Ein Blick in die Zukunft von Royal Enfield

Der zweitgrößte Motorradhersteller der Welt hat noch viel vor

Bei der Traditionsmarke Royal Enfield herrscht trotz Corona-Krise Aufbruchsstimmung. Welche Pläne man für die kommenden Jahre in Europa und weltweit hat, haben uns Management und Entwicklungsteam bei einem internationalen Presseinterview verraten.

Royal Enfields Twins erobern Europa

Nach der überraschend erfolgreichen Reise-Enduro Himalayan im Jahr 2016 präsentierte der älteste Motorradhersteller der Welt (durchgehender Betrieb seit 1901) 2018 die Zweizylindermodelle Interceptor 650 und Continental GT 650. Die feschen Twins sind nicht nur der 1000PS Redaktion direkt ins Herz gefahren. Über 75% der produzierten Einheiten konnten in Europa abgesetzt werden. Diesen Trend will man natürlich weiterhin pushen. Wir haben den Entscheidungsträgern im Konzern auf den Zahn gefühlt wohin die Reise in den kommenden Jahren gehen wird.

1000PS: Werden manche Royal Enfield Modelle speziell für den europäischen Markt designed?

Royal Enfield: "Alle Modelle werden global entwickelt und getestet, es gibt zwar je nach Region viele verschiedene Vorlieben und Trends, aber grundsätzlich sind die Kriterien nach denen wir Motorräder entwickeln überall die selben: Alltagstauglichkeit, Authentizität und natürlich der Royal Enfield Spirit. Natürlich verfolgen wir aktuelle Trends, es ist uns aber wichtig, nicht jedem Trend nachzulaufen, sondern eigenständige Modelle zu entwickeln. Man muss sich vorstellen, dass bei einer kompletten Neuentwicklung eine Entwicklungsdauer von 4 Jahre und eine Investition von mehreren Millionen Euro, zusätzlich zu den laufenden Entwicklungskosten anfällt. Der Trend könnte also leicht wieder vorbei sein, wenn das Modell zu kaufen ist. Dennoch ist uns das Thema Heritage wichtig und hat uns unverwechselbar gemacht, wir beschäftigen sogar einen eigenen Historiker im Unternehmen. Gleichzeitig hat uns die Tradition aber nicht gehindert z.B. die Himalayan zu bauen."

1000PS: Die 650er Modelle sind sehr erfolgreich in unseren Breiten, worauf habt ihr den Fokus in der Entwicklung gelegt welche Kompromisse wurden eingegangen?

Royal Enfield: "Bei der Entwicklung der Twins haben wir uns an der originalen Interceptor aus den 60er Jahren orientiert, das Ziel war ein charaktervolles aber zugängliches Motorrad zu bauen, das einen "Willhaben-Effekt" auslöst und Spaß am Fahren vermittelt. Die Zielgruppe in Indien waren vorrangig junge Leute in den 20ern, in Europa hatten wir ursprünglich ein älteres Publikum im Sinn (Anm. der Redaktion: Das Durchschnittsalter indischer Motorradfahrer ist deutlich geringer als in Europa), die ein Zweit-Motorrad suchen. Durch die A2-Tauglichkeit der 650er war es uns aber auch hier möglich viele junge Käufer anzusprechen.

Kompromisse sind wir keine eingegangen - im Gegenteil, wir haben uns bei der Entwicklung an deutlich teureren Motorrädern orientiert. Teurere Komponenten wären natürlich möglich gewesen, sind aber aus unserer Sicht überflüssig. Durch unsere schiere Größe und Produktion in Indien schaffen wir günstiger zu produzieren und können den Preisvorteil an unsere Kunden weitergeben. Der vergleichsweise niedrige Preis macht die beiden Twins auch so interessant für die Customizer-Szene."

1000PS: Wie sieht es mit der anderen Richtung aus - wird es 125er von Royal Enfield geben?

Royal Enfield: "Nein, hier sehen wir global keinen Business-Case, der sich rechnen würde. Außerhalb von Europa ist der Markt für hochwertige 125er sehr klein. Hier gewinnt der billigste und der Markt ist bereits gesättigt mit billigen Wettbewerbern. Unser Fokus bleibt auf Midsize-Modellen zwischen 350-750 Kubikzentimeter, hier wollen wir über die nächsten Jahre weiter wachsen. Das Ziel ist ganz klar die Weltmarktführerschaft - wir wollen der größte Motorradproduzent der Welt werden."

1000PS: Vor einiger Zeit hat RE ein Entwicklungscenter in England eröffnet, dürfen wir uns in Zukunft auf eine größere Modellpalette freuen? Ist der Brexit ein Problem?

Royal Enfield: "Das Entwicklungscenter in Leicestershire, das wir 2017 eröffnet haben ist ein wichtiger Schritt in unserer Entwicklung gewesen. Großbritannien hat eine lange Motorradtradition und ist global gesehen ein attraktiver Arbeitsplatz. Auch in der Zeit nach dem Brexit wird sich daran für uns nichts ändern, zumal die Motorräder als Endprodukt direkt aus Indien in die EU geschickt werden. Ein zweites Entwicklungszentrum wird dieser Tage in Indien fertiggestellt, dort werden 1.600 Angestellte an neuen Produkten forschen. Da ist es nur logisch, dass sich unsere Modellpalette erweitern wird."

Das bedeutet für uns allerdings keine Erweiterung im Sinne der erzeugten Hubräume. Wir werden auch keine bestehenden Marken übernehmen, wie manche Mitbewerber das tun. Die in Europa Mittelklasse genannte Sparte bis 750 Kubik, wird auf absehbare Zeit unsere Grenze sein. Die Motorradwelt in Europa und Nord-Amerika ist extrem hoch technisiert. Diesen Leistungswettlauf machen wir nicht mit. Royal Enfield besetzt die Nische, die europäische Hersteller derzeit vernachlässigen: die einfache leistbare Mittelklasse.

1000PS: Royal Enfield definiert sich als globale Marke - sind Werke außerhalb Indiens geplant?

Royal Enfield: "Nein, es sei denn es ergeben sich ökonomische Zwänge (Zölle,...), die es wirtschaftlich erforderlich machen. Unsere konzentrierte Produktion in Indien sehen wir als großen Vorteil: Alle Zulieferer sitzen hier und die Kosten sind niedrig. Unser Ziel ist es die Supply Chain möglichst straff zu halten um die Kosten für den Endkunden niedrig zu halten. Zudem ist Indien der größte Motorradmarkt der Welt."

1000PS: Welchen Effekt hat die Corona-Krise aus Sicht von RE auf den globalen Motorradmarkt - müssen wir eine Depression fürchten?

Royal Enfield: "Natürlich ist die Situation auch für uns eine Herausforderung aber auch eine Zeit des Lernens. Zunächst wird der Markt in eine Rezession fallen, aber dann, so glauben wir wird social distancing normal werden und das wiederum hat positive Auswirkungen auf die Entwicklung des Individualverkehrs. Das Pendeln mit Motorrädern etwa wird attraktiver werden. Die gute Arbeit der letzten Jahre hat sich bezahlt gemacht: Alle unsere Mitarbeiter konnten gehalten werden, alle Zulieferer wurden bezahlt. Zudem hatten wir Zeit interne Abläufe zu verbessern und zu optimieren."

1000PS: Gibt es Racing-Ambitionen bei Royal Enfield?

Royal Enfield: "Wenn die Frage lautet, ob Royal Enfield ein MotoGP Team anstrebt, dann muss ich euch leider enttäuschen (lacht). Allerdings betätigen wir uns im indischen Breiten-Rennsport dem Flat Tracking. Wie auf der Ridermania 2019 angekündigt, gibt es mittlerweile an verschiedenen Standorten sogenannte Royal Enfield Slide Schools, wo jedermann und jede Frau diesen spektakulären Sport erlernen können."

1000PS: Arbeitet Royal Enfield an einem E-Motorrad?

Royal Enfield: "Wir sind uns der Bedeutung für den Zweiradmarkt bewusst und arbeiten bzw. forschen daran. Es gibt auch schon ein Elektro-Testbike. Wir beobachten aber auch, dass der Markt derzeit erst im Kurz-Distanz-Bereich floriert. Hinzu kommen die erwartbaren Verzögerungen durch das Covid 19-Virus.

1000PS: Was sind die großen Herausforderungen der Zukunft, wie werden wir 2040 Motorrad fahren?

Royal Enfield: "Wir rechnen mit einem massiven Wachstum in Schwellenländern wie Indien, hier sind 40% der Bevölkerung unter 25 Jahre alt und das Potenzial ist entsprechend groß. In diesen Regionen entwickelt sich der Wohlstand stetig, man lebt nicht mehr von der Hand in den Mund, so wie vor 10 Jahren. Aber auch global wird der Markt wachsen. Wir werden uns weiterhin auf Mittelklasse fokussieren. Hier wird es massive Investitionen seitens Royal Enfield geben. Unser Ziel ist es, dem Markt hinsichtlich der Kundenbedürfnisse voraus zu sein.

Anmerkung: Das Interview wurde über Zoom mit einigen Ansprechpartnern seitens Royal Enfield geführt, darunter Siddhartha Lal - Managing Director Eicher Motors Ltd., Vinod K. Dasari - CEO Royal Enfield und Arun Gopal - Head of Business Markets EMEA, sowie Mitglieder des Design Teams wie der Group Manager Industrial Design, Adrian Sellers oder der Head Product Development, Simon Warburton.

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Bericht vom 21.06.2020 | 21.045 Aufrufe

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