Zu Gast bei der Triumph Adventure Experience in Wales

Schaaf im Dreck & James Bond Stunt Rider in Action

Im aktuellen James Bond Kinofilm "No Time To Die" gibt es jede Menge Motorradaction auf unbefestigten Wegen zu sehen. Vielleicht waren diese rasanten Szenen der Grund, weshalb Kamerakind Schaaf unbedingt an einem Offroad-Fahrtraining teilnehmen wollte, woraufhin es ihn recht spontan nach Wales verschlug. Er berichtet von seinen Erfahrungen als Teilnehmer der Triumph Adventure Experience sowie von haarsträubende Geschichten der vor Ort ebenfalls anwesenden James Bond Motorrad-Stuntmänner!

Regelmäßige Adrenalinschübe gehören für mich zum Motorradfahren einfach dazu. Mit fortschreitendem Alter und damit verbundenem Zuwachs an geistiger Reife habe aber selbst ich irgendwann eingesehen, dass die öffentliche Straße nicht der richtige Ort ist, um mein Hirn gewaltig unter Spannung zu setzen. Wesentlich besser dafür geeignet ist natürlich die Rennstrecke. Oder das unbefestigte Gelände, abseits von Fußgängern, Radfahrern und Straßenverkehr. Derzeit übt die zweite Option auf mich den stärkeren Reiz aus und dementsprechend groß war meine Freude, dass ich als 1000PS Abgesandter auserwählt wurde, um einen vollen Tag im walisischen Schlamm zu verbringen. Als gewissenhafter Tester habe ich selbstverständlich auch Bodenproben durchgeführt, wenn auch nicht wirklich freiwillig.

Unterwegs auf Tiger 900 und Scrambler 1200

Zunächst wurde eine Handvoll Journalisten und ich im Triumph Adventure Experience Center in Ystradgynlais empfangen und danach entsprechend mit passenden Klamotten ausgerüstet. Die Einrichtung ist relativ neu und tatsächlich ziemlich beeindruckend, überraschend schön und gepflegt für eine „Offroad-Bude“. Triumph möchte eindeutig einen möglichst positiven Eindruck hinterlassen, die Kunden vor Ort werden im Gelände auf neue Scrambler und Tiger Modelle gesetzt. Im Idealfall soll das gesamte Erlebnis natürlich dafür sorgen, dass der ein oder die andere später einmal zu Triumphbesitzern wird, falls dies nicht bereits der Fall ist. Einzig der Gratis-Kaffee vor Ort entspricht dem britischen Standard und ist daher nicht unbedingt empfehlenswert. Aber gut, auf der Insel sollte man sowieso zu Tee greifen.

Paul Edmondson ist James Bond Stunt Rider und vor Ort anwesend

Nach einer rund 20-minütigen Straßenfahrt verlassen wir den befestigten Untergrund, biegen ab und bewegen uns auf einer gemütlichen Dreckpiste bergauf Richtung Brecon Beacon Mountains. Der Schotter-Übungsplatz ist von steilem Gelände und dichtem Wald umgeben. Genau dort werden von den Instruktoren Hütchen platziert, während Paul Edmondson, der James Bond Stuntfahrer, im Hintergrund seine Tiger 900 in wilden Slides und Powerdrifts bewegt. Einfach so, zwecks eigenem Vergnügen. Immerhin, der Mann ist vierfacher Enduro-Weltmeister und hat offensichtlich immer noch verdammt viel Spaß am Motorrad. Genau so wie Lee Morrison, der James Bond Stuntkoordinator, welcher früher selbst Stuntfahrer war und der ebenfalls mit von der Partie ist. Auch dieser wollte sich die Gelegenheit, einen Tag lang im Dreck spielen zu können, nicht nehmen lassen. Gleichzeitig instruiert er in manchen Übungen dann aber auch die teilnehmenden Journalisten und mich, ein echter Ehrenmann, dieser Lee.

Mit der Reiseenduro im Gelände - back to basics

Die längste Zeit des Vormittags beschäftigen wir uns mit absoluten Basics in Form von Langsamfahrübungen. Genau diese zeigen mir ganz deutlich auf, wie sehr es bei mir noch an der Technik hapert. Und das obwohl ich nach einigen Tagen Offroad-Erfahrung mittlerweile einigermaßen entspannt im leichten bis mittleren Gelände fahren kann. Aber zwischen „einfach fahren“ und „richtig fahren“ besteht nunmal ein großer Unterschied. Und sobald die unbefestigten Wege herausfordernder werden, reicht „einfach fahren“ nicht mehr aus. So höre ich den Instruktoren gespannt zu, wenn sie mir Tipps über Körperhaltung, Lenkimpulse via Fußrasten, Blickführung etc. geben. Wie in allen anderen Motorrad-Disziplinen stellt sich der Erfolg nur dann ein, wenn es gelingt, entspannt zu bleiben. Im Gelände muss der Fahrer wesentlich aktiver sein, wenn es um die Körperbalance am Bike geht. Je mehr Bewegung stattfindet, desto eher wird Verkrampftheit zum Problem. Genau das zeigen die Langsamfahrübungen auf. Enge Kreise zu fahren ist praktisch unmöglich, wenn man nicht entsprechend entspannt in den Fußrasten steht. Allein für den knallharten Beweis dieser Tatsache hat sich der Besuch in Wales für mich schon ausgezahlt.

Alles ohne Helm - das Leben des Stuntfahrers

In den Pausen zwischen den Übungen bietet sich uns einerseits die Möglichkeit, Paul den Stuntfahrer bei der Ausführung seiner Fahrkunst zu bestaunen. Andererseits können wir aber auch entspannt mit den beiden Stuntexperten plaudern. So erfahre ich, dass ihr Job nicht nur gefährlich aussieht, sondern tatsächlich hochgefährlich ist. Der 50-jährige Paul ist schon lange im Geschäft und von fast jedem Filmdreh kann er absolut haarsträubende Stories berichten. Der gute Mann ist mehr als bloß einmal haarscharf dem Tod oder schwersten Verletzungen entflohen, weil etwas am Filmset schiefgelaufen ist. So musste er im Lauf seiner Karriere beispielsweise riesigen Kameras ausweichen, die nicht rechtzeitig aus dem Weg geschafft wurden, den kontrollierten und absichtlich provozierten Sturz wählen, weil ein Auto zu weit gerollt wurde, oder mit in sein Gesicht geschossenem Feuerwerk klarkommen, weil dieses zu früh gezündet wurde. Und das alles ohne Helm, da die meisten Filmfiguren per Drehbuch auf diesen Kopfschutz verzichten. Das Geld, das Paul für diese Waghalsigkeiten überwiesen bekommt, ist weitaus weniger, als man vermuten würde. Das Filmgeschäft ist und bleibt eben ein knallhartes Business, in allen Bereichen.

Coca-Cola um 70.000€ für den guten Grip

Die kurioseste Story jedoch liefert der Stuntkoordinator Lee Morrison. Dank ihm weiß ich nun, dass offensichtlich keine Oberfläche dieser Welt mehr Grip bietet, als eine, die mit zuckersüßem Coca-Cola behandelt wurde. Die meisten Oberflächen im urbanen Bereich bieten zu wenig Haftung für ordentliche Schräglagen. Deshalb wird auf diesen hektoliterweise Limonade verschüttet, die über Nacht einziehen darf und am nächsten Tag mit tausenden Fußtritten sozusagen aufgeraut wird. Was zur Folge hatte, dass die Produktion eines aktuellen James Bond Films mehr als 70.000 Euro bereitstellen musste. Nur für perfekten Grip in Form von tausenden Litern Coca-Cola. Das Filmgeschäft ist nicht nur knallhart, sondern offensichtlich auch ziemlich verrückt.

Reine Nervensache

In der zweiten Hälfte des Tages wird die Tempo-Schraube nach oben gedreht. Wir dürfen sozusagen anwenden, was wir zuvor schön langsam erlernt hatten. Ich habe tatsächlich unglaublichen Spaß. Das Trainingsgelände bietet geniale Möglichkeiten in allen Schwierigkeitsgraden. Vieles davon auf tiefem, schlammigen Boden. Und das, obwohl wir unfassbares Wetterglück haben, den ganzen Tag scheint die Sonne. Vor meiner Ankunft aber hat es wochenlang geregnet und daher war Schlamm immer noch in ausreichender Quantität vorhanden. Eine absolute Zerreißprobe für meine Nerven, auf Schlamm und in tiefen Furchen muss man das Motorrad mehr als sonst wo „sein Ding machen lassen“ und möglichst entspannt per elegantem Körpereinsatz alle Bewegungen der Maschine ausbalancieren. Genau das hat erstaunlich lange sehr gut für mich funktioniert. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich im tiefen Schlamm in einer Linkskurve den Tiger abwürge und unwürdigst im Stand umfalle. Ein lächerlicher Abgang, aber mein gesamtes Selbstvertrauen ist futsch. Und prompt stellt sich wieder eine Verspanntheit ein, die die Fahrerei zum anstrengenden Kampf macht.

Das Hinterrad darf auch mal blockieren

Zum Abschluss des Tages dürfen die Journalisten und ich dann noch Manöver mit blockiertem Hinterrad einstudieren, unterwegs in bester James Bond Manier sozusagen. Wir sollen in weiterer Folge dann um Pylonen herum Kurven ziehen, quasi ein „Schleiferl“ mit Richtungsänderung. Eine Übung, an der ich kläglich scheitere. Zu groß die Angst und damit der Grad an Verspanntheit, was zwei spektakuläre Abgänge ins Kiesbett zur Folge hat. Aber auch wenn ich meinen Kopf nun ganz nahe am Boden der Realität bewege, ich lasse ihn sicherlich nicht hängen. Das Fahren im Gelände bietet mir genau jene Adrenalinschübe, die ich mir in jugendlicher Ignoranz früher auf der Straße besorgt habe. In der Botanik bringe ich aber wirklich nur mich selbst in Gefahr, Offroad im abgesperrten Gelände ist unglaublich spannend und darf zugleich mit reinstem Gewissen genossen werden. Richtig leiwand!

Der Preis für Offroad in Wales

Ein solcher Tag als Teilnehmer der Triumph Adventure Experience kostet einen übrigens rund 320€. Betrachtet man den gewaltigen Lerneffekt und die Tatsache, dass Motorräder gestellt werden und eventuelle Schäden an diesen nicht bezahlt werden müssen, ist das ein durchaus fairer Tarif. Ich kenne Motorradtrainings, wo man für 3 Stunden fast das gleiche bezahlt. Also, liebe 1000PS Leserinnen und Leser, vielleicht solltet ihr auch einmal einen Motorradausflug nach Wales ins Auge fassen. Das Land ist unglaublich schön, die Straßen großartig, die Offroad-Möglichkeiten zahlreich und die Einheimischen ausgesprochen freundlich. Bloß guter Kaffee ist schwer zu finden. Aber immerhin gibt es in den Pubs abends dann erstaunlich schmackhaftes Bier. Auch nicht schlecht!

Bericht vom 11.03.2020 | 2.706 Aufrufe

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