Wer ist der neue Alpenkönig? 20 Motorräder auf dem Weg zum Gipfel.
MOTORRAD Alpenmasters 2008
Wer wird der
Alpenkönig?
Oh ho hohe Berge - denk' ich an Trenker werde ich
aktiv.
Wer wird der Alpenkönig? (Nein, der aus dem Forum wird es bestimmt nicht.) Es
geht um das ideale Motorrad für die Reise in die Alpen und in den Alpen.
Zumindest um eines, das dem Ideal möglichst nahe kommt. Um das
herauszufinden, zaht die Redaktion der Zeitschrift „MOTORRAD“ jedes Jahr
20 Motorräder bis über die Baumgrenze und testet sie dort über eine
Woche lang mit Redakteuren aus Deutschland, Spanien, Italien, Schweden
und Kroatien und anderen europäischen Ländern.
Die Alpen sind aber schon die zweite Station des intensiven
Prozedere. Vorab wurde jedes einzelne Motorrad bereits auf einem Testgelände auf Herz und Nieren überprüft und alle wichtigen Werte gesammelt
und gespeichert. Zusätzlich werden in den Alpen mittels GPS am Fahrer
und Datarecording Daten vom Durchzug im 2. Gang und Bremsen mit Sozius ermittelt, und
schlussendlich fließt die persönliche Beurteilung der einzelnen,
erfahrenen
Testfahrer mit in die Bewertung ein. Wenn hier nicht der echte Sieger
gefunden wird, wird er niemals gefunden. Ein bisschen aufwendiger als
ein Test von 1000PS ist das schon. Darum waren wir umso glücklicher, den
deutschen Kollegen über die Schulter zu schauen und selbst an den
Alpenmasters 2008 teilzunehmen zu dürfen .
Video
Alpenmasters 2008
Die
Deutschen sind genau, wir würden pedantisch sagen. Sie sind
gewissenhaft, wir würden beamtenhaft sagen. Und sie sind
sicherheitsbewußte Fahrer, wir würden Tourenschw...O.K. vergeßt
alle Vorurteile, die ihr über Deutsche schon mal gehört habt.
Denn bei den Alpenmasters habe ich verdammt schnelle Fahrer
gesehen, die uns die genauesten, gewissenhaftesten und
umfangreichsten Motorradtests bringen. Das "sicherheitsbewußt"
habe ich jetzt mal ausgelassen.
Wer sich das Video auf seinen Computer downloaden möchte,
klickt mit der rechten Maustaste
hier und wählt "Ziel speichern unter".
Schnitt: Volli
Videodreh: kot
Man muß sich das mal vorstellen. Ist ja nicht so, als ob das Papa
zahlt. Transport der Motorräder, Verpflegung und Unterkunft der
Journalisten, Verpflegung und Unterkunft der Motorräder (Benzin ist im
Moment in Frankreich besonders billig.), eigene Fotografen, technisches
Equipment, vom zeitlichen Aufwand gar nicht zu reden. Einer Sache kann
man sich dabei allerdings sicher sein. Dieser König hat sich seine Krone
verdient.
Erster Alpenkönig (oder Königin) wurde im Jahr 2005 die Suzuki
V-Strom 650. Somit war schon nach den ersten Alpenmasters klar,
worum es hier geht. Es zählt Reisetauglichkeit ebenso wie Handlichkeit
auf Passstraßen. Das Motorrad muß nur mit Fahrer genauso funktionieren
wie mit Sozia und Gepäck. Der Durchzug im 2. Gang ist wichtiger als die
Flexibilität im 6. Nur echte Allrounder haben die Chance auf den Sieg.
Was das für das Leben unter 1000 m bringt? Alles, denn hier unten hat
das Motorrad immer noch die gleichen Vorzüge, wie am Berg.
Der Sieger wird aus 5 Kategorien - Allrounder, Sportler, Big
Bikes, Tourer/Sporttourer und Enduro/Funbikes - zu je 4 Motorrädern
ermittelt. Manche Motorräder scheinen von vornherein gar keine Chance
auf den Sieg zu haben, wie etwa die Rocket III Touring aus der Kategorie
Tourer. Doch es geht auch darum, wer in den einzelnen Klassen vorn liegt
und Überraschungen gab es schon immer. Etwa, als die kleine V-Strom
ihren Titel 2006 verteidigen konnte. Erst ein Jahr danach sollte ihr die
BMW R1200R den Titel abspenstig machen. Die Gewinner des Vorjahres
nehmen nämlich immer automatisch am nächsten Alpenmasters teil, somit
besteht das Feld genau genommen aus 21 Motorrädern.
Passieren am Pass.
Nun ist es nicht nur entscheidend, wie die Motorräder getestet werden,
sondern auch, wer diese Tests durchführt. Quasi der Unterschied zwischen
Effektivität und Effizienz. Da nahm ich eine etwas falsche Einschätzung
der deutschen Kollegen mit nach Frankreich. Ich war recht sicher, daß
ich dort mit meiner Kawasaki 1400 GTR meine Kreise um die Gruppen ziehen
können würde, weil die Mannschaft dort mit Beherrschtheit und
Sicherheitsbewußtsein ans Werk gehen würde. Gestürzt ist tatsächlich
niemand, was mich nach meinem 3-tägigen Besuch doch sehr gewundert hat.
Das so ziemlich Erste, was ich sah, war ein Wheelie mit 90 Kilo
Sozius, der nichts Besseres zu tun hatte, als dem Publikum zu
winken. Der Lenker zwecks Optik natürlich voll eingeschlagen. Danach
folgten Drifts, noch mehr Wheelies, ausschließlich flotte Fahrweise,
bergauf wie bergab und das Ganze mit einer Lässigkeit, wie nur wir
Österreicher sie uns zutrauen. Was mich wirklich nachdenklich gemacht
hat, war die Vorstellung von Gert Thöle, der es trotz Verletzung nicht
bleiben lassen konnte, auf ein Motorrad zu steigen und mir ein
schier unerträgliches Schauspiel aus der ersten Reihe zu bieten.
Samurai Gert oder Der Thöle auf Erden:
Gert Thöle, der
Cheftester des letzten Jahres, wirkte ganz harmlos, fast gelassen und
ein wenig
niedergeschlagen. Gert war nicht ganz glücklich an diesem Wochenende.
Sein Kreuzband wurde erst kürzlich wieder zusammengeflickt und er war gezwungen, die
Testfahrten im Auto des Fotografen zu begleiten, was seine Stimmung
nicht besserte. Hondas DN-01 Raumgleiter wäre das richtige Fahrzeug für
einen Invaliden wie ihn, entschied er schließlich und attackierte mit
dem Automatik Hybrid in der Gruppe der Tourer und Sporttourer (Kawasaki 1400 GTR, Suzuki
Hayabusa, Rocket III) die französischen Berge.
Wie kann der mit dem
Motorroller nur so schnell sein, dachte ich. Aus Mangel an Leistung
musste er die Bremse vergessen und alles mit Schwung nehmen, auch an den
Stellen, wo zuviel Schwung einen Abschwung ins Tal bedeutet. Nicht das
Fahren machte ihm Probleme, sondern die Belastungen beim Manövrieren mit
der Kraft seiner Beine. Das Kreuzband meldete eventuellen Störfall. Danach wurde
dann endgültig jede Vernunft über Bord geworfen, von der DN-01 auf die
1400 GTR aufgerüstet und der Frust mit Gummi auf die Straße gemalt.
Anfangs versuchte ich noch, durch Selbstüberforderung dran zu bleiben,
hatten wir doch das gleiche Motorrad unterm Hintern. Schon in den engen
Talstraßen war mir äußerst unwohl, die Nerven weggeschmissen habe ich
dann aber, als es raus auf’s Land ging, wo der Patient auf den Fahrer
einer Ducati S4R traf, der bereit war, bis zur nächsten Ortseinfahrt bis
zum Äußersten zu gehen und seine Duc voll auszudrehen.
Er glaubte
sicher, uns dann los zu sein. Vielleicht hat er sogar gegrinst, als er
die breite Front meiner Kawa in seinem Rückspiegel immer kleiner werden
und irgendwann verschwinden sah. Umso schlimmer muß es für ihn gewesen
sein, beim Blick nach rechts die zweite GTR neben ihm zu entdecken, die
bei 240 immer noch an ihm dran hing wie ein Beiwagen. Eine
Geschwindigkeit, bei der man auf einem Reisefrachter mit 300 Kilo schon
mit etwas Seegang rechnen muß. Ich wartete darauf,
dass beide in der idyllischen Ortschaft verschwanden und nie wieder
auftauchten. (Wegen der Geschwindigkeit, Wurmloch, sie verstehen.) So weit kam
es zum Glück nicht. Der Monsterianer verlor vor der Ortseinfahrt ebenfalls die Nerven und
bog –
schneller als ich das je gesehen habe – in eine Tankstelleneinfahrt ein.
Ob er sich je wieder erholt hat, seine Duc zu Kleinholz zerhackt oder
einfach mit Benzin übergossen und angezunden hat, ist mir nicht bekannt.
Gert Thöle.
Der Fels im Felsen.
Leider war Gert nicht der einzige Andrücker dieser Runde. In
meiner Gruppe war einfach niemand langsam, was mich auf der Kawa zu
Höchstleistungen trieb. Ich wußte fortan, daß diese Leute nicht nur
überprüfen, ob das Bike jetzt ABS hat oder nicht, sondern bis ans Limit
gehen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn König wird man nicht bei
einem Spaziergang. Wer bis ins Finale gekommen ist und wer den Test für
sich entscheiden konnte, lest ihr in den nächsten beiden Heften.
Alpenmasters 2008 Teil 1
in MOTORRAD 16/2008. Ab 18.07.2008 in Deiner Trafik.