Honda CBR650R gegen Aprilia RS 660 Vergleich

Japan gegen Italien | Vierzylinder gegen Zweizylinder

Vor uns sehen wir zwei Motorräder einer aussterbenden Gattung. Zwei großartige Maschinen, deren Einsatzbereich nicht wirklich definiert werden kann. Sind sie nun Supersportler, sportliche Tourer, oder doch nur verkleidete Naked Bikes? Viele Fragen, die NoPain und Horvath versucht haben, beim Vergleich der Honda CBR650R und Aprilia RS 660 zu beantworten!

Die aussterbende 600er Klasse

Die 600er (Supersport) Klasse lässt sich mit einer Achterbahn der Emotionen vergleichen. Vor einigen Jahren war ihr Ende in Sicht, doch mit neuen Modellen wie der Yamaha R6 und der Kawasaki Ninja ZX-6R 636 war ihr Fortbestand gesichert. Die Freude hielt aber nur kurz. Denn nun - mit Euro5 - hat sich das Blatt wieder gewendet. Kawasaki nahm das Modell in Europa aus dem Programm und Yamaha bietet die R6 nur mehr als Race-Variante für die Rennstrecke an. Hondas neue CBR600RR dürfen wir sowieso nur aus der Ferne betrachten, da sie den europäischen Boden wahrscheinlich nie befahren wird. Aus den Reihen von Suzuki herrscht zu dem Thema absolute Stille.

So bleiben nur mehr die Aprilia RS 660 und Hondas CBR650R als letzte Bastion übrig, um die ehemals hochlodernde Flamme weiterzutragen. Beide Modelle hatten wir bereits im Einzeltest, die ihr hier findet:

Konzeptvergleich: Honda gegen Aprilia

Auch wenn sich beide Bikes optisch ähnlich präsentieren, fällt doch schnell ein klarer Unterschied in ihrer Auslegung auf. Dafür reicht eigentlich schon eine erste Sitzprobe. Zwar schreibt Honda auf der Website, die CBR sei "Für die Rennstrecke entwickelt und auch auf der Straße ein echter Blickfang.", doch mit den erhöhten Stummellenkern, dem bequemen Sitz und der vergleichsweise neutralen Sitzposition fühlt man eine klare Straßenorientierung. Ein eigentlich willkommenes Konzept, denn so kauft man das beste aus mehreren Welten: Sportliche Optik, guten Windschutz, bei Bedarf und der richtigen Körperhaltung ein echtes Rennfeeling, aber auch genügend Komfort für den Alltag. Besonders im letzten Punkt zeichnet sich die Honda aus.

Denn die Aprilia RS 660 nimmt ihren #be a racer Slogan spürbar ernst und spannt den Fahrer - wie auf einem echten Supersportler - über den 15 Liter Tank. Die Sitzbank befindet sich mit 820 mm Höhe zudem 10 mm über dem CBR-Sitz, was die rennstreckenorientierte Ergonomie nochmals unterstreicht. Auf der RS 660 braucht es somit Muskelkraft in Bauch und Beinen, um Last von den Handgelenken zu nehmen. Ihren Vorteil findet die Aprilia bestimmt auf der Rennstrecke, wo die sportliche Ergonomie für bessere Kontrolle sorgt. Außerdem: Wer es komfortabel möchte, kann ja immer noch zur neuen Tuono 660 greifen.

RS660 und CBR650R Motor - ähnliche Werte, unterschiedliche Wirkung

Die nackten Zahlen lassen ein faires Duell vermuten: Die Aprilia geht mit 100 PS bei 10.500 Umdrehungen und 67 Nm bei 8.500 Umdrehungen an den Start, während bei der Honda die Leistung von 95 PS bei 12.000 Umdrehungen anliegt, während das volle Drehmoment von 63 Nm bei 9.500 Umdrehungen zur Verfügung steht. Doch nicht die Leistung macht den Unterschied, sondern die Zylinderanzahl! Wie erwartet braucht die Vierzylinder-Honda eine Drehzahl von mindestens 8.000 U/min bis man von "kräftiger Beschleunigung" reden kann. Dementsprechend hoch muss die Drehzahl auch im Winkelwerk gehalten werden, was zwar herrlichen Sound, aber auch eine gewisse Geräuschkulisse für Anrainer bedeutet.

Deutlich souveräner und vor allem kräftiger präsentiert sich die Aprilia RS 660. Bis zum Einsetzen des Drehzahlbegrenzers schiebt sie kräftig voran, mit dem Unterschied, dass bereits bei circa 4.000 Umdrehungen die Musik beginnt! Somit müssen an der Ortsausfahrt weniger Gänge mit dem serienmäßigen Quickshifter heruntergeschalten werden, bevor man den vollen Sound des Zweizylinders mit 270 Grad Hubzapfenversatz genießen kann. Dieser spürbare Unterschied verleiht der RS 660 eine Spritzigkeit, mit der die Honda trotz perfekt funktionierenden Vierzylinders nicht mithalten kann.

CBR650R und RS660 Motorenvergleich
Der Vergleich macht den Unterschied zwischen zwei und vier Zylindern mal wieder deutlich.

NoPains Eindruck zur Honda CBR650R

Ohne sie jemals gefahren zu sein, sah ich in der CBR 650R vor unserem Vergleichstest relativ wenig Potential als modernen one-for-all Mittelklasse-Sportler. Kurven-ABS, Ride by Wire, Fahrmodi und TFT Display Fehlanzeige. Nicht einmal ein Schaltassistent war von Werk aus verbaut; nur ABS und Traktionskontrolle serienmäßig. Kann man so überhaupt noch Motorradfahren? Die Antwort lautet selbstverständlich "Ja". Nebenbei machte die unkomplizierte Honda bei gemütlicher Fahrt durch die Stadt eine ebenso gute Figur wie beim flotten Kurvenräubern auf der Landstraße.

Für 2021 wurde die Baby Fireblade auf Euro 5 getrimmt, was jedoch auf die Leistungsdaten des Vierzylinders keinen Einfluss nahm und so standen weiterhin 95 PS und maximal 63 Nm Drehmoment zur Verfügung. Bis rund 8000 U/min ließ es sich mit der Honda vorzüglich dahin cruisen, zog man den Hahn bis zum Begrenzer bei 12.000 U/min schlug sie eine sportlichere Gangart ein, ohne den Piloten jedoch zu überfordern. Besonders gefiel mir der breite und relativ hohe Lenker, der eine aufrechte und komfortable Haltung zuließ und die Handgelenke spürbar entlastete. Etwas gewöhnungsbedürftig empfand ich hingegen die relativ sportlichen und weit hinten positionierten Fußrasten - wohl der Breite des 4-Zylinder-Motors geschuldet. Insgesamt würde ich der Honda aber eine ausgewogene und absolut tourentaugliche Sitzposition attestieren. Der Windschutz ging grundsätzlich ok, bei höheren Geschwindigkeiten schadete es allerdings nicht, sich maximal zu ducken.

Keinesfalls überdimensioniert präsentierte sich die Bremsanlage, aber sowohl die vorderen als auch die hinteren Bremsen waren gut zu dosieren und in punkto Verzögerung dem Einsatz entsprechend ausreichend. Auch das Fahrwerk funktionierte in meiner Gewichtsklasse von 75kg ausgesprochen harmonisch. Das 2021er Fahrwerks-Upgrade mit einer 41er-Showa-Big-Piston-USD-Gabel, bei der Federung und Dämpfung jeweils in einem Gabelholm untergebracht wurden, erfüllte offensichtlich seinen Zweck und bot - auch ohne jeglicher Einstellmöglichkeiten - eine gute Dämpfung.

Optisch antiquiert und nicht sonderlich elegant wirkte das LCD-Cockpitdisplay der CBR. Zwar waren alle wesentlichen Informationen auch unter Sonneneinstrahlung gut abzulesen, aber im Zeitalter von frei konfigurierbaren TFT-Screens ginge da wohl ein Euzerl mehr. Wer sein Smartphone zur Navigation oder Kommunikation am Lenker montieren möchte, findet aber neuerdings unter der Sitzbank eine USB-Ladesteckdose.

Insgesamt begeisterte Hondas überarbeitete CBR 650R auf der Landstraße mit ihrer harmonischen 4-Zylinder-Laufruhe, einer ausgewogenen Sitzposition und dem kernigen Sound. Obendrein sieht sie extrem schnittig aus und kostet um etwa 20% weniger als die Aprilia RS 660.

Honda CBR650R 2021
Harmonisch, leicht zu fahren und schön anzusehen - typisch Honda.

NoPains Eindruck zur Aprilia RS 660

Stärker, leichter, agiler und aus elektronischer Sicht am Puls der Zeit präsentiert sich der brandneue Mittelklasse-Sportler von Aprilia. Angetrieben wird die RS 660 von einem frisch entwickelten Reihentwin mit 659 cm³, der sich vom 1100er-V4 ableitet und 100 PS bei 10.500 U/min sowie ein maximales Drehmoment von 67 Nm bei 8.500 U/min generiert. Obwohl die reinen Leistungsdaten beider Bikes - zumindest am Papier - relativ nahe beinander liegen, lässt sich die Kraftentfaltung in der Praxis kaum miteinander vergleichen. Da wären einerseits die unterschiedlichen Motorcharakteristika des 4- bzw. 2-Zylinders, aber auch der Umstand, dass die RS 660 rund 80% ihres maximalen Drehmoments bereits ab 4.000 Touren zur Verfügung stellt.

Verpackt ist der neue Twin in einen polierten Aluminiumrahmen, der den Motor als mittragendes Element nutzt. Die Zweiarmschwinge ist ebenfalls aus Aluminium gefertigt. Gepaart mit ihrem extrem niedrigen Gewicht von fahrbereiten 183 kg, ist die RS 660 um 23 kg leichter als die durchwegs weniger sportliche CBR 650R und lässt sich auch schon aus niedrigen Drehzahlen lautstark abfeuern. In punkto Sound schenken sich die beiden Bikes nicht viel: die Aprilia bollert am Stand mit 96 dB gerade mal um ein Dezibel leiser als die Honda und läuft ab der Drehzahlmitte zur Höchstform auf. Da bleibt kein Auge trocken und vom Tausch des Schalldämpfers zwecks Sound-Upgrades kann trotz der Euro-5 Abgasnorm abgesehen werden.

Sowohl die Honda als auch die Aprilia sehen sich ein wenig als Sporttourer, wenngleich das Thema offensichtlich in Japan und Italien unterschiedlich interpretiert wird. Fährt es sich mit der Honda relativ entspannt, gut im Bike integriert und komfortabel gedämpft, so fühlt man sich auf der Aprilia eher auf des Messers Schneide. Mit ihrem tieferen, schmalen Lenker und dem sportlich straff abgestimmten Fahrwerk spricht die Italienerin definitiv eine andere Zielgruppe an, wenngleich die niedrig positionierten Rasten durchaus eine relativ entspannte Sitzposition zulassen. Weit entfernt von dem gedrungenen Gefühl auf einer Rennstrecken-600er, aber doch ein klarer Unterschied zur gemäßigteren CBR.

Mit ihrem 8 Zentimeter kürzeren Radstand und einem um 1,4 Grad steileren Lenkwinkel fährt sich die RS 660 spürbar agiler und wendiger als die Honda und empfiehlt sich nicht zuletzt wegen ihrer kräftigen Radial-Vierkolbenbremsen mit großen 320er Scheiben vorne und einer Doppelkolbenbremse mit 240er Scheibe hinten für Hatzerl bei Vollgas und gelegentliche Ausflüge auf die Rennstrecke. Zudem lässt sich das Fahrwerk vorne und hinten in Federvorspannung und Zugstufe einstellen. Ein klares Plus gegenüber der Honda.

Aber auch assistenzsystemmäßig spielt die Aprilia in einer eigenen Liga. Kurven-ABS ist an Bord, außerdem Traktions- und Wheelie-Kontrolle, Tempomat, Quickshifter für kupplungsloses Rauf- und Runterschalten, Motorbrems-Assistent, Launch-Control, Pit-Limiter sowie fünf Fahrmodi: einer fürs Pendeln, ein dynamischer für sportliche Fortbewegung, ein individueller zum selbst konfigurieren sowie die beiden Racetrack-Modi "Challenge" und "Time Attack". Ihr modernes und gut ablesbares TFT-Display mit automatischer Nacht- bzw. Tageshintergrundbeleuchtung und die wunderschön designten Full-LED-Scheinwerfer mit Kurvenlicht und automatischem Abblendlicht runden das Ausstattungspaket nach oben hin ab.

Zieht man den direkten Vergleich zur Honda CBR 650R, so offerieren die Italiener mit der RS 660 das durchwegs modernere Bike: stärker, leichter, sportlicher in Sachen Sitzposition, Fahrwerk und Handling sowie mit einem überkompletten Fahrassistenz- und Zubehör-Paket ausgestattet. So viel Premium-Technik, Schönheit und Italo-Flair hat allerdings ihren Preis. Gut 20% kostet die Aprilia in unseren Breitengraden mehr als die Honda.

Aprilia RS 660 und Honda CBR650R Vergleich
Die Ergonomie der RS 660 zeigt ihren verstärkten Fokus auf die Rennstrecke.

Aprilia RS 660 und Honda CBR650R im Preisvergleich

Ein direkter Preisvergleich mag vielleicht im ersten Moment nicht fair erscheinen, da der Honda ihr Alter in die Karten spielt. Man findet bereits gebrauchte Exemplare des 2019er Jahrgangs, die dementsprechend günstiger sind. Trotzdem wollen wir euch den knallharten Vergleich nicht vorenthalten: Aprilia RS 660 und Honda CBR650R neu und gebraucht kaufen.

Fazit: Honda CBR650R

Das 2021er Update der Honda CBR650R löst das größte Problem des Vorjahresmodell: Das zu komfortable Fahrwerk. Die neue Showa Gabel gibt dem Sportler ein deutlich sportlicheres Ansprechverhalten, was man auf kurviger Landstraße sofort zu spüren bekommt. Man darf sich jedoch keinen reinrassigen Supersportler erwarten, sondern einen alltagstauglichen Straßen-Sportler, auf dem man sowohl am Weg in die Arbeit, als auch bei der Wochenendausfahrt viel Freude im Sattel erlebt.


  • elastischer Vierzylinder
  • komfortable Sitzposition
  • verbessertes Fahrwerk für 2021
  • coole Optik
  • einfache Bedienbarkeit
  • Motor unter 8.000 Umdrehungen träge
  • LC-Display wirkt inzwischen altbacken

Fazit: Aprilia RS 660

Die Aprilia RS 660 kann im Jahr 2021 als letzter wahrer 600er Supersportler gesehen werden, denn mit ihrer sportlichen Sitzposition und den hochwertigen Fahrwerkskomponenten trifft sie genau die Mitte zwischen Alltagstauglichkeit und Trackday-Potential. Dank des umfangreichen Elektronikpakets bleiben sowohl auf der Straße, als auch am Track keine Wünsche offen - über den kräftigen Zweizylinder kann man sowieso nicht meckern. Ein großartiges Paket für alle, denen 200+ PS Superbikes zu viel für den Alltag sind.


  • kräftiger Motor
  • umfangreiches Elektronikpaket
  • sportliches Fahrwerk
  • schöner Sound
  • geringes Gewicht
  • sportliche Optik
  • schlecht ablesbarer Drehzahlmesser

Bericht vom 16.04.2021 | 12.585 Aufrufe

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