Indian Challenger vs. Harley-Davidson Road Glide Test 2020

Harley oder Indian – wer baggert besser?

„Aus Amerika für Amerika“ wird oft über schwere Cruiser und Tourer aus US-Produktion geunkt – zu schwer, zu behäbig und zu unhandlich für unsere kurvigen Straßen lautet da oft die Begründung. Vor allem stylische Bagger seien einzig und alleine für amerikanische Highways geeignet, auf denen man ohnehin tausende Kilometer geradeaus im Schneckentempo cruisen kann. Harley-Davidson Road Glide Special und Indian Challenger Limited räumen eindrucksvoll mit diesem Vorurteil auf!

Zugegeben, es gibt natürlich eine ganze Menge anderer Motorradkategorien, die sportlicher sind, als dicke Ami-Tourer. Zugegeben, eigentlich fast alle. Ich fordere aber, wenn ich nun schon so ehrlich bin, von allen Kritikern, dass sie im Gegenzug eingestehen, dass gerade solche Tourer, oder besser Bagger (so nennt man Tourer, die wegen des fehlenden hohen Windschilds und ohne Topcase eine relativ flache Linie besitzen) sehr wohl ein gewisses Maß an Dynamik und sogar Sportlichkeit erlauben. Zumindest moderne Bagger vom Schlage einer Harley-Davidson Road Glide Special und Indian Challenger Limited.

Die Harley-Davidson Road Glide Special mit der markanten “Shark Nose”

Die Harley sieht nämlich nur rein äußerlich mit ihrer (für mich) immer noch extrem ansprechenden und ultracoolen „Shark Nose“-Verkleidung an der Front mit den abgeschrägten Scheinwerfern so aus, als wäre sie den 1970er-Jahren entsprungen. Die Technik darunter und die mittlerweile auch von Harley-Davidson verbaute Elektronik (ja, auch Harley verwendet Bits und Bytes!) ist absolut State-of-the-Art. Gerade dadurch ist es äußerst erfrischend, dass die Road Glide Special immer noch genügend „Good Vibrations“ bis zum Fahrer vordringen lässt – der fette Milwaukee-Eight-V2 beutelt sich immer noch herrlich ab und lässt den Piloten angenehm spüren, dass da gerade zwei Töpfe mit insgesamt 1868 Kubik Hubraum arbeiten, keine Nähmaschine.

Indian Challenger – der Name ist Programm!

Und nun kommt die eigentlich noch ältere und somit traditionsreichere Marke Indian (Gründungsjahr 1901, Harley-Davidson 1903) daher und möchte mit der brandneuen Challenger Limited die Road Glide Special herausfordern. Und dieser Frontalangriff ist nicht etwa von mir zwecks gesteigerter Spannung inszeniert, sondern ganz bewusst von Indian selbst! Schon alleine der Name ist Programm, Challenger bedeutet Herausforderer und genau das macht der neue Bagger im Indian-Programm auch mit dem Platzhirschen Harley Road Glide. In Amerika ist nämlich, anders als bei uns in Europa, vergleichende Werbung erlaubt, Indian weist also in einer groß angelegten Kampagne ganz bewusst darauf hin, dass man mit der Challenger Harley-Davidson im Visier hat. Und es wurden im Zuge dieser Werbekampagne tatsächlich direkte Wettbewerbe ausgetragen, sei es beim Tauziehen oder beim Beschleunigungsrennen, die Indian Challenger ging stets als Sieger hervor – was aufgrund von über 30 PS Unterschied nicht allzu sehr überrascht. Harley-Davidson hat daraufhin mit einer sehr dezenten Werbeanzeige gekontert – wer mehr darüber wissen möchte, unter anderem, was Porsche mit der ganzen Sache zu tun hat, kann sich gerne meinen Bericht Harley vs. Indian 2020 ansehen.

Indians Challenger punktet mit dem kräftigeren Motor

Die tatsächliche Gegenüberstellung der beiden Amerikanerinnen zeigt jedenfalls unwiderlegbar auf, dass die Indian den kräftigeren Motor hat. Mit 1768 Kubik aus ebenfalls zwei Zylindern zwar exakt 100 Kubik weniger Hubraum als die Harley, dank der moderneren Rezeptur aber eben mit erheblich mehr Leistung und etwas mehr Drehmoment. Den 89 PS der Harley stehen also 122 PS der Indian gegenüber, was allerdings bei solchen dicken Eisen nur die halbe Wahrheit ist – das Drehmoment spielt in dieser Klasse bekanntlich die erste Geige. Und da ist der Unterschied dann gar nicht mehr ganz so frapant, gewaltigen 163 Newtonmeter bei 3000 Touren auf der Harley stehen noch gewaltigere 178 Newtonmeter bei 3800 Umdrehungen auf der Indian gegenüber.

Harley-Davidson Road Glide Special – mit dem typischen Tritt in den Hintern

Den großen Unterschied macht in diesem Kapitel dennoch die Elektronik, während nämlich die Harley keine Leistungsmodi bietet und stets den bekannten und zumindest von mir sehr geschätzten „Tritt in den Hintern“ schon von ganz weit unten beherrscht, kann man auf der Indian aus drei verschieden abgestimmten Leistungsmodi wählen. Wobei eben im Standard-Mode der erwartete Bums fast schon zu verhalten ausfällt (im Rain-Mode erwarte ich ohnehin nichts außer Geschmeidigkeit), schiebt das Triebwerk erst im Sport-Mode so richtig an. Dann aber von weit unten bis weit nach oben – man kann den dicken Zweiender auch ganz passabel ausdrehen, wo sich bei der Harley dann schon länger nichts mehr tut.

Auf der Indian Challenger Limited macht nur der Sport-Mode Spaß

Damit erweist sich auf der Indian der Sport-Mode (abgesehen von feuchten Straßen) als einzig wahrer Modus, auch wenn man gar nicht volle Kanne sportlich unterwegs sein möchte. Interessant ist, dass die Indian trotz ihrer Wasserkühlung eine ziemliche Hitze unter dem Fahrer produziert. Nach wie vor nicht so viel, wie auf der nur teil-flüssiggekühlten Road Glide Special (ein Harley-Triebwerk kann man sicher sehr gut als Heizaggregat missbrauchen), aber doch spürbar - knapp 1,8 Liter Hubraum aus zwei Zylindern lassen sich eben auch auf der Indian thermisch nicht ganz einfach verbergen.

Harley vs. Indian – in Sachen Komfort und Stabilität Gleichstand

Dafür leistet sich Indian beim Fahrwerk keinerlei Schnitzer, die fette 43er-USD-Gabel und das Monofederbein im Heck dämpfen und federn komfortabel, verbitten sich aber etwaiges Aufschaukeln, wie es noch vor einigen Jahren in dieser Klasse durchaus üblich war. Von Sport zu reden, wäre vielleicht vermessen, aber in Kombination mit der ordentlichen Schräglagenfreiheit kann eine durchaus flotte Gangart gewählt werden. Und auch Harley-Davidson muss man einmal mehr für das gelungene Fahrwerk loben, bei den Tourern schaffen die Amis stets einen sehr homogenen Spagat zwischen Komfort und Stabilität. Auch hier wäre es wohl etwas dreist, es sportlich zu nennen, allerdings kann man die 387 Kilo fahrfertig (bei der Indian Challenger Limited sind es vernachlässigbare 6 Kilo weniger) erstaunlich souverän um diverse Radien bewegen und hat auch in engeren Kurven noch erstaunlich viel Schräglagenfreiheit für einen dicken Bagger.

Gebrauchte und neue Cruiser Motorräder

Pfeil links Pfeil rechts

Beide Bagger bieten ein umfangreiches Elektronikpaket

Das könnte bei beiden auf das große Vorderrad mit jeweils 19 Zoll zurück geführt werden, das die beiden Maschinen klarerweise noch ein paar Zentimeter höher setzt. Apropos Räder, die Indian geht auch bei den Reifen einen sehr modernen Weg – der serienmäßig montierte Metzeler Cruisetec verwöhnt mit Grip und vor allem Nassgrip, wie man ihn von einem modernen Straßenreifen erwarten kann und legt den Fokus nicht einzig und alleine auf eine exorbitant hohe Kilometerleistung. Wer dann noch (verständlicherweise) durch das hohe Drehmoment den Grip verliert, kann schließlich auf die verbaute Elektronik vertrauen – die 6-Achsen-IMU samt kurvenabhängiger Traktionskontrolle und Kurven-ABS hält die dicke Fuhre im Zaum. Wobei in diesem Kapitel auch die Harley mittlerweile voll punkten kann. Ebenfalls mit Kurven-ABS und Traktionskontrolle bestückt, fährt man mit ihr absolut sicher und easy durch die Gegend.

Harley--Bremsen auf hohem Niveau, Indian muss sich erst einschleifen

Bei den Bremsen wirkt die Indian sogar etwas zahnlos im Vergleich mit der Harley, sehr wahrscheinlich, dass die Anlage auf unserer Challenger noch nicht richtig eingefahren war. Denn von einer 320er-Doppelscheibe mit radialen Brembo-Vierkolbenzangen erwarte ich, dass ich weniger Handkraft für ordentliche Verzögerung aufbringen muss, hohes Gewicht hin oder her. Denn die Harley zeigt, dass ein solch schwerer Tourer mit zwei 300er-Scheiben und Vierkolben-Festsätteln erstaunlich gut zu verzögern ist. Von einer Honda Goldwing will ich erst gar nicht anfangen, da hatte ich die Honda Goldwing Tour DCT bereits mit der Harley Davidson Road Glide Special im Vergleich – und die Gold Wing bremst als ausgewiesenes Technobike nochmals besser als die ohnehin gute gute Harley. Hier geht´s zum Vergleichstest Harley-Davidson Road Glide Special vs. Honda Gold Wing Tour DCT

Das Killerargument für die Indian: Die höhenverstellbare Touringscheibe!

Da sich schließlich auch die Musikanlagen auf beiden Modellen als äußerst volumenstark und richtig klangvoll erweisen, muss ich tatsächlich zugeben, dass beide Bagger der amerikanischen Schmieden ihre ganz persönlichen Reize haben. Die Indian mit ihrem stärkeren Motor und dem bisschen mehr Elektronik vielleicht noch etwas sportlicher als die Harley, die dafür mit dem Anspruch der absoluten Originalität und einer erstaunlich modernen Fahrbarkeit samt viel Komfort und Schräglagenfreiheit. Wäre nur noch ein cooles Feature an der Challenger zu erwähnen, mit dem sie als völlige Neuheit im Segment der Bagger zumindest bei mir punkten kann: In der vorderen, wuchtigen Verkleidung kann die niedrige Scheibe, die einen Bagger nun mal ausmacht, um fast 10 Zentimeter elektrisch hochgefahren werden, wodurch sie zum Touring-Bagger wird. Da bin ich schon neugierig, wie und ob der Platzhirsch Harley-Davidson in Zukunft reagiert!

Fazit: Harley-Davidson Touring Road Glide Special FLTRXS

Die Road Glide Special ist ein guter Beweis dafür, dass es sehr wohl funktioniert, Tradition mit Moderne ganz unauffällig zu vereinen. Rein optisch sticht natürlich die „Sharknose“ ins Auge - egal, ob man sie mag oder nicht, sie ist einzigartig. Im Inneren ist hingegen modernste Technik verbaut: Eine kombinierte ABS-Bremse, Traktionskontrolle, LED-Scheinwerfer, ein kräftiges Infotainment-System und der kräftige 114 Cubic Inch (1868 Kubik) V2-Motor, der so herrlich stampft, wie es sich für eine Harley nun mal gehört. Der dicke Murl erlaubt sehr drehzahlarmes Fahren, das gewaltige Drehmoment von 163 Newtonmeter liefert ohnehin in jeder Lebenslage genug Druck. Nur das hohe Gewicht und der fehlende Rückwärtsgang können beim Stehenbleiben und beim Rangieren mitunter für Probleme sorgen.


  • typischer Harley-V2-Motor mit „Good Vibrations“
  • einzigartiges Design, hochwertige Lackierung
  • großzügige Ausstattung
  • ausreichende Schräglagenfreiheit
  • gut dosierbare und standfeste Bremsen mit Kurven-ABS
  • tolle Soundanlage
  • hoher Komfort mit gemütlicher Sitzposition
  • druckvolle Beschleunigung
  • hohes Gewicht
  • kein Retourgang
  • kein Schnäppchen

Fazit: Indian Challenger Limited

Indian pflegt seine Tradition und versucht dennoch stets Neues. Die Challenger Limited ist bereits an der etwas kantigeren Verkleidung als moderne Auflage eines klassischen Baggers zu erkennen. Der Motor ist mit 122 PS und 178 Newtonmeter Drehmoment richtig kräftig und das komfortable Fahrwerk verdaut neben groben Stößen auch eine sportlichere Gangart. Lediglich die Bremse packt zwar brav zu, braucht dann aber viel Handkraft um die fast 400 Kilo fahrfertig bei flotter Fahrweise zu verzögern. Genial ist das elektrisch höhenverstellbare Windschild, das aus dem Challenger-Bagger einen Challenger-Tourer macht!


  • Kräftiges Triebwerk mit Charakter
  • viel Komfort
  • stabiles Fahrwerk
  • umfangreiche Ausstattung
  • Kurven-ABS
  • Traktionskontrolle
  • drei Fahrmodi
  • Bremse braucht viel Handkraft
  • hohes Gewicht
  • stolzer Preis

Bericht vom 17.06.2020 | 16.252 Aufrufe

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