Suzuki GSX-S1000 vs. GSX-R1000 Vergleich

Echtheitsmessung: Suzuki S und R im Straßenduell

Es ist nicht das erste Mal, dass wir von den letzten, echten Sportmotorrädern sprechen, aber vielleicht das letzte. Vauli und K.OT fuhren Suzuki GSX-S1000 ABS und GSX-R1000 ABS.

ABS wird zur Pflicht, Traktionskontrolle zum Standard, die Wheelie-Control wird sich etablieren, eine Slide-Control hat ebenfalls schon Serienreife erreicht. Abgesehen von den Entwicklungen, die sich jetzt gerade aus den Gehirnen einiger technisch ziemlich versierter Ingenieure hinter ziemlich gut gesicherten Labortüren zu materialisieren beginnen – wahrscheinlich abgeleitet von unverstehbaren Wissenschaftsbereichen wie Raumfahrt und Biotechnik - und uns in naher Zukunft erreichen werden, sind wir bereits jetzt in einer Gegenwart angekommen, die uns überholt zu haben scheint. Bald werden wir nicht mehr schalten, sondern nur mehr Gas geben müssen und zwar egal wieviel, es wird immer genau richtig viel Leistung ans Hinterrad geschickt. Manches wird uns Spass machen, anderes den Spass verderben.

Aber noch ist es noch nicht ganz so weit, noch kann man sie kaufen, neu, die echten Motorräder. Ohne Ride-by-Wire, ohne Fahrmodi, ohne Traktionskontrolle. Doch zu spät, nicht mal unsere beiden Suzukis sind mehr unberührt. Die GSX-S1000 hat neben dem ABS auch eine 3-stufige Traktionskontrolle, die GSX-R1000 zumindest ein ABS. Keine Schaltautomaten, keine Wheelie-Control, keine Schräglagensensoren, nichts. Obwohl…nichts? Da ist doch alles dran, was ein Motorrad braucht!

Zunächst steckt ein Motor im Rahmen, der 1000 Kubik Reihenvierer, der bis zur K5 zurückreicht. Für den Supersportler gibt Suzuki 185 PS an, das Naked Bike steht mit 149 PS in der Tabelle, was sie am Prüfstand übertroffen hat. Beide ziehen ab mittlerer Drehzahl kräftig bis spektakulär an, begleitet vom typisch heiseren Gixxer-Geschrei und erinnern einen kurz vorm Begrenzer daran, dass man beim Motorradfahren auch nach Jahren sowas wie Angst haben kann. Die GSX-S1000 ist gestalterisch gut gelungen, sieht frisch und knackig aus, ist aber technisch gesehen zu spät auf den Markt gekommen.

Die GSX-R1000 sieht in der MotoGP-Lackierung ebenfalls sehr appetitlich aus, ist aber schon zu lange auf dem Markt. Darauf könnte man jetzt weiter herumtrampeln, doch auch andere Hersteller brauchten ein halbes Jahrzehnt, um den nächsten Schritt im Supersport-Segment zu riskieren. So überholt, wie manche tun, sind die beiden nicht. Die Gixxer hat vor Kurzem noch reihenweise Titel im Motorradsport abgeräumt und auch die S ist ein potentes, aufregendes Motorrad und keine alte Schachtel. Schon bald könnte man sich wehmütig an sie zurückerinnern.

Im Alltag ist ein Naked Bike einem Supersportler fast immer vorzuziehen, doch der GSX-R kann man einen gewissen Komfort nicht absprechen. Wenn man richtig sitzt, auf 810 mm Höhe, kann man es eine Zeit lang aushalten. Dass die GSX-S nicht gleich aus dem Drehzahlkeller andrückt, ist eigentlich ebenfalls ein Vorteil, wenn man entspannt durch den Verkehr düsen möchte. Nur in der freien Wildbahn, wenn es auf die Jagd geht, muss man eben etwas mehr orgeln, als man das von anderen 1000ern gewohnt ist. Leider können auch die Lastwechsel etwas nerven. Beiden Schwestern gemein ist ein direktes, praktisch unverfälschtes Fahrerlebnis mit ausgewogenem Handling, das eine Zeit konserviert, in der wir noch selbst und ohne Hilfe gefahren sind. Wer diese Zeit nicht missen möchte, der sollte zuschlagen.

Vaulis Meinung zu Suzuki GSX-R 1000 vs. GSX-S 1000:

Betrachtet man unseren Vergleich von Suzuki GSX-R 1000 gegen GSX-S 1000 etwas (zu) kritisch, kann man schon einige Ungereimtheiten entdecken: Superbike vs. Naked Bike, 185 PS vs. 149 PS, Rennstrecken-Fahrwerk vs. Kompromisslösung, aerodynamisch optimierte Vollverkleidung vs. nix. Allerdings liegt es doch auch ziemlich nahe, zwei so stark verwandte Maschinen miteinander zu vergleichen, um zu sehen, wie viel Superbike der Mensch braucht - oder wie viel Naked Bike reicht. Denn gerade die GSX-R 1000 ist als eines der "bequemsten" Superbikes bekannt - und dafür möchte ich auch einmal eine Lanze brechen.

Ja, die Europäer bauen zur Zeit die besseren Sportler (abgesehen von Yamaha). Ja, die Japaner haben seit einigen Jahren die Entwicklungsarbeit offensichtlich zu stark heruntergeschraubt. Und ja, Suzuki GSX-R 1000 und Honda CBR1000RR Fireblade sind in Sachen Spitzenleistung nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Aber: Die Japaner haben uns dorthin gebracht, wo wir heute sind und an der neuen Yamaha R1 sieht man, dass sie es immer noch können. Begonnen hat es mit der Honda CBR900RR Fireblade, die bei ihrem Debüt 1992 mit 204 Kilo weniger wog, als alle damaligen 600er! Dann der nächste Paukenschlag: 1998 kam die erste Yamaha R1 mit damals sagenhaften 150 PS. Und schliesslich im Jahr 2001 die erste Suzuki GSX-R 1000, die mit 160 PS bei 170 Kilo Trockengewicht wieder neue Massstäbe setzen konnte.

Ausserdem ging es schlagartig alle zwei Jahre mit bahnbrechenden Neuerungen weiter. Dieses hohe Tempo konnten die Europäer damals nicht mitgehen - und die Japaner nach der Krise leider auch nicht mehr. Aus dieser Lethargie ergab sich aber auch etwas sehr Positives: Die aktuelle GSX-R 1000 wurde schon lange nicht mehr völlig neu konstruiert, sondern behutsam verfeinert. Sie besitzt vor allem einen unfassbar herrlichen Motor, der eine Drehmomentkurve entwickelt, die aussieht, als wäre sie mit dem Lineal gezogen. Das bringt Power von weit unten und eine herrliche Fahrbarkeit - womit sich die Spitzenleistung von "nur" 185 PS relativiert, denn für Hobbyfahrer zählt ein breites Leistungsband viel mehr als die reine Spitzenleistung.

Ganz ähnlich läuft das bei der GSX-S 1000: Das stark mit der GSX-R 1000 verwandte Triebwerk bringt es auf 149 PS - ein Wert, der heutzutage nicht einmal bei einem Naked Bike Begeisterungsstürme hervorruft. Kein Wunder, gibt es doch schon mehrere Modelle, die sogar über 170 PS in den Leistungsdaten stehen haben. Allerdings benimmt sich das Suzuki-Triebwerk auch in der GSX-S 1000 schon von weit unten extrem kräftig und erreicht somit eine Beschleunigung, die durchaus in die Klasse der Power-Naked Bikes passt.

Beim Komfort kann die nackte GSX-S natürlich voll punkten, da nützt es der GSX-R auch nichts, dass sie eben ein sehr komfortables Superbike ist, in dem man eher drinnen als drauf sitzt. Denn gegen die aufrechte Sitzposition und das komfortablere Fahrwerk der nackten Schwester hat das Superbike keine Chance. Bei den Bremsen sind hingegen beide auf einem ausgezeichneten Kompromiss-Level angelangt: Sowohl auf der GSX-R 1000 als auch auf der GSX-S 1000 arbeiten hervorragende Bremsanlagen, die kräftigst zupacken können, in Sachen Dosierbarkeit aber nicht schwächeln. Das ABS auf der GSX-R 1000 ist ein erstes Zugeständnis an die Moderne, auf der GSX-S 1000 ist zusätzlich eine Traktionskontrolle Standard.

Also ist bei Suzuki das abgewandelte Naked Bike besser ausgestattet als das Superbike-Original und spielt damit theoretisch sogar auf einem höheren Niveau.Und trotzdem würde ich die GSX-R 1000 vorziehen, denn für mich ist sie eines der letzten echten Superbikes, das noch ohne bevormundende Elektronik genau das macht, was ich will - ohne doppelten Boden. Sozusagen einer der letzten Dinosaurier unter den Superbikes. Klar hat die GSX-R 1000 den scharfen Waffen der Konkurrenten nicht mehr viel entgegenzusetzen, aber dieses Flair des letzten echten Cowboys ist schon besonders cool!

Fazit: Suzuki GSX-R 1000

Viele siegreiche Jahre im internationalen Motorradrennsport haben aus dem Superbike GSX-R1000 eine Legende gemacht - und ein etwas angegrautes Modell. Denn echte Innovationen oder gar Revolutionen liegen eine gefühlte Ewigkeit zurück, die letzten Updates beschränkten sich auf optische Aufwertungen, wie zuletzt mit der MotoGP-Replica Lackierung. Die sieht zwar frisch und flott aus, aber im Segment der mittlerweile zu technologisch hochentwickelten und dementsprechend teuren Hypersportlern avancierten Racern wirkt die GSX-R mittlerweile wie ein leicht angegrautes Urmodell. Sie fährt immer noch gut, schnell und harmonisch, man merkt ihr die Reife einfach an - und das ist positiv gemeint. Wir warten trotzdem schon auf die nächste Generation.


  • ausgereifte Technik
  • großer Erfahrungsschatz aus jahreslangem, erfolgreichem Rennsport
  • breites Zubehörangebot
  • angegrautes Modell
  • nicht mehr zeitgemäße Elektronik

Fazit: Suzuki GSX-S1000

Die GSX-S1000 ist ein ehrliches Motorrad, was Leistung und Fahrverhalten betrifft. Man bekommt sogar mehr, als auf dem Papier angegeben, muss den Reihenvierer dafür aber erstmal auf Touren bringen. Als Fahrer hat man jedenfalls das Gefühl, noch selbst das Kommando innezuhaben, selbst wenn die GSX-S nicht mehr ganz ohne serienmäßige Fahrassistenzsysteme auskommt - die ausgesprochen gut funktionieren. Der Kontakt zur Straße wirkt direkt, die Dynamik ist präzise und transparent. Nicht nur designtechnisch kann einem dieses Naked Bike noch viele Jahre Freude machen, da ist die etwas betagte Basis schnell vergessen.


  • legendärer Suzuki-Motor
  • scharfer Sound
  • drehfreudig
  • harmonische Abstimmung
  • gefälliges Design
  • starke Bremsen
  • straffes Fahrwerk
  • keine Leistungsschummelei
  • alte Basis
  • schwache Leistung im Drehzahlkeller
  • Lastwechsel

Bericht vom 12.10.2015 | 25.673 Aufrufe

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