HD Heritage Softail

Die Heritage Softail trägt den Geist des weiten Landes in sich und läßt kot zum Indianer werden. Shitting Bull spricht.

Harley Heritage Softail 

Back to the roots

 

Nach der Andrückerei mit der High-Tech Harley "V-Rod" hieß es für mich zurück zu den Wurzeln. Dabei fiel die Zeit mit der Heritage Softail wesentlich angenehmer aus als eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt.

Ich hatte einige Heritage Softail Bilder im Kopf, schreckliche Bilder. Indianerranzen am Heck, mit Nieten übersäte Sitzbank, Schaufenster vorm Gesicht, Fransen an den Lenkerenden, airgebrushte Szenen aus der Prärie. Die ganz normale Horrorshow eben. Doch was ich bei Fischers ausfaßte war harmlos, weil nicht das Classic Modell und gänzlich unberührt. Aus der Kiste sieht die Softe nämlich sehr in Ordnung aus, weckt in mir aber trotzdem einige Erinnerungen an Apachen, Postkutschen, Saloons und natürlich rothaarige Nutten. 

Das ist einfach diese Hardtail Optik, die uns in die Ferne schweifen läßt, geographisch und zeitlich. Es handelt sich übrigens ganz und gar nicht um ein Hardtail (sonst würde sie ja auch nicht "Softail" heissen). Das Fahrwerk sorgt für hohen Komfort und garantiert gemütliche Stunden im Sattel.

 

Die bequeme Sitzbank, die großflächigen Trittbretter, der gebogene Lenker und 320 Kilo Lebendgewicht nehmen dir die Entscheidung über den gewählten Fahrstil schon beim Platznehmen ab. Gemächlich soll es dahin gehen, die Landschaft genossen und der Geist der alten Zeit lebendig werden. So hat es Ihre Erbschaft beschlossen. (Heritage: Erbe, Erbschaft) Da hat man nicht viel mitzureden.

Ein weiterer Entscheidungsträger, der sich klar gegen eine Andrückerei ausspricht, ist der Motor. 
102 Newtonmeter? Hä, bitte, hab ich was verpaßt? Wo denn? Ich hab das eben nicht so mitgekriegt, vielleicht kann ich's nochmal sehen. Leider hab ich es auch beim zweiten, dritten und x-ten Mal nicht mitbekommen. Die 102 Nm und die 61 Pferde sind anscheinend schon genug damit beschäftigt, die Kutsche überhaupt voran zu bringen, daß da nicht mehr viel für einen zusätzlichen Antritt übrig bleibt. Gemeinsam mit einem 80 Kilo Reiter macht das schliesslich auch 400 Kilo. Ein schweres Erbe. 

Beim Beschleunigen fühlt man sich ein bisschen so, wie in einem Autobus. Der Busfahrer tritt das Gaspedal durch, man fühlt den großen Motor, wie er arbeitet, wie er sich aufbäumt, lauter wird, scheppert....und nix passiert. Der Bus kommt einfach ins Rollen. Dabei hört sich die Heritage serienmäßig so an wie ein alter VW Käfer. Hier besteht also dringender Handlungsbedarf.

Gereicht hat es trotzdem. Für den weissen Mann in der Soldatenuniform, im Golf GTI. Ich lasse mich ja grundsätzlich nicht auf Ampelduelle ein. Diesen Grundsatz hab ich in dem Moment verworfen, als mich der Toy Soldier bei meinem Versuch, auf die Hauptstraße einzubiegen, mit mindestens 90 Sachen haarscharf verfehlte. Innerorts, versteht sich. Da mußte ich mich auf der zweispurigen Straße Richtung Autobahn einfach bei ihm bedanken, und reihte mich neben seiner VW-Kraxn vor der roten Ampel ein. Es bedurfte keinerlei Blicke oder Gesten. Er wußte, was Sache war. 

Im Moment des grünen Lichts drehte ich am Gas und ließ die Kupplung gnaden- und gewissenlos schleifen, wie ich es bei der Heritage noch nie zuvor gemacht hatte - weil sie mir dafür einfach zu schade war - und siehe da, sie zeigte, was sie doch kann. Ich glaube der Rekrut schaltete wie deppat alle Gänge dreimal auf und ab, auf der Such nach Drehmoment. Er war wahrscheinlich genauso überrascht wie ich über den Antritt meines Gauls. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß das nicht funktioniert. In diesem Fall hätte ich einfach abgedreht und mich zurückgelehnt. Das kann dir auf einer Harley nämlich sowas von Wurscht sein. Ich hab ein 20.000 Euro Motorrad, du hast ein 5.000 Euro Auto. Und bist Grundwehrdiener. Ich konnte de facto gar nicht der Verlierer sein. 

Dennoch war es schön zu sehen, wie verzweifelt er kämpfte, sein Auto über alle Maßen forderte - und verlor. Er bremste schliesslich stark herunter, wahrscheinlich, um mich in die Radarfalle zu schicken, aber ich wußte es besser. 

Auch für den ganz großen Indianerschlapfn geeignet

Klassisches Instrumentarium am Tank

 

In der Ruhe nach dem Sturm stellte ich mir vor: Man wird von einem Motorrad, das aussieht wie eine alte Postkutsche, in seinem Golf GTI von der Ampel weg verraucht. Und ist Grundwehrdiener. Mein Gott, was hab ich diesem Jungen nur angetan!

Er hatte seine Lehre verdient und war nun ein Stück weiser. So, wie er das sicher auch getan hatte, ging ich nun wieder in mich und behandelte die Softail nur mehr, wie es ihrem Wesen entsprach. Der Trab ist ihre ureigene Gangart, nicht der Galopp. Ja, bei euch Motorradfahrern nennt man das Cruisen, jedoch bin ich nun in einer anderen Welt. Einer Welt des Friedens und des Zufriedenlassens. 

Ich höre Shitting Bull sagen: "Großer Geist im Windschild, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile auf seiner Harley gefahren bin." Ich verstehe, was du sagst, Shitting Bull, ich bin erleuchtet. Danke, Shitting Bull, du bist ein Klugscheisser, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Und da geschah es. Ich sah den Adler (es war natürlich kein Adler, es war ein Habicht) und hörte seinen Schrei. Ich hatte plötzlich den Wunsch nach Indianertaschen, Lederranzen links und rechts am Heck, nach Fransen an meiner Jacke und an den Lenkerenden, nach unendlicher Prärie auf dem Tank und vor mir. Ich werde sie nie wieder auslachen, die fahrenden Winnetous unter uns, denn ich habe ihre Welt gesehen.

 

Farben

Deep Cobalt

Fire Red Pearl

Black Cherry

Vivid Black

 
Technische Daten Harley Davidson Heritage Softail
Motor Evolution
Hubraum 1449 ccm
Bohrung x Hub 95,3 mm x 101,6 mm
Leistung 61 PS
Drehmoment 102 Nm / 3500 U/min.
Gemischaufbereitung Elektr. Kraftstoffeinspritzung
Länge 2400 mm
Sitzhöhe 648 mm
Radstand 1630 mm
Tankinhalt 18,9 l
Leergewicht 307 kg
Preis (in Vivid Black)  21.095 €

 

 

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Photos:  kot, Harley
Text: kot

Bericht von kot am 04.10.2006 Aufrufe: 15.090
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kot