Man muss am Boden bleiben und das ganz einfach in
die richtige Relation setzen. Super Sport bedeutet natürlich nicht
Roller und auch nicht 22 PS. Aber die Welt der Scooter vergleicht sich
nicht mit dem Universum der Motorräder – oder sollte das zumindest nicht
tun – wie kommen also wir dazu, uns anzumaßen, dass wir der Maßstab
sind? Der Maßstab für die Vespa GTV 300 Super Sport sind andere Roller.
Vielleicht eher umgekehrt. Der Maßstab für alle Roller heißt Vespa,
geboren 1946 und in den letzten Jahren der Topseller am österreichischen
– Achtung – Motorradmarkt. Bei den Krafträdern mit über 125 Kubik hatte
die Vespa die Nase noch vor dem Titanen BMW R 1200 GS. Besonders mit den
300er Modellen traf der Mutterkonzern Piaggio die österreichische Seele
offenbar mitten ins Herz.
Wer wie gesagt am Boden und in der Welt der Roller
bleibt, kann behaupten, dass eine 300er Wespe richtig gut geht. Vom
Stand weg bis 130 dauert nicht einmal eine Rübenplatzlänge. Und weil es
italienische Emotionen nicht nur durch ein ABS gefiltert gibt, sondern
auch pur und konzentriert wie ein Espresso, macht nicht nur das
Gasgeben, sondern auch das Bremsen Spaß. Das kennt man von
Straßenmotorrädern kaum noch. Das Bremsen beschränkt sich aber nicht nur
auf quietschende Powerslides zugunsten der internationalen
Reifenindustrie, der flotte Flitzer steht im Nu wieder auf Null. Mit
einer 220 mm Scheibenbremse hinten wie vorne vermeidet es das 158 Kilo
leichte Insekt problemlos, gegen eine Scheibe zu knallen. So möchte man
immer wieder beschleunigen…und bremsen…und beschleunigen…und bremsen…und
so weiter.
Dass grauen- bis zauberhafte Zweitaktmodelle aus der goldenen Ära laut
sein können und zum Teil auch mit voller Absicht sind, ist besonders bei
Trommelfellträgern im städtischen Baugebiet kein stilles Geheimnis.
Jetzt rüsten auch die Viertakter der Moderne mit erwachsenem Hubraum und
Endtöpfen von Ausrüstern wie Akrapovic und Remus auf. Ist zwar was
anderes als das Knattern eines Zweitakters, muss sich aber nicht
genieren, wenn es darum geht, im chaotischen Klangkonzert
motorisierter Verkehrsteilnehmer auf sich aufmerksam zu machen. Loud
pipes save lives, das gilt vor allem in der Großstadt, wo die Vespa wie
ein Proton im Teilchenbeschleuniger durch die Staugassen pfeift. Wenn
jemand die Tür öffnet, entsteht sehr wahrscheinlich ein schwarzes Loch.
Nicht nur in unvorhersehbaren Situationen sind der kompakte Radstand
von 1.370 mm und die 12 Zoll Reifen ein großer Vorteil. Man schlägt
Haken wie ein Hase auf der Flucht vor Ostern und wendet auf
Kanaldeckeln. Den Nachteil kriegen die Bandscheiben zu spüren, wenn die
kleinen Rollen unmittelbar aufeinander in einem Schlagloch verschwinden.
Fühlt sich manchmal an wie ein vorschriftsmäßiger Doppelschuss ins
Kreuz. Solange man sich aber auf Straßen in ordentlichem Zustand bewegt,
sitzt man bequem und verspürt keinerlei Schmerzen. Das Fahrwerk, mit je
einem Federbein an der Gabel und der Einarmschwinge, ist straff
abgestimmt und führt den Roller sicher und stabil selbst durch
schnellere Kurven.
Gibt's in dunkel und ganz dunkel.
Dass ein Sondermodell nicht nur besonders gut gehen, sondern auch
besonders gut aussehen muss, versteht sich bei Vespa von selbst, es
liegt sozusagen in ihrer Tradition. Matte Lackvarianten in dunkel
(titangrau) und ganz dunkel (schwarz), fetzige Logos, schwarze Felgen,
ein rotes Federbein und zahlreiche Lüftungsschlitze sorgen für die
richtige Härte, ein weißer Zierstreifen auf der Sitzbank und
Chromleisten an den Seiten bewahren die Eleganz. Nicht so elegant ist
ein farblich abgestimmtes Topcase aus dem Zubehörprogramm (ein Topcase
ist nie elegant und passen), das aber notwendig wird, wenn man das gute
Stück als Alltagsarbeitstier verwenden möchte, denn der Stauraum unter
der Sitzbank ist wie bei vielen anderen Modellen mit größerem Hubraum
begrenzt. Dort geht sich maximal eine Halbschale aus, im Topcase dann
ein Vollvisierhelm - bei Größe XL, die ich bei Helmen und Kondomen
bevorzuge, allerdings auch nur haarscharf. Ebenfalls nicht ganz ins Bild
passen die faden Instrumente und die fragwürdige Umsetzung ausklappbarer
Soziusrasten, die vom Beifahrer nur schwer zu erreichen sind.
Trotzdem hat die GTS 300 ie
Super Sport alles, was man sich von einem Roller dieser Preisklasse
wünscht und vielleicht sogar etwas mehr, als man erwarten würde. Mich
hat sie jedenfalls als heißblütigen Verehrer gewonnen.
Technische Daten
Vespa GTS 300 ie Super Sport
Motor:
Einzylinder 4-Takt 4V
Einspritzmotor
Kühlung:
flüssigkeitsgekühlt
Hubraum:
278 ccm
Max. Leistung:
22 PS (15,8 kW) bei
7.500 U/min -1
Drehmoment:
22,3 Nm bei 5.000
U/min-1
Max. Geschwindigkeit:
118 km/h
Starter:
Elektrik
Getriebe:
Automatik
Vorderradaufhängung:
Einarmschwinge mit
Spiralfeder und dual action Monodämpfer