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Warum nur habe ich nicht auf Kari Tiainen gehört? Der 7-fache Enduroweltmeister hatte gesagt, dass die rot markierte Strecke ganz schön schwer
ist und nur von geübten Piloten und nur mit Guide befahren werde sollte. Doch
auch hier habe ich die BMW Crew unterschätzt. Die Münchner präsentieren die neue
BMW G 450 X im südlichen Spanien, der zweiten Heimat des Enduro Königs aus
Finnland. Halbe Sachen gab es diesmal keine. Weder bei der Location, noch bei
der Streckenauslegung und schon gar nicht beim Motorrad.
Siegreiche Prototypen weit weg von der
Serie?
Die Münchner Motorradbauer haben immer noch ein recht biederes Image.
Wenn
sie zu einer "Sportenduro" Präsentation laden, dann gehen viele von uns
Journalisten von einer netten Enduro aus mit der man mit viel Phantasie auch mal
ein Rennen fahren kann. Die Racingbikes mit denen in der German Cross Country
Serie triumphiert wird bzw. am Erzberg beim Hare Scramble auf Platz 2 gefahren
wird waren in unseren Vorstellungen nicht erwerbbare Prototypen. Die
Präsentation sollte also in einem Golfhotel mit 5 Sternen beginnen, kurz durch
ein paar spanische Schotterstraßen führen und dann in einer verschwenderischen
Grillerei beendet werden.
Lange Schwinge = viel Traktion
Die Flucherei am Steilhang war irgendwie nicht mit einberechnet. Vom Flußbett
aus führte ein doch recht heftiger Anstieg hinauf auf den Hügel. Die BMW Enduro
wühlte sich tapfer mit dem saftlosen Piloten im Sattel den Berg empor. Die
Strecke hier war richtig steinig und dort wo keine großen Steine waren, waren
nur kleine Steine und wo auch diese fehlten gab es Sand. Doch irgendwie ging es
mit der 450er immer weiter den Berg hinauf. Denn der große Pluspunkt an der BMW
ist die Traktion am Hinterrad. Viele kleine Mosaiksteine haben die Entwickler
hier zusammengesetzt doch im Prinzip begann alles mit einer komplett neuen
Schwingenlagerung. Die Schwingenlagerung und der Getriebeausgang samt Ritzel
teilen sich einen Achsmittelpunkt.
Dadurch hat man zum Einen eine ständig gleich
straffe Kette ohne negative Einflüsse auf die Federung und zum Anderen deutlich
mehr Platz für eine längere Schwinge. Am anderen Ende des Motors findet man ein
weiteres konstruktives Highlight. Die Kupplung sitzt direkt auf der Kurbelwelle
und rotiert demzufolge auch mit der gleichen Drehzahl - also bis hinauf in die
Region von 9.000-10.000 U/min. Das zu übertragende Drehmoment sinkt somit
natürlich und die Kupplung ist putzig klein dimensioniert. Wieder ein Baustein
der den Motor kleiner werden lässt, wieder mehr Platz für eine längere Schwinge.
Enduromotor mit Einspritzung
Doch nicht nur die überdurchschnittliche Traktion am Hinterrad lässt mich
diese Auffahrt überleben. Rookies wie ich freuen sich in diesen Situationen auch
über die elektronische Einspritzeinheit zur Gemischaufbereitung. Irgendwie ist
es fast unmöglich den Motor abzuwürgen. Kein "PLOPP" wenn man am dicken Felsen
mit den letzten Kräften noch irgendwie rauf kommen will. Für
Strassenmotorradfahrer ist es seit längerem schon eine Selbstverständlichkeit,
dass ein Motor immer und überall ruhig und makellos läuft. Endurofahrer müssen
sich aber auch im Jahr 2008 noch öfters über Startprobleme bei heißen, kalten
oder abgesoffenen Motoren ärgern. Nicht so bei der elektronischen Einspritzung
bei BMW. Der Motor nimmt vom ersten Lebenszeichen des Motorrades beim Anstarten
bis zum letzten Lebenszeichen des Fahrers am Steilhang immer sehr sauber und
direkt Gas an.
Direkter Motor mit viel Leistung
In manchen Passagen war es mir sogar ein wenig zu direkt. Die Motorabstimmung
ist nix für Warmduscher. Wo Sportenduro drauf steht ist auch wirklich
Sportenduro drinnen. Freilich fahren wir die BMW nun im "sportlichen Setup",
also mit Akrapovic Enddämpfer und leistungsoptimierten Mapping. Mittels kleiner
Steckverbindung kann man das Motorrad von Standard mit Serienschalldämpfer und
41 PS auf sportlich mit Akrapovic Endtopf aus dem Zubehör und 52 PS heben. Das
wird dann richtig heftig und zieht die Ärmeln lang. Auf den langen und schnellen
Bergaufpassagen war es eine echte Freude dem Motor richtig die Sporen zu geben.
Auf schnellen Cross-Country Passagen werden BMW G 450 X Fahrer sicherlich nicht
zu den Verlierern zählen.
Oben am Berg erfreue ich mich der grandiosen Aussicht auf den Golfplatz und
würde wirklich gerne von Loch 15 zum Loch 16 eine herzhafte Furche ziehen. Doch
Träume wie dieser bleiben für mich bestimmt ebenso unerfüllt wie der mit den 3
Schwedinnen im Whirlpool. Beim Bergabfahren war die elektronische Einspritzung
dann nicht mehr ganz auf meiner amateurhaften Wellenlänge. Der Motor bremste
nicht, sondern schob mich den Berg hinunter. Motorbremswirkung gibt es fast
keine und es war wirklich gewöhnungsbedürftig hier seinen Fahrstil zu finden. Zu
dumm, dass auch der Fußbremshebel nicht 100% perfekt platziert ist. Denn
irgendwie ist mir dort immer ein Teil von der Kupplung und der Motorabdeckung im
Weg.
Handlich im Wald, stabil auf dem
Schotter
Alles in Ordnung dann aber auf der schnellen Schotterpassage. Der Puls ging
runter und ich konnte mich wieder auf die neue Enduro von BMW konzentrieren. Für
meinen Geschmack läuft das Motorrad auf schnellen Passagen wie dieser
überraschend stabil. Überraschend deshalb, weil ich in den engen Kurven auch
sehr viel Handlichkeit verspürte. Die BMW Motorsportpartie rund um Tiainen, dem
Erzberg Helden Lettenbichler und den MX-Champ Joel Smets begründete die
Handlichkeit mit den ehrgeizigen Konstruktionsmerkmalen. Alles ist sehr kompakt
ausgefallen und die Massen konzentrieren sich nah am Schwerpunkt. Der Tank zum
Beispiel sitzt nicht oben hinter dem Steuerkopf sondern unter der Sitzbank.
Getankt wird hinten und der Benzin wird unter dem Piloten gelagert. Auch das
niedrige Gewicht von 122 kg vollgetankt in der sportlichen Version mit
Akrapovic-Topf liefert seinen Beitrag zur wieselflinken Handlichkeit.
Einige Journalisten waren mit dem Handling nicht ganz zufrieden. Das Motorrad
drängte in Kurven immer von der Ideallinie nach außen. Man schraubte am Lenker,
verstellte die Hebelei und konzentrierte sich auf die Sitzposition. Ich
allerdings dachte beim Einlenken eher an die fehlende Motorbremswirkung die ich
in engen Kehren sehr gerne spüre. Klar rollen die Toppiloten nicht wie ich um
die Kurve, aber Amateure benötigen in engen Kurven die stabilisierende
Bremskraft am Hinterrad um eine saubere und enge Linie zu erwischen. Ich denke
zurück an meine Zweitakter-Zeiten und fahr enge Kurven einfach mit leicht
angetippter Hinterbremse. Dann passt die Präzision und das Gefühl fürs Motorrad.
Ein paar weitere Neuigkeiten hat die BMW noch zu bieten. Die Sitzbank zum
Beispiel ist aus einem Stück gegossen. Also kein harter Trägerkern und kein
Überzug. Fühlte sich gut an und spart natürlich auch Gewicht. Das es an der Zeit
ist auf Reserve umzuschalten kündigt sich übrigens nicht mit einem "PLOPP" am
Steilhang an, sondern mit einer kleinen Warnlampe im sportlichen Cockpit.
Die Luft wird über einen Schnorchel ganz oben beim Steuerkopf in die Airbox
gesaugt. Man könnte also recht tiefe Wasserläufe durchfahren, in der Praxis
erfreut man sich aber eher an der geringeren Staubbelastung für den Luftfilter.
Der Luftfilter ist übrigens wie eine Art Schublade aus der Airbox zu ziehen.
Vorher muss man allerdings den rechten "Tank"spoiler mit 3 Schrauben
abmontieren.
Einen Nachteil bringt die innovative
Schwingenlagerung aber mit sich. Zum Ritzeltausch muss die Schwinge ausgebaut
werden. Die geübten Mechaniker an der Strecke schaffen einen Ritzeltausch laut
BMW in 15 Minuten. Positiv aber der niedrigere Verschleiß vom gesamten
Endantrieb. Ritzel, Kette und Kettenrad müssen nicht so oft getauscht werden wie
bei herkömmlichen Konzepten. Außerdem hat man einen sehr großen
Längenverstellbereich und so kann man mit einer Kette verschiedenste Kettenrad /
Ritzel Kombinationen fahren.
Journalisten nicht hart genug
Im Fahrerlager vernahm ich manch Raunzen. "Zu sportlich!", sagten die Einen,
"viel zu aggressiver Motor" sagten die Anderen. Möglicherweise haben uns die
Presseleute von BMW gehörig überschätzt. Es wäre vermutlich besser gewesen die
Maschine mit schwachem Einspritz-Mapping, Katalysator und Serienauspuff an den
Start zu schieben. Die Fahrversuche bestätigten die Vermutung sofort. Die
frühmorgens noch als "Luschivariante" belächelte 40 PS Abstimmung war für viele
von uns goldrichtig. Klar flogen die Motorsportler wie Lettenbichler im
Begrenzer über die MX-Strecke das uns einfach nur schwindlig wurde. Doch wir
flogen allesamt nach den Endurorunden in die Klappstühle und fühlten uns
unwürdig. Die BMW Motorenentwickler sind schon zu bemitleiden. Jahrelang waren
ihre Motoren zu schwer und zu schwach um von echten Enduristen ernst genommen zu
werden. Nun bringen sie Motor und Motorrad auf Platz 2 hinauf auf den Erzberg
und den Journalisten ist das alles auf einmal zu viel?
Keine kleine Enduro zum Anfangen,
sondern ein Sportgerät fürs Finale
Diese BMW ist keine halbe Sache, kein Kompromiss und auf keinen Fall eine
kleine Enduro für Einsteiger. Sie ist eine von und für Motorsportler
fertig entwickelte Sportenduro. Den Begriff Hardenduro hören die Münchner nicht
so gerne doch diese 450er ist eine richtig harte Hardenduro. In einer langen
Motorsportsaison mit insgesamt bisher 65 Rennen schliffen die ehrgeizigen BMW
Toppiloten den rohen Diamenten zu einer siegfähigen Maschine. Wir mussten
erkennen, dass unsere Testgeräte gar nicht so weit weg von den Cross-Country
Siegereisen sind, uns selbst jedoch Lichtjahre von Tiainen, Smets, Lettenbichler
und Co. trennten.
Hartes Motorrad, weiches Design
Verwunderlich warum BMW mit dieser aggressiven Enduro beim Design so
zurückhaltend ist. Mehr als ein großer BMW Schriftzug und ein kleiner G 450 X
Hinweis ist auf dem jungfräulichen weißen Plastik nicht zu finden.
Möglicherweise möchte man viel Platz für Sponsorenaufkleber freihalten, aber so
wie sie im Geschäft aussieht fühlt sie sich auf der Strecke auf keinen Fall an.
Gebaut wird die Enduro für die großen Enduromärkte. Also für die USA,
Australien, Spanien und Frankreich. Im Heimmarkt Deutschland und sicherlich auch
in KTM-Country Österreich wird die 450er von BMW eher ein Exot bleiben. Doch in
diversen Fahrerlagern und auch auf diversen Siegertreppchen wird man sie ab
Herbst 2008 bestimmt häufiger sehen. Beim Preis möchte man sich an den
Mitbewerbern orientieren.
Nicht nur beim Motorrad selbst, sondern
auch bei der Präsentation hat BMW das Schlipsträger Image wirklich abgelegt. Dr.
Landerl, ein Österreicher, verantwortlich für die Antriebsentwicklung suhlte
sich mit der 450er genauso im Dreck wie der Produktmanager Christian
Wettach oder der Projektmanager Theobald.
Eine 450er Enduro mit Erzberg
Gütesiegel
Auch orange Fans werden seit dem
großartigen Auftritt von Andreas Lettenbichler mit seiner G 450 X am Erzberg die
Sportenduro von BMW sehr ernst nehmen. Denn während die anderen Spitzenpiloten
mit leichteren Zweitaktern auf die Spitze stürmten, fuhr Letti mit einer 450er
Viertakt bis ganz nach oben. Um das zu schaffen braucht man natürlich einen
großartigen Piloten aber auch eine richtig Gute Basis fürs Rennmotorrad. Wenn
man dann noch bedenkt, dass Letti den Großteil des Rennens mit nur einem
Fußrasten fuhr, darf man schon gespannt aufs nächste Erzberg-Jahr blicken und
auch gespannt die eine oder andere Probefahr-Veranstaltung von BMW mit der G 450
X besuchen. |