MZ RT 125/3

Kick the system! Schlankheitswahn trifft Retro-Irrsinn.
MZ RT 125/3
 

MZ RT 125/3 1964 Zweitakt-Motor

Eine Emme nach der Zeitenwende.

 

„Ein langer Weg ein Wrack zu werden“ (Long road to ruin), … so posaunten uns die Foo Fighters 2008 diesen Hit volle Molle in die Gehörgänge. Der Holländer Floris Velthuis beschritt genau den umgekehrten Weg. Er fabrizierte aus einer 1964er MZ RT 125/3 – altdeutsch auch Emme genannt – ein vorzeigbares Krad, ohne aber dabei weder Ursprung, Historie noch Preisvolumen dieses der ehemaligen DDR entstammenden Zweitakters aus den Augen zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Das Wahrzeichen des ehemaligen „Arbeiter- und Bauernstaats“ mitsamt Ährenkranz, Hammer und Zirkel ließ der Mann aus Arnhem auf dem winzigen und dennoch  wie zweigeteilt wirkenden Tank von Hand mühselig aufpinseln. Von einem Pinstriping-Künstler, selbstredend. Und selbstverständlich stellt dieses mit äußerster Sorgfalt aufwändig gestaltete Finish den teuersten Aspekt an der Aufbereitung dieses “leicht motorisierten” Zweirades dar.

Arme-Leute–Moped Dunkel-Deutschland, in gold gekleidet...
“Die Anschaffung einer alten RT 125 ist aufgrund der überschaubaren Zweitakttechnik des zuverlässigen Motors und der einfachen Fahrwerkskonstruktion eine unbedenkliche Angelegenheit. Die Ersatzteilsituation ist wegen der hohen Produktionszahlen und der Kompatibilität der Bauteile der vielen Hersteller problemlos. Einige Exemplare werden noch heute als Alltagsfahrzeug genutzt.” So der O-Ton der  historisch versierten Statistiker. Diese Situation nutzte Floris ganz gezielt für sich, der in der Vergangenheit schon so manchem runtergewirtschaftetem Moped zu einer ganz neuen Existenz als Rat-Bike verhalf. Zusammen mit Vater Benni begab er sich an diesen schmalen  und eher leistungsarmen Zweitakter, der seine lange Vergangenheit mit dem Kürzel RT wie “Reichstyp” gar nicht erst verleugnen mag. Und der Holländer ist sich ebenso der damals herrschenden, armseligen Zustände in Ostdeutschland bewußt, als sein “Arme-Leute-Krad” die Fabrikgebäude von MZ in Zschopau 1964 verließ. Gerade recht kommt es ihm in die Finger, um den Bonzen zu zeigen, dass nicht nur teuer umgeschmiedete Milwaukee-Eisen Showcharakter beweisen und Aufsehen erregen können – obwohl Floris sich auch zu seinem Zweitkrad, einer Ironhead aus 1975 ganz offen bekennt. “Diese RT 125 mit seiner reichhaltigen Vergangenheit inspirierte mich zur Aufbereitung, eben wegen der meiner Meinung nach ausreichenden Leistung, den feinen Speichenrädern, seinem klassischen Look und dem geschlossenen Einrohr-Rahmen. Mit all seiner Leichtigkeit wollte ich mal allen fetten V-2-Twins voll Paroli bieten.

 

MZ RT 125/3
MZ RT 125/3 MZ RT 125/3

 

Quasi das Kommunisten-Krad gegen alle Bonzen-Schleudern!
Für einen “fairen Preis” von unter 500 Euronen erstand ´Floris den “leicht angerosteten” Zweitakter mit Einzylinder-Motor und 6,5 PS im Originalzustand. Mit seinem Vorhaben, einige Modifizierungen daran vorzunehmen, zog er allerdings jede Menge Missmut von gleichgeschalteten Historienverfechtern auf sich. “Wenn Du da mit der Flex was wegschneidest, zerstörst Du die gesamte Motorrad-Historie,” feindeten ihn einige Zeitgenossen an. “Für mich erst recht der Ansporn, die Flex flexen zu lassen,” griff der “heidnische” Holländer den Fehdehandschuh auf.
Nachdem Floris mit dem Abbau sämtlicher Teile seine Bestandsaufnahme gestaltete, stellte er erschreckt fest, WIE schmal das Gebilde tatsächlich gebaut ist. “ Wie wenn Du einer Heidschnucke das Fell über die Ohren ziehst und bis auf den Grund abschnippelst. Da bleibt da auch nix mehr Essbares dran... Also, für mich ergab sich daraufhin die Frage, wie ich da ein wohlproportioniertes Moped aus diesem niedlichen Ding herstellen könnte, denn mit Standard-Chopper-Parts war dem ja nicht wirklich beizukommen.”  Alles selbst machen ist also die Devise. “Zum Beispiel der Tank... alle erreichbaren “Fässer” wirkten völlig ‘overstyled’. Benni und ich schweißten uns dementsprechend einen eigenen Tank im Vintage-Style. Mein Vater integrierte die altertümlichen Tankdeckel an den schmalen Behälter, die an Speedway-Bikes oder Dirt-Tracker erinnern sollen. Sozusagen als Quelle der Inspiration. Pure Funktionalität und straighte Linien sind mein Ding.” 

Alle anderen Blechteile fertigten die beiden wackeren Niederländer natürlich auch, aus vorhandenen Materialien, ergänzend mit allem, was die Werkstatt bei Arnhem nur so her gab. So entstand das hintere Schutzblech, das mittels Schweißgerät sein eigenes Styling erhielt. Zur Betonung des Dirt-Track-Looks brachte Floris das Blech so hoch wie möglich über dem grobstolligen Trial-Reifen an. Danach benötigten Vater und Sohn Stunden zum Füllen, Spachteln und Schleifen, dem üblichen Prozedere für die “sanfte Oberflächengestaltung”. Natürlich musste auch das Nummernschild an einer eigens hergestellten Alu-Platte seitlich am Fahrzeug seinen Platz finden und wird nun gekrönt von einem für eine Vincent nachempfundenen Rücklicht. Charakteristisch für das Vintage-Styling der Dirt-Tracker hatten sich die Griffe entsprechend unter der oberen, spärlichen Gabelbrücke einzufinden.  Der Gaszug und die entscheidenden Elemente aus der originalen MZ fanden hier nach einigen einschneidenden Modifikationen ihren Platz wieder am schmalen Krad, die marginale Gabelbrücke betont ebenso den Look am Arme-Leute-Vehikel. Die Scheinwerferhalterung integrierten Floris und Benni am feinen Lenker. Der Leuchtkörper entstammt einem Tauschgeschäft mit Altteilen, wobei das Gehäuse komplett modifiziert wurde. Die Öffnung, in der dereinst der Tacho wohnte, schweißten die Jungs zu und verpassten dem Teil eine Finne in Anlehnung an das Äquivalent zum hinteren Fender.

 
Bildergalerie MZ RT 125/3
 

Der “Kleine Mann” erhält, was ihm gefällt
Viele Altteile der MZ fanden ihren Weg zurück wieder an das Krad, denn “mir gefällt das gebrauchte, arg mitgenommene Aussehen an den Griffen und Fußrasten. Schließlich sind die Einzelteile bereits über 40 Jahre alt.” Deshalb auch der Sattel, gefunden auf einem Schrottplatz, an einem antiquierten Fahrrad, mit diesem “ollen Schmuddelaussehen”. Klar, dass das Teil dem System komplett angepasst werden musste. Die simple Elektronik übernahm der Niederland-Clan und stopfte in den Batteriekasten rein, was nur reinpasste, von außen nicht mehr sichtbar. Danach gings für einen Sommer zunächst im “rattle can-black-look” auf die Strße mit dem Zweitakter. Doch das langweilige und uninspirierte Aussehen machte Floris keinen Spaß. Dann aber gings mit dem  Gerät zu KustomBart und nach einem “enthusiastischen Brain-storming” kam die Revival-Crew zu dem Ergebnis, eine Lackierung im Stile eines alten Racer-Bike-Prototyps anzulegen. Der Mann von KustomBart hatte einige hollandtypische Tricks anzuwenden, um eine ruhige Hand für das fantastische Pinselgemälde in Form dieser DDR-Flagge und das MZ-Logo unfallfrei aufzubringen. Aber das Ergebnis lässt sich sehen und huldvoll feiern – vor allem, weil dieses Arme-Leute-Moped nach einem halben Jahrhundert nun im wertvoll pointierten Gold-Look auf schwarzen und roten Flächen das ganze Volk beeindrucken kann. Bald noch mehr als jedes teuer und feist ausstaffierte Custom-Bike. Selbst die Historien-Wächter gaben am Ende dieser wundersamen Wandlung eines Krades vom bitteren gen goldenes Zeitalter ihren Segen. Wer vermag sich schon einer Zeitenwende zu verweigern, wenn sie nun doch so verheißungsvoll gülden schimmert?

 

http://www.motorrad-bilder.at/slideshows/291/010758/mz-rt-125_3-21.jpg

 

SPEC SHEET
Erbauer: Floris & Benni
Zeit: 1,5 Jahre
 
ENGINE
Jahr: 1964
Typ: MZ RT 125
Zylinder: 1, 125 ccm
Zündung: points
Vergaser: Ja
Air-Filter: wahrscheinlich Jawa, modifiziert
Auspuff-Rohre: handgefertigt, modifizierter MZ Auspufftopf
Gangschaltung: 3-Gang,  Hand-& Fußschaltung
Starter: kick & push

FRAME
Type: MZ 125-3, modifziert by Floris
Jahr: 1964

FRONT
Vorderrad: 19 inch
Reifen: Trial
Bremse: Trommelbremse
Gabel: MZ, bearbeitet
Gabelbrücken: MZ, obere Gabelbrücke bearbeitet
Lenker:  mit Scheinwerfer-Halterung by Floris
Griffe: MZ
Handles: MZ, innenliegender Gaszug
Scheinwerfer: von einem alten Mopped, umgebautes Scheinwerfergehäuse

Heck
Hinteres Rad: 19 inch
Reifen: Trial
Bremse: Trommelbremse
Schutzblech: handgefertigt, mit Finne versehen
Rücklicht: Vincent-retro-style
Nummernschildhalterung: seitlich angebracht, Aluminium, handgefertigt

BITS
Batterie-Box: MZ, modifiziert
Blinker: MZ
Tank: handgefertigt by Bennie & Floris massive Tankdeckel aus Messing
Sitz: antiker Fahrradsattel, angepasst

Lackierung
Farben: schwarz/rot
Spezial-Lackierung: Goldauftrag in Form der DDR-Flagge & MZ Logo (Preis: im Höchstfall um die 500 Euro, eher preiswerter!)
Lackierer: www.kustombart.nl

 

Interessante Links:

Text: Sabine Welte
Fotos:
Sabine Welte

Autor
sabinewelte

SABINEWELTE

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Bericht vom 18.02.2014 | 28.368 Aufrufe

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