Yamaha Niken GT Test in den Schweizer Alpen - 3 Räder > 2 Räder?!

Wie fährt sich Yamahas ungewöhnlichstes Motorrad in den Alpen?

Die Wogen gingen bei der Vorstellung der Yamaha Niken hoch. Drei Räder statt zwei - Ist das überhaupt noch ein Motorrad? Und wie fährt sich das? 600 km lang bin ich genau diesen Fragen auf den Grund gegangen. Die Antwort: Unfassbar!

Zwei Tage lang fuhr ich vom Süden der Schweiz in Locarno über zahlreiche berühmte Pässe hinein zwischen die hohen Gipfel Graubündens und schließlich weiter über das Entlebuch bis nach Sursee. Mehr zur Schweiz-Reise könnt ihr hier erfahren. Die knapp 600 Kilometer waren geprägt von wechselhaftem Wetter, kalten Temperaturen, engen Kehren und wunderschönen Landschaften. Doch wie hat sich das dreirädrige Ungetüm hier geschlagen?

Yamaha Niken GT Motor, Leistung, Ausstattung - Volles Programm auf der Niken GT

Kommen wir zuerst zu den bekannten Bestandteilen der Niken: Herzstück ist der schon aus der Yamaha MT-09 bekannte Crossplane-Dreizylinder-Motor. 115 PS und 87,5 Nm Drehmoment liefert dieser. Im Gegensatz zur MT-09 oder auch der Tracer 900 hat der CP3 bei der Niken deutlich mehr Kilos zu bewegen. 267 kg fahrfertig und vollgetankt sind schon eine Hausnummer. Hauptgrund für diese extra Kilos ist die Vorderrad-Konstruktion, doch dazu gleich mehr. Aber auch mit dem Extragewicht lässt sich die Niken noch gut und auch sportlich bewegen. Der Dreizylinder spricht extrem sanft an und lässt sich sehr schaltfaul fahren. Hält man ihn aber auf höheren Drehzahlen, so marschiert auch ein Koloss wie die Niken ambitioniert nach vorne. Selbst Wheelies sind möglich. Den sportlichen Fahrspaß wird noch vom serienmäßigen Quickshifter verstärkt. So ballert es sich die Pässe hinauf, dass es nur so pfeift!

Apropos Serienausstattung: Wenn schon so viel Gewicht, dann aber zumindest mit ordentlich Ausstattung! Einstellbare Traktionskontrolle, ABS, Quickshifter, drei Fahrmodi, Tempomat, dreistufige Heizgriffe, einstellbares Fahrwerk, hoher Windschild, zwei 12V-Anschlüsse, Hauptständer und ein Kofferset sind in Serie bei der Niken GT dabei. All die Elektronik wird gesteuert über das gut lesbare Negativ-LCD-Display. In Summe lässt sich über die Ausstattung der Niken GT nicht meckern. Alles funktioniert so wie es sollte. Vor allem die Heizgriffe haben die Reise durch die Schweiz Ende September deutlich angenehmer gemacht. Die Koffersysteme sind von Yamaha gebrandete AERO ABS Seitenkoffer von SW-Motech, auf welche ich mich auch schon während meiner Norwegenreise verlassen konnte.

Yamaha Niker GT Sitzposition, Fahrverhalten, Performance - Fährt sich wie ein echtes Motorrad?

Aber kommen wir zu den wirklich interessanten Frage: Warum drei Räder? Wie fährt sich das? Nun, ein offensichtlicher Vorteil von zwei Vorderrädern ist das Mehr an Grip. Zwei Räder, heißt doppelte Auflagefläche, sprich: doppelter Grip. Das heißt gerade bei suboptimalen Bedingungen auf der Straße, bei Regen oder Rollsplit, kann die Niken punkten. Auf meiner Tour bin ich recht häufig im Nassen unterwegs, doch auf der Niken ist mir das einfach egal. Wo ich mich mit herkömmlichen Motorrädern schon längst eingebremst hätte und nur noch wie auf rohen Eiern um die rutschigen Kurven schleichen würde, da nehme ich auf der Niken kaum Tempo raus und hab auch noch im Regen mächtigen Fahrspaß. Aber fährt sich so eine Konstruktion nicht zu steif? Gar nicht! Vom reinen Fahrgefühl könnte man die zwei Gummis an der Front auch vergessen. Die kleinen 15-Zoll-Räder sorgen für leichteres Handling und die ausgeklügelte Parallelogramm-Mechanik lässt mich die Maschine ganz normal umlegen. Die baubedingte Maximalschräglage von 45 Grad erreicht man nicht, denn vorher schleifen schon die Fußrasten. Im Winkelwerk fährt sich die Niken nicht unhandlicher, als andere schwere Tourenmaschinen mit zwei Rädern, wie zum Beispiel die Suzuki V-Strom 1050 XT. Das Gewicht nimmt natürlich etwas von der Agilität, doch im Ausgleich liegt die Niken dermaßen satt auf der Straße und in der Kurve, dass ein extremes Vertrauensgefühl ausgelöst wird.

Dieses Gefühl von Vertrauen und Sicherheit ist meiner Meinung nach auch die größte Stärke der Niken. Schon im Trockenen fühlt sich der Grip gut an und ermöglicht sehr hohe Kurvengeschwindigkeiten. Doch im Nassen, bei Schmutz oder schlechter Fahrbahn, da zeigt die Niken erst richtig auf. Regen bedeutet nicht mehr das Ende von Fahrspaß und verkrampftes um die Ecke gurken, sondern ist auf der Niken nichts weiter als eine nette Abwechslung. Ohne zu übertreiben, ich tue mir schwer ein Motorrad zu nennen, das besser in der Kurve fährt. Nachteile des doppelten Vorderrades fallen mir nur drei ein: 1. Das Gewicht. Da führt kein Weg dran vorbei. Zwei Reifen, zwei Felgen, zwei Teleskopgabeln und die zusätzliche Neigungsmechanik wiegen halt das ihre. 2. Die Kosten: Nicht nur die Niken GT kostet an sich nicht wenig Geld, sondern auch Reifensets und -wechsel werden sich zwangsläufig teurer zu Buche schlagen. Wie viel genau gerade für eine Yamaha Niken & Niken GT 3 hinzublättern ist seht ihr hier. 3. Sauerei bei dreckiger Straße: Dieser nicht weiter dramatische und eigentlich recht witzige Nachteil ist mir auf der Fahrt über das Entlebuch aufgefallen. Nach dem Abtrieb der Kühe war die Straße komplett eingesaut. Bei normalen Motorrädern wäre der aufgewirbelte Dreck in die Mitte des Motorrads gespritzt. Doch bei den 410 mm breit liegenden Vorderrädern der Niken, fliegt die Scheisse links und rechts am Motorrad vorbei und verpasst den Beinen des Fahrers und der Seite der Niken eine nette Schweizer Bio-Camouflage (siehe Bildergalerie).

Das größte Problem der Yamaha Niken!

Doch das größte Problem der Niken ist nicht das Gewicht, die Kosten oder spritzender Kuhdung. Es sind vielmehr die Vorurteile von uns Motorradfahrern. Die Niken punktet mit ihren drei Rädern nicht gerade am Stammtisch. Behindertenfahrzeug, Rollator und Schlimmeres wird sie genannt. Völlig unverdient! Über die Optik lässt sich immer streiten, doch die Fahrerei ist einfach nur grandios. Würde sie jeder einmal Probefahren, so würden die Witzeleien bestimmt schnell verstummen. Wer mag schließlich nicht mehr Sicherheit am Vorderrad, höheren Speed in der Kurve und ein in Summe sorgenfreieres Fahren? Und zusätzlich zum leiwanden Fahrverhalten ist auch noch das restliche vom Paket stimmig. Yamaha hat Bauelemente von schon etablierten Motorrädern mit dem neuen Vorderrad-Konzept vereint und so ein rundum funktionierendes Motorrad geschaffen. Und ja, die Niken ist ein Motorrad durch und durch. Drei Räder hin oder her!

Fazit: Yamaha Niken GT

Das neuartige Konzept der Niken GT ermöglicht unglaublich zügiges und doch gleichzeigt auch sicheres Vorankommen bei allen Witterungsbedingungen, wie auf Schienen führt die Front auf enge Passstraßen gleichermaßen wie auch in schnelleren Radien. Der bereits in der MT-09 hochgelobte Crossplane-Dreizylindermotor wurde mit etwas mehr Schwungmasse und einer kürzeren Endübersetzung perfekt für die Niken GT angepasst. Vor allem in der tourentauglichen GT-Version kann die Niken als absolutes Universaltalent brillieren. An alle Interessenten: Nicht von der Optik oder dem "Dreirad-Image" verunsichern lassen. Unbedingt Probe fahren!


  • ausgereiftes Gesamt-Konzept
  • liegt super in der Kurve
  • toller Motor
  • sportliches Fahrverhalten
  • einstellbares Fahrwerk
  • tourentaugliche Ausstattung
  • bequeme Sitzposition
  • zusätzliche Sicherheit bei allen Witterungsverhältnissen
  • hohes Gewicht
  • Dreirad-Image am Stammtisch
  • ABS nur auf Basisniveau
  • mangelnder Spritzschutz bei dreckiger Fahrbahn

Bericht vom 21.10.2020 | 9.568 Aufrufe

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