Stärker, schneller und technisch besser. Der SH300i attackiert unseren Roller-Favoriten 2011.
Honda SH300i
Wespenkiller. Der blaue Delphin aus Japan sieht
aus wie ein Engel und fährt wie der Teufel.
Die besten Designer schlagen die besten Techniker. Italien schlägt
Japan. Immer noch. Vespa konnte von Jänner bis Juni 2011 zum
Vergleichszeitraum im Vorjahr um 24% mehr Einheiten absetzen, Piaggio
sogar um fast 70%. Honda verzeichnet mit +7% als einziger der vier
großen Japaner zwar eine positive Bilanz, hat im Rollersegment gegen 65
Jahre Storia Italiana aber keine Chance. Warum? Die Antwort liegt nicht
auf der Hand, sondern im Auge des Betrachters. Es ist nicht nur der
übermächtig starke Markenname, bei dem wir uns sofort in einer
italienischen Stadt an der Küste wiederfinden und an Pizza-Pasta, Gelati
und Geschlechtsverkehr denken, sobald wir ihn hören. Es ist diese
einfach geniale, schwungvolle Form der Wespe, die Männer wie Frauen
gleichermaßen erregt. Die Italiener können derzeit eigentlich nichts
falsch machen. Qualitätsmängel sind Geschichte, der neue Look der Vespas
trifft auf breite Akzeptanz und No-Compromise-Hardcore-Fans wurden mit
der Wiederauflage der PX-Modelle besänftigt.
Natürlich geht es hier
nicht um eine Vespa. Doch nach dem Test der Vespa GTS300ie Super Sport
müssen wir den 278 Kubik Roller und seine 22 PS als neue Referenz
heranziehen. Die Sonderedition der "Sport" beeindruckte mit druckvoller
Beschleunigung, festen Bremsen und sattem Sound, für den nicht zuletzt
der Akrapovic Auspuff verantwortlich zeichnet. Mit diesen Fahrleistungen
und einer Höchstgeschwindigkeit von locker 130 km/h kürten wir die GTS
intern kurzerhand zum Klassenprimus. Wie beim ehelichen Vollzug waren
wir aber auch diesmal wieder zu früh dran. Denn niemand konnte mit dem
Angriff des blauen Delphins rechnen.
Angriff des blauen Delphins.
Unter einer zarten Schicht "Satin Blue Metallic", die einen sanften und
friedvollen Charakter vermuten lässt, verbirgt sich das Herz eines
echten Raubtiers. Der SH300i wirkt dank des schlanken Körpers und einer
geschickt gesetzten Zweifarblackierung eleganter und weniger aggressiv
als die sportlich-muskulöse Vespa. Auf den ersten Blick ist der Honda
Roller schwer einzuschätzen und nur von Kennern vom SH125i zu
unterscheiden. Rein optisch ist er ein motorisierter Friedensgruß,
eine Kreuzung zwischen einem Delphin, einem Einhorn und Mahatma Gandhi.
Man könnte das als gewolltes Understatement bezeichnen, wahrscheinlicher
ist, dass wieder irgendeine japanische Binsenweisheit hinter dem Design
steckt. Wenn Honda bei den Rollern vorne dabei bleiben will, müssen die
technisch überlegenen Dinger in Zukunft einfach härter aussehen.
Video Honda Vision und SH300i
150 bis 160. Alles unter 500 Kubik
bleibt hinten.
Wir sind also bürgerlich-brav unterwegs, fügen uns bescheiden in den
Verkehr und fallen niemandem, aber wirklich niemandem auf. Das derzeit
serienmäßige 35 Liter Topcase macht uns unsichtbar. Nur wir wissen um
unsere besonderen Kräfte bescheid, das ist der Fluch der Superhelden.
Wir sind schmal (730 mm), wendig und stabil (Radstand 1420 mm, 16"
Felgen) und verdammt schnell. Gut, wir sind nicht leicht. 167 kg ohne
und 170 kg mit optionalem C-ABS System sind im Vergleich zur 158 Kilo
Vespa eine feste Größe. Aber über die Magersucht ihrer Konkurrentin kann
die Japanerin nur lachen. Der 279 Kubik große Einzylinder Viertakter der
Honda leistet nämlich um satte 5 PS mehr als jener der Vespa. Zudem
stehen maximal über 4 Nm mehr Drehmoment zur Verfügung.
Mit 27 PS und
26,5 Nm beschleunigt der blaue Umhang geradezu kryptonisch, durchbricht
je nach Eigengewicht und Duckvermögen die 150er oder 160er Marke und
sorgt für Selbstzweifel, Sinnkrisen und Suizidgedanken bei in gläsernen
Särgen gefangenen Käfighockern. In den Köpfen der fahrenden
Schaufensterpuppen mutiert man schnell von der Friedenstaube zur mobilen
Kriegserklärung. Schnelleres Vorankommen ist in diesem Land nicht gern
gesehen. Aber der SH irritiert zunächst, dann beruhigt er durch seine
harmonisierende Bemalung und im nächsten Moment ist er sowieso weg.
Bleibt also nicht viel Zeit für Autopiloten, entsprechende
Gegenmaßnahmen zu setzen. Von Rollerseiten her hat man sowieso schon
alles unter 500 Kubik hinter sich gelassen.
Zentraler Geschwindigkeitsmesser, flankiert von Temperatur- und
Tankanzeige.
Look oder Leistung?
Mit je einer Scheibenbremse vorne wie hinten und dem serienmäßigen
Single-CBS, das um ein ABS System erweitert werden kann, verzögert der
SH ebenso vehement wie er beschleunigt. Wahrscheinlich nur ein wenig
besser als die Vespa, auf jeden Fall aber sicherer weil stabiler. Die
Honda liegt auch besser auf der Straße, kann mit 16 statt 12 Zoll Felgen
selbst grobe Schlaglöcher locker vertragen und fährt sich insgesamt
wesentlich komfortabler.
Stauraumwunder sind leider beide nicht, dafür
ist der Motor zu groß und das Chassis zu klein. Hier punktet der Honda
natürlich mit dem derzeit serienmäßigen Topcase, in das sich auch ein
Vollvisierhelm locker verstauen lässt. Schließlich entscheidet der SH
noch die Preisfrage für sich. Statt € 4.990.- kostet der Superheld bis
Ende September nur € 4.390.- Zum Vergleich: Die Sonderedition 'Super
Sport' der Vespa GTS300ie steht mit € 5.900.- in der Liste und wechselt
derzeit für € 5.499.- den Besitzer. Italien schlägt Japan. Oder doch
nicht?!
Nicht mehr ganz so Understatement.
Leistungssteigerung: gering. Prestigezuwachs: riesig.
Der Auspuff gehört zu den weniger schönen Dingen.
Hochwertig bis ins Detail. Erhabene Logos an den Seiten.
Der Arlo ist kein schlauer Bauer, als Kind traf er auf eine Mauer.
Seither kann er kaum noch denken, will trotzdem einen Roller lenken.
Obwohl als Mensch schon längst entmündigt, wird ein Weitsprung
angekündigt.
Weil er nur mit Tieren spricht, kennt auch Angst und Furcht er nicht.
Am Hügel auf dem Übungsplatz, macht er einen riesen
Satz.
20 Meter, ungelogen, fliegt der Depp im hohen Bogen.
Alle warten auf den Aufprall, den Crash, den Sturz, den letzten Unfall.
Leider hat er, wie ihr seht, auch diesmal wieder überlebt.
Technische Daten
Honda SH300i
Honda SH300i
Vespa GTS300ie Super Sport
Motor:
Einzylinder 4-Takt 4V
Einspritzmotor
Einzylinder 4-Takt 4V
Einspritzmotor
Kühlung:
flüssigkeitsgekühlt
flüssigkeitsgekühlt
Hubraum:
279,1 ccm
278 ccm
Max. Leistung:
27 PS (22 kW)
bei 8.500 U/min -1
22 PS (15,8 kW) bei
7.500 U/min -1
Drehmoment:
26,5 Nm bei 6000
U/min -1
22,3 Nm bei 5.000
U/min -1
Max. Geschwindigkeit:
150 km/h
130 km/h
Starter:
Elektrik
Elektrik
Getriebe:
Automatik
Automatik
Vorderradaufhängung:
35 mm Teleskopgabel
Einarmschwinge mit
Spiralfeder und dual action Monodämpfer
Hinterradaufhängung:
Triebsatzschwinge,
zwei Federbeine
Spiralfeder und dual
action Hydraulikstoßdämpfer
Bremsen vorne:
Single-CBS, 256 x 4,5
mm Scheibenbremse mit Dreikolbenbremszange, optionales C-ABS
Ø 220 mm
Scheibenbremse
Bremsen hinten:
Single-CBS, 256 x 5
mm-Scheibenbremse mit Einkolbenbremszange, optionales C-ABS
Ø 220 mm
Scheibenbremse
Bereifung vorne:
110/70-16 (52S)
120/70 12"
Bereifung hinten:
130/70-16 (61S)
130/70 12"
Länge/Breite/Höhe:
2.100/730/1.195 mm
1.930/755/1.170 mm
Radstand:
1.420 mm
1.370 mm
Sitzhöhe:
785 mm
790 mm
Leergewicht
fahrfertig:
167 / 170 kg
158 kg
zul. Gesamtgewicht:
351 kg
340 kg
Abgasnorm:
Euro 3
Euro 3
Tankinhalt:
9 Liter
9,5 Liter
Farben:
Satin Blue Metallic,
Pearl Cool White, Pearl Nightstar Black, Moondust Silver
Metallic
Schwarz, Weiß, Rot /
"Sport" Titangrau matt, Schwarz matt