SAM SUNDERLAND IM INTERVIEW ÜBER DIE RALLIES-WELTMEISTERSCHAFT UND SEINEN ERSTEN TITEL

KTM 950 SUPER DUKE @KTM

Nach 1.685 Kilometern – davon 1.346 Sonderprüfungskilometern – im Sattel brachte Sam Sunderland seine KTM 450 RALLY bei der Atacama Rally als Zweiter ins Ziel. Vor allem aber hatte es der Brite geschafft, genug Punkte zu holen, um sich zum Weltmeister der FIM-Cross-Country-Rallies-Weltmeisterschaft 2019 zu krönen. Es ist dies sein erster Weltmeistertitel.


Mit Siegen beim ersten und zweiten Lauf zur diesjährigen Weltmeisterschaft galt Sam Sunderland als der Mann, den es zu schlagen gilt, und so war er als Titelfavorit ins Rennen gegangen. Beim dritten Lauf – der Atacama Rally in Chile – hatte der Sieger der Rallye Dakar 2017 eigentlich nicht vor, sich gleich den Titel zu holen. Wie so oft in der Welt des Rallysports war sein Ziel gewesen, es sicher bis ins Ziel zu schaffen und so viele Punkte wie möglich zu holen.

„Um ehrlich zu sein, wusste ich gar nicht, dass ich den Titel bereits in Chile fixieren konnte,“ gibt Sunderland zu. „Das fand ich erst vor der letzten Sonderprüfung der Atacama heraus. Wir unterhielten uns über das Rennen und ich sagte im Scherz zu Jordi, dass ich ja den Titel gewinnen könnte, wenn Pablo ausfallen sollte. Darauf entgegnete Jordi, dass ich lediglich vor Kevin (Benavides) ins Ziel kommen müsse, um mir den Titel zu sichern. In dieser Nacht schwirrte mir all das im Kopf herum und ich sagte mir „mach keine Fehler, bleib cool und fahre so weiter wie bisher. Durch die vielen Stunden im Sattel und das Navigieren zehrt der Rallysport an den Nerven – ich glaube, das Team wollte mich darüber im Dunkeln lassen, damit ich auf der letzten Prüfung meinen Rhythmus und meine Konzentration nicht verliere. Glücklicherweise ging alles gut und die Jungs warteten hinter der Ziellinie auf mich, um mit mir zu feiern.“

Obwohl Sam die ersten beiden Läufe für sich entscheiden konnte, war es keine einfache Aufgabe gewesen. Sowohl die Abu Dhabi Desert Challenge als auch die Silk Way Rally waren richtig hart gewesen. Im Jahr 2019 wurde im Rahmen der Silk Way Rally zum ersten Mal eine Motorradklasse ausgetragen und mehr als 5.000 Kilometer durch Russland, die Mongolei und China forderten Fahrer, Bikes und Teams aufs Äußerste.

„Alle Starter waren praktisch Rookies, da Motorräder noch nie zuvor bei dieser Rally zugelassen waren. Die Lernkurve war auf jeden Fall steil. Natürlich waren Toby, Matthias und Pablo nicht am Anfang der Saison dabei gewesen. Das hatte aber nur den Effekt, dass alle anderen noch härter angriffen. HRC hatte immer ein starkes Team und machte mir die ganze Saison hindurch das Leben schwer. Aber egal, wie stark die Konkurrenz ist: Man muss auch ins Ziel kommen und das war bei der Silk Way alleine schon eine große Leistung.“

Dann zeigte Sam auch bei der Atacama Rally wieder eine perfekte Vorstellung – er fuhr konstant schnelle Sonderprüfungszeiten und machte auf den schnellen gezeiteten Prüfungen nur wenige Fehler, obwohl die Navigation eine Herausforderung darstellte. Bei der 800 Kilometer langen Marathonetappe, die zwei der längsten Tage der Rally beinhaltete, war es sowieso schwierig, problemlos durchzukommen. Sam hatte mit einer verzogenen hinteren Bremsscheibe zu kämpfen. Vor der langen 4. Prüfung entschied sich das Team, die beschädigte Scheibe gegen eine vom Bike eines Teamkollegen auszutauschen.

„Wir wechselten die hintere Bremsscheibe nur vorsichtshalber aus – ich hatte den Großteil der Prüfung mit der verzogenen Scheibe beendet und es war nicht so schlimm, ich bemerkte aber etwas Bewegung hinten. Die Gefahr dabei ist, dass die verzogene Bremsscheibe den Bremssattel aufheizt und zum vorzeitigen Verschleiß der Beläge führen kann. In dem Fall hätte ich für die nächste Prüfung keine Bremsen mehr gehabt und das war die längste des gesamten Rennens. Solche Teile auszutauschen ist aber auch selbst ein Risiko – auf der Marathonetappe darf dir dein Team nicht helfen und du musst alles selbst reparieren.

Normalerweise hätte ich die Bremsscheibe von Matthias‘ Bike genommen, da er weiter hinten lag. Aber auch die hatte sich verzogen und war wahrscheinlich in einem ähnlich schlechten Zustand wie meine. Toby und ich sind richtig gute Freunde. Er sagte ‚kein Problem‘ und gab mir freiwillig seine Bremsscheibe. So halten wir in unserem Team zusammen. Ich hätte das Gleiche für ihn getan, man muss aber verstehen, dass er jetzt die ganze nächste Prüfung mit einer nicht voll funktionierenden Hinterradbremse fahren musste. Er hat mir einen großen Gefallen getan und ich muss mich vielmals bei ihm bedanken. Trotzdem beendeten wir diese Prüfung auf dem ersten und zweiten Platz und Toby holte sich sogar den Sieg, es hatte sich also alles zum Guten gewendet.“

Doch die Marathon-Etappe hatte noch ein weiteres Drama in petto. Die Fahrer mussten in einem provisorischen Biwak übernachten, das nicht den Komfort bot, den sie gewohnt sind. Die Atacama war da keine Ausnahme und viele Fahrer fanden nicht so richtig in den Schlaf.

„Eine lustige Begebenheit hat sich auf der Marathonetappe zugetragen,“ lacht Sunderland. „In der Nacht gab es ein paar Probleme. Die Jungs der Automobilklasse hatten viel Spaß und wollten nicht schlafen gehen. Da wurde es einem der Motorradfahrer zu viel und es entwickelte sich ein kleiner Streit. Der wurde aber bald beigelegt und alle konnten vor dem nächsten Tag etwas schlafen. Das Beste an der Marathonetappe im Rallysport ist, dass sie alle Fahrer vereint. Wir sitzen alle im selben Boot, ohne Komfort, ohne Mechaniker und oft buchstäblich mitten im Nirgendwo. Auch für mich hatte die Atacama eine böse Überraschung parat: Beim Biwak holte ich mein Handy aus meiner Tasche und sah, dass es sich in ein Flip-Handy verwandelt hatte. Es war total verbogen und der Bildschirm war zersplittert – vor einer Prüfung wie das kein schöner Anblick. Aber die Atmosphäre ist gut und es macht Spaß, Zeit mit den Jungs zu verbringen, die keine Werksmotorräder fahren. Die investieren viel Zeit und harte Arbeit in ihr Hobby und es ist schön, mit ihnen zu plaudern und zu entspannen.“

Am letzten Tag der chilenischen Rally behielt Sam seine beeindruckende Pace bei und tat genau das, was er tun musste, um einen Lauf vor Schluss die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Mit den traditionellen Bannern und T-Shirts bewaffnet wartete das Red Bull KTM Factory Racing im Ziel auf ihn.

„Es war ein großartiger Zug von meinem Team und eine schöne Überraschung, als ich in Chile die Ziellinie überquerte. So mit dem Team zu feiern ist eine ganz besondere Sache. Die Jungs hatten bereits zweimal T-Shirts für mich vorbereitet, ohne dass sie die Gelegenheit bekamen, sie anzuziehen, da ich zweimal nur Zweiter in der Meisterschaft wurde.“

Mit dem Titel im Sack kann Sam nun vor dem letzten Lauf – der Rally du Maroc in Marokko – Anfang Oktober entspannen. Der Brite kann sich gleich darauf konzentrieren, sich auf die Rallye Dakar vorzubereiten, und hat den Vorteil, dass er das letzte Rennen dazu verwenden kann, das Bike unter Rennbedingungen abzustimmen – ein Luxus, den man sich nicht leisten kann, wenn man noch um den Titel fährt.

„Ich stehe jetzt nicht mehr unter Druck und kann die Rally in Marokko locker angehen, ohne unnötige Risiken einzugehen. Außerdem ist es cool, dass wir Dinge testen und das Setup des Bikes während des Rennens ändern können. Wenn du um die Weltmeisterschaft kämpfst, kannst du dir das nicht erlauben. In dem Fall brauchst du ein Bike, das sich immer gleich anfühlt, und kannst keine extremen Änderungen vornehmen, die dich dann vielleicht weit zurückwerfen. Ohne diesen Druck können wir im Laufe der Rally neue Dinge ausprobieren. Bei echten Rennbedingungen solche Tests durchführen zu können, ist ein großer Vorteil. Insgesamt bin ich damit zufrieden, wie sich das Bike momentan fährt. Vor der Silk Way haben wir einige große Änderungen vorgenommen und vor der Atacama nur noch kleine Dinge optimiert, die ich ausprobieren wollte. Im Kern bin ich aber immer noch ein Rennfahrer und wir Rennfahrer wollen immer gewinnen. Das heißt, dass ich auch das Rennen in Marokko ernst nehmen werde. Trotzdem wird es angenehm sein, nicht ganz so hart fighten zu müssen.“

Nach Weihnachten und Neujahr geht es dann direkt zur Rallye Dakar und seiner ersten Ausgabe in Saudi-Arabien. Sam lebt seit 10 Jahren in Dubai und freut sich auf die neue Herausforderung, das Rennen im Nahen Osten zu bestreiten.

„Ich habe mich gefreut, als ich erfuhr, dass die Dakar nach Saudi-Arabien umziehen würde. Ich kenne das Terrain in dieser Gegend sehr gut und bin auch mit der Mentalität der Menschen vertraut. All diese Dinge werden mir helfen, ein Rennen wie die Dakar entspannt und gemütlich anzugehen. Einer der besten Aspekte des neuen Austragungsortes ist, dass alle Fahrer dabei Neuland betreten werden. In den letzten paar Jahren in Südamerika waren die örtlichen Fahrer immer schnell gewesen – in Peru gab es einen peruanischen Fahrer, der irgendwelche Informationen zu den Prüfungen hatte, und in Argentinien gibt es einen extrem schnellen argentinischen Fahrer. In Saudi-Arabien sollte das Rennen für alle fair werden.“

Das Ziel für die Dakar 2020 ist dasselbe wie immer: sicher durchzukommen und ein starkes Resultat zu erreichen. Und dennoch: Nach Tobys Siegen 2016 und 2019, Sams Sieg 2017 und Matthias‘ Triumph 2018 müsste da nicht eigentlich Sam wieder an der Reihe sein, sich die Trophäe bei der legendären Dakar zu holen?

„Hört sich gut an! Darauf ziele ich ab und wenn man einmal gewonnen hat, hat man natürlich Appetit auf mehr. Es gibt einfach kein vergleichbares Gefühl. Mit einem Sieg legst du die Latte auf diese Höhe. Wenn du dann als Zweiter ins Ziel kommst, wünschen dir die Leute ‚mehr Glück‘ beim nächsten Mal. Selbst weißt du aber, wie hart du gearbeitet hast und wie nahe du dem Sieg warst. Von außen betrachtet ist ein zweiter Platz aber nur ein zweiter Platz und nie genug. Aber so ist eben der Rennsport. Ich will wieder gewinnen und kurz gesagt geht es am Ende nur darum.“

Text: Leo Keller
Foto: KTM



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eingetragen am: 09.10.2019