Triumph Tiger 900 GT Pro 2000 km Reisetest: Reiseenduro-Vergleich

Härtetest in Slowenien & Kroatien: Wie schlägt sich die Britin?

Erst auf einer langen Reise lernt man alle Seiten einer Maschine kennen. Zwischen Wien und Istrien zeigt uns die Tiger GT Pro was sie kann. Für welche Art zu reisen, eignet sich der britische Triple wohl am besten?

Ein Motorrad ist wie eine Beziehung. Anfangs ist man ganz verliebt, die rosa-rote Brille trübt die Sicht und jedes Detail wird angehimmelt. Erst mit der Zeit lernt man aber alle Seiten und Facetten seines Schätzchens kennen. Bei zwischenmenschlichen Beziehungen offenbart oft der erste gemeinsame Urlaub auch die Kanten und Ecken des Anderen und beim Verhältnis von Mensch und Maschine verhält es sich nicht anders. Eine lange Reise zeigt erst wirklich alle Stärken und Schwächen des Motorrads auf. Genau das soll unser Reisetest bewirken. Die Kawasaki Versys 1000 S, KTM 890 Adventure und Triumph Tiger 900 GT Pro müssen sich auf 2000 Kilometern quer durch Slowenien und Kroatien beweisen.

Alles da für die Reise? - Die Ausstattung der Triumph Tiger 900 GT Pro

Obwohl es sich hier am Papier "nur" um die Mittelklasse der Reiseenduros handelt, wird man wohl kaum Features vermissen. Im Jahr 2021 sind selbst diese Mittel-Adventure-Bikes bis an die Zähne mit elektronischen Systemen bewaffnet. Ein fettes 7-Zoll TFT-Display, über welches, neben schön farbig angezeigten Informationen, auch das Smartphone verbunden und sogar GoPros gesteuert werden können, macht hier nur den Anfang. Kurven-ABS, schräglagenabhängige (und abschaltbare) Traktionskontrolle und fünf Fahrmodi (Straße, Regen, Sport, Off-Road und ein frei programmierbarer Modus) sind heutzutage in der Klasse sowieso fast überall dabei und quasi ein Muss. Für extra Komfort sorgen zum Beispiel nicht nur die Heizgriffe, sondern auch die Sitzheizung für Fahrer und Sozius und das elektrisch verstellbare Federbein. Selbst ein Reifendruck-Überwachungssystem ist an Bord. Da vermissen selbst wir verwöhnten Journalisten nichts.

Im Angesicht einer durchwachsenen Wetterprognose klingen vor allem die Heiz-Features sehr attraktiv. Also kralle ich mir gleich vor Abfahrt die Tiger, denn unsere 500 km lange Anreise über die Autobahn möchte ich vor allem komfortabel hinter mich bringen. Aber zuerst muss mein ganzes Zeug erst einmal Platz auf der Tiger finden. Mit den originalen "Trekker"-Seitenkoffern, die 79 Liter Stauraum bieten, findet das ganze Film-Equipment gut und sicher Platz. Hier fällt vor allem die schön quadratische Form positiv auf. Während Kollege Schaaf bei den Koffern der Versys Tetris für Erwachsene zu spielen beginnt, freue ich mich über das deppensichere System bei Triumph und bin im Nu fertig. Allerdings brauche ich noch eine Gepäcklösung, um mit einem Handgriff an die wichtigsten Dinge zu gelangen. Gerade in Corona-Zeiten muss man gefühlt 20-mal am Tag irgendein Zertifikat auspacken. Ich behelfe mir mit einem SW-Motech PRO Micro Tankrucksack und einer SW-Motech PRO Cargobag Hecktasche. So, jetzt ist aber alles verpackt und verzurrt. Es kann endlich losgehen!

Die Sitzprobe auf der Triumph Tiger GT Pro

Selbst für eine Reiseenduro sitzt es sich auf der Tiger sehr gemütlich. Der breite Lenker ist auf einer guten Höhe, die Sitzbank bildet eine angenehme Kuhle und der Kniewinkel hat fast 90°, sollte also auch empfindliche Knie schonen. Auch ist die Britin kein Adventure-Bike, auf welches nur Riesen passen. Vor der zwischen 810 und 830 mm verstellbaren Sitzhöhe braucht sich niemand fürchten, vor allem weil die Taille der Tiger schön schmal ist und die Beine dadurch gerade und sicher am Boden stehen. Auch die Kehrseiten potentieller Sozia werden verwöhnt. Der Soziussitz ist ausgesprochen breit und gut gepolstert. Ich habe die zweifelhafte Ehre einige Meter den Passagier auf der Tiger zu spielen und auch wenn Pokys rasante Fahrweise bei mir für etwas Unentspanntheit sorgt, tut dies der Sitz der Triumph keinesfalls.

Triumph Tiger 900 GT Pro 2021
Die Sitzposition auf der Tiger ist schön aufrecht und intuitiv.

Wie gut ist die Triumph Tiger GT Pro für die Langstrecke?

Während der Asphalt endlos unter uns vorbeizieht und wir die Kilometer in Richtung Süden hinunterspülen, habe ich viel Zeit, um mich mit der Tiger zu beschäftigen. Von Beginn an hat mich der gute Windschutz überrascht. Sie baut doch recht schmal, trotzdem schafft es die Tiger die Luftströmung sauber am Fahrer vorbeizuleiten. Gut behütet und erwärmt von Griff- und Sitzheizung cruise ich gen Süden. Die Reisegeschwindigkeit von ca. 140 km/h hält die Tiger ohne Probleme, allerdings gibt der Triple leichte, hochfrequente Vibrationen ab, die sich durch Stiefel und Lenker bemerkbar machen. Kein wirkliches Problem, aber es fällt halt auf.

Triumph Tiger 900 GT Pro 2021
Lange Fahrten macht die Tiger GT Pro so angenehm, wie selten ein anderes Motorrad.

Unsere Messwerte - Verbrauch, Gewicht & Reichweite der Triumph Tiger 900 GT Pro

Spätestens seit dem VW-Abgasskandal weiß man, dass die Hersteller-Angaben mit Vorsicht zu genießen sind. Im Fall unserer Testmaschinen weicht die Realität zwar kaum von den angegebenen Werten ab, trotzdem haben wir Gewicht und Verbrauch selbst gemessen. Die Tiger GT Pro bringt es auf unserer 1000PS-Viehwaage mit vollem Tank, aber ohne Koffer, auf 228 Kilogramm. Damit ist sie deutlich leichter als die Versys, doch 11 kg schwerer als die KTM 890 Adventure. Entlang unserer 2000 km langen Reise haben wir auch immer bei den Tankstopps brav mitgeschrieben und dann den durchschnittlichen Verbrauch über die gesamte Reise berechnet. Da unsere Tour ein realistisches Verhältnis zwischen Landstraße (~65%), Autobahn (~30%) und Ortsgebiet (~5%) aufweist, sollten die gemessenen Werte auch ca. dem Verbrauch vom Durchschnittsfahrer entsprechen. Die Triumph verbraucht auf unserer Reise 5,6 Liter auf 100 Kilometer und liegt damit genau zwischen der KTM (5l/100km) und der Kawasaki (6,1l/100km). Mit ihrem 20 Liter Tank kommt man also gute 350 Kilometer weit.

Ein feucht-fröhlicher Start - Der souveräne Triple der Triumph Tiger 900 GT Pro

Nach 400 Kilometern erreichen wir schließlich unsere Ausgangsbasis in Südslowenien. Von dort machen wir in den kommenden Tagen immer wieder Abstecher nach Kroatien und in den Norden Sloweniens. Gleich am ersten Tag soll es nach Istrien gehen. Schöne Küstenorte, ein klares Meer und tolle Straßen - Perfekt für den Test. All das erwartet uns dort auch, allerdings bedeckt von massiven Regenwolken und endlos herabprasselnden Wassermassen. Nur gut, dass der 888 cm³ Reihendreizylinder der Triumph seine 95 PS und 87 Nm Drehmoment sehr sanft und fein dosierbar ans Hinterrad liefert. Schon im normalen Street-Modus geht sie samtig weich ans Gas, im Regen-Modus entwickelt sich die Leistung weich wie Butter. Eine große Freude ist auch der Quickshifter. Die Schaltvorgänge sind sehr knackig und präzise, man freut sich nicht nur beim Anrauchen, sondern auch bei nasser Fahrt über die überaus smoothen Gangwechsel. Aber wir haben nicht ewig schlechtes Wetter. Bei Pula ziehen die Wolken ab und die Sonne kommt hervor. Die nächsten Tage bleibt es trocken und wir können unsere Reiseenduros endlich beherzt über kurvige Strecken prügeln.

Probier's mal mit Gemütlichkeit - Die sportliche Performance der Triumph Tiger GT Pro

Während die Tiger bis dahin alle Situationen bravourös gemeistert und uns das Leben sehr einfach gemacht hat, offenbart sie bei ambitionierter Gangart, dass sie eher auf gemütliches Reisen steht. Die 45 mm Marzocchi USD-Gabel mit 180 mm Federweg und das Marzocchi Federbein mit 170 mm Federweg gehen beide klar in Richtung Komfort statt Sportlichkeit. Die Gabel lässt sich zwar manuell in Zug- und Druckstufe einstellen, das Federbein elektrisch in Vorspannung und Zugstufendämpfung, doch selbst nachgestrafft fehlt der Tiger einiges auf die knackige Präzision der KTM Adventure oder Kawasaki Versys. Während die Bremsen mit 320 mm Doppelscheibe und Brembo Stylema 4-Kolben-Bremssattel performant am Kurveneingang verzögert, senkt sich die Nase aufgrund der weichen Gabel sehr weit gen Boden. Auch in der Kurve fehlt die Stabilität, um wirklich flott durch den Radius zu ziehen. Sowas macht sich gerade auf den teils sehr welligen Küstenstraßen Istriens bemerkbar. Reiseenduros sind immer ein Kompromiss und Triumph hat sich bei der Tiger GT Pro entschieden, dem Komfort den Vortritt zu lassen. Sänftengleich cruist man über Unebenheiten hinweg und freut sich über die Gemütlichkeit im Sattel. Am letzten Ritzel möchte man die Tiger jedoch nicht fahren, denn weder der sanftmütige Motor, noch das weiche Fahrwerk, sind dafür ausgelegt. So sieht das auch Kollege Poky:

Bild von Poky
Poky

"Die Triumph Tiger 900 GT Pro ist ein Motorrad für jeden Tag aber sie scheut auch die weite Reise nicht. Wind und Wetterschutz sind trotz schmaler Silhouette absolut ausreichend. Der elastische Motor hat genug Kraft in jeder Lebenslage und das Gas lässt sich fein dosieren. In der Komfortwertung spielt die GT Pro alle Stückeln, von der beheizten Sitzbank (für Fahrer und Sozius) bis hin zum herrlichen Quickshifter ist man hier auf absolutem Topniveau unterwegs. Einzig für die ganz schnelle Fraktion gibt es passendere Reiseenduros. Um hier ganz vorne mitzuspielen, fehlt es der Tiger an Schräglagenfreiheit und einem sportlicheren Fahrwerk."

Triumph Tiger 900 GT Pro 2021
Bei sportlicher Gangart fühlt sich die Tiger GT Pro nicht ganz wohl.

Fazit: Triumph Tiger 900 GT Pro

Die Triumph Tiger 900 GT Pro ist ein sehr sehr gutes Reisemotorrad, solange man es nicht zu eilig hat. Sie besitzt üppige Ausstattung, jedes erdenkliche Elektronik-Feature, eine ausgesprochen angenehme Ergonomie und einen ausgewogenen, pflegeleichten Dreizylinder. Dabei orientiert sie sich durch die Bank in Richtung Komfort. Radikal um die Ecke rasen können andere besser, die britische Lady bevorzugt es entspannt zu cruisen. Warum sollte man auch das weiche Fahrwerk überbeanspruchen, wenn man stattdessen den top Windschutz genießen und die Landschaft ringsherum inhalieren kann.


  • Zugänglicher, souveräner Motor
  • Sehr gemütliche Ergonomie
  • Üppiges Elektronik-Paket
  • Guter Windschutz
  • Auch für die Sozia sehr komfortabel (Sitzheizung!)
  • Top Quickshifter
  • Für sportliche Fahrer zu weiches Fahrwerk
  • Leichte Motor-Vibrationen auf der Autobahn spürbar

Bericht vom 26.07.2021 | 13.620 Aufrufe

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