Aprilia Tuareg 660 im BDR Colorado: 1700 km Langzeittest
Das Testobjekt und die Ehrlichkeit dazu
Die Aprilia Tuareg 660 auf der Colorado Backcountry Discovery Route: 1700 Kilometer durch die Rocky Mountains, Schotterpässe bis fast 4000 Meter Höhe und ein ehrlicher Langzeittest an einer Maschine mit 21.000 Meilen auf der Uhr. Was die Tuareg wirklich kann und wo sie schwächelt.
Das Testobjekt und die Ehrlichkeit dazu
Reden wir zuerst über die Ausgangslage, damit du weißt, was dieser Test wert ist. Unsere beiden Aprilia Tuareg 660, Baujahr 2024, kamen von Colorado Motorcycle Adventures in Golden bei Denver. Das war kein frisches Vorführmotorrad. Meine Maschine hatte bei der Übernahme rund 21.000 Meilen im rauen Leihbetrieb auf der Uhr. Genau das macht den Test interessant. Du bekommst keine geschönte Presse-Maschine, sondern ein Arbeitstier, das schon durch viele fremde Hände gegangen ist.
Colorado Motorcycle Adventures ist dabei mehr als ein Verleih. Die haben uns nicht nur die zwei Tuareg hingestellt, sondern die komplette Colorado Backcountry Discovery Route als programmierte GPS-Strecke, die Butler-Karte und die ganze Logistik. Wer die COBDR selbst fahren will, findet bei Colorado Motorcycle Adventures eine riesige Adventure-Flotte, Routenplanung, Offroad-Trainings und geführte Touren. Für einen ehrlichen Test ist so ein Partner ideal, weil du echtes Reisegepäck und echte Distanzen fährst, nicht eine Runde um den Block.
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Der erste Eindruck: nicht Fisch, nicht Fleisch
Die ersten zwei, drei Tage war ich skeptisch. Der Motor ist linear, aber er braucht Drehzahl. Er hat keinen punchigen Punkt in seinem Drehzahlband, an dem er dich packt. Für jemanden, der von kräftigen Twins kommt, fühlt sich das erst mal zu brav an. Es war mir schlicht zu wenig Power, und ich habe mir wirklich gedacht, die fährt man nicht ins Herz. Das ist der ehrliche erste Eindruck, und ich lasse ihn bewusst so stehen, weil die Geschichte danach eine andere wird.
Der Wendepunkt im Hochgebirge
Umgeworfen hat mich das schwere Gelände. Irgendwann stehst du auf diesen Fußrasten am Cinnamon Pass auf fast 3900 Metern, loser Fels unter den Reifen, ausgesetzte Kehren, und es ist einfach spielerisch leicht, dieses Motorrad zu dirigieren. Das hat Traktion, das hat eine präzise Linienführung, wie ich sie sonst bei keiner Reiseenduro so gehabt habe. Da ist sie mir wirklich ins Herz gefahren.
Das ist kein Marketingsatz, das ist der Moment, in dem der Test kippt. Die Tuareg ist eine Reiseenduro, die man erst im anspruchsvollen Gelände richtig schätzen lernt. Auf den Hochpässen der San Juan Mountains, von Cinnamon über California bis Engineer Pass, alle deutlich über 3800 Meter, zeigt das Fahrwerk seine Klasse. Präzise, gutmütig, verzeihend. Genau da, wo es weh tun könnte, wird sie leicht.
Das Terrain, das den Test wirklich macht
Damit du die Urteile einordnen kannst, hier das Gelände, in dem sie entstanden sind. Die COBDR wirft dir alles vor die Räder. Der asphaltierte Cottonwood Pass bringt dich auf 3696 Meter, den höchsten geteerten Übergang über die kontinentale Wasserscheide. Gleich daneben führt der unbefestigte Cumberland Pass über groben Schotter auf rund 3660 Meter. Weiter nördlich der Weston Pass auf 3634 Meter und der Hagerman Pass auf 3635 Meter, beides ruppige Vierrad-Passagen mit losem Geröll. Und dann die Königsklasse im Süden, die Alpine-Loop-Pässe California, Engineer und Cinnamon, alle jenseits von 3800 Metern. Ein Motorrad, das über diese Bandbreite hinweg berechenbar bleibt, hat sich seine Note verdient. Genau das leistet die Tuareg, und deshalb wiegen ihre Stärken für mich am Ende schwerer als die Kritikpunkte.
Ein Praxistipp, der auf so einer Reise Gold wert ist: Wenn ihr mit Gepäck unterwegs seid, stellt euch die Federvorspannung ein. Klingt banal, macht aber im technischen Gelände mit vollem Reisegepäck den Unterschied zwischen Kontrolle und Kämpfen. Die zwei Minuten am Federbein zahlen sich auf jedem folgenden Pass aus.
Ergonomie: endlos stehend fahren
Was mir auf den langen Etappen enorm getaugt hat: Du kannst mit dieser Maschine endlos stehend fahren, ohne zu ermüden. Die Ergonomie im Stehen ist richtig gut gemacht, die Knie finden Halt, der Lenker steht sauber, du wächst mit dem Motorrad zusammen. Auf einer Route, die dich täglich stundenlang im losen Untergrund fordert, ist das Gold wert.
Dazu kommt der Rest der Ausrüstung, denn 1700 Kilometer zwischen 37 Grad im Tal und knapp über null auf den Pässen sind eine Materialschlacht. Meine iXS Venture-Air 1.0 Kombi hat diese Spreizung mitgemacht, das zweilagige Ripstop mit den großen einstellbaren Belüftungen deckt Offroad-Hitze und kalte Passabfahrten gleichermaßen ab. Nach 2000 Kilometern ist sie für mich klar empfehlenswert, Details zu Jacke und Hose. Auf dem Kopf hatte ich bewusst den geschlossenen Endurohelm Arai Tour-X5 mit Visier, dessen flache Seitenflächen die Cardo-Montage sauber aufnehmen. Und weil wir zu zweit gefahren sind, war das Cardo Packtalk Edge Mesh-System der stille Held. Ohne die Absprache von Kamerapositionen und die Warnung vor Spurrillen und Weidevieh wäre so ein Trip deutlich zäher und unsicherer.
Gebrauchte und neue Aprilia Tuareg 660 Motorräder
Weitere Aprilia Tuareg 660 MotorräderReichweite und Höhe: 121 Meilen ohne Tankstelle
Der wichtigste Praxiswert für Reisende ist die Reichweite, und die passt. An einem Tag sind wir 120 Meilen gefahren, ohne eine einzige Tankstelle zu sehen. Da waren wir froh, dass die Tuareg genug Reichweite für solche Distanzen hat. Mit einer Hard Enduro wäre das schlicht nicht gegangen. Für die Colorado BDR ist die höchste bestätigte Tanklücke rund 121 Meilen, und die Aprilia deckt das mit Reserve ab.
In der Höhe musst du sie anders fahren. Ab etwa 3500 bis 3700 Metern wird das Ansprechverhalten am Gasgriff spürbar teigiger. Die dünne Luft kostet Leistung, das ist Physik, kein Mangel der Maschine allein. Der Trick ist, sie in einem höheren Drehzahlniveau zu fahren. Gibst du ihr die Drehzahl, macht sie auch da oben einen fantastischen Job. Wer aus den Alpen kommt und Passfahrten unter 2500 Metern gewohnt ist, muss sein Gasgefühl an diese Höhen erst anpassen.
Dazu kommt die Temperaturspreizung, die diese Reise zur Materialprüfung macht. Oben am Pass friert man im Regen, unten im Tal zeigt das Display in Durango 99 Grad Fahrenheit, also unbarmherzige Hitze auf rund 2000 Metern Seehöhe. In dieser Hitze wird der Bereich rund um die Knie am Motor spürbar warm, das gehört zur ehrlichen Bilanz. Genau diese Vielseitigkeit ist aber der Kern der Tuareg. Du kannst weite Distanzen gleiten wie mit einer größeren Reiseenduro, und sobald technische Sektionen kommen, ist sie agil und spaßig. Wenige Motorräder decken diese Bandbreite so souverän ab.
Die Schwächen, die man nennen muss
Kein ehrlicher Test ohne die harten Punkte. Erstens der Punch. Es sind zwar 80 PS, aber es sind halt nur 660 Kubikzentimeter Hubraum. Wenn du viel zu zweit und schwer beladen unterwegs bist, würde ich eher zu mehr Hubraum greifen, da fehlt mir der Punch. Zweitens das Höhen-Mapping, dieses teigige Ansprechen oben, das ich schon beschrieben habe. Und drittens, konstruktiv am ärgerlichsten: Wenn du auf die linke Seite fliegst, ist der Ganghebel kaputt. Das ist eine echte Schwachstelle, und im Gelände liegt man nun mal ab und zu. Dazu nagt der Zahn der Zeit an den Schaltern, der Blinkerschalter ist durch Vibration und Staub schon sehr fummelig geworden. Das gehört zum ehrlichen Bild dazu.
Haltbarkeit: was 21.000 Meilen mit ihr gemacht haben
Und trotzdem, oder gerade deshalb, der größte Respekt: Diese Maschine ist wirklich hart im Nehmen. Wir haben sie mit 21.000 Meilen bekommen, diese Schläge, diese Vibrationen, dieser Dauerstaub, und das hat wunderbar gepasst. Nach eigenem harten Reisebetrieb obendrauf muss ich sagen, Hut ab. Für ein Motorrad, das im Verleih schon so viel gesehen hat, ist das eine starke Ansage in Sachen Standfestigkeit.
Fazit und Einordnung
Nach 1700 Kilometern echtem Gelände ist mein Urteil differenziert und positiv. Die Tuareg 660 ist enorm vielseitig. Du kannst weite Distanzen gleiten wie mit größeren Reiseenduros, und sobald technische Sektionen kommen, wird sie agil und spaßig. Ihre Schwächen sind ehrlich benennbar: fehlender Punch bei Zuladung, teigiges Mapping in großer Höhe, der verletzliche Ganghebel. Wer damit leben kann und das Motorrad im schweren Gelände sucht, bekommt eine super tolle Alternative zum Beispiel zur Yamaha Ténéré. Das Niveau, das wir hier gefahren sind, passt genau zu dieser Reiseenduro. Die Colorado Backcountry Discovery Route ist dafür der perfekte Prüfstand und absolut empfehlenswert.