Ducati Multistrada V4 S im großen Reiseenduro-Vergleich

Vorsprung durch Technik: Tatsächlich ein Multi-Talent

Welcher Hersteller baut 2021 die beste Big-Reiseenduro? Wir ließen mit BMW R 1250 GS, Ducati Multistrada V4 S, Harley-Davidson Pan America 1250 Special und KTM 1290 Super Adventure S jene vier Protagonisten, die quasi die Speerspitze der rundum ausgestatteten Reise-Flaggschiffe bilden, in einem ausgiebigen Vergleichstest in der Buckligen Welt auf Asphalt sowie über Stock und Stein gegeneinander antreten. Alle mit 19/17-Zoll-Rädern, alle mit elektronischem Fahrwerk und vollgestopft mit modernster Technik. Wie schlägt sich die stärkste im Kreis, die 170-PS-Multistrada Super von Ducati?

Auf den ersten Blick ist es eine typische Multistrada, wie ja schon einige Modelle vor ihr, die vor allem auf den Landstraßen zu begeisterten wussten. Erst auf den zweiten wird deutlich, dass es sich bei der V4 um ein völlig neues Motorrad handelt. Das nicht nur den PS-stärksten Motor unter dem Tank hat, der je in einem Adventurebike verbaut wurde, sondern sich das Enduro im Wort Reiseenduro zu Herzen nimmt. Was spätestens dann spürbar wird, wenn man mit dem High-Tech-Gerät die befestigten Wege verlässt. Das macht mit der Ducati 2021 jedenfalls durchaus Spaß, unabhängig davon, ob man ein solch teueres Stück dann auch wirklich dreckig machen mag…

Kultiviert und doch brutal – geht das? Die Antwort ist sowas von JA!

Wenn man von einem Reisemotorrad mit 170, sprich hundertsiebzig (!), Pferden schreibt, dann kann man aber nicht mit Offroad-Qualitäten beginnen, sondern muss ganz einfach einen ersten Blick auf diesen Motor werfen. Kein V2, keine Desmodromik, wofür Ducatis geliebt oder gemieden werden, sondern ein mächtiger Vierzylinder, der seine Spitzenleistung bei 10.500 Umdrehungen und das maximale Drehmoment von 125 Newtonmeter bei 8.750 Umdrehungen zur Verfügung stellt. Von unten raus ergibt das zwar nicht ganz den beispielhaften Dampf z.B. der Multi 1260 oder in unserem Vergleich der KTM 1290 SA, aber insgesamt läuft das Aggregat kultivierter, souveräner, was gerade auf einem Tourenmotorrad Sinn und Spaß macht. Das Vibrationsniveau ist erstaunlich niedrig, der V4-Granturismo nur Italiener taufen ihre Motoren so hängt immer satt am Gas. Verschalten gibt es praktisch nicht, weil man auch im dritten Gang problemlos durch die Kehre kommt und dann rausfeuert, sobald man am elektronischen Gasgriff dreht oben raus bleibt sowieso kein Auge trocken. Kultiviert und doch brutal, Nörgler werden vielleicht von einer fehlenden Seele sprechen. Wer drauf sitzt, aber wohl eher laut in den Helm juchzen, wenn er das Potential dieses Triebwerks auch nur annähernd auskostet.

Top-Skyhook-Fahrwerk mit jeder Menge individuellem Spielraum

Denn die (beeindruckenden) Leistungszahlen sind nur ein Teil der Wahrheit, das Fahrerlebnis komplettiert sich erst durchs wunderbare Handling in Verbindung mit einem richtig gutem Fahrwerk. Dessen Setup ist natürlich immer ein Kompromiss, das von Sachs entwickelte Skyhook Fahrwerk in der V4 S bekommt diesen aber ausgezeichnet hin. So lässt sich die Ducati präzise und sportlich auch durch langgezogene, schnelle Kurven dirigieren und bügelt Unebenheiten kaum spürbar weg. Die Vorspannung kann individuell eingestellt werden oder passt sich automatisch auf den jeweiligen Beladungszustand an, die Ausrichtung der Dämpfung ändert sich mit dem gewählten Fahrmodus. Wem das nicht passt so ist das Ansprechverhalten im Enduro-Modus doch etwas härter als z.B. bei der KTM der kann sich in den Tiefen des Menüs seine eigene Einstellung finden und abspeichern.

Praxisgerechte Fahrmodi für jeden Einsatzzweck

Die einzelnen Fahrmodi Sport, Touring, Urban und Enduro unterscheiden sich nicht nur im Ansprechverhalten der Gasannahme, sondern auch in der Intensität von schräglagenabhängiger Traktionskontrolle bzw. ABS, in Urban und Enduro ist die Spitzenleistung auf 115 PS reduziert. Jeder Modus kann individuell angepasst werden, wobei die Vorkonfigurationen schon sehr praxistauglich abgestimmt sind und einem die Multi auf Knopfdruck für die verschiedenen Einsatzzwecke bereit machen. Die Bedienung fällt recht intuitiv aus, wenn man sich einmal mit der Menü-Logik aus Joystick und Knöpfen angefreundet hat, das 6,5-Zoll-TFT-Farbdisplay liefert alle relevanten Infos gut ablesbar sowie selbstredend volle Smartphone-Konnektivität.

Radargesteuerter Komfort: Adaptiver Tempomat mit Totwinkelassistent!

Wer eine Reise tut, dem bleiben meist auch Autobahn- oder zumindest langweilige Bundesstraßen-Abschnitte nicht erspart. Da kommt der radargesteuerte Tempomat, den bislang nur Ducati und KTM in ihren Top-Modellen anbieten, ins Spiel die Multistrada hat dabei als einzige gleich zwei Radar-Sensoren, also vorne und hinten, eingebaut und daher zusätzlich auch noch einen Totwinkelassistenten, welcher von hinten herannahende Fahrzeuge mit einer LED im Rückspiegel anzeigt. Der nach vorne ausgerichtete Sensor behält die vorausfahrenden Verkehrsteilnehmer im Auge und erhöht bzw. reduziert automatisch die Geschwindigkeit und hält so den Abstand konsequent ein. In der Praxis ein wunderbares Komfort-Feature, das einem natürlich nicht aus der Verantwortung nimmt, den Verkehr jederzeit im (menschlichen) Auge zu behalten.

Diese Ducati muss auch vor unbefestigten Wegen nicht halt machen

An der Ergonomie gibt es ebenso wenig auszusetzen, wie an der ausgereiften Fahrzeugs-Geometrie. Man fühlt sich wohl im von 840 bis 860 Millimeter hohen Sattel, die Sitzposition ist enduro-typisch aufrecht, der Kniewinkel entspannt, Platz ausreichend vorhanden, der Windschutz gut und der -schild beispielhaft einfach auch während der Fahrt zu verstellen. Das agile Handling wird fahrdynamisch noch zusätzlich von einem Quickshifter unterstützt, der diese Bezeichnung auch verdient und in unserem Test neben dem Schaltassistenten der KTM der beste war, die Gänge nur so rauf- und runterflutschen lässt. Dass der Verbrauch der feschen Italienerin dabei über jenem der Konkurrenten liegt, wird jenen, die den ebenfalls höheren Anschaffungspreis berappen konnten, wohl nicht weiter groß stören. Letzteres mag vielleicht die Hemmschwelle erhöhen, mit der Multistrada V4 S auch mal ins Gelände oder zumindest auf unbefestigte Wege abzubiegen. Wobei das laut Werksangabe fahrfertig 243 Kilo schwere Motorrad (auf unserer 1000-PS-Waage waren es 254,5 kg) definitiv auch das kann. Auf jenen Strecken, die wir den großen Power-Reiseenduros bei unserem Vergleichstest in der Buckligen Welt angetan haben, machte sie jedenfalls eine richtig gute Figur, auch wenn die Federwege mit 170 Millimeter vorne und 180 Millimeter hinten etwas unter jenen von KTM 1290 Super Adventure S, BMW R 1250 GS und auch Harley-Davidson 1250 Special liegen. Ob steiler, grober Schotter oder schlüpfrige Bachdurchfahrten mit dem richtigen Schuhwerk bzw. Reifenprofil an den Rädern muss einem dabei nicht bange sein. Die ausgewogene Steh-Position tut ihr Übriges und bringt einen ähnlich weit, wie das bislang vielleicht noch mit der Multistrada 950 möglich gewesen ist. Auch wenn das nicht ganz an KTM oder BMW heran reicht.

Fazit

Abschließend die alles entscheidende Frage: Braucht man 170 PS in einer Reiseenduro? Die Antwort: Natürlich nicht. Aber es macht verdammt viel Spaß, sie zu haben, vor allem, wenn sie von einem derart geschmeidigen Motor geliefert werden, wie in der Multistrada V4 S. Unterstützt mit einem feinfühligen elektronischen Fahrwerk, das auf alle Gegebenheiten in Echtzeit reagiert bzw. sich beispielhaft anpassen lässt, zaubert dieser High-Tech-Reisehobel ein Dauergrinsen unter den Helm. Das sich nicht auf die kurvenreiche Landstraße, deren bevorzugtes Jagdrevier die Ducati immer bleiben wird, beschränkt: Die Neue verdient den Namen und ist tatsächlich ein Multi-Talent, das auch dann vor Abenteuern nicht halt macht, wenn die Straßen richtig schlecht werden oder der Asphalt unter den Rädern einmal ausgehen sollte.

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NastyNils

"Der positive Eindruck der Multistrada V4S zieht sich schon das gesamte Jahr durch meine Saison - wie ein roter Faden. Das Motorrad fährt einfach richtig gut und zaubert Dir ein Lächeln ins Gesicht. Es wird viel über den hohen Verbrauch gesprochen. In der Praxis ist das aber offen gesagt kein Thema. Hart ist eigentlich nur der hohe Anschaffungspreis. Nervig ist die unwürdige App samt halbherziger Integration der Navigation ins Display. Das ist einfach nicht praxistauglich. Dabei hätte man mit dem tollen Display eine tolle Basis für eine hervorragende Karten-Navigation. Doch die restlichen Features der Luxus-Fuhre gefallen mir sehr: Tolles Fahrwerk, Top Tempomat und ein feiner Motor. "

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Schaaf

"Die grandiose Ducati Multistrada V4 S kostet und bietet das meiste. Im Jahr 2021 ist sie, solange man kein hartes Offroad fährt, meiner Meinung nach die beste Wahl. Ihr Fahrwerk spricht herrlich fein an, die Einstellmöglichkeiten sind groß und auch wirklich effektiv. Dem Motor mangelt es trotz vier Zylindern nie an Druck, die Leistungsexplosion an der Drehzahlspitze ist fast schon furchteinflößend. In Sachen Handling ist die Ducati genau so agil wie die GS – das heißt unglaublich leichtfüßig - bei rasanter Fahrt macht es das transparente Fahrwerk aber wesentlich leichter, einen präzisen Strich zu fahren. Abgesehen vom höheren Verbrauch kann man nur niveauvoll jammern, kaum kritisieren. Ähnlich wie bei der KTM ist das Bedienkonzept ein wenig mühsam. Der Quickshifter ist sehr gut, aber nicht so gut, wie der in orange. Obwohl sie zwei Zylinder mehr hat als die Konkurrenz ist der Motor untenrum zwar kultiviert, aber nicht so laufruhig wie auf der GS. Und abseits befestigter Straßen stört die Tankform beim Fahren im Stehen. Ansonsten ist die Multistrada V4 S in meinen Augen perfekt."

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McGregor

"Als ich mich das erste Mal auf die GS gesetzt habe, dachte ich: "Williger kann ein Motorrad nicht um die Ecke gehen." Und diese Meinung behielt ich mir auch, bis ich mich das erste Mal auf die Multistrada V4 S gesetzt habe. Mit dem unfassbar gut abgestimmten Fahrwerk und einer tollen Ergonomie wirft sie sich quasi von selbst in die Radien, wo sie dann mit ihrem hochpotenten Motor für Furore sorgt. Trotz des massiven sportlichen Potenzials bleibt die Multi untenrum aber kultiviert und gemütlich bewegbar. Das Elektronikpaket ist umfangreich, die Ausstattung sonst auch, der einzige und größte Wermutstropfen der Multi ist, dass diese geniale Maschine mit ihrem exklusiven Preis für mich meilenweit außer Reichweite ist und für die nächsten Jahre auch bleibt. Ihr hoher Verbrauch von 7,79 l/100km macht da das Kraut auch nicht mehr fett."

Fazit: Ducati Multistrada V4 S

Früher mal kamen die exklusiven Traummotorräder meist aus der Klasse der Sportmotorräder. Doch Ducati liefert mit der neuen Multistrada einen echten Knaller in der Reiseenduro Liga. Die Maschine fährt spielerisch leicht durch die Radien. Somit ist man durchaus in der Lage, die überbordende Leistung immer wieder mal zum Einsatz zu bringen. Garniert wird das tolle Erlebnis vom umfangreichen Elektronikpaket welches insgesamt die Latte sehr hoch legt.


  • Tolles Reieseenduro Feeling gepaart mit fescher Eleganz
  • großartige Bremsen
  • Faszinierender, beeindruckend starker Motor
  • Motorleistung durch grandioses Ansprechverhalten
  • wunderbar zu dosieren
  • Angenehme Sitzposition
  • praxistaugliche Ergonomie in jeder Lebenslage
  • faszinierendes Radarsystem welches man in der Praxis auf der Autobahn gerne einsetzt
  • Toller Windschutz
  • Hohe Stabilität auch bei hohen Geschwindigkeiten
  • Kräfteschonend und einfach zu fahren
  • tolles Handling
  • hoher Verbrauch
  • hoher CO2 Ausstoß
  • sperriges Bedienkonzept
  • Motor liebt Drehzahl - das gefällt in der Reiseenduro-Liga nicht allen Fahrern

Bericht vom 08.08.2021 | 19.293 Aufrufe

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