Zwischen einst und jetzt - Motorradtour durch Rumänien

Motorradreise in den Osten Europas

Auf Entdeckungstour durch das Enduroparadies der Karpaten – mit Einblicken in ein Land, das sich nicht recht zwischen Gestern und Heute entscheiden kann.

Text: Thilo Kozik, Fotos: Andrei Florea, Thilo Kozik

Mit einer Fläche von 238.391 km² ist Rumänien fast sechsmal so groß wie die Schweiz, beherbergt aber mit rund 20 Millionen Einwohnern nur zweieinhalb mal so viele Menschen. Typisch für einen zentralistisch organisierten Staat leben zehn Prozent davon in der Hauptstadt Bukarest. Seit 1989 hat sich Rumänien politisch den westeuropäischen Staaten angenähert und wurde Mitglied der NATO (2004) sowie der Europäischen Union (2007). Das Land grenzt im Osten an das Schwarze Meer und unterteilt sich grob in die Bergregionen der Karpaten, die Tiefebene der Walachei, auch pannonische Tiefebene genannt, und das Donaudelta.

Das unbekannte Eck Europas - Rumänien als Reiseziel

Geografisch liegt Rumänien gar nicht so weit weg vom Zentrum Europas. Von Bern aus sind es 1425 Kilometer bis Timioara im Westen des Landes, das ist kürzer als bis nach Madrid, wenn man über Land fährt. Doch unsere Gedanken führen selten in Richtung Osten, von unseren Wegen ganz zu schweigen. Rumänien was kommt einem in den Sinn, wenn man an dieses Land am schwarzen Meer denkt?

Zunächst vermutlich recht wenig, dann die Vampirlegende Graf Dracula und danach dominieren eher negative Assoziationen: Angefangen bei bettelnden Frauen in langen Gewändern bis hin zu Banden, die westliche PKW gleich im Dutzend verschieben. Wer ein bisschen tiefer im Gedächtnis gräbt, kommt vielleicht noch auf Ion Tiriac, den Ex-Manager von Tennisspieler Boris Becker, und Peter Maffay, den deutsch-rumänischen Sänger. Doch auch Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wuchs im rumänischen Banat auf.

Klima und die beste Reisezeit für Rumänien

Grundsätzlich gilt: Rumänien ist im Sommer heiß, im Winter kalt. Besonders im Süden und Osten des Landes kann man mit trockenen und heißen Sommern und im ganzen Land außer an der Küstenregion mit ausgeprägt kalten Wintern rechnen. Für eine Motorradreise sind die Monate Mai bis September optimal, wobei auf hohen Pässen außerhalb des Hochsommers Schnee nicht auszuschließen ist. Flexibel und wetterfest sollte man dennoch gerade in der Gebirgsregion der Karpaten sein.

Wenn Englisch nicht mehr weiterhilft...

Unterm Strich weiß man nicht viel über jenes Land, das früher im Herzen des Sozialismus abgeschottet hinter dem Balkan und Ungarn in einer der eisernsten kommunistischen Diktaturen Stichwort: Nicolae Ceauescu sein Dasein fristete. Wer dieses Land erkennen und verstehen will, macht sich deshalb am besten mit Einheimischen auf den Weg. Beispielsweise mit Matei, einem geborenen Bukuresti, wie die Einwohner der Hauptstadt heißen. Matei hat früher für Audi gearbeitet, hat sich zum BMW Motorrad-Instruktor ausbilden lassen, veranstaltet Sicherheitstrainings und spricht deshalb sehr gut Deutsch eine unschätzbare Hilfe im zurückgebliebenen rumänischen Hinterland, wo Englisch nicht mehr weiterhilft.

Anreise nach Rumänien

Die Anreise per Achse führt entweder über München, Wien und Budapest über rund 1300 Kilometer ins Zielgebiet oder über Prag, Brünn, Pressburg, die Slowakei und wiederum Budapest nach Rumänien diese Strecke ist noch einmal 200 Kilometer länger. Eine überlegenswerte Alternative aus Norden ist der Autoreisezug von Hamburg nach Wien, der täglich einen Großteil des Weges komfortabel überbrückt ab zirka 170 Euro für eine Fahrt (www.nighjet.com).

BMW GS Transylvania Tour - Rundtour durch Rumäniens Hinterland

Einmal im Jahr organisiert Matei die GS Transylvania Tour, eine Rundtour durch die Karpaten für BMW-Motorräder. Das ist jenes nördlich der Hauptstadt an der Grenze zur Ukraine gelegene Mittelgebirge, von manchem mit dem Ausdruck bis in die Karpaten synonym für das Ende der Welt gebraucht. Tatsächlich gilt die Region in den Augen der weltmännischen Bukarester als besonders rückständig. Zum Startpunkt der Tour geht es von der Hauptstadt über eine autobahnähnliche Schnellstraße, vierspurig ausgebaut, ins touristisch erschlossene Hügelland um Braov. Dabei bekommen wir einen ersten Eindruck von den aufeinanderprallenden Lebenswirklichkeiten, die in diesem so unterschiedlichen Land herrschen: Schon wenige Kilometer hinter den quirligen Einkaufszentren auf der grünen Wiese bremst ein gemütlich dahintrottendes Pferdefuhrwerk auf der Schnellstraße den gesamten Verkehr ein und erinnert an das andere, rückständige Rumänien. Glücklicherweise sind wir auf unseren Motorrädern flexibel und die übrigen Verkehrsteilnehmer rücksichtsvoll genug, so dass uns das Verkehrsknäuel nicht lange aufhält.

Pferdefuhrwerk in Rumänien
Pferdefuhrwerke übernehmen den Transport auf dem Land

Am Abend haben sich alle knapp 20 Teilnehmer in der modernen Hotelanlage mit Outdoor-Pool eingefunden, lauschen Mateis Instruktionen und spielen sich die Route für den ersten Tag aufs Navi. Beim opulenten Abendessen in den Karpaten isst man bäuerlich, fleischlastig und deftig, sensible Mägen müssen sich auf die gesäuerten Speisen einstellen stellt sich heraus, dass die meisten aus Bukarest stammen und bis auf zwei, drei Neulinge schon bei der Premiere der GS TT 2016 dabei waren. Ein Blick auf den Parkplatz zeigt die gesamte Bayern-Armada von der einzylindrigen F 650 GS im Paris-Dakar-Look über eine F 800 GS bis zur Boxer-1200er und einigen dicken R 1200 GS Adventure-Modellen, allesamt mit Grobstollern bestens aufs Offroad-Vergnügen vorbereitet.

Offizieller Start ist am nächsten Morgen um 8:30 Uhr, doch die Motoren der bunten Bayern-Truppe laufen schon seit 8 Uhr warm. Apropos warm: Es ist August, angeblich einer der heißesten Monate, doch die Temperaturen sind noch nicht einmal zweistellig. In den Karpaten ist es immer kühler, weiß Matei und reibt die Hände wärmend aneinander. Daheim in Bukarest fällt das Thermometer um diese Jahreszeit selten unter 30 Grad.

Unterkunft und Logis in Rumänien

In den touristisch erschlossenen Gebieten finden sich eine Vielzahl unterschiedlicher Übernachtungsmöglichkeiten für jeden Geldbeutel und mit nahezu jeglichem Komfort. Dabei beginnen selbst die Preise im Hotel schon bei 30 Euro, meist inklusive Frühstück. Auf dem Land wird das Angebot zwangsläufig dünner, aber oft lässt sich ein einfaches Zimmer in einer Privatpension (Pensiunea) auftreiben, was für kleines Geld zu haben ist mitunter schläft man bereits ab fünfzehn Franken. Zelt und Schlafsack sorgen gerade in abgeschiedenen Regionen für mehr Unabhängigkeit, da sich niemand über wildes Campen aufregt. Aber auch Campingplätze werden besonders in den Karpaten immer zahlreicher.

Gebrauchte und neue Motorräder

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Wo die Zeit stehen geblieben ist - 1200 km durch das vielseitige Rumänien

In den nächsten vier Tagen liegen rund 1200 Kilometer Asphalt, Pisten und wildes Geläuf vor uns. Die Lunchpakete werden in den Koffern und Topcases verstaut, dann geht es in Grüppchen los, die sich beim Abendessen gestern verabredet haben. Braov haben wir nach zwei, drei Gasstößen hinter uns gelassen und fahren durch moderat gewelltes, landwirtschaftlich geprägtes Land. Wir folgen auf einer unbefestigten Piste einem kleinen Flußlauf über zehn, fünfzehn Kilometer, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Unzählige Male queren wir den Wasserlauf, wer keine wasserdichte Membran im Stiefel hat, wird den Rest des Tages mit patschnassen Füßen zubringen dürfen.

Das Landleben in Rumänien
Das bäuerliche Leben auf dem Land ist mitunter sehr kärglich

Wir kommen durch bunte Dörfer wie aus dem letzten Jahrhundert mit Fachwerk- und Backsteinbauten, durch die eine unbefestigte Straße mitten hindurchführt. Am Rand stehen Pferdefuhrwerke statt Traktoren, Fahrräder dienen als Fortbewegungsmittel. Kinder und junge Hunde laufen neben den Motorrädern her und winken fröhlich, auf den Dorfplätzen sitzen die Alten, schwätzen und schauen uns ein wenig verwundert hinterher. Nicht selten grast eine einsame Kuh im Grün neben der Dorfstraße. Hinter den kleinen Ortschaften folgende blühende Wiesen und fruchtbares Ackerland im stetigen Wechsel, auf den Feldern rackern sich Gäule und Bauern beim Bestellen des Landes ab. Was für ein Gegensatz zu unserem klimatisierten Hotel mit allem Komfort, von dem wir erst vor ein paar Stunden aufgebrochen sind.

Das Essen und die Kulinarik Rumäniens

Die traditionelle rumänische Küche ist bäuerlich, fleischlastig und deftig. In diesem Land wird hart gearbeitet, entsprechend üppig fallen die Mahlzeiten aus. Eine große Rolle spielen hausgemachte Spezialitäten wie Würste, Schinken und Speckschwarten, aber auch sauer eingelegtes Gemüse oder saure Suppen, Ciorba genannt. Sarmale sind Krautwickel aus sauer eingelegten Weißkohlblättern mit einer Schweinehack-Reis-Füllung. Knoblauch ist ebenfalls in fast jedem rumänischen Gericht enthalten, ansonsten gibts die rumänische Knoblauchsoße Mujdei. Häufige Beilage ist der Maisbrei Mamaliga oder Mamaliguta, der zu vielen Mahlzeiten als Beilage serviert und sowohl süß wie herzhaft verwendet wird. Mithin ist Rumänien für Vegetarier schwere Kost, die gegebenenfalls durch die Beigabe von Palinka, Horinca und anderen Schnäpsen erträglich wird. Meist kommt dieser von einem bekannten Privatbrenner des Gastgebers, erkennbar an der Abfüllung in Fanta-, Cola- oder anderen Plastikflaschen.

Der deutsche Teil Rumäniens: Siebenbürgen

Das ist die Siebenbürger Heide, weiß Matei. Hier halten sie die alten Traditionen der Sachsen hoch und sprechen auch vielfach Deutsch. Siebenbürgen? Sachsen? Da war doch was? Richtig: Siebenbürgen ist der deutsche Name für Transsilvanien, allerdings ist die Herkunft des deutschen Namens nicht endgültig geklärt. Vermutlich geht der Name auf sieben von deutschen Einwanderern gegründete Städte zurück. Aber die Sieben Stühle als Verwaltungsgebiete mit eigener Gerichtsbarkeit im umkämpften Grenzgebiet nach Osten könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Auf jeden Fall geht alles auf die Anwerbung deutscher Siedler im 12. und 13. Jahrhundert zurück, mit denen die damaligen Fürsten ihre Regionen gegen den Einfall der Tataren und Türken sichern wollten. Allerdings kamen die Siedler nicht aus dem heutigen Sachsen, sondern eher aus dem Mittelrhein- und Moselgebiet, Flandern und der Wallonie. Da der lateinische Stereotyp jener Zeit für Menschen aus Westeuropa Saxones war, wurden schnell die Sachsen daraus. Das ist der Grund, weshalb viele Straßenschilder und Inschriften neben den rumänischen auch deutsche Namen führen.

Landkarten und Reiseführer für Rumänien

Detaillierte Karten im guten Maßstab 1:250000 von verschiedenen Regionen wie den Apuseni-Bergen oder eine Siebenbürgen-Karte gibt es von der ungarischen Kartographischen Agentur unter www.map.hu. Für Übersichtsplanungen ist die Rumänien Moldawien, 1:500.000 von freytag & berndt nicht schlecht, gleiches bietet auch der Reise-Know-How-Verlag. Allerdings ist in den unwegsamen Karpaten ein GPS-Gerät zu empfehlen. Noch besser, man setzt auf einen Einheimischen, der um die aktuellen Unwegsamkeiten weiß.

Das wilde Land der Karpaten

Hinter dem Hügelland steigen die Gipfel der Karpaten an, es wird nochmals merklich kühler. Eine schön gewundene Asphaltstraße führt tief eingeschnitten wie ein Canyon durch dunkle Nadelwälder zum idyllisch gelegenen Bergsee Lacs Rosus. Hier der nächste krasse Gegensatz: Aus der Einsamkeit tauchen wir plötzlich in eine touristische Meile am Seeufer mit Busparkplatz, Hotels und Verkaufsständen.

Mit dem Motorrad über die rumänischen Karpaten
Über die vom Wind gebeutelten Höhenzüge der Karpaten führen nur unbefestigte Wege

Dies bleibt für länger unsere einzige Stippvisite in der Zivilisation. Unsere Strecke führt über von den Regenfällen der letzten Tage aufgeweichte Waldwirtschaftswege bis über die Baumgrenze auf die windgebeutelten Höhen der Karpaten. Auf dem Weg dorthin treffen wir nur auf ein paar Schäfer mit ihren Herden und werden von den Hirtenhunden stets ein paar hundert Meter kläffend begleitet. Der Untergrund ist felsig und rau, ausgewaschene Rinnen und dicke Brocken erhöhen den Schwierigkeitsgrad enorm. Bei der windumtosten Mittagspause unterhalb des 2302 Meter hohen Pietrosul-Gipfels im Nationalpark Muntii Rodnei können wir über die Grenze bis in die Ukraine schauen.

Südwärts durch Rumäniens Feldlandschaften

In einer großen Schleife führt die GS TT wieder nach Süden in Richtung Cluj-Napoca, zu deutsch Klausenburg. Die Landschaft ändert sich und wird offener, das Wetter auch: Es wird heiß. Je näher wir der zweitgrößten Stadt Rumäniens kommen, um so dichter werden Verkehr und Besiedlung nach den Staubpisten, die wir für uns allein hatten, eine mächtige Umgewöhnung.

Apuseni-Berge in Rumänien
Das Hügelland der Apuseni-Berge ist ein Enduroparadies

Die glücklicherweise nicht lange anhält, denn hinter der belebten Metropole wartet ein weiteres Highlight: Durch die Apuseni-Berge gehts wieder in das Land der Siebenbürger Sachsen. Herrlich geschwungene unbefestigte Wege, teils mit Holzzäunen vom Weideland abgetrennt, führen uns durch eine offene hügelige Kulturlandschaft mit ganz lichtem Baumbestand. Besonders auffällig sind die merkwürdigen Häuser mit ungewöhnlich hohen Heudächern, die auf den Hügeln stehen. In diesen Ein-Raum-Wohnungen haben bis vor kurzer Zeit noch ganze Familien gelebt, die meisten sind aber in die Städte umgezogen, weil der Ertrag der Landwirtschaft niemanden mehr ernähren kann.

Jede Menge Fragen im deutschen Geburtsort Drakulas

Zum guten Ende erreichen wir Sighioara /Schässburg mit einem eindrucksvollen mittelalterlichen deutschen Stadtkern. Zum ländlichen Ambiente drumherum passt die historische Altstadt mit ihrer aufragenden Burg und den starken Befestigungsmauern, die 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Im abendlichen Schatten der verwinkelten Gassen findet sich die Klammer zu unseren Eingangsgedanken: In einem Haus am Schässburger Marktplatz wurde möglicherweise das historische Vorbild des literarischen Graf Dracula von Abraham Stoker geboren: Vlad epe III., auch Drculea, der Pfähler genannt, soll um 1431 hier geboren sein und sein menschenverachtendes Dasein gefristet haben. Doch ist das nur eine von vielen Erkenntnissen, die eine Reise in dieses faszinierende Land bringen kann. Gleichzeitig bleiben aber noch so viele Fragen offen, die sich nur durch eine intensive Recherche beantworten lassen vielleicht im Rahmen der nächsten Transylvania Tour von Matei...

Geführte Motorradtouren in Rumänien

Jedes Jahr in der zweiten Augusthälfte veranstaltet Matei Albulescu mit seiner Organisation RideX die Transylvania Tour für BMW GS-Modelle. In diesem Jahr findet die Tour vom 21. bis 26. August über rund 1200 Kilometer Fahrstrecke statt, mehr als die Hälfte davon über unbefestigtes Terrain. Entsprechend müssen die Motorräder mit Stollenreifen versehen sein, ein GPS-Gerät ist ebenfalls Pflicht, damit man die Tourdaten aufspielen und nachfahren kann. Der Schwierigkeitsfaktor ist mittel, entspricht ambitioniertem Enduro-Wandern. Im günstigen Preis von 690 Euro sind neben den GPS-Tracks fünf Übernachtungen mit Frühstück, Lunchpaket und Abendessen enthalten, drei erfahrene Tourguides stehen parat, ein Lumpensammler-Auto mit technischem Equipment zur Assistance fährt hinterher, sofern möglich, dazu gibt es einen Foto- und video-Service. Anmeldungen unter www.ridex.ro oder direkt bei Matei unter Telefon +40 722 629 296, Email: office@ridex.ro.

Bericht vom 02.05.2021 | 5.612 Aufrufe

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