Moto Guzzi Stelvio - erster mehrtägiger Test in der Schweiz

Test der neuen Moto Guzzi Reiseenduro im zürcher Oberland

Lange erwartet und nun endlich auf den Strassen unterwegs: die Moto Guzzi Stelvio. Ein faszinierendes Motorrad, das bei genauerem Hinsehen nur noch mehr Fragen aufwirft, die nach Antworten verlangen. Was findet man hinter dem Lenker der neuen Luxus-Reiseenduro? Wir haben genauer hingeschaut!

Moto Guzzi Stelvio - Erbgut komplexer als gedacht

Wer denkt, die neue Moto Guzzi Stelvio sei lediglich eine moderne Version der 2008 vorgestellten Ur-Stelvio, liegt falsch. Hinter dem für 2024 ausgerollten Modell verbergen sich viele spannende Geschichten und Zusammenhänge.

Der Motor der neuen Moto Guzzi Stelvio ist ein flüssigkeitsgekühlter 90°-V2-Motor mit einem Hubraum von 1042 ccm. Dieser Motor, der als Compact Block bekannt ist, liefert 115 PS bei 8700 U/min und ein Drehmoment von 105 Nm bei 6750 U/min. Er stammt direkt vom V100 Mandello Modell, was bedeutet, dass die Stelvio die gleiche robuste und leistungsstarke Basis nutzt wie die Mandello, einschließlich des Kardanantriebs, der bekannt für seine Wartungsarmut ist. Der Motor wurde jedoch spürbar angepasst, worauf später eingegangen wird.

Wer sich mit der Marke Moto Guzzi ein wenig auseinandersetzt, versteht schnell, dass dessen Verbindung zu den Aprilia-Bikes mittlerweile stark bemerkbar ist, besonders in der Technologie und den Bedienelementen. Der 5-Zoll-TFT-Bildschirm und das Schaltgetriebe sind identisch mit denen, die in Aprilia-Modellen wie der RS660 und der Tuareg verwendet werden, was eine konsistente Benutzererfahrung über die Marken hinweg ermöglicht.

Eine Mandello V100 mit Aprilia Instrumenten demnach? Eben auch nicht ganz.

Moto Guzzi Stelvio - Fahreindruck auf den ersten Metern

Als ich das Motorrad von Moto Guzzi für den Test abholte, fiel mir direkt auf, dass es in echt viel mächtiger und bulliger aussieht als auf den im Internet zu findenden Fotos. Völlig unvoreingenommen, um möglichst neutral über das Motorrad urteilen zu können, merkte ich, dass hier eine Sportskanone im eigenen Segment vor mir steht. Welches Segment? Das ist nicht so einfach zu definieren. Geht man nach Power, Fahrgefühl und der langgezogenen Sitzposition, könnte sich die Stelvio gut in das Sporttouring-Segment einreihen. Schaut man aber die bequeme Position im Stehen, die Offroad-Fähigkeit und den Komfort an, befinden wir uns klar im Segment der Reiseenduros. Diese Unsicherheit der Schubladisierung macht aber auch schnell eines klar: Die Stelvio ist ein hervorragender Allrounder.

Auf den ersten paar Metern bemerkte ich eine Charakteristik der Moto Guzzi nicht, nämlich das Schütteln des V2-Motors. Dieses ist in der Moto Guzzi Stelvio mit Absicht durch Maßnahmen des Motorausgleichs relativ vehement eliminiert worden. Grund dafür ist eine höhere Laufruhe und verbesserte Kontrollierbarkeit des Motorrades. Die Kosten dafür sind der Verlust einer markenspezifischen Charakteristik. Egal ob Mandello oder V85 - das Schütteln des Motors hat mich immer wissen lassen, dass ich auf einer Moto Guzzi sitze.

Überarbeiteter V2 Motor mit "Gummiband" Charakteristik - Power in jedem Drehzahlbereich
Überarbeiteter V2 Motor mit "Gummiband" Charakteristik - Power in jedem Drehzahlbereich

Wie bereits kurz angeschnitten, wurde der 1042-Kubik-Motor für die Stelvio überarbeitet und angepasst. So fühlt sich der V2 stark nach einem Gummiband-Motor an. Damit ist gemeint, dass die Kraftverteilung sehr früh ein gefühltes Maximum erreicht und man in tieferen oder höheren Drehzahlen indifferent bezüglich der Leistung ist. Der Vorteil davon ist, dass man nun bereits ab niedrigen Drehzahlen viel Wumms hat, Sprit sparen und Lärm vermeiden kann, ohne auf den Spaß zu verzichten. Die Kosten dafür? Verlust von Motor-Charakter. Ein Motor, der durchgängig konstant ordentlich Dampf hat, ist zwar für Adrenalinjunkies und Kurvenjäger ein Traum, jedoch für Motorradflüsterer eine kleine Niederlage.

Sehr positiv wirkt sich die konstante und früh einsetzende Kraft des Motorrades jedoch auf das Reisen mit viel Gepäck oder Sozius aus. Hier kann die Stelvio punkten und verspricht sorgloses Weltenbummeln.

Ein großer Pluspunkt fürs Weltenbummeln und dessen Komfort auf der Stelvio kommt vom zusätzlich erhältlichen PFF Rider Assistance Solution. Diese ist in der Schweiz zu einem Aufpreis von CHF 1000 erhältlich und lohnt sich für Langstreckenfahrer sehr. Dazu mehr im nächsten Abschnitt.

Hochwertige Elektronik mit Verbesserungspotential in der Moto Guzzi Stelvio 2024

Ein Highlight der Stelvio ist die umfangreiche elektronische Ausstattung. Sie verfügt über Full-LED-Scheinwerfer mit Tagfahrlicht und Kurvenlichtfunktion, LED-Blinker, Kurven-ABS und Moto Guzzi Traction Control, Tempomat sowie fünf Fahrmodi, inklusive eines Offroad-Modus.

Wer ein noch höheres Level an Assistenzsystemen an Bord vorfinden möchte, für den bietet Moto Guzzi die PFF Rider Assistance Solution an. Die Basis des PFF ist ein Radarsystem an Front und Heck, welches einen adaptiven Tempomat, eine Frontal-Kollisionswarnung und einen Totwinkelassistenten bietet. Alle Instrumente können auch individuell deaktiviert werden.

Besonders der Totwinkelassistent und der adaptive Tempomat funktionieren einwandfrei. Die zusätzliche Sicherheit, nach dem Kontrollblick durch das Aufleuchten der Warnblinkleuchten im Rückspiegel mögliche ungesehene Gefahren zu erkennen, erhöht die Sicherheit enorm. Lediglich im Tunnel leuchten die orangenen Warnblinkleuchten sehr stark, was teils als störend wahrgenommen werden kann.

Das Frontal-Kollisionswarnsystem entspringt einer guten Idee, ist jedoch am Motorrad noch in den Kinderschuhen. Das System ist träge und erkennt mögliche Kollisionen erst sehr spät. Wenn eine Gefahr sich anbahnt, warnt das System mit einem schnell übersehbaren visuellen Blinken im Display. Zudem sollte das System einen Warnton abgeben, welchen ich selbst während der Fahrt auf der Autobahn nie gehört habe. Dass die Piaggio-Gruppe in diese Technologien investiert, ist sympathisch und dafür gibt es Pluspunkte. Lediglich auf die Systeme zu vertrauen wäre jedoch falsch und sie sollten immer nur als zusätzliche Sicherheitsvorkehrung gesehen werden.

Die Moto Guzzi Stelvio 2024 hat alle wünschenswerten Assistenzsysteme mit an Board
Die Moto Guzzi Stelvio 2024 hat alle wünschenswerten Assistenzsysteme mit an Board

Weitere Fahreindrücke der Moto Guzzi Stelvio 2024

Fährt man die Stelvio für eine längere Zeit, fällt man in den Rhythmus der Maschine und der V2-Motor schiebt sehr sympathisch und ruhig vorwärts. Die Kurven sind anfangs etwas gewöhnungsbedürftig zu passieren aufgrund der eher langgezogenen Front, die zusammen mit der restlichen Adventurebike-Statik eine einzigartige Sitzposition verspricht. Hat man sich aber einmal an die Position gewöhnt, gibt das Motorrad viel Vertrauen und frisst auch Alpenstrassen wie ein Champion dafür ist sie letztendlich auch gemacht.

Der Motor klingt brachial mit einer dumpfen, kreischenden Note, was für Moto Guzzi-Laien vorerst etwas gewöhnungsbedürftig wirken kann. Leider ist auf der Moto Guzzi kein Quickshifter standardmässig verbaut, was in diesem Preissegment und bei der restlichen Ausstattung gerne gesehen wäre. Das gesamte Cockpit, vom TFT-Display bis zur Bedienung, ist sehr logisch aufgebaut und profitiert von Aprilias Know-how. Man findet sich gut zurecht, ohne zu viel Fokus während der Fahrt zu verlieren.

Die Moto Guzzi Stelvio 2024 getestet im zürcher Oberland.
Die Moto Guzzi Stelvio 2024 getestet im zürcher Oberland.

Für wen ist die Moto Guzzi Stelvio gedacht?

Im ersten längeren Strassentest im Zürcher Oberland wurde mir schnell klar, dass dieses Motorrad einen sehr speziellen Platz in der Kategorisierung von Motorrädern einnimmt. Enorm sportlich, aber trotzdem elegant und stilvoll. Brachial und trotzdem leichtfüssig. Irgendwie in den kurvenreichen Passstrassen zu Hause, drängt sich aber auch bei Schotterstrassen auf und kann abliefern. Für mich hat die Stelvio die Charakterverluste bei Motorvibrationen und dem Gummibandmotor durch diese einzigartige Positionierung wieder wettgemacht. Daher die Antwort auf die Frage, für wen dieses Motorrad passend ist: Jeder Motorradfan, der Design und Verarbeitung schätzt, jedoch nicht auf Sicherheit und neuzeitliche Technologie verzichten möchte. Zudem eignet sich die Stelvio für alle Langstreckenfahrer, die mit einer einzigartigen Maschine die Welt erkunden möchten und dabei kein Problem haben, etwas aus der Legion von GS-Fahrern herauszustechen.

Die Stelvio birgt viele Überraschungen und vertritt mit viel Geschichte einen tollen Standpunkt, wie man ohne immer nur dem Trend zu folgen, funktionale und charaktervolle Motorräder bauen kann.

Die Moto Guzzi Stelvio ist in der Schweiz ab CHF 16'295 erhältlich. Die Stelvio mit den PFF Assistenzsystemen kostet CHF 17'295.

Sportliches Fahrverhalten mit Komfort und Langstreckentauglichkeit - Moto Guzzi Stelvio 2024
Sportliches Fahrverhalten mit Komfort und Langstreckentauglichkeit - Moto Guzzi Stelvio 2024
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Fazit: Moto Guzzi Stelvio 2024

Mit der neuen Stelvio hat Moto Guzzi nun auch eine (Kardan-)Reiseenduro bzw. einen Adventure-Tourer im Portfolio, der sich zwar - vollgestopft mit modernster Elektronik - auf der Straße zu Hause fühlt, aber auch für unbefestigte Wege bereit ist. Mit einem charakterstarken V2-Motor, der nicht nur optisch sorfort ins Auge sticht, sondern auch von seiner Performance zu überzeugen weiß.


  • charaktervoller, präsenter Motor
  • umfangreiche Elektronik
  • hervorragende Ergonomie
  • Windschutz
  • radargesteuerte Sicherheits-Features (PFF-Modell)
  • hohes Gewicht
  • Heizgriffe nicht Serie
  • auch Quickshifter aufpreispflichtig

Bericht vom 10.07.2024 | 11.443 Aufrufe

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