Vom Croissant zum Col - Motorrad-Reise an der Côte d’Azur

Das blaue Juwel Südfrankreichs auf zwei Rädern erleben

So manch einen kann der heimische Herbst schon schrecken – nasskalt, nieselig und mit Novemberstimmung geradezu depressiv. Da hilft nur eines: Die Flucht in den Süden. Auf geht's an die Côte d’Azur.

Text+Bilder: Thilo Kozik

Bei Sturm und Regen zu Hause ist es am besten, den Spätsommer mit einem Trip in den Süden etwas zu verlängern. Okay, nicht mit dem eigenen Bike, denn die Rückfahrt bei möglicherweise noch schlechterem Wetter wäre kontraproduktiv. Die Lösung liegt quasi in der Luft: Südfrankreich ist von Deutschlands Westen eine gute Flugstunde entfernt, die Preise für den Trip sind überschaubar, also gehts Ende Oktober an die Côte dAzur, den Sommer verlängern.

Allgemeine Informationen zur Côte d'Azur

Die weltbekannte Küstenregion ist gekennzeichnet von Tourismushochburgen wie Nizza, Cannes oder St. Tropez, die mit malerischen Mittelmeerküsten und mondänem Flair protzen. Doch die Côte d'Azur hat noch viel mehr zu bieten, vom Feriendorf Port Grimaud bis zum wilden Tal der Roya. Im Hinterland dominieren verschiedene unwegsame Gebirgsketten die südfranzösische Region wie das Massif des Maures, das Massif de l'Estere und die Seealpen. Nach Osten schließt sich die hinterm Fürstentum Monaco die italienische Riviera an.

Unkompliziert und bequem - Das Mietmotorrad direkt am Flughafen

In Nizza empfängt uns ein laues Lüftchen mit knapp 20 Grad, ein weitgehend blauer Himmel und freundlicher Sonnenschein. Der erste Gedanke: Alles richtig gemacht! Vom Airport ist es nur einen Katzensprung bis zur Motorrad-Vermietung Hertz-Ride neuerdings verleiht der Autospezialist BMW-Bikes an der Côte dAzur in Cannes und Nizze.

Ich habe mich für eine F 700 GS entschieden, mehr braucht man auf den verwinkelten Sträßchen im Hinterland der Côte dAzur nicht. Voll aufgeriggt mit Seitenkoffern, Topcase und hoher Scheibe gehts erst einmal ins Stadthotel nach Nizza, schließlich will die durchaus sehenswerte Stadt zuerst erkundet sein. Die Fahrt ins Zentrum gestaltet sich allerdings ziemlich mühsam, starker Verkehr, rege Bautätigkeit und die enorme Baubreite der GS mit den robusten Alu-Koffern verhindern ein flottes Vorankommen.

Anreise & Reisezeit

Wer mit dem eigenen Motorrad hierhin fährt, verbringt hier bestimmt mehr als eine Woche drunter lohnt sich die weite Anreise kaum. Alternativ bieten sich billige Flüge an, die von überall zumeist nach Nizza abgehen. Reisezeit: Definitiv Frühling und Herbst, gegebenenfalls auch noch spät im Jahr, sofern keine weiteren Ausflüge ins Hinterland geplant sind. Den Sommer sollte man auf jeden Fall meiden es ist zu heiß, zu voll, die Menschen zu gestresst und der Nepp grassiert.

Nizza - Nicht nur Touristenfalle

Anders als mit dem PKW findet man für das Motorrad immer einen Parkplatz in der lebendigen Metropole, und das in der Nähe der Unterkunft. Nachdem alles ausgepackt ist, schlendern wir durch die Stadt und sind ziemlich überrascht: Nizza präsentiert sich weltoffen, mit freundlichen Bewohnern und erstaunlich sauber. Das war früher anders, als wir in unserer Jugend dem Lockruf des Südens an die blaue Küste gefolgt sind die Erinnerungen an damals sind geprägt von dreister Abzocke und Nepp, von unfreundlichen Einheimischen, arrogant allem gegenüber, was nicht fließend Französisch spricht, und nicht nur in den Ecken störte achtlos herumliegender Müll den Blick.

Luftbild Nizza
Anflug auf die Mittelmeer-Metropole Nizza

Doch das ist längst passé. Rund um den weitläufigen Place Masséna wähnt man sich fast in der Toskana mit belebten Straßencafés und hochherrschaftlichen Gebäuden. Daran schließt sich die zu einem großen länglichen Park umgewandelte Promenade und der Jardin Albert Premier an, die das geschäftige Zentrum deutlich von der historischen Altstadt trennen. Beim Eintauchen in die extrem engen und verwinkelten Gassen umgibt uns sofort das typische Flair einer französischen Hafenstadt, nur dass hier heute keine Matrosen mehr in den Spelunken zechen. Dunkel sind die Ecken, die Häuser spenden in alle Richtungen Schatten, einzig mögliches Transportmittel sind Zweiräder. Unzählige Roller und Motorräder stehen am Wegesrand, abgestellt von den Bediensteten der zahlreichen Restaurants, Cafés und Andenkenläden die gesamte Altstadt wirkt auf den ersten Blick wie eine einzige Touristenfalle. Doch wer genau hinschaut entdeckt Ursprüngliches: In den Restaurants um den belebten Marché aux Fleurs, den Blumenmarkt, sitzen mehr Franzosen als Touristen. Und um die Socca, Nizzas traditionellen öligen, safrangelben Kichererbsenfladen zu probieren, stehen Nizzas Einwohner einträchtig mit den Touristen in der Schlange bei Chez Pipo oder René Socca. Zusammen mit ein paar Farcis, kleinen, mit Hackfleisch gefüllten Auberginen, Zucchini und Tomaten isst man den Snack am besten direkt aus der Hand.

Côte d’Azur im Oktober - Die Saison ist vielerorts schon vorbei

Wer sich das Gewimmel und Getümmel einmal von oben anschauen möchte, wandert auf den Colline du Chateau dort gibts zwar anders als bei dem Namen zu vermuten kein Schloss, aber eine großzügige Parkanlage, von der man einen grandiosen Blick auf den Strand und das Straßengewirr der Alt- und Neustadt genießt. Auf der anderen Seite des Hügels öffnet sich der Blick auf den Port Lympia und die Küste nach Osten hin. Hier wird man des Reichtums gewahr, den die Côte anzieht, denn im Hafen dümpeln immer ein paar millionenschwere Jachten vor sich hin.

Zum Sonnenuntergang hin lässt die Stadt den Tag in den unzähligen Bistros und Cafés ausklingen. Hier wird auch gut und gern gegessen nicht sonderlich günstig, aber in der Regel ist das Gebotene seinen Preis wert.

Marché aux Fleurs in Nizza
Der belebte Marché aux Fleurs in Nizza

An den folgenden Tagen unternehmen wir intensive Touren ins Hinterland, bei denen das Wetter leider nicht so stabil ist wie wir uns das wünschen würden. Es regnet immer mal wieder, und während an der Küste die Temperaturen immer angenehm sind, wirds um so Kühler, je weiter und höher es ins Landesinnere geht. Laurent von HertzRide hatte uns neben einigen guten Tourentipps auch den wichtigen Hinweis mit auf den Weg gegeben, dass Ende Oktober für viele Hotels und Pensionen die Saison bereits vorbei ist. Tatsächlich haben ein paar der von uns favorisierten Etappenorte bereits geschlossen, unter anderem das Le Mirval in La Brigue. So machen wir aus der Not eine Tugend und unser Stadthotel zur Basis für ausgiebige Ausflüge mit einem großen Vorteil: Die Seitenkoffer bleiben im Hotel und wir flutschen wie die Franzosen durch den Stadtverkehr.

Zwischen Trubel und Idylle - die ruhigen Ecken der Côte d’Azur

Wer morgens ins nahegelegene romantische Saint Paul de Vence kommt, wird direkt künstlerisch eingestimmt. Hier hat Marc Chagall nicht nur gelebt, er ist hier auch begraben, und das wird dem Besucher auf Schritt und Tritt eingetrichtert. Das autofreie Dörfchen ist piccobello hergerichtet, die hohe Dichte an Ateliers und Kunsthandwerkläden wird nur noch von den Mieten übertroffen oder vom Preis für eine Kugel Eis, die hier stumpfe 4,50 Euro aus der Brieftasche zieht. Doch allein der Blick über den Friedhof mit Chagalls Grab in Richtung Küste lohnt den Abstecher wohlgemerkt morgens, denn ab Mittag karren Busse selbst Ende Oktober die Touristen hierher.

D2 am Col de Vence
D2 am Col de Vence

Bevor es zu voll wird, nehmen wir Reißaus und ergötzen uns am hemmungslosen, weil verkehrslosen Kurvenspaß: Über den fast 1000 Meter hohen Col de Vence landen wir in einer einsamen Gegend, die so ganz anders ist als das trubelige Küstenleben, gerade mal 25 Kilometer Luftlinie entfernt. Hier werden die Sinne geschärft, vor allem der Geruchssinn: Es duftet nach wildem Thymian mit einem Hauch Lavendel. Am Hang der Montagne du Cheiron klebt das malerische Örtchen Coursegoules, auf den knapp 50 Kilometern der D2 bis nach Taulane kommen uns gefühlt zwei Autos entgegen, rechts und links der Straße weiden Ziegen und Schafe.

Gebrauchte und neue Motorräder

Duft-Museen, Bergdörfer und Olivenöl - Der französische Savoir-Vivre

Zur Küste hin wirds belebter und wir passieren Grasse, seit dem 17. Jahrhundert die Hauptstadt des Parfüms. Natürlich besuchen wir eines der Duft-Museen, die von den drei großen Produzenten Fragonard, Galimard und Molinard unterhalten werden und an die sich ein Shop anschließt, der mit den verschiedensten Düften in den wunderschönsten Falcons bezirzt das lohnt sich, denn die meisten Besucher kaufen reichlich ein.

Wir nicht, stattdessen fahren wir in Richtung Tourettes-sur-Loup, eines der vielen kleinen Dörfer, die die Einheimischen früher aus Angst vor Piratenüberfällen in die Berge gebaut haben. Doch bevor wir durch das hübsche Dorf aus aneinandergeklebten kleinen Häusern schlendern, müssen wir in den Weiler Gourdon und dort zu Fuß zum Dorfplatz schlendern: Hier fällt der Hang fast senkrecht ab und man hat einen fantastischen Blick tief über das Tal des Loup bis zum Mittelmeer.

Olivenölmühle Alziari
Ölige Angebote aus hauseigener Prouktion in der Olivenölmühle Alziari

Wer noch nicht genug hat vom französischen Savoir Vivre schaut auf dem Rückweg bei der letzten aktiven Ölmühle Nizzas vorbei, bei Nicolas Alziari im Quartier Madeleine, und lässt sich den Hype um das flüssige Gold der Provence erklären und die Produktionsweise erläutern. Tatsächlich ist die Olivenernte und verarbeitung auch heute noch weitgehend Handarbeit. Die Oliven müssen von Hand in Tisch- oder Öloliven sortiert werden. Sechs Kilo Oliven bringen 1 Liter Öl, das nach dem Mahlen gewässert und über mehrere Wochen ruhiggestellt werden muss, bevor sich das reine Olivenöl oben abgesetzt hat. Beim Verkosten erkennen wir die unterschiedlichen Fruchtgrade von mild bis intensiv, probieren verschiedene köstliche Tapenaden und bunkern tatsächlich diverse AOC-Ölivenöle im Topcase.

Essen & Unterkunft in Südfrankreich

Das Leben ist nicht billig an der Côte dAzur, allerdings werden die Preise mit zunehmender Entfernung zur Küste erträglicher. Restaurants und Übernachtungsgelegenheiten gibt es wie Sand am (Mittel-)Meer, hier findet bei rechtzeitiger Suche jeder das passende. In der Nach- wie Vorsaison kann es jedoch schwierig sein, abseits der Touristenrouten adäquate Herbergen zu finden, das gleich gilt für Restaurants in der Woche am Wochenende sind die meisten für die Einheimischen geöffnet.

Kurventräume im Hinterland der Côte d’Azur

Mehr Zeit als ins direkte Hinterland braucht es bis zum berühmten Grand Canyon du Verdon. Doch dieser ganze Tagesausflug ist für Motorradfahrer ein Muss. Allein die Anfahrt über die Route Napoleon Route National 85 von Cannes über Grasse nach Castellane bietet Kurven-Hochgenüsse ohne Ende, auch wenn hier unüblich viel Verkehr herrscht gemessen an südfranzösischen Verhältnissen, versteht sich! Über die Gorges du Verdon, die Schlucht des Verdon, gibt es unheimlich viel Lesestoff und Bilder en masse, weshalb wir nicht näher darauf eingehen. Aber einen Tipp sollte man auf jeden Fall beherzigen: Die kleine Schleife über die D23 direkt am Rande der Schlucht mit ein paar der spektakulärsten senkrechten Ausblicken, die hier zu finden sind nur für Schwindelfreie zu empfehlen. Wer die gesamte Schleife fahren möchte, muss im Uhrzeigersinn in Richtung La Palud sur Verdon fahren, da ein kleiner Streckenabschnitt in diese Richtung als Einbahnstraße ausgeführt ist. Macht man sich spät auf den Rückweg, was bei den atemberaubenden Eindrücken und Ausblicken nur natürlich ist, wirds ganz schön frisch, sobald die Sonne untergegangen ist. Glücklicherweise ist unsere BMW mit Heizgriffen versehen und hält die Finger angenehm warm.

Gran Canyon du Verdon
Naturschutzgebiet des Gran Canyon du Verdon

Nordöstlich von Nizza wartet ebenfalls ein Kurvenrevier der Extraklasse. Hier steigt das Gelände ungleich steiler an als im Westen, und unversehens ist man in der Region Alpes-Maritime. Hier lockt zunächst der mit Kehren gespickte 1000 Meter hohe Col de Braus (der heißt wirklich so) ins Gebirgsörtchen Sospel, wo ein Café au Lait am Marktplatz sehr zu empfehlen ist damit das Kurvenadrenalin abgebaut wird und um die weitere Route zu planen. Denn die beiden von hier aus möglichen Strecken haben es in sich: Entweder über den Col de Bruix ins Tal der Roya und mit einem kleinen Abstecher durch Italien über Ventimiglia an der Küste entlang zurück. Oder über den berühmten Col de Turini in einer großen Schleife über die Route des Grandes Alpes nach Westen und Süden. Letzteres ist nur bei gutem Wetter zu empfehlen, denn bei immerhin 1600 Meter über dem Mittelmeer herrschen Ende Oktober nicht nur auf der Passhöhe mitunter frostige Temperaturen. Da es auch noch leicht zu regnen begonnen hat, ziehen wir die sichere Variante Richtung Italien vor, auf dem Turini könnten wir tatsächlich Schnee begegnen und das wollen wir nun wirklich nicht. Zumal die von gewählte Route auch was hat, denn so können wir auf der italienischen Seite bei angenehmen Temperaturen noch einen Cappuccino am Strand schlürfen, bevor wir uns auf den Heimweg machen.

Herbstliche Flucht an die Côte d’Azur - Eine gute Idee!

Und weil es einfach sein muss, unterbrechen wir die direkte Rückfahrt für eine kurze Stippvisite im Millionärsdorf Monaco. Dort dümpeln unverschämt protzige Motorjachten im Hafenbecken, während am Ufer blinkende und lärmende Fahrgeschäfte ein ganz und gar unmondänes Kirmesgefühl hervorrufen. Anders als beim Formel 1-Rennen steht man selbst auf zwei Rädern mehr als dass man fährt, verkehrstechnisch ist das Fürstentum eine einzige Katastrophe. Deshalb zeigen wir dem unwirtlichen Ort alsbald den Rücken und fahren über Beaulieu und Villefranche-sur-mer entspannt durch den nachlassenden Feierabendverkehr zurück in die Hauptstadt der Côte dAzur. Zum Abendessen gehts ins Bistro, wir sitzen an einem kleinen Tisch auf dem Trottoir hinter den üblichen Kunststoffvorhängen und goutieren mit dem Risotto Revisité à la Courge avec Girolles eine herbstliche Köstlichkeit Kürbisrisotto mit Pfifferlingen. Zwischendurch werfe ich einen verstohlenen Blick auf die Wetter-App: zu Hause ists unfreundlich kalt mit Nieselregen. Also nochmal: alles richtig gemacht!

Infos für Touristen an der Côte d’Azur

Touristische Informationen gibt es bei den regionalen Tourismus-Komitees in Nizza (www.de.nicetourisme.com), der Côte dAzur (www.cote.azur.fr) oder CRT Provence-Alpes-Côte dAzur www.tourisme-paca.com. Für eine Motorradmiete empfiehlt sich Hertz mit einer Außenstelle nahe des Flughafens Nizza, das ist zwar nicht billig, aber die Motorräder sind ziemlich neu und gut in Schuss.

Bericht vom 29.03.2021 | 2.219 Aufrufe

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