80 Jahre Adventure

Auf dem Landweg von Europa nach Asien - mit dem Motorrad.
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80 Jahre Adventure Long-Run mit dem Bike: Ein Vergleich

 
27. Juli 1933: Die beiden 20-jährigen Österreicher, Max Reisch und Herbert Tichy, brechen mit einer Puch 250, adaptiert für die Langstrecke, gen Indien auf. Zum ersten Mal soll der Landweg von Europa nach Asien mit einem Bike bezwungen werden. 28. August 2013, 80 Jahre später: Es geht für mich Richtung Indien, mit einem Bike, das speziell für die sportliche Langstrecke im On & Offroad Bereich adaptiert und aufgebaut wurde. Ich möchte mich auf den Spuren der beiden Protagonisten bewegen, um diese zu dokumentieren, um Vergleiche anzustellen, damals zu heute. 
 
Beginnen möchte ich mit den Bikes:

Das Bike: Puch250, 1933

Es ist für mich nahezu unvorstellbar, wie man mit, nach heutigen Maßstäben beurteilt, und man verzeihe mir bitte die Ausdrucksweise, einem Eisenhaufen, Puch 250, sich auf eine solch lange und damals unbekannte Route begeben konnte: Verbaute 6 PS unterm Tank, Doppelkolbenmotor, 2-Takt, 200 Kilogramm fahrfertig, 70 Kilogramm (davon rund 30kg an Ersatzteilen und Werkzeug) am Bike verpackt. Plus 2 Piloten, also nochmals rund 140kg draufgepackt. Eine wahrlich beherzte Prüfung für Mensch und Material. Aus meiner heutigen Sicht wiederum gemeint: Mich würde dieser Ritt Nerven kosten.
 
http://www.motorrad-bilder.at/slideshows/291/009978/husabergfestival13_647.jpg Doch das ist nur die halbe Wahrheit:
Geografisch war die Route nach Indien, via Irak, Iran, Belutschistan und Britisch-Indien alles andere als erschlossen. Viele Teile der Strecke waren weder kartentechnisch noch physisch durch Wege gekennzeichnet. Vielfach dienten als Orientierung vergangene Zeitzeugen wie Telegrafenmasten oder verlassene Rail-tracks. Ein dichtes Service-Netz am Weg, oder häufige Tankstellen: Fehlanzeige. Die Globalisierung kommt erst.  
 
Als ziemlich überheblich, um einen Hilfsausdruck zu verwenden, wurden die beiden damals belächelt. Es war neben dem Abenteuer- und Entdeckergeist, gepaart mit einer gesunden Portion Mut und Neugier von Reisch und Tichy, auch das Interesse der vsterreichischen Motorradindustrie, als Treiber hinter diesem Projekt, ihre Produkte an vorderster Front in den Medien zu sehen.  
 

Bildergalerie 80 Jahre Adventure Long-Run mit dem Bike

 
Das Bike: 712RSR, 2013

Ich selbst zog 3 Faktoren an vorderste Front, die mich zu einer Entscheidung führten: Gewicht, Sportlichkeit On & Offroad, Zuverlässigkeit Anders gesagt: Go Light, Go Fast, Go Far. Meine Reise soll mich tief in den indischen Teil des Himalaya, von dort aus bis aufs tibetische Hochplateau führen, sowie in total unknown territory: Burmas Suedkueste entlang der Andaman See. Ein intensiverer Blick aufs Adventure Segment der Hersteller verspricht sehr viel Adventure. Vornehmlich die der Knieschleiferei auf den winkeligen Strassen von Teneriffa oder ähnliche Locations. In den Hochgebirgen Asiens und tiefer im Busch von Süd- und Süd-Ost Asien ist Gewicht der Schlüssel zum durch- und weiterkommen. In Wirklichkeit, blieb, von der Stange weg gekauft, eigentlich nichts über, das für meine Reise passt: Die Auswahl des Bikes war für Max Reisch wohl eine sehr logische und pragmatische Entscheidung. Bikes von der Marke Puch wurden von ihm bereits auf früheren long-distance Fahrten verwendet.Zudem hatte Puch ein grosses wirtschaftliches Interesse an dem Projekt, um sich von der deutschen und englischen Bike Industrie zu differenzieren.
 
http://www.motorrad-bilder.at/slideshows/291/009978/husabergfestival13_647.jpg Puch stellte Max Reisch das Bike zur Verfügung. Die grossen Adventure Bikes, mit rund 220 bis 250kg Leergewicht, ohne die notwendigen Adaptionen für die Langstrecke, sind einfach zu schwer. Bei kleineren, sportlichen Bikes, wie die 450Rally, oder andere adaptierte Hard Enduros im 450er Segment für den Rallysport, gleich welcher Marke (btw, danke an die FIM für die Reglementsänderung im Rallysport, downsizing auf 450ccm, das selbstverständlich einen massiven Einfluss auf die Serienproduktion der Hersteller hatte), hatte ich Bedenken bezüglich der Zuverlässigkeit und Gepäcksunterbringung.
 
Und last not least – der Preis, für das Bike und die Adaptionen, der ein Durchschnittsbudget für eine solche Reise um ein beträchtliches überschreitet. Somit blieb für mich nur ein Bike über, als Basis der finalen Konfiguration: KTM690R 7

• ein bärenstarker, großvolumiger und ausgereifter Einzylinder mit 690 Kubik, der jederzeit für einen Highsider gut ist, wenn man sich einbildet, Supersportler außen zu vollstrecken.
• massives Gitterrohr als Rahmen für die Power und Belastung einer sportlichen Langstreckenfahrt
• 140kg Leergewicht als Basis für die finale Konfiguration des Bikes
• verfügbare Teile am Markt, um das Bike für die Langstrecke zu adaptieren 
 
Die Reichweite:

Die Puch 250 wurde auf ein Tankvolumen von 23 ltr Volumen gepimpt, quasi der erste Dakartank der Geschichte. Dazu kamen noch 2 Benzinkannen, montiert an der Front, mit separaten 4ltr Sprit. Eine Reichweite von über 700km km sprach für einen sehr effizient und langsam laufenden (again: aus heutiger Sicht) Motor.  
Der bestehende Tank der 690er mit 12 Liter Inhalt reicht für ausgedehnte Enduro Rides, ist in der Langstrecke jedoch definitiv unterbemittelt. Da der Hauptank unterhalb der Sitzbank positioniert ist, konnten zusaetzlich 3 Tanks am Bike montiert werden. 2 davon seitlich am Gitterrohrrahmen, einer als Hecktank, gegenüber dem Akra. Somit steht mir eine Reichweite von gut 700km ohne Tankstop auf dem Menü: Go Far.
 
Die Zuverlässigkeit:

Die Aufgabe bestand für Max Reisch darin, das Bike 13,000km nach Indien zu fahren, um die Zuverlässigkeit der Puch zu überpruefen. In der Gluthitze der iranischen und pakistanischen Wüsten, in den Gebirgsquerungen in der Türkei, im Iran und in Indien.
 
http://www.motorrad-bilder.at/slideshows/291/009978/husabergfestival13_647.jpg Für einen Zweitakter aus dem Jahre 1933, mit 6PS am Hinterrad und 400kg Zuladung: ambitioniert. Um authentisch ein Zeichen zu setzen, wurde der Motor kurzerhand von Puch plombiert Bei der 712RSR wurde als zweiter Schritt am Thema Zuverlässigkeit gearbeitet, um die Schwachstellen des Standard Bikes zu eliminieren: Rahmenteile verstärkt, eine massive Bash Plate aus 4mm Alu mit integriertem Öltank verbaut, ebenso Teile des Motors, die als Schwachstellen über die letzten Jahre an der 690er identifiziert wurden. Zusätzlich wurde über das Rahmenheck ein zusätzlicher Stahlrahmen gespannt, um zum einen das Heck zu verstärken und den Titan Akra zu schützen, zum anderen als Auflage für das Softluggagesystem.  
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Das Fahrwerk:

Max Reisch beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Fahrwerk. Eher im Sinne des Fahrkomforts. Der Rahmen der 250er Puch besaß keine Dämpfungelemente. Die Eigendämpfung der Rundrohre kann dabei wohl vernachlässigt werden. Die Rahmenverbindung Hinterrad/ Schwinge zu Steuerkopf/ Vorderrad wurde pragmatisch und kostengünstig einfach miteinander verbunden. Starr und direkt. Reisch baute für sich und den Beifahrer Tichy als technische Innovation dieser Zeit Federsaettel ein. Low hanging fruits. Aus heutiger Sicht, klarerweise.  
Das Standardfahrwerk der 690er kann bedenkenlos als good enough eingestuft werden. Es kann über einen breiten Bereich justiert werden, in der Dämpfung Low und High-Speed. Spezielle Federbeine, hydraulisch justierbar, sowie Gabelumbauten sind für diese Reise eher ein nice to have. Die Kosten für dieses Upgrade übersteigen bei weitem den Gewinn an Performance.
 
Das Gepäck:

Dieses Motto bezieht sich nicht nur auf das Bike selbst, sondern auch auf das mitzunehmende Gepäck bzw. das entsprechende Gepäcksystem. Die üblichen Gepäcksysteme, wie so oft auf den Adventures gesichtet, die seitlich üppig ausladenden Koffer, das Eigengewicht dieser, auch die Kosten für diese Variante wurde alsbald verworfen. Ein ganz feines Satteltaschensystem von verschiedenen Herstellern aus Deutschland, England und de USA kam dem Wunsch, das Gepdck kompakt und eng am Bike sicher verzurrt zu transportieren am nächsten. Maximal 30 kg Gepäck incl. Schlafzimmer, Küche und Werkstatt am Bike standen auf der To Do Liste. Eine ambitionierte Vorgabe, wie sich noch herausstellen sollte. Das für mich ideale Adventure Bike für die sportliche und ambitionierte Langstrecke war geboren: 712RSR: um das Bike mit den Updates in ein frisches Branding Kleid zu stecken. Es fehlte jetzt nur noch das entsprechende Design. Schnelles Reisen mit Stil. 
 
http://www.motorrad-bilder.at/slideshows/291/009978/husabergfestival13_647.jpg Kurz zur Erklärung: Für mich als eingeschworenen Motorradfreak, seit mehr als 30 Jahren, waren die Japaner, speziell in den 70iger bis 90iger Jahren die treibende Innovationskraft in der Branche. Das Design ist quasi eine Hommage an die Ingenieurskunst Japans.
Ich arbeitete beruflich viel mit den Kollegen im Land der aufgehenden Sonne, die Fähigkeit und Geduld dieser Menschen, an eine technische Aufgabe heranzugehen und diese zu lösen, ist wohl einzigartig: Zen in Engineering. Daher diese Hommage, ein Dankeschön an die vielen wunderbaren Bikes und technischen Lösungen der vergangenen Jahrzehnte: arigato Nippon.
 
Die Zeit bleibt nicht stehen und in der Zwischenzeit hat sich meines Erachtens das Kräfteverhältnis im Serienbau zu Europa hin verschoben: Im Besonderen im Adventure & Offroad Segment. Daher integrierten wir in die Sonne Nippons das ur-österreichische Bike orange, als danke an die Upper Austrians, die mittlerweile in vielen Ecken der Branche ein Lead sind.

Zeit für mich, die einjährige Vorbereitung auf diesen Trip abzuschließen, um nun endlich am Gasgriff zu drehen, um den 365 Tage Adventure Long-Run anzugehen. Ich möchte die Spuren der beiden Österreicher Reisch und Tichy in der Türkei, im Iran, Pakistan und in Nord-Indien aufnehmen. Die 712er soll mich über die antiken Handels- und Pilgerpfade von Süden durch den Himalaya zum Mount Kailash aufs tibetische Hochplateau führen. Und schließlich über die burmesische Südkueste entlang der Andaman See bis nach Thailand. Ganz nach dem ursprünglichen Grundsatz: Go Light, Go Fast, Go Far. To be continued ..
 
Infos unter: earthstories712rsr@live.com

Copyright: Marcus Heuberger, August 2013 
 

Interessante Links:

Text: 1000ps
Fotos:
V. Amendo, Motorrad

Bericht vom 16.09.2013 | 11.060 Aufrufe

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