Erfahrungen mit der Motorex 450 Rally Replica

Die Motorex Rally Experience - Teil 2

Faszination Rally - Seit über 35 Jahren fahre ich nun Motorrad. Die meiste Zeit bewegte ich mich davon abseits von befestigten Straßen. Ich kannte meines Erachtens also schon die ganze Offroad Welt, doch letzte Woche wurde ich eines Besseren belehrt.

Ehrlich gesagt habe ich die horrenden Preise für die Rallye Replicas nie verstanden. Eine Preisdifferenz von 200% zwischen 450er Enduro und Rallye ging mir nie ein - weil die Replica meines Erachtens nach quasi nur eine Enduro mit Rallyevorbau und größerem Tank ist. Falsch gedacht. Die Rallye hat bis auf das Motorgehäuse relativ wenig mit einer herkömmlichen Enduro zu tun. Gitterrohrrahmen, 52mm Gabel, längere Schwinge, Pankl-Komponenten in Motor und Getriebe machen die Rally zu einem komplett eigenständigen Motorrad. Wer aufgrund der verbauten Pankl Teile eine mörderische Spitzenleistung vermutet, liegt falsch. Zwar wird gemunkelt, dass die Rally so um die 55 PS und somit ca. 2 bis 4 PS mehr als eine 450er-Enduro aufs Hinterrad bringt. Allerdings hat das im Rallybetrieb nur einen sehr untergeordneten Stellenwert. Die wichtigste Prämisse im Rallysport lautet: "Ins Ziel kommen". Zwei Ziele wurden bei der Planung und Konstruktion vehement verfolgt: Haltbarkeit und schnelle Fehlerbehebung. Lyndons Motorex Rally Replicas hatten im Schnitt um die 300 Betriebsstunden auf der Uhr. Eine Laufleistung, bei der man bei einer gewöhnlichen Enduro entweder über ein teures Komplettservice, oder den Wiederverkauf nachdenkt. Die Replicas hingegen fuhren sich wie am ersten Tag; knackiger Motor und präzise funktionierendes Getriebe.

Letzte Vorbereitungen

Das älteste Bike in Lyndons Fuhrpark hat mittlerweile 700 Stunden runter, mit originalem Kolben und sonst keinen außertourlichen Reparaturen außer Servicearbeiten wie Ölwechsel und Ventile einstellen. Die schnelle Fehlerbehebung geht mit einer durchdachten Bauweise des Motorrades einher. So lassen sich etwa die Frontverkleidung und die Sitzbank werkzeuglos entfernen. Um die Fronttanks zu entfernen, müssen pro Seite lediglich 3 Schrauben entfernt werden. Somit sind schonmal alle wichtigen Teile des Bikes frei zugänglich und die Fehlerbehebung kann beginnen. Laut Lyndon kamen in Südamerika Trockenlegung nach missglückten Flussdurchfahrten und Kupplungstausch nach mehrmaligen Festfahren in einer Düne des Öfteren vor. Das benötigte Werkzeug dafür passt in eine Tasche die kaum größer ist als eine Jausenbox. Darin finden sich neben dem Werkzeug noch Dichtmasse, Flüssigmetall, diverse Hebel (Armaturen) sowie ein paar Ersatzschrauben. Die obligatorischen Kabelbinder und Racetape finden sich schnell greifbar über das Motorrad verteilt. Diese durchdachte Bauweise spielt auch beim täglichen Service eine wichtige Rolle. Flottere Fahrer kommen im Schnitt um 18:00 Uhr ins Biwak, gleich danach wollen Fahrer und Bike versorgt werden. Das dauert ohne Reparaturen gleich mal bis 21:00 Uhr, danach noch Briefing und ab ins Bett. Denn zwischen 2 und 3 Uhr früh läutet der Wecker. Direkt zum Frühstück, um so viel Kalorien wie möglich in sich reinzustopfen. Danach zur Liaison zum Start. Jede einzelne Minute, die hier aufgrund einer aufwendigen Bauweise abhanden kommt, rächt sich spätestens am nächsten Tag. Mittlerweile habe ich schon ein paar verschiedene Bikes abseits der Straßen bewegt. Die Fahrt mit der Motorex Rally Replica war aber eine besondere Erfahrung. Selten habe ich mich auf einem Motorrad so wohl und vor allem sicher gefühlt. Der lange Radstand, der Lenkungsdämpfer und nicht zuletzt das massive Fahrwerk heben die 450er auf ein anderes Level. Sie fährt sich extrem Spurstabil und nascht über Rillen, sandigen Untergrund, Felsbrocken und Schlaglöcher hinweg als wäre nichts. Ehrlich gesagt hatte ich in heiklen Situationen öfters das Bedürfnis, schneller zu fahren, anstatt wie sonst verkrampft in die Eisen zu greifen.

Die Ausstattung und Eigenschaften der Motorex Rally Replica

Rein Optisch nehmen die Tanks den Großteil des Bikes ein. Ganze 32 Liter passen auf die Motorex Rally Replica. Davon kommen 12 Liter in die Hecktanks die zwei vorderen Tanks fassen in Summe 20 Liter. Die Versorgung lässt sich vom Lenker aus steuern, bei sandigen Etappen will man das Vorderrad entlasten und leert deshalb zuerst die vorderen Tanks. Bei technischen und kurvigen Etappen möchte man ein handliches Bike, dementsprechend leert man zuerst die hochgelegenen Hecktanks. Je nach verbautem Zubehör wiegt eine Replica zwischen 140 und 145 Kg. Vollgetankt und rennfertig bewegt man sich knapp unter 170 kg. In den Reifen kommen anstatt der Schläuche Moussegummis zum Einsatz. Diese haben den Vorteil, dass ihnen Stich oder Quetschverletzungen nichts anhaben können. Allerdings entwickelt das Mousse bei höheren Geschwindigkeiten kritische Temperaturen. Lyndons Erfahrungen waren, den anhaltenden Top Speed unter 120 km/h zu halten, da sonst das Mousse schmilzt, was zu heftigen Schäden und dann wiederum zum Totalausfall führen kann. Ein weiteres heikles Thema an den Rädern sind die Speichen. Die ohnehin schon verstärkten Speichen müssen täglich auf Festigkeit geprüft werden, sonst drohen sehr unschöne Ausfälle.

Die tägliche Wartung der Motorex Rally Replica

Wie schon im ersten Teil erwähnt, werden im Rahmen der Malle Moto Klasse alle Reparaturen und Servicearbeiten vom Fahrer selbst erledigt. Hier ein kleiner Überblick der notwendigen Tätigkeiten:

  • Der Luftfilterwechsel, der Luftfilter liegt direkt unter der Sitzbank und ist leicht zugänglich.
  • Das Nachfüllen der Kühlflüssigkeit. Die Rally hat keinen Ausgleichsbehälter, deshalb müssen täglich ca. 50ml Motorex M3 Kühlflüssigkeit nachgefüllt werden. Bei einem höheren Verbrauch muss das Kühlsystem auf Dichtigkeit geprüft werden.
  • Öl und Filterwechsel. Bei durchschnittlicher Belastung wird jeden zweiten Tag das Motorex 4T Öl gewechselt. Wurde allerdings auf der Etappe etwa die Kupplung schwer beansprucht, wird das Öl auch täglich gewechselt.
  • Kontrolle der Kettenspannung
  • Kontrolle der Speichen
  • Reifenwechsel, je nach Terrain und Etappe halten die Hinterreifen 2 bis 3 Tage, danach müssen neue Gummis aufgezogen werden.

Die Dakar hatte für mich schon immer eine gewisse Faszination. Wenn es möglich war hab ich Walkner, Sunderland und Co auf Eurosport spät am Abend verfolgt. Durch das Motorex Rally Training mit Lyndon hab ich nun deutlich mehr Respekt vor allen Teilnehmern. Das komplexe Zusammenspiel von Navigation, fahrerischen Talent überschattet von körperlichen Strapazen und Schlafentzug macht die Dakar einzigartig und die Fahrer zu ganz besonderen Helden.

Bericht vom 14.12.2022 | 14.192 Aufrufe

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