde ich jetzt die Leitschienen verbiegen? Ich löse die Situation in dem ich die Finger vom Bremshebel lasse und die Linie über die Hüfte korrigiere. Dann wird das Gas noch mal geöffnet. Das Gefühl, daß die Buell schwimmt bleibt aber. Wie bei meinem seligen Einzylindertopf hält das Gerät die Spurtreue. Vertrauen ist gefragt, viel Vertrauen ist gefragt.

Ein kurzer Zwischenstand:

Über die Optik lässt sich streiten. Mir gefällt die Ulysses sehr gut da die Optik einzigartig ist. Der fette Rahmen, der auch als Tank dient und die ebenso voluminöse Schwinge gepaart mit der Höhe ergibt einen kompakten Eindruck. Die Maske mit dem kleinen Windschutz (der nicht sonderlich vor Wind schützt) ist für meinen Geschmack gelungen. Der Motor geht von unten gut allerdings wirkt er auf Dauer etwas gedrosselt, könnte aber an der EU Normen liegen, die erfüllt werden müssen. Mehr Atmung und eine ordentliche Auspuffanlage werden Abhilfe schaffen. Sitzposition ist ein Traum, hoch aufrecht und bequem und durch den kurzen Radstand hat man das Gefühl auf einer Supermoto zu sitzen. Das krachende Getriebe begeistert nicht: Genauso wenig wie die nicht zu dosierende Bremse, die, wenn in Schräglage betätigt, Schweißperlen der Angst auf die Stirn zaubert. Ist der Motor kalt verschluckt sich die Ulysses gerne beim Beschleunigen, Gott sei Dank verschwindet der Effekt bei richtiger Temperatur des Aggregats.

Kollege Kot im O Ton: Die Buell is ja wie ein Schaukelpferd, i wär fast vorne obeköpfelt“

Kollege Kot ist für mich nicht gerade ein Fallbeispiel für gefühlvollen Umgang mit Motorrädern, aber er hat schon irgendwie Recht. Wenn man voll in die Eisen greift hat man das Gefühl vorne abzugehen. Nasty Nils fordert unmissverständlich die Papiere und die Schlüssel, in seinen Augen sind wir unwürdige Stümper die um des Kaisers Bart streiten und dabei auch noch wertvolle Arbeitszeit verschwenden. Nach einer Stunde kehrt er zurück und schließt sich der Meinung des Kot an, die Ulysses ist kein gutes Motorrad aber sicher ein tolles Schaukelpferd. Mein Widerspruch wird als Zeichen meiner fahrerischen Unwürdigkeit gewertet. Armer Ulysses, Du hast es nicht leicht.

 

Die Buell XB12X hat uns große Menschen lieb, endlich wieder ein Motorrad wo die Proportion zwischen Fahrer und Gefährt halbwegs passt. 

 
Heim Grand Prix, Wöllersdorf, Hernstein und die Weinbergstrasse

Es gibt nur einen Weg für mich heraus zu finden, was die Ulysses taugt. Mein grundsätzlicher Hang zu 2 Zylindern und Exoten beeinflusst mich, aber eine Fahrt auf meiner Heimstrecke hat bisher immer die Spreu vom Weizen getrennt. Die Strecke von Wöllersdorf nach Hernstein verfügt über alles, was man nicht braucht, fiese Serpentinen, Bitumen und allerhand landwirtschaftliche Exkremente auf dem Weg und wenn man ganz viel Glück hat, steht mitten im Kurvenausgang ein Traktor und dämmert vor sich hin. Auf den Serpentinen schaukelt sich die Buell auf, daß es eine Freude ist, aber egal wie sehr ich herumturne, das Wackeln bleibt aber die Fuhre ist stabil. Dieser physikalische Widerspruch ist mir ein Rätsel aber ich nehme ihn zur Kenntnis. Essentiell ist die Gangwahl und die Drehzahl, vor der Kurve ist es erledigt sonst bist Du erledigt. Korrekturbremsen in Schräglage erzeugt Angst, Gas auf in der Kurve bringt noch mehr Unruhe. Aber da kommen wir wieder zum Einzylinder Gatschhupfer, drauf bleiben ist das Geheimnis. Unsichere und zögerliche Zeitgenossen werden abgeworfen, ähnlich wie beim Rodeo möchte die Ulysses gezähmt und besiegt werden. Vom Tempo her kann die Ulysses mithalten, anständige Kurvengeschwindigkeiten sind kein Problem allerdings sollte man mit genügend Kraft am Lenker reißen, sonst erweitert man den Radius inklusive Bankett. Auf der Weinbergstrasse dasselbe, die Buell nimmt die Kurven, aber ich bin aufmerksam was Gangwahl und Umdrehungen angeht. Sie schwingt, sie hüpft und sie schwimmt aber sie bleibt im Radius. Raus beschleunigen funktioniert tadellos, zwei Zylinder mit 1200 Kubik sorgen für Schmalz- keine Frage. Ich komme zu Hause an und bin nicht geflogen, also habe ich den Auftrag erfüllt.

This Bike is crap  but  I like it

War einmal eine geniale Überschrift im englischen Superbike. Genauso sehe ich es auch, objektiv hat die Ulysses Mängel die nicht schön zu schreiben sind aber sie hat Charakter und eine einzigartige Optik. Beim Flanieren im ersten Bezirk erntet man neugierige Blicke. Gesessen wird wie auf einem Thron und die Einzigartigkeit des Motorrads färbt auf den Reiter ab. Wer sich Perfektion erwartet wird schwer enttäuscht sein. Ich kann leider nicht sagen, ob es an mangelnder Wartung liegt, immerhin hat das Testmotorrad an die 8000 km auf dem Buckel, oder weil das Testmotorrad ein Montagsmodell ist.  Mir persönlich gefällt die Herausforderung und ich fahre gerne mit der Ulysses weil es anstrengend  ist. Ist ein 911er Porsche aus den 80igern perfekt oder ein Jaguar E Type? Nein definitiv nicht aber Spaß ist trotzdem da und der zählt am Ende mehr als trockene Fakten.

 

Technische Daten:
Buell XB12X  
Motor Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt
45-Grad-V-Motor
Hubraum 1.203 cm3
Bohrung/Hub 88,9 x 96,8 mm
Leistung 101,4 PS / 74,6 kW @ 6.600 U/min
Drehmoment 110 Nm @ 6.000 U/min
Radstand 1.370 mm
Lenkkopfwinkel 23,5°
Nachlauf 122 mm
Länge 2180 mm
Sitzhöhe 841 mm
Trockengewicht 227 kg
Tankinhalt 16,7 l

 


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Bericht vom 21.06.2006 | 41.215 Aufrufe

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