Testvideo Mega Poster

Honda Africa Twin 2016 Test

Die neue Africa Twin - ein würdiger Nachfolger

Test der neuen CRF1000L Africa Twin in Südafrika. Zwei Tage lang war NastyNils im Gelände und auf der Straße unterwegs. Die Africa Twin entfachte die Abenteuerlust wie kein zweites Motorrad.

Selten ist ein Motorrad so lange erwartet worden wie die neue Africa Twin. Kein Wunder! Das Vorgängermodell zählt zu den wenigen echt großen Motorrad Legenden. Die neue Africa Twin möchte daran anknüpfen. Kann sie das? Die Journalisten-Meute ging mit höchsten Erwartungen an die Sache ran und legte los.

Der Erstkontakt mit dem Motorrad war durchaus positiv. Die Sitzposition fühlte sich auch mit 1.85 cm echt gut an. Der Lenker ist richtig breit, wie es sich für eine echte Enduro eben gehört. Das Antriebsaggregat wirkt vor allem mit DCT Getriebe von vorne ein wenig breit. Doch im Sattel ist davon nichts zu spüren. Denn beim Knießschluss ist das Gesamtpaket angenehm schlank.

Africatwin Reihenmotor schlanker als V2?

Man könnte meinen, dass eigentlich ein V2 Motor schlanker baut als ein Reihenzweizylinder. Doch das Paradoxon war schnell gelöst. Der Africatwin Motor war zwar bei den Zylindern ein wenig breiter, doch den Raum hinter den Zylindern konnte man für Anbauteile, Batterie, etc. nutzen. Die Raumaufteilung ist Honda gut gelungen. Das Raumangebot für die Sitzposition des Fahrers könnte besser nicht sein. Damit auch die Emotionen nicht zu kurz kommen, ist die Kurbelwelle mit einem 270 Grad Hubzapfenversatz verbaut. Damit hört und fühlt sich die Honda Enduro zumindest an wie ein V2.

Wir starteten die Tour rund 2 Stunden nordöstlich von Kapstadt auf einer breiten Hauptverkehrsstraße. Wir wussten, das Honda für uns ein unglaublich vielfältiges Testprogramm vorbereitet hatte. Schnelle Passagen, enge Passagen, Schotter, Gelände und Asphalt werden sich in den kommenden 2 Tagen abwechseln. Sollte die neue Honda Africa Twin irgendwelche Schwächen haben - sie wird nicht in der Lage sein diese zu verbergen.

Stabilität bei der Anreise

Eines ist mal klar. Die Anreise zum großen Abenteuer gelingt mit der neuen Africatwin schnell und sorgenfrei. Sie liegt souverän auf der Fahrbahn, wirkt stabil und bleibt es auch bis Tempo 210. Die erste positive Überraschung waren dann die ersten schnellen Kurven. Auch hier wirkte die Enduro gelassen. Der Guide gab kräftig Feuer und wir legten die Africa Twin erstmals auf die Rasten. Das Tempo war eigentlich schon unverschämt hoch, doch Sorgen machte ich mir keine. Denn beim Abendessen vor dem Test hatte ich mit dem Projekt Leiter der neuen Africa Twin gesprochen.

Japanische Motorrad Manager fahren nicht Motorrad?

Ich hab mal von dem Gerücht gehört, das japanische Motorrad Manager angeblich nicht Motorrad fahren. Der Projektleiter der Africa Twin, Tetsuya Kudo, fährt definitiv Motorrad - mit einer großen Passion. In seinen Augen brannte die selbe Leidenschaft wie in den unseren und der Mann ist einer der ganz großen der Szene. Er hat schon damals bei der RC30 bei Honda an entscheidender Position mitgearbeitet und hat sein Wissen und seine Begeisterung nun in die Africa Twin gesteckt. 5 Jahre lang arbeitete er bei Honda in Deutschland und wusste Bescheid: „In Europa gelten in den meisten Ländern strenge Geschwindigkeitslimits, doch auf den Autobahnen sind sehr hohe Geschwindigkeiten gelebte Praxis. Die Africa Twin muss auch mit voller Beladung bei hohem Reisetempo stabil und zuverlässig funktionieren.“ Den Job hat der Mann goldrichtig gemacht. Die Africa Twin ist ein ausgezeichneter und souveräner Kilometerfresser.

Schon lange keine echte Enduro mehr gefahren

Beim ersten Cafestopp lauschte ich den Gesprächen meiner Kollegen. Alle waren begeistert von der Stabilität der Maschine und auch von der einfachen Handhabung. Doch es gab auch kritische Stimmen zum Thema Handling. Die Maschine soll nicht handlich genug sein hörte ich da. OK, der Kollege war jung, noch jünger als ich, doch hatte er wirklich vergessen wie echte Enduros fahren? Sie haben in den letzten Jahren offenbar zu viele von den 17“ Reiseenduros getestet, welche auch ganz viel Abenteuer im Prospekt aber nur wenig Federweg am Fahrwerk haben. Das Plus an Stabilität ist eben das große Plus eines 21 Zoll Vorderrades. Und damit die Maschine dann flink und willig in die Kurve lenkt, muss man eben den extra breiten Endurolenker bedienen. Die Africa Twin hat ein 21 Zoll Vorderrad und 230 mm Federweg vorne bzw. 220 mm Federweg hinten. Da war es für mich mal eine Sensation wie leiwand die Maschine hier bei höchster Geschwindigkeit die schnellen Kurven inhalierte. In den Wechselkurven dirigierte ich sie mit sauberer Blickführung und direkten Impulsen in den Lenker. Sie fährt wie eine echte Enduro - nur eben mit der technischen Perfektion aus dem Jahre 2015.

Alurahmen oder Stahlrahmen für die Africa Twin 2016?

Die Honda Motocross Modelle, die Supersport Modelle aber auch die Rallye Modelle kommen mit einem Alurahmen an den Start. An der Africa Twin kommt auch ein wenig Aluoptik rüber, doch der gesamte Rahmen ist aus Stahl. Kudo San erklärte geduldig: Alurahmen sind eine hervorragende Lösung wenn man ein Motorrad für ein eingeschränktes Anwendungsgebiet entwickelt. Die Africa Twin muss alles können und der Rahmen benötigt gerade für die schnellen Reisepassagen nicht nur Festigkeit sondern auch ein wenig Flexibilität. Die Africa Twin soll aber auch ein quasi unzerstörbares Weltenbummler Motorrad sein. Gerade im Bereich Lenkkopf wäre es laut Mr. Kudo mit Alu derzeit nicht möglich, so niedrige Alu-Wandstärken zu produzieren, um den Rahmen flexibel und haltbar zugleich zu machen. In der Praxis bringt uns das vermutlich ein paar Kilo plus im Vergleich zum Alu. Aber dafür eine spürbar günstigere Motorradrechnung und für die Weltenbummler die Gewissheit, dass man sämtliche Rahmenteile nach einem Sturz mit einfachsten Schweißmethoden wieder reparieren kann.

Africa Twin Testfahrt auf miesem Asphalt

Die nächste Prüfung wartete doch schon wenige Kilometer nach dem Cafestopp. Die Kehren wurden enger und der Asphalt deutlich schlechter. Dort wo keine Bodenwellen waren, war Dreck auf der Fahrbahn. Sturzräume waren quasi nicht vorhanden und die Radien der Kurven wechselten mehrmals pro Kurve. Auch hier präsentierte sich die Africa Twin ganz als Enduro. Der Guide, die arme Sau, war auf einem Crosstourer unterwegs. Ein tolles Reisemotorrad - aber eben keine echte Enduro. Sein Motorrad wirkte einen Tick stabiler doch seine Bandscheiben wurden arg in Mitleidenschaft gezogen. Wir hatten doch einiges an Bewegung im Fahrwerk, doch niemals verlor man deswegen das Vertrauen. Der Federweg war hier wirklich nötig und wurde auch intensiv genutzt. Klar wurde über das angeblich zu softe Fahrwerk bei der Mittagspause gelästert. Doch ich mied das Nachspeisenbuffet und sprach mit den japanischen Technikern. Das Fahrwerk der Africa Twin ist klarerweise einstellbar und ich entschied mich für weniger Komfort und etwas mehr Sportlichkeit und stellte das Fahrwerk um ein paar Clicks härter. Denn ein Fahrwerkssetup ist immer ein Kompromiss. Das wird nirgendwo deutlicher sichtbar als hier. Bei einer Motorradtour, welche uns mit über 200 km/h über eine glattgebügelte Autobahn und dann über Schotterpässe und miesen Asphalt führt. Die Africa Twin besteht all diese Prüfungen wie eine echte Enduro. Zuverlässig, souverän, mit Komfort aber auch mit etwas weniger direktem Fahrgefühl wie mit einer 17“ bereiften Straßenmaschine.

Hightech Overkill am Adventure Bike?

Für die neue Africa Twin meldete Honda insgesamt 32 Patente an. Der Motor teilt sich zwar einzelne Komponenten mit anderen Aggregaten (der Zylinderkopf ist dem der MX-Palette sehr ähnlich, der Kurbeltrieb ähnelt dem von einem großen Quad aus dem Honda Modellprogramm). Doch insgesamt ist das Motorrad komplett neu und eben auch mit unglaublich vielen Features vollgestopft. Der Gesamtauftritt und auch das Feeling im Sattel bleibt aber trotzdem erdig und echt. Doch jetzt kommt das erste ABER bei der neuen Africatwin: ABER nur dann, wenn mit mit einer Portion Gelassenheit an die elektronischen Gadgets rangeht. Bei Vollausstattung gibt es unpackbare 80 verschiedene Konfigurationsmöglichkeiten welche sich aus den Einstellungsmöglichkeiten für ABS, Traktionskontrolle und Doppelkupplungsgetriebe ergeben. Ich selbst neige leider ständig dazu nach „mehr“ zu streben. Habe ich tatsächlich die optimale Einstellung gewählt? Nervös fingerte ich immer wieder an den Einstellungen rum. Doch schnell begriff ich, das am Ende des Tages alles doch wieder ganz einfach ist.

Elektronik Setup für die neue Africa Twin

Nach dem Losfahren brachte ich die Einstellung der Traktionskontrolle erstmal immer auf die Stufe „1“. Das ist jene Stufe welche die wenigsten Regeleingriffe bietet und die sportlichste Fahrweise ermöglicht. Diese hat dann 2 Tage lang auf allen Geländearten hervorragend funktioniert. Die Stufe 2 oder 3 würde ich nur bei Regen oder glattem Kopfsteinpflaster empfehlen. Aus Sicherheitsgründen muss man die Einstellung nach jedem Start erneut vornehmen. Keine ständigen Anpassungen hab ich dann jedoch beim Doppelkupplungsgetriebe vorgenommen. Honda bietet nun zwar noch mehr Justage-Möglichkeiten als früher an, doch ich bin der Meinung das ist der falsche Weg. Der Computer wird niemals zu 100% perfekt voraussehen können welchen Gang ich gerade eingelagt haben möchte. Also beließ ich die Einstellung vom DCT Getriebe im S-1 Modus und wählte den Gang in jenen 5% der Fälle wo der Computer eben kein Hellseher war, manuell mit dem linken Daumen oder Zeigefinger aus. Doch wozu überhaupt dieses hochtechnologische Doppelkupplungsgetriebe an einer erdigen Abenteuer Maschine?

DCT Getriebe Honda Africa Twin

Das DCT Getriebe in der Honda Africa Twin wird bestimmt für ähnliche Diskussionen sorgen wie das Thema ABS an Sportmotorrädern vor einigen Jahren. Nach zwei sehr intensiven Testtagen blieben für mich nur sehr überschaubare Nachteile aber gewaltige Vorteile übrig. Doch beginnen wir mal langsam: Was ist ein „DCT“ Getriebe überhaupt? Bei sportlichen Autos ist es seit Jahren „Standard“, beim Motorrad hat es komischerweise ein eher softes „Tourenimage“ aufgedrückt bekommen. Die grundsätzliche Funktion ist schnell erklärt. Das DTC (dual clutch transmission) Getriebe ist im Prinzip ein normales Getriebe mit zwei Kupplungen. Eine Kupplung sitzt auf der Getriebewelle für die ungeraden Gänge, eine Kupplung auf der Welle für die geraden Gänge. Bei einem Gangwechsel wird dann von einer Kupplung auf die andere gewechselt. Der große Vorteil: Wenn man die Gänge vom 1er in den 6er hinauf durchschaltet, dann kann auf der jeweils anderen Getriebewelle bereits der nächste Gang eingelegt werden. Der „Gangwechsel“ selbst ist dann also kein Gangwechsel mehr sondern kann in wenigen Sekundenbruchteilen erfolgen. Das ist dann auch der große Pluspunkt des Systems.

Vorteile DCT Getriebe Honda Africa Twin

  • Kein Kupplungshebel - Man hat beide Hände frei und ein „Ding“ weniger um welches man sich kümmern muss.
  • Fortlaufende Traktion - Vor allem auf schlechtem Asphalt aber auch auf Schotter reißt die Traktion nicht mit jedem Gangwechsel ab. Die Beschleunigung ist nahtlos und ohne Belastungsspitzen bei der Kraftübertragung vom Reifen zum Untergrund.
  • schnelle Beschleunigung - Nur sehr erfahrene Piloten werden in der Lage sein mit einem Schaltgetriebe schneller zu beschleunigen als mit dem DCT Getriebe.
  • Mehr Fahrkomfort - Vor allem im Soziusbetrieb bietet das DCT Getriebe deutlich mehr Fahrkomfort. Beim Beschleunigen fällt das nervige „Helmklopfen“ quasi vollständig weg. Es gibt kein Rucken bei den Schaltvorgängen.
  • bessere Stabilität - Bei den Schaltvorgängen kommt dadurch auch weniger Unruhe ins Fahrwerk. Davon profitiert man vor allem bei sehr sportlicher Fahrweise auf schwierigem Untergrund.
  • immer der richtige Gang - Am Ende des Tages ist es bei einer langen und abwechselnden Tour in der Praxis so: Bei einem manuellen Getriebe hat man als Mensch öfters mal den falschen Gang eingelegt als der Cumputer beim DCT Getriebe. In der aktuellen Ausbaustufe funktioniert das Honda System schon richtig gut und hält in nahezu allen Situationen den richtigen Gang bereit. Fürs Feintuning greift man dann einfach am linken Lenkerende ein.

Nachteile DCT Getriebe Honda Africa Twin

  • Kein Kupplungshebel - Der Vorteil kann in einigen Situationen zum Nachteil werden. Wheelys zum Beispiel gelingen mit der DCT Honda deutlich schwerer als mit der Kupplungsvariante.
  • Gewicht - Die zweite Kupplung sowie die Servoeinheit bringt insgesamt ein Plus von 10 kg auf die Waage.
  • Preis - Rund 1.200 Euro (variiert aufgrund von unterschiedlichen Steuersätzen in den Ländern) kostet das DCT Aufpreis
  • Ein Teil mehr das kaputt gehen kann - Es ist eine Honda - und die Africa Twin wird in Japan gebaut. Auch wenn hier sehr selten was kaputt geht, ist das DCT Getriebe ein „Teil“ mehr welches kaputt gehen kann. Das ist vor allem für Weltenbummler relevant.

Eine kurze Africa Twin Probefahrt wird nicht reichen

Die Africa Twin wird vermutlich zum großen Teil von alten - sorry - erfahrenen Haudegen gekauft werden. Ihr abenteuerliches Image wird Einsteiger vermutlich weniger ansprechen. Am Ende der 2 Testtage spreche ich auch mit dem Wissen, dass die Käufer zum großen Teil „Könner“ sind, eine klare Empfehlung FÜR das DCT aus. Die grundsätzliche Funktion vom DCT ist grandios, die Vorteile bringen mehr Speed und mehr Komfort. Die Nachteile sind logisch und systembedingt. Die schlechten Nachrichten zum Schluss: Eine kurze Testfahrt wird erfahrene Piloten nicht überzeugen. Die routiniertesten Journalisten waren hier beim Test erst am zweiten Tag (Offroad Etappe) vom DCT überzeugt. Doch mehr dazu im folgenden Offroad Test der Africa Twin. Für Pragmatiker noch der folgende Hinweis: Bei allen Honda Modellen mit DCT ist der DCT-Marktanteil von Jahr zu Jahr gestiegen. Die Nachfrage nach DCT steigt also - ähnlich wie nach ABS oder Traktionskontrolle vor ein paar Jahren. Womit es beim Motorradverkauf für Africa Twin Motorräder ohne DTC auf lange Sicht schwerer wird einen guten Preis zu erzielen.

Ist die neue Africa Twin ein würdiger Nachfolger?

Die neue Maschine hat einen 1000 ccm Motor welcher 98 Nm und 95 PS leistet verbaut. Mit diesen Eckdaten alleine holt man heutzutage niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Ein Facebook Nutzer auf der 1000PS Fanpage meinte: „Die Africa Twin wird Rallyestreifen in den Unterhosen von GS und KTM Piloten hinterlassen.“ Also ich bin mir nicht sicher ob Africa Twin Fahrer die Unterhosen anderer Motorradkolleginnen und Kollegen im Fokus haben. Ich selbst suche zwar auch ständig das Duell und möchte ständig beweisen was für ein toller Hecht ich bin. Doch im Sattel der Africa Twin war ich während der 2 Testtage einfach nur für mich unterwegs. Duelle hat sie nicht nötig, passende Gegner für Vergleichstests gibt es meiner Ansicht nach keine. Sie ist ein souveränes, ehrliches und hochwertiges Abenteuermotorrad. Sie wirkt unzerstörbar, zuverlässig und treu. Gleichzeitig erweckt sie ständig das Bedürfnis nach noch mehr Kilometern und nach noch mehr Erlebnissen. Sie wird kein unwürdiges Dasein in den Garagen dieses Landes fristen, sondern die Besitzer zu mehr Kilometern animieren als mit ihren anderen Motorrädern bisher. Daher ist sie für mich eine würdige und perfekt konfigurierte Nachfolgerin für die „alte“ Africa Twin.

Honda Africa Twin Test auf 1000PS

Bericht von nastynils am 09.12.2015 Aufrufe: 34.997
Über den Autor
nastynils

Gebrauchte Honda CRF1000L Africa Twin Motorräder

13.000,- EUR Anfragen
13.000,- EUR Anfragen
13.000,- EUR Anfragen
Kommentare zum Artikel
comments powered by Disqus