Wie geil geht´s günstig? Kawasaki Z650 im Test 2023

Auf der Suche nach dem Wesentlichen

Ibizas verführerische Straßen dienen als Schauplatz bei der Beantwortung einer Grundsatzfrage. Wie viel Motorrad macht glücklich?

Höher, schneller, weiter! Diesem Wettlauf muss man sich in unserer Welt bewusst entziehen, ansonsten wird man einfach mitgerissen. Das gilt in vielen Bereichen, einer davon ist die Motorradbranche. Naked Bikes jenseits der 200 PS sind Normalität und auch bei den einsteigerfreundlichen Motorrädern der unteren Mittelklasse bewegen wir uns bereits bei Leistungen um die 90 PS. Den Herstellern bei diesem Wettrüsten den schwarzen Peter zuzuschieben, wäre billig und einfach falsch. Motorradmedien, wie wir, spielen hier eine ebenso gewichtige Rolle, wie aufgeladene Stammtisch-Diskussionen unter Motorradfahrern, also den potenziellen Kunden.

Kawasaki entwickelt weiter, aber die Leistung der Z650 bleibt gleich

In diesem Umfeld stellt Kawasaki 2023 eine Z650 mit annähernd gleichen Leistungsdaten, wie sie schon von der Vorgängerin bekannt sind vor. Ein Newtonmeter Maximaldrehmoment hat sich durch immer strenger werdende Emissionsgesetze verabschiedet, es bleiben also 64 Nm und 68 PS aus einem 649 Kubik Paralleltwin. Reicht das um in diesem heiß umkämpften Konkurrenzfeld mitzuhalten? Ist es überhaupt erforderlich da mitzuhalten, oder kann man auch mit weniger Leistung glücklich werden? Zwei intensive Fahrtage auf Ibiza bringen die Antwort.

Testort Ibiza - Insel der (kurven-)reichen (Straßen) und schönen (Landschaft)

Die renommierte Partyinsel Ibiza bietet insbesondere in der Nebensaison herrlich ruhige Straßen, die kleine Insel ist an einem Halbtag locker zu umrunden. Für die absolute Einsamkeit gilt es Ibiza-Stadt und das unmittelbare Umfeld zu meiden. Kawasaki hat an den zwei Testtagen jeweils ab Ibiza Stadt startend großartige Testrouten ausgewählt, die ich mittels Calimoto mitgetrackt habe. Der Strecke an Tag 1 folgend erkunden wir dabei eher den Norden der Insel, während wir die Vorzüge des Südwestens während unserer Fahrt an Tag 2 kennenlernen. Nach dieser längeren Einleitung möchte ich jetzt über sechs Teil-Fragen zur Antwort auf die eingangs gestellte Frage gelangen.

Frage 1: Was bringt Fahrspaß, niedriges Gewicht oder hohe Leistung?

Hier eine pauschale, kurze Antwort zu geben ist schwer, eine detaillierte Abhandlung würde jedoch Bücher füllen, daher versuche ich mich trotzdem daran. Jeder Mensch der ein Motorrad bewegt, hat eine individuelle Definition von Fahrspaß. DAs rührt daher, dass die Motive fürs Motorradfahren unglaublich vielfältig sind. Ein Begriff fällt in den zahlreichen Diskussionen, die ich zu diesem Thema schon geführt habe jedoch beinahe immer: Freiheit. Die Freiheit von Leistung ist dabei mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gemeint, dadurch bleibt in unserer Frage die Freiheit vom Gewicht und auch in der MotoGP hält sich hartnäckig das Gerücht, dass ein Kilogramm Gewichtsersparnis am Fahrzeug, eine Zeitverbesserung von bis zu einer Zehntelsekunde pro Runde bringt.

Die Kawasaki Z650 gehört zu den absoluten Leichtgewichten am Markt. Das 2021er Modell ist mit seinen 187 kg vollgetankt eines der leichtesten Motorräder, die wir jemals auf der Viehwaage gemessen haben. Nachdem im Wesentlichen für 2023 LED-Blinker und eine Traktionskontrolle dazugekommen sind, glaube ich die offizielle Angabe für das Modelljahr 2023 von 188 kg.

Frage 2: Ist geringes Gewicht alles? Welche Rolle spielt es für das Handling?

Geringes Gewicht hilft natürlich immens und ist vor allem, wenn das Motorrad steht bzw. im niedrigen Geschwindigkeitsbereich, das wichtigste Kriterium, um ein Motorrad handlich zu machen. Während der Fahrt kommt es dann auf viele weitere Werte und Umstände an. Eine ausgewogene Geometrie, ein erprobtes Chassis, ein günstiger Schwerpunkt und eine passende Ergonomie machen ein Motorrad "einfach" zu fahren.

In all diesen Bereichen macht die Z650 einen guten Job. Das ist wenig verwunderlich, schließlich ist sie seit Jahren am Markt und diese Zugänglichkeit einer der Hauptgründe für ihren Erfolg. Exemplarisch will ich hier noch auf den 160er Hinterreifen eingehen, der das Handling im Vergleich zu anderen Modellen der Klasse, die auf einen 180er setzen, noch einmal agiler werden lässt. In den Dimensionen 120/70/17 und 160/60/17 findet sich am Markt eine breite Auswahl an guten Reifen. So hatte auch Kawasaki die Z650 mit dem Bridgestone S22, statt des serienmäßigen Dunlop Sportsmart 2 aufgezogen. Der sportliche Pneu steht dem Naked Bike wunderbar.

Frage 3: Wie viel PS brauche ich: Leistungsgewicht vs Führerscheinverlustangst?

68 PS Spitzenleistung und ein maximales Drehmoment von 64 Nm klingen in unserer leistungsverwöhnten Gesellschaft nicht nach viel. Abgesehen davon, dass es mittlerweile Naked Bikes mit über 200 PS Leistung gibt, wird auch in der, manchmal despektierlich als Einsteigerklasse definierten, Liga der Z650, immer weiter aufgerüstet. Wenn man sich aber das Leistungsgewicht der Kawa ansieht und das in Relation zu anderen Verkehrsteilnehmern auf vier Rädern setzt, lässt sich erkennen, dass es schon einen sehr starken PKW braucht, um mit der vermeintlich schwachen Z650 mitzuhalten. 2,77 kg müssen von einem PS der Kawa bewegt werden. Zum Vergleich, der aktuelle Porsche 911 Turbo kommt auf ein Leistungsgewicht von 2,82 kg/PS. Rechnet man einen 75 kg schweren Fahrer auf der Kawa mit ein, liegt man bei immer noch respektablen 3.87 kg/PS (also besser als ein "normaler" 911er mit 4,10 kg/PS).

Je nach Können und körperlichen Voraussetzungen des Piloten stellen sich die Fahrleistungen der Kawasaki Z650 ungefähr wie folgt dar:

  • Beschleunigung 0-100 km/h 3,9 s
  • Durchzug 60-100 km/h 3,8 s
  • Durchzug 100-140 km/h 4,3 s
  • Topspeed laut Tacho 200 km/h (entsprechen ca. 190 km/h per GPS-Messung)

Man sieht also auch ein - auf den ersten Blick - unspektakuläres Datenblatt eines Motorrads, sorgt für viele Glücksmomente im Sattel und ein breites Grinsen unter dem Helm. Als angenehm empfinde ich auch den Umstand, dass ich im Vergleich zu stärkeren Maschinen die gesamte Leistung des Motorrades nutzen kann, ohne sofort Sorgen um meinen Führerschein haben zu müssen.

Frage 4: Schließt Sparsamkeit Spaß aus? Preis und Kosten der Kawasaki Z650 2023

Die Frage lässt sich mit einer anderen Frage beantworten: Muss es teuer sein, am Motorrad Spaß zu haben? Die klare Antwort lautet: Nein. Das ist eine gute Nachricht für alle (jungen) Piloten, bei denen das Börserl vielleicht nicht ganz so prall gefüllt ist. Und die Kosten enden ja nicht beim Anschaffungspreis. Der liegt in Österreich, Deutschland und der Schweiz bei rund 8000 Euro bzw. Franken. Aktuelle Angebote zur Kawasaki Z650 2023 findet ihr wie immer bei uns am Marktplatz.

Als relevanter Kostenfaktor gilt bei den aktuellen Spritpreisen mit Sicherheit auch der Verbrauch. Hier punktet die Z650, die sich mit nur 4,3 Liter Super auf 100 km nobel zurückhält. Auch die Serviceintervalle von 12.000 km sind sehr großzügig. Ein Vorteil der Massenfertigung der Kawa sind die geringen Kosten für Verschleiß- und Ersatzteile. Auch Inspektionen und Reparaturen sind tendenziell geringer als bei größeren Maschinen. So liegt es auf der Hand, dass die Ventilspielkontrolle bei einem Zweizylinder rascher erledigt ist als bei einem Vierzylinder.

Die sonstigen Unterhaltskosten bestehen großteils aus Steuer und Versicherung, auf Basis eines 25 jährigen Mannes ohne weitere Versicherung, der ein Jahr im Besitz eines Führerscheins mit einer Laufleistung von 9-12.000 km ist, habe ich hier Tarife für Versicherungen in Deutschland und Österreich mit Hilfe einer Vergleichsplattform recherchiert.

Das kostet die Z650 Steuer und Versicherung pro Jahr

LandSteuerHaftpflichtTeilkasko (ohne SB)Vollkasko (300 € SB)
Deutschland47180235830
Österreich232126340690

Stand Februar 2023, Preise in Euro

Auch wenn der Zeitpunkt kommt, an dem man sich von seiner Kawasaki Z650 trennen möchte, kann dieser Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge gesehen werden. Ein Blick auf den 1000PS Marktplatz, wo ihr euer gebrauchtes Motorrad übrigens GRATIS inserieren könnt, zeigt, dass die Z650 ein äußerst wertstabiles Modell ist, selbst für 4-5 Jahre alte Modelle werden immer noch Preise über 6.000 Euro in Österreich aufgerufen.

Warum ist die Z650 so beliebt? Neben den bisher schon erwähnten Argumenten, ist auch die elektronische Möglichkeit die Leistung auf A2-taugliche 48 PS zu drosseln (und diese Drossel auch ebenso schnell wieder zu entfernen, für viele Einsteiger und Wiedereinsteiger reizvoll. Wie groß der Unterschied zwischen offener und gedrosselter Variante ist, haben wir in einem Vergleichstest herausgefunden.

Frage 5: Wo sollte ich besser nicht sparen?

Bei allem Sparwillen, gibt es Bereiche beim Motorradfahren, bei denen man nicht sparen sollte. Allen voran ist hier die Sicherheit zu nennen. Dieser Bereich lässt sich in Sicherheit am Körper (Bekleidung, Helm, Schuhe, Handschuhe) und Sicherheit am Motorrad unterteilen. Neben dem obligatorischen ABS, guter Beleuchtung (die Z650 verfügt nun endlich über LED rundum!) und der Assist- & Rutschkupplung, die hilft, bei starker Motorbremsung ein Stempeln des Hinterrads zu verhindern, hat Kawasaki der Z650 für 2023 eine Traktionskontrolle Serie. Dieses Feature ist in der Klasse nicht selbstverständlich und insbesondere bei feuchter Straße oder sonstigem rutschigen Untergrund ein großer Sicherheitsgewinn.

Für maximalen Eingriff wählt man über den Schalter am linken Lenkerende Stufe 2 an. Die Traktionskontrolle regelt dann zuverlässig jede noch so kleine Unsicherheit weg, aber kappt für den ambitionierten Landstraßenfahrer die Leistung doch etwas zu früh. Hier leistet Stufe 1 Abhilfe, der Wunsch die Elektronik gänzlich zu deaktivieren, was bei der Z650 möglich wäre, kommt hingegen nicht auf.

Frage 6: Passt das Motorrad zu meinem Körper?

Der Schuh kann noch so schön sein, wenn er nicht passt, ist er wertlos. Dieser Spruch lässt sich wunderbar aufs Motorrad umlegen. Die Z650 ist so gezeichnet, dass sie auch von kleinen Personen sicher und gut bewegt werden kann. Sehr große Piloten können hier schon einmal im wahrsten Sinne des Wortes an die Grenzen stoßen. Um den Kniewinkel erträglicher zu machen, ist die Anpassung der Sitzhöhe mittels Zubehör-Sitzbank der einfachste Weg. So werden aus 790 Millimeter 810, die den Piloten vom Boden trennen. Mit meiner Größe von 1,87 Metern waren ganztägige Etappen mit zwei Pausen angenehm machbar. Lediglich den Lenker der Kawasaki würde ich mir etwas breiter wünschen. Generell ist eine Probefahrt das A und O beim Motorradkauf. Hier findet ihr heraus, ob es mit dem Bike der Träume ein Match für die Ewigkeit ist oder nur ein kurzer Sommerflirt bleibt.

Fazit: Kawasaki Z650 2023

Die Kawasaki Z 650 ist ein Brot und Buttermotorrad. Doch was ist an Brot und Butter schlecht? Der zweitägige Test hat wieder einmal gezeigt, dass Leistungsdaten am Stammtisch größeres Gewicht haben, als in der freien Wildbahn. Das Naked Bike von Kawa lehrt auch verwöhnte Motorradjournalisten eine wichtige Lektion: Es braucht wirklich nicht viel um Spaß zu haben. Die Z650 tut genau das was sie soll und ist dank der stetigen Überarbeitung und der für 2023 neu hinzugekommenen Features, nach wie vor eine Bereicherung für die Klasse. Lediglich sehr große oder sehr sportliche Fahrer werden auf Dauer wohl woanders zugreifen.


  • Sicherheitspaket
  • sehr zugänglich
  • ergonomisch vielseitig
  • Essenz des Motorradfahrens
  • Fahrwerk und Bremse nur durchschnittlich

Bericht vom 24.02.2023 | 49.235 Aufrufe