Kawasaki ER-6n (2006-2016) Gebrauchtberatung und Test

Zuverlässiger Zweizylinder-Traum

Der Kawasaki ER-6n gebührt der Verdienst, den aktuellen Trend für Mittelklasse Parallel-Twins wie die Yamaha MT-07, KTM 790 Duke und Honda CB500 gesetzt zu haben. Indem Kawasaki über den Tellerrand hinausblickte und ein leichtes, preisgünstiges Mittelgewicht anbot, das in seiner Preisklasse unter den traditionellen Reihen-Vieren saß, öffnete Kawasaki 2006 die Türen zu einem völlig neuen Fahrertyp und in der Folge war die ER-6n ein großer Erfolg. Und das zu Recht.

Ein großer Teil des Charmes der ER ist ihr Aussehen. Ok, die anfängliche Farbwahl eines rosafarbenen Rahmens war ein wenig suspekt, aber im Laufe der Jahre ist die ER zu einem hippen und auch optisch ansprechenden Motorrad herangereift, das mit seinem seitlich montierten Stoßdämpfer, dem nach unten gezogenen Auspuffrohr und den Petal-Bremsscheiben ordentliche Akzente setzt. Wenn man sich die ER-Nachfolge, die Z650, ansieht, dann ändert sie nicht viel in Bezug auf das Styling (oder die Technik...). Und wenn sie einmal von ihrem Aussehen angezogen sind, entdecken die Besitzer bald die wahre Trumpfkarte der ER - ihren Motor.

Kawasaki ER-6n Motor und Leistung

Auch wenn er nicht so temperamentvoll beschleunigt wie der Parallel-Twin der MT-07, so ist Kawasakis Version dieses Motorformats doch ein solider Performer, der sich kräftig anfühlt und im mittleren Drehzahlbereich erfreulich stark ist. Pendler oder neuere Fahrer erfreut er mit einer sanften Gasannahme, einer leichten Kupplung und einem präzisen Getriebe. Wenn er einmal auf offener Straße unterwegs ist, ist er zudem erfreulich schnell und dreht gerne. Denn vergesst nicht: der ER-6 Motor bildet die Basis äußerst erfolgreicher TT-Mittelklasseracer, er hat also jede Menge Potenzial! Und dasselbe kann man von Chassis und Fahrwerk sagen.

Unglaubliches Preis-Leistungs-Verhältnis der ER-6n

Der Stahlrohrrahmen mit recht preisgünstiger Federung verspricht auf Papier vielleicht nicht viel, aber dank des geringen Gewichts ist die ER bemerkenswert wendig und eine wahre Freude auf der Straße. Investiert man ein paar Euro in die Richtung des Fahrwerks, verwandelt sich die Fahrt mit minimalem Aufwand und man bleibt mit einem Motorrad zurück, das, ähnlich wie die Suzuki SV650, weit über die gefühlte Gewichtsgrenze hinausschlägt. Der wahre Reiz der ER-6n liegt jedoch in ihrem Preis, denn für weniger als 3.000 Euro könnt ihr leicht ein großartiges Exemplar dieses Mittelgewichts erwerben, was ihr ein enormes Preis-Leistungs-Verhältnis verleiht. Wenn Ihr neu im Zweiradbereich seid und ein solides, zuverlässiges und unglaublich benutzerfreundliches Motorrad wünscht, ist die ER-6n eine gute Wahl.

Worauf muss man bei einer gebrauchten Kawasaki ER-6n achten?

Wenn ihr ein frühes ER-Modell kauft, ist Euro größte Sorge der Schweißbruch des Rahmens um die rechte Motorhalterung. Gebt einfach 'ER-6n Frame Fracture' in Google ein und ihr seht eine Reihe von Nachrichten aus dem Jahr 2007, als alles begann. Damals versuchte Kawasaki, die Schuld auf schlecht sitzende Crash-Pads zu schieben (von denen einige ihre eigenen Zubehör-Artikel waren!), aber in Wirklichkeit ist es darauf zurückzuführen, dass die Halterung unter zu viel Druck steht und sich verdreht, wenn die Motorbefestigungsschraube angezogen wird. Bei einer gebrauchten ER-6n bedeutet diese Schwachstelle, dass jeder Sturz bei niedriger Geschwindigkeit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Schweißnaht reißt, also prüft diesen Bereich immer sehr genau und seid besonders vorsichtig bei einem Motorrad mit montierten Sturzpads. Einige Besitzer berichten auch, dass die Schweißnaht dort versagt, wo die Seitenständerbefestigung auf den Rahmen trifft, also überprüft auch diesen Bereich.

Noch ein Wort zum Thema Rissbildung: Auch der Auspuff ist eine Schwachstelle und neigt dazu, dort zu reißen, wo der Krümmer auf den Mittelschalldämpfer trifft. Auch dieses Thema im Internet nicht schwer zu finden, und obwohl es an sich keine Reparaturmöglichkeiten gibt (abgesehen vom Zusammenschweißen), ist ein Ersatzgerät auf dem Ersatzteilmarkt relativ billig, was der Vorteil ist, wenn man nur zwei Zylinder hat! Im Zweifelsfall solltet Ihr das Auspuffsystem austauschen, aber achtet auf festgefressene Auspuffbolzen, da diese aufgrund ihrer exponierten Lage ein ziemlicher Alptraum sind und beim Entfernen oft ihre Gewinde abreißen. Sie können zwar einen Gewindeeinsatz einbauen, aber es besteht immer die Gefahr, dass der Kopf dabei beschädigt wird, weshalb es am besten einem Experten überlassen wird.

Das müsst Ihr beim Fahrwerk der ER-6n beachten

In Bezug auf die Federung ist die ER-6n preisgünstig und während die einzige Sorge an der Gabel verschleißte Dichtungen sind (nicht unbedingt eine schlechte Sache, da man sie nachfedern und das Öl für etwa € 150 tauschen lassen kann, während sie ersetzt werden), gibt es Berichte, dass das obere Lager des Dämpfers auf Dauer etwas Spiel entwickelt. Prüft bei jedem Exemplar, ob das Federbein immer noch eine gewisse Dämpfung gibt, aber stelt auch sicher, dass die Gabeln nicht durch einen Sturz verbogen sind. Wenn Ihr bereits bei der Front seid, überprüft die Zweikolben-Bremssättel auf Korrosion, die ein Klemmen des Bremssattels verursacht. Ein Umbausatz kostet nicht die Welt, es ist also kein massives Drama und es gibt im Internet jede Menge "How to"-Anleitungen, die Euch helfen, es selbst zu reparieren, um Kosten zu sparen.

Probleme am Kabelbaum an älteren Kawasaki ER-6n

Zuletzt gibt es noch die gefürchteten Fehlzündungen. Einige wenige Besitzer berichten, dass ältere ER-6n-Modelle nicht mehr zünden und Fehlzündungen entwickeln, wobei der Kabelbaum der Hauptverursacher ist. Laut Angaben der Besitzer kann die Verkabelung an Teilen des Rahmen reiben, was dazu führt, dass die Kabel freigelegt werden und ausfallen. Aber auch defekte Seitenständersensoren und Drosselklappenpositionssensoren haben Probleme verursacht. Wenn sich das Motorrad in der Gasannahme schwammig anfühlt, besteht die Möglichkeit, dass der Vorbesitzer den Kraftstofffilter (der sich im Tank befindet) nie ausgewechselt hat und dieser durch Rost verstopft ist. Ein Ersatz kostet nicht viel und ist nicht allzu schwer zu montieren. Es gibt auch ein paar Berichte über versagende Zündungen, also überprüft, ob sich der Schlüssel gut und gleichmäßig dreht.

Abgesehen davon sind größere Motorprobleme sehr selten (Ventilspiele müssen alle 24.000 Kilometer überprüft werden) und so hängt alles von der Korrosion, den Verschleißteilen und dem allgemeinen Level des Finish ab.

Kawasaki ER-6n Modellhistorie

Im Laufe ihrer zehnjährigen Lebensdauer wurde die ER-6n nur zweimal überarbeitet, wobei jedoch nur eine Aktualisierung wirklich bedeutend war, die andere war eher eine leichte Verbesserung, um ein paar frühe Fehler auszubügeln. Im Jahr 2009 erhielt die ER-6n eine Reihe sehr kleiner Aktualisierungen des Stylings und des Chassis, aber es wäre schwierig, diese zu erkennen, wenn man die beiden Generationen im Vergleich fährt. Die weitaus bedeutendere Veränderung geschah 2012, als das Motorrad einen völlig neuen Rahmen und eine Federung mit längerem Hub erhielt, zusammen mit Überarbeitungen am Motor (neue Luftkanäle und Filter und ein optimiertes Auspuffsystem) und an der Einspritzung, durch die ein wenig Leistung und Drehmoment hinzugefügt wurde. Der einfachste Weg, diese Generation zu identifizieren, ist ein Blick auf das aktualisierte Armaturenbrett, das einen LCD-Tacho hat, während die älteren Modelle einen analogen Tacho haben.

Das Modellupdate verfügt auch über einen geteilten Fahrer-/Beifahrersitz, wobei das alte Modell ein durchgehende Sitzbank hat und die Fahrposition durch den 20 mm breiteren Lenker, eine höhere Sitzbank und einen 50 mm schmaleren Heckrahmen geräumiger ist.

Gebrauchte Kawasaki ER-6n finden und kaufen

Es ist nicht schwer, eine günstige gebrauchte ER-6n zu finden, da dieses Mittelklasse Naked Bike in großen Stückzahlen verkauft wurde - nun muss man nur mehr die besten Rosinen herauspicken. Preise beginnen schon um die 2.000 Euro: Gebrauchte Kawasaki ER-6n kaufen.

Über Jon Urry:

Als begeisterter Motorradfahrer und Weltenbummler, der seit 2001 schon für Motorradmagazine in acht Ländern gearbeitet hat und jährlich über 30.000 Kilometer im Sattel verbringt, behauptet Jon von sich selbst zumindest seit 2003 jedes Modell von jedem (namhaften) Hersteller gefahren zu sein, das er kennt. 1000PS ist es gelungen ihm eine Reihe an Gebraucht-Berichten abzuluchsen, sodass ihr, von unserer Crew auf Deutsch übersetzt und da oder dort erweitert, in den Genuss seiner einzigartigen Erfahrungen kommt.

Alle Berichte von Jon Urry:

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Autor

Bericht vom 19.04.2020 | 16.026 Aufrufe

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