Mit der Honda Transalp auf 2802 Meter. Geschlafen wird im Zelt. Krank.
Honda XL700V Transalp 2008 Testbericht
Zuckerbrot und
Peitsche. Das Transalp Abenteuer.
Am Dach Europas.
Null Grad bei
einer Motorradpräsentation sind selten, nur leider nicht selten genug.
Noch seltener sind ein paar Grad unter Null, denke ich, während ich
versuche, den Schlafsack noch ein Stück zuzuziehen, um das Eindringen
von kalter Luft endgültig zu verhindern. Nur noch die Nase guckt heraus,
doch mir friert immer noch. Zwecklos. Die eiskalte Luft brennt sich
schmerzhaft an meiner ausgetrockneten Nasenschleimhaut vorbei. Das kann
nur eins zur Folge haben: Die erste Verkühlung seit mindestens 18
Monaten. Danke Honda. Dabei hat alles alles so gut angefangen.
Anreise mit dem Flieger über Zürich nach Nizza,
anschließend Transfer per Helikopter nach Monaco.
Wie die Schönen und Reichen.
Überflüssig aber dekadent, so haben wir das gerne. Hat zwar wenig mit
dem Thema Abenteuer Motorrad zu tun, mein Gewissenskonflikt hielt sich
beim Dinner mit Blick auf den Hafen von Monte Carlo aber in Grenzen. Das
echte Abenteuer stand uns noch bevor und das wussten wir, so sahen wir
das Abendmahl im Sternelokal durchaus als gerechtfertigt an.
Nächster Morgen, 8.00 Uhr.
Anfahrt zum Col de la Bonette, dem höchsten mit einem Motorrad auf einer
offiziellen Straße erreichbaren Punkt Europas. Für Honda Symbol für die
große Abenteuerlust der Transalp, weshalb man ihn ihr in Form seiner GPS
Koordinaten in die Seiten gebrannt hat. 44°19'24.53"N;
6°48'22.33"E Zumindest einen Punkt sollte
man also schon mal problemlos ansteuern können, wenn einem sonst kein
Ausflugsziel einfällt.
Col de la Bonette, das bedeutet 2800 Meter über
dem Meer, das bedeutet „gestern hatte es
noch minus 7 Grad, aber ihr habt Glück, heute ist es wärmer“. Soviel zu den beruhigenden
Worten der Organisatoren. Einzig positiv fielen die auf jedem Motorrad
montierten Navigationssysteme aus dem Honda Zubehör auf. Verfahren
konnte ich mich also nicht. Schade. Dafür bestand keinerlei Gruppenzwang
und die Tour konnte los gehen.
8 Jahre sind seit der letzten Modellüberarbeitung
vergangen. Man durfte also ein in den
meisten Belangen verbessertes Motorrad erwarten. Das Papier versprach:
Mehr Leistung, mehr Drehmoment, weniger Verbrauch, bessere
Fahreigenschaften onroad, ohne auf Geländetauglichkeit zu verzichten.
Das galt es nachzuprüfen.
Der optische Eindruck erweckt gleich ein großes
Vertrauen in die gewohnt hohe Honda Qualität.
Das Marketing spricht vom Adventure Sports-Design, ich spreche von einem deutlichen
Schritt in Richtung Asphaltbetrieb. Diesen Eindruck verstärken
Zubehörteile wie die Dekorelemente im gebürsteten Alu-Finish. Zu edel
für den Gatsch. Dennoch besteht man bei Honda darauf, dass die onroad
Fähigkeiten zwar verbessert wurden, die Offroad Qualitäten jedoch nicht
darunter gelitten haben, sondern beibehalten werden konnten.
Der Hintern meldet großen Komfort und die
Fußsolen festen Bodenkontakt, beides dank stärker taillierter Sitzbank.
Keine Angst vor 250 Kilometern.
Auch die Transalp hat eine kalte Nase.
Dekadenz for you and me.
Bei der Bergwertung Chancen auf's Treppchen.
Honda
Transalp Video
Honda Transalp - Col de la Bonette
Tour
Von Monaco zum Col de la Bonette, vom Luxushotel ins
1-Mann Zelt. Dazwischen liegen unzählige Spitzkehren und Kurven
und eine der spektakulärsten Landschaften Europas.
Bis auf über 2800 Meter zieht sich ein scheinbar gerade erst
aufgezogener Asphalt, der mit Ruhe und Geduld auf den Racer
genauso wartet wie auf den Genießer.
Wer sich das Video auf seinen Computer downloaden möchte,
klickt mit der rechten Maustaste
hier und wählt "Ziel speichern unter".
Erster Test: Sind die 60 PS und 60 Nm spürbar
stärker als die Vorgängerin? Geht das Vorderrad in die Luft? Zu
diesem Zweck heize man auf mindestens 7000 Touren vor und lasse den
ersten Gang unbekümmert einfahren. Ansatzloses Aufbocken der Transalp
ist die Folge. Spielt zwar keinerlei Rolle beim gediegenen
Kilometerfressen und hochfrequenten Passchrauben, ist aber ein probates
Mittel zur Einschätzung des Leistungsgewichts. Gleich bei den ersten
Spitzkehren fällt auf, dass der neue, für die Deauville im Jahr 2006
entwickelte 4-Ventil V2 Motor gut am Gas hängt und für eine geschmeidige
und gleichmäßige Leistungsabgabe sorgt. Dafür verantwortlich sind die 12
Loch Einspritzdüsen, die eine bessere Zerstäubung und damit eine höhere
Kraftstoffeffizienz, sprich weniger Verbrauch ermöglichen. Das ist der
Grund dafür, dass der Tank von 19 auf 17,5 Liter verkleinert werden
konnte. Damit man auf Tour nicht liegen bleibt gibt es eine 6-teilige
Tankanzeige, 2 Tageskilometerzähler und 3 Liter Reserve.
In Spitzkehren spürt man auch das 19“ Vorderrad,
das gegenüber dem Vorgänger um 2" geschrumpft ist. Die 219 Kilo
(mit ABS) vollgetankt (wir erinnern uns, Honda gibt das Gewicht zwecks
besserer Nachvollziehbarkeit ab sofort nur mehr vollgetankt an) zeigen
deutlichen Willen zum Gipfelsieg und lassen sich beschwerdefrei durch
engste Radien dirigieren. Spricht schon sehr für ein Motorrad, wenn man
hunderte Spitzkehren fährt, ohne die Nerven zu verlieren, weil alles mühelos funktioniert.
Nicht zuletzt das absolut sauber schaltbare Getriebe.
Der Radstand wurde um 10 mm vergrößert, was
im Winkelwerk nicht negativ, beim Geradeauslauf und hoher
Geschwindigkeit aber positiv zu bemerken war. Bis 180 beschleunigte die
Transalp auf einer Zwischengeraden und ich fühlte mich hinter dem
kleinen Windschild versteckt, keine Sekunde unwohl. Die neue Frontverkleidung bietet bewußt weniger
Windschutz, um die Handlichkeit zu erhöhen. Die Maske verringert zwar den Druck auf den Oberkörper des
Fahrers, dennoch wird ein gewisses Maß an Fahrtwind zugelassen. Für
Monstertourenfahrer ist sicher das größere Windschild aus dem Zubehör zu
empfehlen.
Eine gediegene Besichtigungstour im
Wohnwagentempo über hunderte Spitzkehren und Höhenmeter halte ich
persönlich ja nicht aus. Irgendwann eskaliert das immer im
Supermotofiasko, egal wo ich gerade draufsitze. Und obwohl mich diesmal
niemand verfolgte, musste ich irgendeinen nicht existenten Rekord
brechen. Das schien mit dem komfortabel eingestellten Transalp Fahrwerk
bei 0 Grad Außentemperatur ein sinnloses Unterfangen und 'sinnlos' ist
mein zweiter Vorname.
Doch erstens hielten die Bridgestone Trailmax
mehr, als ich mir bei diesen Verhältnissen zu versprechen gewagt hätte
und zweitens ließ sich die Transalp überraschend einfach und
kontrolliert in die Kurven bremsen, ohne Haltung und Haftung zu
verlieren. Gelegentliches Schieben über das Vorderrad wurde zur Kenntnis
genommen und ebenso schnell wieder abgefangen, ohne dass der unterkühlte
Puls über 80 stieg. Wer nun schon wieder Gas gibt, wenn er die Bremse
erst auslässt, der ist schnell auf dem Berg. Und so wunderte ich mich
doch etwas, als ich am Gipfelstein des Col de la Bonette fast die
gesamte Journalistenmeute antraf. Hab mich anscheinend zu sehr auf die
Gegend konzentriert.
Bei einigen Ausflügen ins
Gelände, von der sanften Graslandschaft bis zum steinig-holprigen
Waldweg, mußte ich dann die Schwächen des ABS zur Kenntnis nehmen. War
es auf Asphalt noch hilfreich und arbeitete nur wie und wenn gewünscht,
wirkte es auf losem Untergrund kontraproduktiv.
Ein bissi ein Felsen.
Durch das ständige Auf- und Zumachen des ABS auf dem Schotterweg mit
teils größeren, spitzen Steinen begann das Motorrad nach vorne zu
schieben und war nicht so gut zu kontrollieren, wie mit normalen
Bremsen und etwas Erfahrung. Fahrer, die mit der Transalp des Öfteren
auf Abwegen unterwegs sind, werden aber wahrscheinlich sowieso auf ABS
verzichten. Auch wenn die Transalp den Ausflug ins Gelände nicht scheut,
sollte man in jedem Fall versuchen, sie nicht mit zu grobem Untergrund
zu überfordern. Ihr Terrain ist und bleibt der befestigte Weg, der
allerdings aus Asphalt, Erde, Gras oder Schotter bestehen kann. Für eine
querfeldein Expedition ist sie sicher nicht gemacht.
Dafür ist sie
zwischen Häuserfronten ebenso zu Hause wie zwischen Felsmassiven,
bringt Laptop und Aktentasche termingerecht ins Büro oder den gestreßten
Körper und
Geist seines Herren in zeitlose Naturlandschaften. Auf der Straße hat
sich die Transalp um ein großes Stück gesteigert. Ein Motorrad, das
wenig verlangt und viel gibt. Nicht Vieles kann mehr.
Solche Momente möchte man nicht alleine genießen,
sondern gemeinsam mit seiner Transalp.
Nach all der unpackbaren Schönheit, der eindrucksvollen Landschaft
und dem schier grenzenlosen Fahrvergnügen, wartete das Grauen. Das
wahre Abenteuer, wenn auch ein schreckliches. Die Nacht im Zelt. Nach
250 Kilometern bei durchschnittlich 0 Grad Außentemperatur steigt man
nicht gerade aufgewärmt vom Bock. Wo man sich unter normalen Umständen
auf eine heiße Wanne und die Daunendecke freut, wartete nichts als ein
toter Schlafsack in einem Schönwetterzelt. Leere Plastikflasche für den
nächtlichen Klogang nach 6 Bier, weil man ja das Zelt nicht verlassen
will. Die Nase brennt, der Körper
zittert. Geschätzte Inkubationszeit 3 Tage. Perfekt, da bin ich
rechtzeitig zum verlängerten Wochenende krank. Und so sollte es
geschehen.
Route der Transalp Tour zum Col
de la Bonette
Monaco, Fahrt in Richtung Ventimiglia – Italien, Abzweigung in Richtung
Cuneo über den Col de la Tende (Frankreich) wieder nach Italien in
Richtung Cuneo (SS20), kurz vor Cuneo fuhren wir wieder in Richtung
Frankreich - die SS21 brachten uns über den Passo di Santa Maddalena /
Col de Larche ou de la Madeleine retour nach Frankreich. Wir fuhren das
Ubaye-Tal entlang und machten im Ort Jausiers Mittagspause. Abzweigung zum Bergpass
Col de la Bonette (2.802 m
Seehöhe, GPS-Koordinaten 44°19'24.53"N; 6°48'22.33"E). Am Fuße des Col
de la Bonette – im Ort St. Etienne de Tinee – warteten die wunderbaren
Transalp Zelte auf uns. Mit dem Bus fuhren wir am nächsten Tag das Tinee
Tal Richtung Süden und kamen wieder nach Nizza.